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Auswahl: [Sozialismus]
Alois Unverdorben <alois.unverdorben ät gmail.com>10. Nov 2008 20:01

Revolution in Deutschland

## Dieser Text unterliegt dem Urheberrecht und
dient exklusiv Ihrer persönlichen Information ##

Q: http://www.sozialistische-alternative.de/index.php?name=News&sid=2894


Revolution in Deutschland

Thema: Sozialismus.info, Magazin der SAV, Nr. 8, Marxismus, Geschichte,
veröffentlicht: 09.11.2008

Vor 90 Jahren: Alle Macht den Räten!

Im November 1918 stürzten die kriegsmüde deutsche Arbeiterklasse und
meuternde Soldaten Kaiser Wilhelm II. und bildeten im ganzen Land
Arbeiter- und Soldatenräte, die eine neue politische Macht darstellten.
Der Sozialismus stand auf der Tagesordnung und keine politische Kraft
traute sich gegen die Räte oder gegen Sozialismus aufzutreten, so
überwältigend war die Macht der revolutionären Bewegung. Und doch
markiert die Novemberrevolution nicht den Sieg des Sozialismus und die
Machtergreifung durch die Arbeiter- und Soldatenräte, sondern den
Auftakt für eine fünf Jahre währende Periode von Revolution und
Konterrevolution, die mit der vorübergehenden Erringung gewisser
demokratischer und sozialer Rechte, aber auch der Festigung der Macht
der Kapitalisten endete und den Weg für den Aufstieg und die
Machteroberung der Nazis ebnete. Warum scheiterte diese Revolution?
Hätte die Geschichte anders verlaufen können? Welche Lehren sind zu ziehen?

Von Sascha Stanicic

Man kann den Verlauf der Revolution von 1918/19 nicht verstehen, ohne
die Entwicklung der deutschen Arbeiterbewegung in den Jahren zuvor zu
untersuchen. Deutschland war keine bürgerlich-parlamentarische
Demokratie, sondern ein Kaiserreich, in dem für das mit eingeschränkten
Rechten und dem Kaiser statt dem Volk verantwortlichen Parlament ein
Drei-Klassen-Wahlrecht bestand. Die Stimmen der Arbeiter (Frauen hatten
ohnehin kein Wahlrecht) zählten weniger als die Stimmen des Bürgertums,
der Großgrundbesitzer (Junker) und des Adels. Die deutsche Bourgeoisie
(Kapitalistenklasse) war in der Revolution von 1848 zu zögerlich und zu
feige gewesen, eine demokratische Republik zu erkämpfen – vor allem weil
sie aus Angst vor der zu eigenständigem Klassenbewusstsein erwachenden
Arbeiterschaft das Bündnis mit den alten Mächten vorzog. Die
kapitalistische Entwicklung Deutschlands fand also in einem Staat statt,
der weiterhin Elemente des Mittelalters trug. Diese Entwicklung von
großer Industrie vollzog sich im Vergleich zu anderen kapitalistischen
Mächten, vor allem England und Frankreich, verspätet, zum Ende des 19.
Jahrhunderts aber sehr dynamisch.

Deutsche Industrieproduktion

1867-1902 (1913=100)

1867-1875: 20

1876-1886: 27

1887-1893: 39

1893-1902: 57

SPD vor dem Krieg

Im Schoße dieser kapitalistischen Entwicklung entstand in Deutschland
die stärkste Arbeiterbewegung aller Länder – SPD und Gewerkschaften. Der
Versuch, die Sozialdemokratie durch ein Verbot („Sozialistengesetz“)
unter Bismarck von 1878 bis 1890 vom Aufbau abzuhalten, schlug fehl. Die
illegale Partei und ihre vielfältigen Vorfeldorganisationen wuchsen
rapide an und sozialdemokratische Kandidaten erhielten von Wahl zu Wahl
mehr Stimmen. Dies war Ausdruck des starken Wirtschaftsaufschwungs, der
die Reihen der Arbeiterklasse wachsen ließ und ihr Selbstbewusstsen
steigerte, aber auch der unerschrockenen und kämpferischen Tätigkeit der
SPD.

Die Partei galt als Modell und leuchtendes Vorbild für ihre
Bruderparteien in der 1889 gegründeten Sozialistischen Internationale.
Sie berief sich auf den Marxismus, verstand sich als revolutionär und
hatte sich die Erkämpfung einer sozialistischen Gesellschaft auf die
Fahnen geschrieben. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab die SPD 90
Tageszeitungen heraus, die zusammen 1,4 Millionen Abonnenten hatten. Sie
hatte insgesamt wahrscheinlich bis zu 15.000 hauptamtliche Mitarbeiter.
Sie leitete starke Arbeitersport-, Frauen- und Jugendbewegungen. In den
Worten der späteren KPD-Führerin Ruth Fischer war die Sozialdemokratie
für Millionen ArbeiterInnen eine „Art zu Leben“.

Doch die kontinuierlichen Fortschritte im Aufbau der Partei, die Erfolge
bei der Verbesserung der Lage der arbeitenden Bevölkerung während des
langen Wirtschaftsaufschwungs, die Herausbildung einer besser gestellten
Schicht von Facharbeitern (so genannte Arbeiteraristokratie) und die
Entwicklung eines materiell privilegierten und abgehobenen
Parteiapparats ließen in der Sozialdemokratie eine reformistische Praxis
entstehen, die sich ganz auf die unmittelbaren Tagesaufgaben
konzentrierte und den Sozialismus nur noch als Fernziel propagierte. Das
Programm der Partei unterteilte sich schematisch in ein Minimal- und ein
Maximalprogramm. Eine Verbindung zwischen Lohnkämpfen oder dem Kampf
gegen das Drei-Klassen-Wahlrecht mit dem Kampf für Sozialismus fand
praktisch nicht statt. Es entwickelte sich die Illusion, dass der
Sozialismus „automatisch“ am Ende des stetigen Wachstums der
Sozialdemokratie erreicht würde. Diese Praxis fand ihren Ausdruck in der
Theorie des Revisionismus, wie sie von Eduard Bernstein formuliert
wurde. Dieser wollte den Marxismus revidieren. Seine Anschauungen
spitzte er in der Aussage zu „Die Bewegung ist alles, das Ziel ist nichts.“

In der Partei führte das zum sogenannten Revisionsmusstreit, in dessen
Verlauf sich drei Flügel heraus bildeten: die Revisionisten (rechter
Flügel), das marxistische Zentrum um Karl Kautsky und die Linksradikalen
um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Das marxistische Zentrum hielt in
Worten am Marxismus fest, akzeptierte aber die reformistische Praxis der
Partei. Kautsky war der international anerkannte Theoretiker des
Marxismus nach dem Tode von Friedrich Engels und auch die russischen
Bolschewiki um Lenin verstanden sich bis zum Jahr 1914 als Unterstützer
Kautskys. Während Revisionisten und Zentrum im hauptamtlichen
Parteiapparat und den Parlamentsfraktionen ein starkes organisiertes
Rückgrat hatten, standen die Linksradikalen nur in lockerer Verbindung
zueinander. Auch wenn die Partei auf ihren Kongressen 1901 und 1903 den
Revisionismus zurück wies, änderte das nichts an ihrer reformistischen
Praxis. Der SPD Sekretär Ignaz Auer drückte das in einem Brief an
Bernstein mit den Worten aus, man sage solche Dinge, wie Bernstein sie
vorschlage nicht, man mache sie einfach! Kautsky war der Meinung, die
SPD sei zwar eine revolutionäre, aber keine revolutionmachende Partei.

Erster Weltkrieg

Der deutsche Kapitalismus war bei der Aufteilung der Welt unter die
Kolonialmächte zu spät gekommen. Mit der Macht der Großkonzerne aus der
Eisen-, Stahl- und Chemieindustrie und den Schiffswerften war auch deren
Drang nach Expansion gewachsen. Aufrüstung und Krieg versprachen einen
Absatzmarkt für Rüstungsprodukte. Landeroberungen sollten den Zugang zu
Rohstoffen, Absatzmärkten und billigen Arbeitskäften sichern. Der Erste
Weltkrieg stand vor der Tür.

Bis zum Ausbruch des Krieges dominierte in der Arbeiterbewegung die
Opposition gegen diesen. Noch am 25. Juli 1914 schrieb das SPD-Organ
‚Vorwärts‘: „Der Weltkrieg droht! Die herrschenden Klassen, die Euch im
Frieden knebeln, verachten, ausnutzen, wollen Euch als Kanonenfutter
missbrauchen. Überall muss den Gewalthabern in den Ohren klingen: Wir
wollen keinen Krieg! (...) Hoch die internationale Völkerverbrüderung.“
Die Sozialistische Internationale hatte Beschlüsse gefasst, die ihre
Mitgliedsparteien zur Opposition gegen den Krieg verpflichten sollten.
Massendemonstrationen wurden organisiert. Doch als es so weit war,
handelte die SPD- und Gewerkschaftsführung nach dem Motto ‚was schert
mich mein Geschwätz von gestern‘ und reihte sich in die Reihen der
Kriegsbefürworter und Vaterlandsverteidiger ein – in Deutschland und
allen Ländern der Sozialistischen Internationale mit der Ausnahme von
Russland, wo Lenins Bolschewiki dem Zarenreich die Unterstützung
versagten, Serbien und Bulgarien. Am 4. August 1914 stimmte die
sozialdemokratische Reichstagsfraktion den Kriegskrediten zu. In der
Fraktionssitzung hatten noch 14 Abgeordnete gegen eine Zustimmung
votiert. Aber sie alle, auch Karl Liebknecht, beugten sich bei dieser
ersten Abstimmung der Fraktionsdisziplin und stimmten im Reichstag
entgegen ihrer Überzeugung. Liebknecht wertete das später als schweren
Fehler. Die Führungen der Gewerkschaften hatten schon am 2. August ihren
Verzicht auf selbständige gewerkschaftliche Aktionen während des Krieges
(„Burgfrieden“) erklärt. Der Schock für die internationalistischen
Kräfte der Arbeiterbewegung war groß. Selbst Lenin wollte die Nachricht
aus Berlin nicht glauben und dachte, die entsprechende Ausgabe des
‚Vorwärts‘ sei eine Fälschung.

Diese Politik der SPD-Führung war logische Konsequenz aus der Preisgabe
ihres revolutionären Charakters und ihrer Anpassung an den Kapitalismus.
Die Bürokraten und Abgeordneten hatten in ihrer großen Mehrheit Frieden
mit dem Kapitalismus geschlossen und die Perspektive einer
Machtergreifung durch die Arbeiterklasse aufgegeben. Um ihre gut
dotierten Pöstchen nicht zu verlieren, durften sie auch die herrschende
Ordnung nicht gefährden.

Linke in der SPD

Diese Politik ihrer Führung ließ in der Arbeiterklasse ein hohes Maß an
Verwirrung entstehen. Die einen ließen sich von der Kriegsbegeisterung
und den Versprechen auf einen raschen Sieg mitreißen, andere waren
geschockt.

Der russische Revolutionär Leo Trotzki, der bei Kriegsbeginn im Wiener
Exil lebte, erklärt in seiner Autobiographie die Begeisterung für den
Krieg unter den einfachen Leuten wie dem Halbtschechen Pospischl, so:
„Solche Menschen, deren ganzes Leben, tagaus, tagein, in monotoner
Hoffnungslosigkeit verläuft, gibt es viele auf der Welt. Auf ihnen
beruht die heutige Gesellschaft. Die Alarmglocke der Mobilisierung
dringt in ihr Leben ein wie eine Verheißung. Alles Gewohnte, das man
tausendmal zum Teufel gewünscht hat, wird umgeworfen, es tritt etwas
Neues, Ungewöhnliches auf. Und in der Ferne müssen noch unübersehbarere
Veränderungen geschehen. Zum Besseren? Oder zum Schlimmeren?
Selbstverständlich zum Besseren: kann es den Pospischl schlimmer ergehen
als zu ‚normalen‘ Zeiten?

Ich wanderte durch die Hauptstraßen des mir so gut bekannten Wien und
beobachtete die für den prunkvollen Ring so ungewöhnliche Menschenmenge,
in der Hoffnungen lebendig wurden. Und hatte sich ein Teilchen dieser
Hoffnungen nicht schon heute verwirklicht? Hätten sich zu einer anderen
Zeit die Gepäckträger, Waschfrauen, Schuhmacher, Gehilfen und die
Halbwüchsigen der Vorstadt auf der Ringstraße als Herren der Lage fühlen
können? Der Krieg erfasst alle, und folglich fühlen sich die
Unterdrückten, vom Leben betrogenen mit den Reichen und Mächtigen auf
gleichem Fuße. (...) Wie die Revolution wirft auch der Krieg das ganze
Leben, von oben bis unten, aus dem Geleise. Aber die Revolution richtet
ihre Schläge gegen die bestehende Macht. Der Krieg dagegen festigt in
der ersten Zeit die Staatsmacht, die in dem durch den Krieg entstandenen
Chaos als die einzige sichere Stütze erscheint ... bis derselbe Krieg
sie untergräbt.“

In der SPD gab es von Anfang an Opposition gegen den Krieg, aber die
BasisaktivistInnen, die ihre internationalistischen und sozialistischen
Überzeugungen nicht über Bord werfen wollten waren konfrontiert mit
einer Welle des Patriotismus, mit der Propaganda und der Einforderung
von Disziplin durch ihre Führung und mit staatlicher Repression bzw.
Einberufung zum Militär. Vor allem aber waren die KriegsgegnerInnen
überhaupt nicht organisiert. Nun rächte sich, dass Luxemburg, Liebknecht
und andere des linken Parteiflügels keine organisierte marxistische
Fraktion aufgebaut hatten, wie Lenin es mit der bolschewistischen
Fraktion in der russischen Sozialdemokratie seit 1903 gemacht hatte.
Verbindungen mussten oftmals neu und mühsam aufgebaut werden. Es gab
kein zentrales Organ der KriegsgegnerInnen, mit dem sie Gleichgesinnte
hätten politisch und organisatorisch zusammen halten können.

Im September 1914 gaben Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, der
Marx-Biograph Franz Mehring und die bedeutendste Führerin der
proletarischen Frauenbewegung Clara Zetkin eine gemeinsame Erklärung in
Opposition zur Politik der SPD-Führung ab. Am 22. Oktober forderten die
sozialdemokratischen Abgeordneten im Preußischen Abgeordnetenhaus
Frieden zu schließen und die fünf oppositionellen SPD-Abgeordneten
verließen den Parlamentssaal in einem Akt des Protests vor der
Schlussrede des Präsidenten. Und schließlich stellte sich Karl
Liebknecht am 2. Dezember alleine im Reichstag gegen die Kriegstreiber
und Sozialpatrioten (so nannten die Linken die sozialdemokratischen
Kriegsbefürworter) und votierte als einziger gegen die Kriegskredite.
Mit diesem Akt der Verweigerung wurde er für die
Mehrheitssozialdemokraten und Kriegstreiber zum Vaterlandsverräter, für
die wachsende Zahl der sich nach Frieden sehnenden ArbeiterInnen und
Soldaten in Deutschland und international wurde er durch seinen einsamen
Widerstand im Reichtstag zur Symbolfigur des Kampfes gegen den Krieg und
für Sozialismus. In seiner schriftlichen Begründung erklärte er: „Dieser
Krieg, den keines der beteiligten Völker selbst gewollt hat, ist nicht
für die Wohlfahrt des deutschen oder eines anderen Volkes entbrannt. Es
handelt sich um einen imperialistischen Krieg. (...) Der Krieg ist kein
deutscher Verteidigungskrieg. (...) Ein schleuniger, für keinen Teil
demütigender Friede, ein Friede ohne Eroberungen ist zu fordern (...)
Nur ein auf dem Boden der internationalen Solidarität der Arbeiterklasse
und der Freiheit aller Völker erwachsener Friede kann ein gesicherter
sein. So gilt es für das Proletariat aller Länder, auch heute im Kriege
gemeinsame sozialistische Arbeit für den Frieden zu leisten.“

Die Opposition gegen den Krieg wuchs in dem Maße, wie deutlich wurde,
dass er länger dauern würde und wie sich die Lage der Massen unter den
Kriegsbedingungen verschlechterte. In der SPD waren es nicht nur die
Revolutionäre um Liebknecht und Luxemburg, die sich mehr und mehr gegen
den Krieg äußerten, sondern auch Mitglieder des Zentrums. Im März 1915
stimmte neben Liebknecht auch Otto Rühle gegen die Kriegskredite und 30
weitere SPD-Abgeordnete verließen den Saal, um an der Abstimmung nicht
teilzunehmen. Im Juni 1915 unterschrieben eintausend SPD-Funktionäre
verschiedener Strömungen einen Protestbrief gegen die Politik der
Parteiführung. Im April desselben Jahres hatten Rosa Luxemburg und Franz
Mehring die erste und einzige Ausgabe der Zeitschrift ‚Die
Internationale‘ herausgebracht. Sie sollte dazu dienen eine klare
marxistische Analyse der Situation zu liefern und die marxistischen
Kräfte zu sammeln. Diese nannten sich fortan ‚Gruppe Internationale‘.
Die meisten AutorInnen, darunter auch Clara Zetkin, Käte Duncker und
August Thalheimer, gehörten zu den späteren GründerInnen der
Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Rosa Luxemburg brachte die
Haltung der revolutionären MarxistInnen auf den Punkt, indem sie
argumentierte, dass nur der Weg zur Macht der Arbeiterklasse auch der
Weg zu Frieden und zum Wiederaufbau der Sozialistischen Internationale
sei. Diese Einschätzung bestätigte sich in den darauffolgenden Jahren,
denn dem Weltkrieg wurde ein Ende bereitet durch die sozialistische
Oktoberrevolution in Russland und endgültig durch die deutsche
Revolution im November 1918.

Doch die Gruppe Internationale blieb ein loser Zusammenschluss, was auch
damit zusammen hing, dass Rosa Luxemburg und andere aus dem
bürokratischen Charakter der SPD zu weitgehende Schlussfolgerungen in
die andere Richtung, gegen verbindliche Organisationsstrukturen und
-disziplin, zogen. Hinzu kam staatliche Repression. Aufgrund der Zensur
konnte ‚Die Internationale‘ nicht weiter erscheinen. Karl Liebknecht war
im Februar 1915 zur Front eingezogen worden und Rosa Luxemburg wurde im
selben Monat ins Gefängnis gesteckt.

So konnte keine dieser beiden wichtigsten Führungspersonen der
marxistischen Linken in Deutschland an der ersten internationalen
Zusammenkunft sozialistischer KriegsgegnerInnen im September 1915 im
schweizerischen Zimmerwald teilnehmen.

Nach einer Konferenz der Gruppe Internationale im Januar 1916, auf der
das Bekenntnis zum Sozialismus und Kampf gegen den Krieg genauso
bestätigt wurde, wie die Bedeutung der Internationale als entscheidender
Organisation für die Arbeiterklasse, kam es zu einem deutlicheren Bruch
zwischen den revolutionären MarxistInnen und den schwankenden Kräften
des Zentrums. Auf dieser Konferenz wurde auch beschlossen, eigenes
Material regelmäßig heraus zu bringen. Dieses illegale Material wurde
mit ‚Spartacus‘, in Anlehnung an den heroischen Führer der
Sklavenaufstände im Römischen Reich, unterzeichnet. Fortan wurde die
Gruppe Internationale als Spartakusgruppe bekannt.

Der Widerstand wächst

Im Jahr 1916 wuchs die Kriegsmüdigkeit in der Arbeiterklasse. Angesichts
von 250.000 getöteten deutschen Soldaten vor Verdun und wachsender
Lebensmittelknappheit entlud sich die Unzufriedenheit in ersten
Protesten und Streiks. Am 1. Mai hatte die Spartakusgruppe zu einer
Demonstration am Potsdamer Platz in Berlin aufgerufen. Liebknecht sprach
zu 10.000 DemonstrantInnen und forderte ein Ende des Krieges und den
Sturz der Regierung, woraufhin er verhaftet wurde. Am Tag seines
Gerichtsprozesses kam es zu einem Proteststreik von über 50.000
ArbeiterInnen in Berlin und Demonstrationen in Stuttgart, Bremen und
Braunschweig. Liebknecht wurde durch sein mutiges und entschlossenes
Handeln gegen den Krieg zur internationalen Symbolfigur für Sozialismus,
Internationalismus und den Kampf gegen den Weltkrieg. Seine Losung ‚Der
Hauptfeind steht im eigenen Land‘ brachte die zentrale Aufgabe der
Arbeiterklasse und der sozialistischen Kräfte in jedem kriegführenden
imperialistischen Land zum Ausdruck: den Kampf gegen die ‚eigene‘
Kapitalistenklasse und für die internationale Macht der Arbeiterklasse
führen, als einziges Mittel den Weltkrieg zu beenden.

Der Druck aus der Arbeiterklasse wirkte sich in der SPD aus und die
Opposition gegen den Krieg wuchs sowohl unter den Abgeordneten, als auch
in der gesamten Partei. Im Reichstag hatten die Kriegsgner in der
SPD-Fraktion die Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft gegründet.
Diese wurde nach ihrer ersten Konferenz im Jahr 1917 aus der SPD
ausgeschlossen und gründete dann die Unabhängige Sozialdemokratische
Partei Deutschlands (USPD). Die Februarrevolution in Russland, die den
Zaren stürzte, hatte große Auswirkungen auf Deutschland und heizte die
Opposition gegen den Krieg weiter an. Der despotische Zar, der von den
Kriegstreibern als Hauptfeind präsentiert worden war, war nicht mehr,
aber der Krieg gegen Russland wurde trotzdem weiter geführt. Die USPD
wuchs schnell zu einer Massenpartei, die mit 120.000 Mitgliedern fast
die Hälfte der 1917 noch bestehenden SPD-Mitgliedschaft mit nahm. Sie
war eine breite Partei, die unterschiedlichste Kräfte und Strömungen aus
der Arbeiterklasse umfasste, selbst der Begründer des Revisionismus,
Eduard Bernstein, fand sich aufgrund seiner pazifistisch motivierten
Kriegsgenerschaft in der USPD wieder. Die zentristischen Führer, wie
Hugo Haase und Karl Kautsky, wurden von den Ereignissen und dem Druck
der Massen getrieben und bildeten die Partei eher widerwillig. Mit ihnen
trat auch die Spartakusgruppe in die USPD ein und hielt darin eine
selbständige Existenz als Zusammenschluss revolutionärer MarxistInnen
aufrecht und setzte die eigenständige Publikationstätigkeit fort. Auch
die Berliner revolutionären Obleute traten der neuen Partei bei. Diese
waren ein klandestiner (geheimer) Zusammenschluss von ca. 80
sozialistischen und gewerkschaftlichen Vertrauensleuten, die eine breite
Basis in den Berliner Industriebetrieben hatten und neben Spartakus den
linken Flügel der USPD bildeten. Die USPD war eine neue Massenpartei der
deutschen Arbeiterklasse, ohne klare marxistische Programmatik,
Strategie und Taktik, aber mit der Möglichkeit für revolutionäre
Strömungen offen zu agieren und mit einer sich radikalisierenden
Entwicklungsdynamik. Als Massenabspaltung aus der traditionellen
Arbeiterpartei SPD hatte sie von Beginn an eine breite Massenbasis und
tiefe Verankerung in der Arbeiterklasse. Manche Kräfte in der heutigen
Partei DIE LINKE ziehen schon einmal den Vergleich mit der USPD. Doch
damit würde man der LINKEn zu viel der Ehre antun. Bei allem Wankelmut
ihrer Führer – Zentrismus definiert sich als ‚revolutionär in Worten,
reformistisch in Taten‘ – war die USPD doch von ihrem Selbstverständnis
eine klar sozialistische Partei, die für die Sozialisierung
(Verstaatlichung) der großen Industrien und Banken und für die
Machtergreifung durch die Arbeiterklasse eintrat. Und sie hatte eine
tiefe Verankerung unter betrieblichen und gewerkschaftlichen
AktivistInnen. DIE LINKE hat noch einen weiten Weg vor sich, um das zu
erreichen und die dominierenden Teile ihrer Führung verteidigen die
Marktwirtschaft und orientieren die Partei in eine andere Richtung.

Nur in einigen Städten, vor allem Bremen, Hamburg und Dresden, bildeten
sich links von der USPD revolutionäre Oganisationen, die sich
‚Links-Radikale‘ nannten, mit einem gewissen Einfluss in der
Arbeiterklasse. Diese bildeten im November 1918 die Internationalen
Kommunisten Deutschlands und nahmen im Dezember an der Gründung der KPD
teil. 1917 sahen die Führer der Spartakusgruppe noch die Notwendigkeit
in der USPD zu agieren, um die sich radikalisierenden Massen, die in die
USPD strömten oder sich an ihr orientierten zu erreichen und sich nicht
zu isolieren.

Im Verlauf des Jahres 1917 verschlechterten sich die Lebensbedingungen
der deutschen Arbeiterklasse dramatisch. In der Kälte des Winters
1917/18 starben tausende Kinder. Die Kindersterblichkeitsrate war seit
1913 um 50 Prozent gestiegen. Die Lebensmittelrationen wurden gekürzt.
Im April 1917 streikten 300.000 ArbeiterInnen in Berlin und Leipzig. An
der Front hatten die Soldaten die Nase voll vom Krieg, es kam zu einer
ersten Meuterei von Matrosen.

Der Sieg der russischen Arbeiter- und Soldatenräte in der
Oktoberrevolution 1917 hatte enorme Auswirkungen in Deutschland und
verstäkte die Hoffnungen auf ein Ende des Kriegs. Die ersten Dekrete der
neuen russischen Regierung unter Führung von Lenin und Trotzki
enthielten ein Angebot zu einem sofortigen Waffenstillstand und einem
demokratischen Frieden ohne Annexionen und unter Anerkennung des
Selbstbestimmungsrechts der Völker. Dann veröffentlichte die
Arbeiterregierung die Geheimverträge der Vorgängerregierungen mit der
Entente (den mit Russland verbündeten Mächten) und erklärte, dass sie
auf alle in diesen Verträgen Russland versprochenen Gebiete verzichte.
Im Januar entwickelten sich dann die bis dahin größten Massenstreiks in
Deutschland, als über eine Million Streikende gegen die schrecklichen
Bedingungen, die Deutschland dem russischen Arbeiterstaat im Frieden von
Brest-Litowsk aufzwang, protestierten.

Reformen von oben

Unzufriedenheit und Unruhe in der Arbeiterklasse und unter Soldaten
nahmen zu. Mit dem Eintritt der USA in den Krieg wurde immer deutlicher,
dass Deutschland diesen nur verlieren konnte. Desertionen nahmen zu. Die
Herrschenden ergriff Panik und sie versuchten, die sich entwickelnde
Revolution von unten durch Reformen von oben zu verhindern. So wurde am
4. Oktober eine neue Regierung mit dem Prinzen Max von Baden als Kanzler
eingesetzt, an der erstmals auch zwei Sozialdemokraten teilnahmen,
Scheidemann und Bauer, und die erstmals dem Parlament gegenüber
verantwortlich war. Eine Amnestie für politische Gefangene wurde
erlassen, die Liebknecht die Freiheit brachte. Rosa Luxemburg wurde
weiter in ‚Schutzhaft‘ fest gehalten. Doch diese Maßnahmen waren zu
wenig und erfolgten zu spät. Als das deutsche Oberkommando der
Hochseeflotte befahl, zu einer Seeschlacht mit der englischen Flotte
auszufahren, die an der deutschen Niederlage nichts mehr hätte ändern
können, aber den sicheren Tod von 80.000 Matrosen bedeutet hätte,
revoltierten diese und weigerten sich auszufahren. Das war am 3.
November der eigentliche Beginn der Revolution.

Es ist kein Zufall, dass der erste Widerstand in der Armee sich in der
Marine entwickelte, wo es schon zuvor zu einer Meuterei gekommen war. In
der ‚Illustrierten Geschichte der deutschen Revolution‘ heißt es dazu:
„Die Bedienung eines so komplizierten Werkes der Technik, wie es ein
modernes Kriegsschiff ist, erfordert entsprechend qualifizierte
Mannschaften. Die Matrosen rekrutieren sich deshalb vorwiegend aus der
Industriearbeiterschaft. Auch der Gegensatz zwischen dem Wohlleben der
Offizier und dem Elend und der Rechtlosigkeit der Mannschaften trat
nirgends so krass in Erscheinung wie auf den Kriegsschiffen.“

Die Meuterei begann in Kiel. Ein Arbeiter- und Soldatenrat übernahm die
Kontrolle über die Stadt. Dieser entsandte Botschafter der Revolution in
andere Städte und die Revolution breitete sich innerhalb weniger Tage
auf das ganze Land aus. Am 4. November war die gesamte Flotte erfasst.
Dann folgten Lübeck, Bremen, Hamburg und in den folgenden Tagen viele
andere Städte von Leipzig bis Köln und von Frankfurt bis München.

In Berlin, wie auch in anderen Städten, hatten revolutionäre Arbeiter
und Soldaten schon illegale Räte gebildet. Liebknecht nahm an den
Sitzungen des Vollzugsausschuss genannten Leitungsgremiums dieser Räte
teil. Hier wurde am 2. November diskutiert für den 4. November eine
bewaffnete Demonstration durchzuführen, die den revolutionären Aufstand
einleiten sollte. Kurze Zeit später, bei einer Vollversammlung der
revolutionären Obleute, wurden Zweifel geäußert, ob die Arbeiter dafür
bereit und eine solche Aktion ausreichend vorbereitet sei. Die Aktion
wurde auf den 11. November vertagt. Liebknecht kritisierte in diesen
Tagen die Haltung vieler USPD-Vertreter und revolutionärer Obleute, die
ein zu großes Gewicht auf die technische Seite des Aufstandes legten und
mit der Losung „alles oder nichts“ sich gegen Massendemonstrationen
aussprachen. In seinen Aufzeichnungen sind folgende Notizen zu finden:
„Unsere Auffassung, dass es zwischen den bisher üblichen Demonstrationen
und dem revolutionären Endkampf Möglichkeiten, Zwischenstufen gäbe, in
denen sich das Heranreifen für den Endkampf beschleunigen kann, wird
wiederum, wie auch bei anderen Beratungen als revolutionäre Gymnastik
ironisiert und abgelehnt. (...) Die Massenbewegung ist das allein
Wesentliche. Große Massen auf den Straßen sind auch gegen Militär und
Polizei das Stärkste, selbst wenn unbewaffnet. Sie erschweren den
polizeilichen oder militärischen Waffengebrauch und sind der stärkste
Druck zur Fraternisierung (Verbrüderung) oder doch Demoralisation der
bewaffneten Macht.“

Revolution!

Letztlich überholte die in Kiel einsetzende Revolution die
revolutionären Obleute, die dann unter dem Druck der Massen und aufgrund
der Sorge, die Mehrheits-Sozialdemokratie könne Initiativen ergreifen,
um eine Bewegung unter ihre Kontrolle zu bekommen, am 8. November den
Entschluss fassten für den darauffolgenden 9. November zur Aktion
aufzurufen. Und an diesem Tag nahmen die Arbeiter und Soldaten die
Hauptstadt des Kaiserreichs ein und Kaiser Wilhelm II. dankte ab. Liest
man Berichte über die letzten Tage und Stunden des Kaiserreichs, über
die Weigerung des Kaisers abzudanken und den Entschluss des Prinzen Max
von Baden dies ohne die Zustimmung Wilhelms II. zu verkünden und den
SPD-Führer Friedrich Ebert zum Reichskanzler zu ernennen, bekommt man
eine Vorstellung von der Machtlosigkeit der Mächtigen, wenn die Massen
der Arbeiterklasse entschlossen in Aktion treten. Aus diesen Beratungen
der SPD-Führer mit den Vertretern des Kapitalismus stammt der berühmte
Ausspruch Eberts: „Wenn der Kaiser nicht abdankt, dann ist die soziale
Revolution unvermeidlich. Ich aber will sie nicht, ja ich hasse sie wie
die Sünde.“ Die Annahme des Kanzleramtes aus den Händen des scheidenden
Kaisers durch Ebert drückt aus, dass die SPD-Führung nicht nur die
Revolution hasste, sondern es auch vorgezogen hätte, die Monarchie zu
bewahren. Im Kampf gegen die Revolution bildete Ebert ein Bündnis mit
dem Generalquartierhauptmeister Groener, zu dem er eine geheime
Telefonverbindung unterhielt. Groener selber nannte es ein Bündnis
„gegen die Gefahr der Bolschewiken und gegen das Rätesystem“.

Als Scheidemann um 14 Uhr vom Balkon des Reichstagsgebäudes vor
demonstrierenden Arbeitermassen spontan, weil die Stimmung der Massen
erfassend, die ‚deutsche Republik‘ ausrief, schlug Ebert mit der Faust
auf den Tisch und schrie ihn an: „Du hast kein Recht die Republik
auszurufen!“ Darin drückte sich aus, dass Ebert mit General Groener in
Geheimabsprachen die Möglichkeit offen gehalten hatte, die Monarchie zu
retten.

Zwei Stunden später proklamierte Karl Liebknecht vom Balkon des Berliner
Schlosses ebenfalls die Republik – aber die sozialistische! Liebknecht
wird mit diesen Worten zitiert: „Ich proklamiere die freie
sozialistische Republik Deutschland, die alle Stämme umfassen soll, in
der es keine Knechte mehr geben wird, in der jeder ehrliche Arbeiter den
ehrlichen Lohn seiner Arbeit finden wird. Die Herrschaft des
Kapitalismus, der Europa in ein Leichenfeld verwandelt hat, ist
gebrochen. (...) Wenn auch das Alte niedergerissen ist, dürfen wir doch
nicht glauben, dass unsere Aufgabe getan sei. Wir müssen alle Kräfte
anspannen, um die Regierung der Arbeiter und Soldaten aufzubauen, um
eine neue staatliche Ordnung des Proletariats zu schaffen, eine Ordnung
des Friedens, des Glücks und der Freiheit unserer deutschen Brüder und
unserer Brüder in der ganzen Welt. Wir reichen ihnen die Hände und rufen
sie zur Vollendung der Weltrevolution auf. Wer von euch die freie
sozialistische Republik Deutschland und die Weltrevolution erfüllt sehen
will, erhebe seine Hand zum Schwur.“ Nicht ein Demonstrant erhob keine
Hand. Der Ruf ‚Hoch die Republik‘ erschütterte den Schlossplatz.

Am 10. November schrieb ein Theodor Wolff im ‚Berliner Tageblatt‘ über
die Revolution: „Die größte aller Revolutionen hat wie ein plötzlich
losbrechender Sturmwind das kaiserliche Regime mit allem, was oben und
unten dazu gehörte, gestürzt. Man kann sie die größte aller Revolutionen
nennen, weil niemals eine so fest gebaute, mit soliden Mauern umgebene
Bastille so in einem Anlauf genommen worden ist. Es gab noch vor einer
Woche einen militärischen und zivilen Verwaltungsapparat, der so
verzweigt, so ineinander verfädelt, so tief eingewurzelt war, dass er
über den Wechsel der Zeiten hinaus seine Herrschaft gesichert zu haben
schien. Durch die Straßen von Berlin jagten die grauen Autos der
Offiziere, auf den Plätzen standen wie Säulen der Macht die Schutzleute,
eine riesige Militärorganisation schien alles zu umfassen, in den Ämtern
und Ministerien thronte eine scheinbar unbesiegbare Bureaukratie.
Gestern früh war, in Berlin wenigstens, das alles noch da. Gestern
nachmittag existierte nichts mehr davon ...“

Doch Liebknecht sollte Recht behalten, die Aufgabe war noch nicht
vollendet, auch wenn die alte Ordnung zusammen gebrochen war. Die
überall entstehenden Räte der ArbeiterInnen und Soldaten waren die
tatsächliche Machtinstanz in den Tagen der Revolution. Aber die
ArbeiterInnen und Soldaten waren sich weder ihrer Macht bewusst, noch
hatten sie ein Programm bzw. eine Vorstellung, wie der Sozialismus – den
alle wollten – erreicht werden könnte. Sie hatten auch keine
revolutionäre Führung in Form einer revolutionären Partei mit
Massenbasis, die für ein solches Progamm in den Räten hätte eine
Mehrheit gewinnen können, wie es die Bolschewiki ein Jahr zuvor in
Russland getan hatten.

Der marxistische Historiker Pierre Broué, der die deutsche Revolution
intensiv untersucht hat, schreibt: „Die Bewegung war so mächtig, dass
sich ihr niemand offen entgegenzustellen versuchte: nicht nur gaben die
Mehrheitssozialdemokraten ihre Zustimmung zu den Räten, sondern sogar
die Führer des Generalstabs, an ihrer Spitze Hindenburg, akzeptierten
sie. Die einzige Frage war, ob die Räte das bleiben würden, was sie
praktisch am 9. November waren: die einzige Machtquelle, die alleinige
Autorität, oder ob sie, nur als Übergangsgebilde geduldet, auf kurze
oder lange Sicht durch eine andere Herrschaftsform abgelöst werden
sollten, nämlich durch den mittels Wahl einer Nationalversammlung wieder
hergestellten alten bürgerlichen Staat. Um die Räte und die
Nationalversammlung ging der wahre Kampf – der des Staates:
Arbeiterstaat oder bürgerlicher Staat, Rätestaat, Sowjetrepublik oder
bürgerlich-parlamentarische Republik ... Der revolutionäre Aufschwung,
die unmittelbare Initiative der Massen war so stark, dass die Räte sich
überall gebildet hatten, und in ihrem Schoße mussten die Vertreter der
bürgerlichen Ordnung den Kampf führen, um sie zu beseitigen, indem sie
sich in den Rahmen der Räteherrschaft, die sie vorab nicht zurückweisen
konnten, erst einmal fügten, um sie dann von innen umso radikaler zu
zerstören.“

Tatsächlich führten alle Feinde des Sozialismus den Sozialismus im
Munde, um die Massen zu täuschen und zu lähmen. Selbst der Direktor der
Nationalbank, ein gewisser Herr Goldschmidt, sagte: „Der wirtschaftliche
Sozialismus, in vernünftigen Formen angewandt, wird heute auch von den
führenden Stellen des Wirtschaftslebens als durchaus berechtigt
angesehen.“ Zur Speerspitze der Konterrevolution wurde die Führung der
Sozialdemokratischen Partei, zum größten Hindernis der Revolution aber
die Führung der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei.

Doppelherrschaft

In den nächsten Tagen entwickelte sich eine Situation der
Doppelherrschaft. Mit den Räten und deren am 10. November von einer
Delegiertenversammlung der Berliner Räte gewählten Vollzugsrat gab es
embryonale Organe eines Arbeiterstaates, der eine Entwicklung zu einer
sozialistischen Gesellschaft einleiten könnte. Gleichzeitig wurde am 9.
November, nach langen Verhandlungen zwischen den Arbeiterparteien eine
Regierung gebildet. Liebknecht war an diesen Verhandlungen beteiligt
gewesen. Er wurde von unzähligen Arbeiterdelegationen bedrängt, in eine
Regierung einzutreten. In ihm, dem prinzipienfestesten aller
Kriegsgegner, sahen sie einen Garanten für eine Regierung, die
Arbeiterinteressen vertreten würde. Liebknecht war sich der Gefahren
einer Regierungsbildung, die nicht aus den Räten selber erwachsen wäre,
bewusst. Er spielte nur mit dem Gedanken, für wenige Tage einer
Regierungsbildung zuzustimmen und daran teilzunehmen, um einen
Waffenstillstand aushandeln zu können. Selbst dafür wurde er von seinen
GenossInnen der Spartakusgruppe (die sich bald Spartakusbund nannte)
scharf kritisiert, denn jedes Zusammengehen mit den
Mehrheitssozialdemokraten konnte die Massen nur verwirren. Unter seinem
Einfluss stellte die USPD verschiedene Bedingungen für eine
Regierungsbildung mit Vertretern der Mehrheitssozialdemokratie, darunter
folgende:

1.Deutschland soll eine soziale Republik sein.

2.In dieser Republik soll die gesamte exekutive, legislative und
jurisdiktionelle (ausführende, gesetzgebende und rechtsprechende) Macht
ausschließlich in den Händen von gewählten Vertrauensmännern der
gesamten werktätigen Bevölkerung und der Soldaten sein.

3.Ausschluss aller bürgerlichen Mitglieder aus der Regierung.

4.Die Beteiligung der Unabhängigen gilt nur für drei Tage als ein
Provisorium, um eine für den Abschluss des Waffenstillstands fähige
Regierung zu schaffen.

Mit diesen Bedingungen sollte sich eine Übergangsregierung auf die
Schaffung einer Republik der Arbeiter- und Soldatenräte verpflichten.
Die Mehrheits-SPD lehnte diese Bedingungen ab, für Liebknecht kam ein
Regierungsbeitritt nicht mehr in Frage. Die USPD-Vertreter aber einigten
sich auf eine Regierungsbildung mit abgespeckten Bedingungen. Diese
beinhalteten immerhin die Aussage, dass die „politische Gewalt in den
Händen der Arbeiter- und Soldatenräte liegt“, aber auch einen Bezug zur
Frage der Konstituierenden Versammlung. Diese solle „erst nach einer
Konsolidierung der durch die Revolution geschaffenen Zustände“ erörtert
werden. Aber damit war die Verfassunggebende Versammlung auf dem Tisch.
Die Regierung bestand aus jeweils drei Vertretern von MSPD und USPD und
nannte sich, in Anlehnung an die russische Arbeiterregierung, Rat der
Volksbeauftragten. Es gab also zwei Machtzentren: den Vollzugsrat der
Arbeiter- und Soldatenräte und den Rat der Volksbeauftragten. Ersterer
erkannte die Regierung an, letzterer erkannte die politische Macht der
Räte an. Was zu keinem Zeitpunkt angetastet wurde war der eigentliche
alte kapitalistische Staatsapparat. Minister und andere Staatsbeamte
blieben im Amt, was auch für die Provinzen und Kommunen im ganzen Land,
mit der Ausnahme von Bremen und Hamburg, galt.

Die Taktik der Feinde der Arbeitermacht, Mehrheits-SPD und Vertreter der
alten Ordnung, war nun einerseits die Räte zu unterwandern und
gleichzeitig handlungsunfähig zu machen und andererseits eine Kampagne
für allgemeine Wahlen zu einer Verfassunggebenden Versammlung (auch
Konstituante oder Nationalversammlung genannt) zu führen. Und das alles
unter dem Banner des Sozialismus und der Sozialisierung der Industrie.

Vor allem die Soldatenräte sind von der Mehrheits-SPD und oftmals auch
von Offizieren dominiert worden. Nicht selten ergriffen
Mehrheits-SPD‘ler die Initiative zur Bildung eines Rats, um diesen unter
Kontrolle zu bekommen. Der Vollzugsrat der Berliner Arbeiter- und
Soldatenräte war zur Hälfte von Arbeitern und zur anderen Hälfte von
Soldaten besetzt. Unter den Arbeitern teilten sich MSPD und USPD die
Sitze. Es gab also keine linke Mehrheit in diesem Gremium. Gleichzeitig
wurde es, organisiert von den Gegnern der Revolution, mit Anfragen und
Bittstellungen überflutet. Ohne Verwaltungsapparat ausgestattet führte
das zu einer weitgehenden Lähmung der Räte und kam einer Sabotage gleich.

Der Vollzugsrat bestätigte den Rat der Volksbeauftragten, der nun also
seine Legitimation sowohl von der alten Macht, als auch von der neuen
Macht, erhalten hatte. Der kapitalistische Staats- und
Verwaltungsapparat wurde jedoch von dem Rat der Volksbeauftragten nicht
angetastet.

Rosa Luxemburg schrieb, dass die Räte „vor Unzulänglichkeiten, vor
Schwächen, vor Mangel an eigener Initiative und Klarheit über ihre
Aufgaben es fertiggebracht haben, beinahe am zweiten Tag nach der
Revolution die Hälfte der Machtmittel sich wieder aus der Hand
entgleiten zu lassen, die sie am 9. November erobert hatten.“ Ein nicht
unwichtiger Faktor war auch, dass das wichtige Prinzip aus der Pariser
Kommune und den russischen Sowjets (russisch für Räte), die jederzeitige
Wähl- und Abwählbarkeit der Delegierten in den Räten faktisch nicht zur
Anwendung kam. So konnten sich die vielfältigen Erfahrungen, die die
Arbeiter und Soldaten in den Tagen der Revolution machten, nicht
permanenten in der Zusammensetzung der Räte ausdrücken.

Räte oder Nationalversammlung

Die MSPD-Führer präsentierten sich als Verfechter des Sozialismus und
die Revolution als siegreich. Sie griffen die Räte nicht frontal an,
aber forderten die Einberufung der Verfassunggebenden Versammlung – dies
sei demokratischer, weil auf dem gleichen Wahlrecht für alle
Staatsbürger basierend, als ein Rätestaat. Diese Argumentation ging
einher mit heftiger Lügenpropaganda gegen die Spartakusgruppe und gegen
die Bolschewiki. Unter anderem wurde behauptet, die Entente-Mächte
würden Deutschland besetzen, sollten Liebknecht und Luxemburg an die
Macht kommen. In Flugblättern der SPD hieß es: „Wer ernsthaft und
dauernd vergesellschaften will, so dass der Kapitalismus nicht nach ein
paar Jahren (wie es in Russland kommt) mächtiger und unbeschränkter
dasteht als je zuvor, der muss die Konstituante wollen.“

Die Konstituante war das entscheidende Mittel der Konterrevolution, die
Abschaffung des Kapitalismus zu verhindern. Damit nahm die
Konterrevolution eine demokratische Form an (obwohl sie, wie wir noch
sehen werden, auch zu brutaler Gewalt griff), was auch die Stärke der
Arbeiterklasse ausdrückt. Aber die Konstituante war ein Mittel um die
direkte Demokratie und Herrschaft der revolutionären ArbeiterInnen und
Soldaten durch die indirekte, parlamentarische und bürgerliche
Demokratie des Parlamentarismus zu ersetzen. Auf einer Versammlung der
Arbeiterräte Berlins am 19. November sagte der Führer der revolutionären
Obleute und Mitglied im Vollzugsausschuss der Räte, Richard Müller:
„Niemand kann von uns verlangen, dass wir die von den Arbeitern und
Soldaten erkämpften Freiheiten und Rechte konterrevolutionären Elementen
überlassen. (...) Alles regt sich jetzt, alles will im Rate sitzen und
mitregieren. Das schaffende Volk, ob Kopf- oder Handarbeiter soll
vertreten sein. Aber nicht jene Parasiten, die am Marke des Volkes
gezehrt haben. Genossen! Es bilden sich jetzt auch Räte der
Hausbesitzer, es fehlt nur noch, dass sich Räte der Millionäre bilden.
Diese Räte lehnen wir ab. Und was steckt hinter dem Schrei nach der
Nationalversammlung, der jetzt alle Blätter der bürgerlichen
Gesellschaft durchläuft? Warum verlangt man jetzt die
Nationalversammlung? Man will auf diesem Wege die politische Gewalt in
die Hände der Bourgeoisie zurückgeben.“ In der Illustrierten Geschichte
der deutschen Revolution heißt es richtig: „Die Losung des allgemeinen
Wahlrechts war zweifellos richtig gewesen, als sie die Reform des
kapitalistischen Staates betraf. Sie wurde falsch im Augenblick der
Revolution, die der kapitalistischen Herrschaft selber zu Leibe ging.“
Oder wie Rosa Luxemburg sagte: „Die von der Geschichte auf die
Tagesordnung gestellte Frage lautet: bürgerliche Demokratie oder
sozialistische Demokratie. Denn Diktatur des Proletariats ist Demokratie
im sozialistischen Sinne. Diktatur des Proletariats, das sind nicht
Bomben, Putsche, Krawalle, Anarchie, wie die Agenten des
kapitalistischen Profits zielbewusst fälschen, sondern das ist der
Gebrauch aller politischen Machtmittel zur Verwirklichung des
Sozialismus (...) Ohne den bewussten Willen und die bewusste Tat der
Mehrheit des Proletariats kein Sozialismus.“ Dieser Gedanke zog sich
durch das Programm des Spartakusbundes: „Der Spartakus-Bund wird nie
anders die Regierungsgewalt übernehmen als durch den klaren,
unzweideutigen Willen der großen Mehrheit der proletarischen Masse in
ganz Deutschland, nie anders als kraft ihrer bewussten Zustimmung zu den
Ansichten, Zielen und Kampfmethoden des Spartakus-Bundes.“

So weit aber war die Arbeiterklasse noch nicht. Sie hatte keine Klarheit
über die Aufgaben der Revolution und setzte in der ersten Phase der
Revolution in ihrer Mehrheit die Hoffnungen auf den Aufbau des
Sozialismus durch ein einheitliches Agieren der Arbeiterparteien. Man
darf dabei nicht vergessen, dass die MSPD zwar den Krieg unterstützt
hatte, dies aber mit sozialistischen Phrasen begründet hatte und in
Worten dem Sozialismus und der Vergesellschaftung der Industrie niemals,
wie die heutige SPD, abgeschworen hatte (und selbst diese reklamiert den
‚demokratischen Sozialismus‘ noch für sich). So profitierte die SPD, als
traditionelle Partei der ArbeiterInnen, auch am stärksten von der
revolutionären Bewegung. Während erfahrenere Schichten der
Arbeiterklasse sich in Richtung USPD und Spartakusbund orientierten,
strömte die Mehrheit der neu in das politische Leben eingetretenen
ArbeiterInnen in die MSPD und wählten deren Vertreter, die sie oftmals
schon viele Jahre als Sozialdemokraten kannten, in die Arbeiter- und
Soldatenräte. Die Begeisterung über den Sturz der alten Mächte kannte
keine Grenzen und so verfing die geschickte Propaganda der MSPD, die
unter der Losung für Einheit und Sicherung der erreichten
Errungenschaften ihren Einfluss in der Arbeiterklasse ausweitete.

Rätekongress

Am 16. Dezember trat der Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte
Deutschlands für acht Tage zusammen. Ebert und seine Gefolgsleute hatten
eine absolute Mehrheit der Delegierten auf ihrer Seite. Von 492
Delegierten gehörten 298 zur MSPD und nur 101 zur USPD (davon bildeten
zehn eine Gruppe von Spartakisten), der Rest waren Demokraten und
Delegierte ohne Parteizugehörigkeit, die aber mehrheitlich mit der MSPD
stimmten. Noch aufschlussreicher ist die Zusammensetzung des Kongresses
nach Berufen, denn nur 179 Delegierte waren Arbeiter, Angestellte etc.,
31 Unabhängige und 164 Mehrheitssozialdemokraten waren hauptamtliche
Redakteure, Abgeordnete, Partei- und Gewerkschaftsangestellte und 71
Delegierte waren Intellektuelle. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg
waren nicht zu Delegierten gewählt worden und der Kongress lehnte zwei
Anträge ab, sie zu den Beratungen hinzu zu ziehen. Diese
anti-sozialistische und gegenrevolutionäre Mehrheit der Delegierten
repräsentierte jedoch nicht die Stimmung in der Arbeiterklasse.

Liebknecht führte Massendemonstrationen vor den Kongress, um die
Delegierten unter Druck zu setzen. Doch auch das konnte nicht
verhindern, dass sich dieses Revolutionsparlament selbst entmachtete, in
dem er folgenden Antrag annahm: „Der Reichskongress der Arbeiter- und
Soldatenräte Deutschlands, der die gesamte politische Macht
repräsentiert, überträgt bis zur anderweitigen Regelung durch die
Nationalversammlung die gesetzgebende und vollziehende Gewalt dem Rat
der Volksbeauftragten.“

Die tatsächliche Stimmung unter den Massen drückte sich trotzdem in
anderen Beschlüssen des Kongresses aus, vor allem in einem als
‚Hamburger Antrag‘ bekannt gewordenen Beschluss zur Situation in der
Armee. Dieser bekräftigte unter anderem die Kommandogewalt der
Soldatenräte, die freie Wahl der Offiziere und forderte die
beschleunigte Abschaffung des stehenden Heeres und die Errichtung der
Volkswehr. Auch wurde ein Beschluss für den unverzüglichen Beginn der
für die Sozialisierung reifen Industrien gefällt. Doch diese Beschlüsse
blieben ohnmächtiges Papier und wurden niemals von der Regierung umgesetzt.

Die Armee handelt gegen die Revolution

Zehn Tage vor dem Rätekongress hatte es einen ersten Putschversuch der
Konterrevolution gegeben. Die Oberste Heeresleitung hatte entsprechende
Pläne mit Friedrich Ebert abgesprochen. Unter den regulären Truppen gab
es noch der Obersten Heeresleitung loyale Verbände, in vielen
Soldatenräten hatte die Mehrheits-SPD eine dominante Stellung. Dies
änderte sich in manchen Fällen im Verlauf der Ereignisse, wie im Fall
der Volksmarinedivision.

Am 6. Dezember riefen dann Reichswehr-Truppen Ebert zum Präsidenten aus
– der nicht ablehnte, sondern sich Zeit zur Beratung mit seinem Kabinett
erbat -, griffen eine Demonstration des Spartakusbundes an, töteten
dabei 14 Demonstranten und versuchten den Vollzugsrat der Berliner
Arbeiter- und Soldatenräte zu verhaften. Spontaner Widerstand von
Arbeitermassen vereitelte diesen ersten Putschversuch. Zwei Tage später
demonstrierten 150.000 ArbeiterInnen unter Spartakus-Parolen gegen
Ebert, Scheidemann und Co auf Berlins Straßen.

Zur nächsten Offensive der Konterrevolution kam es am 23. und 24.
Dezember, als Reichswehrtruppen gegen die das Berliner Schloss
besetzende Volksmarinedivision eingesetzt wurden und es zu heftigen
Kämpfen mit 67 Todesopfern kam. Die Volksmarinedivision hatte sich im
Laufe der Revolution zu einer besonders stark mit der Berliner
Arbeiterklasse verbundenen Einheit entwickelt. Die Matrosen hatten sich
nach dem 6. Dezember zwar wiederholt dem Rat der Volksbeauftragten
verpflichtet, fügten aber einschränkend hinzu: „als der Regierung, die
auf ihrem Program die sozialistische Republik stehen hat.“ Im Falle
eines Auseinanderbrechens der Regierung, sollte die Marine die
Unabhängigen Sozialdemokraten mit der Waffe in der Hand verteidigen. Das
war für Ebert und Co eine ausreichend ernsthafte Bedrohung, um Truppen
gegen die Volksmarinedivision zu senden. Doch die Matrosen gingen, nicht
zuletzt aufgrund der aktiven Solidarität von Berliner ArbeiterInnen, die
die Reichswehrtruppen direkt konfrontierten und sie politisch
agitierten, als Sieger aus diesen Zusammenstößen hervor.

Als Reaktion auf diese Ereignisse und die Beteiligung Eberts und
Scheidemanns traten die USPD-Minister aus der Regierung aus. Sie
ersetzend trat unter anderem der rechte Mehrheitssozialdemokrat Gustav
Noske in diese ein. Noske hatte nach dem Matrosenaufstand in Kiel den
dortigen Arbeiter- und Soldatenrat unter seine Kontrolle gebracht und
sollte im weiteren Verlauf der Revolution noch eine besonders
unrühmliche Rolle spielen.

Gründung der KPD

Vor dem Hintergrund dieser Polarisierung zwischen einer sich
radikalisierenden Berliner Arbeiterklasse und Regierung, Generalstab und
Kapital auf der anderen Seite, fand vom 30.12.1918 bis zum 1.1.1919 der
Kongress statt, bei dem Spartakusbund und IKD (Internationale
Kommunisten Deutschlands, vormals Bremer und andere ‚Links-Radikale‘)
die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) gründeten. Der
Spartakusbund hatte zwar politisch völlig selbständig agiert, mit der
Roten Fahne ein eigenes Organ herausgebracht und keine Verantwortung für
die Politik der USPD-Führung übernommen, war aber weiterhin Teil dieser
Partei geblieben und nur sehr lose organisiert. Nun sahen die meisten
Spartakisten, angesichts der Niederlagen beim Reichsrätekongress und des
Wankelmuts der USPD, die Notwendigkeit eine eigene, straffer
organisierte Partei zu bilden und den Bruch mit der USPD für alle
Arbeiter sichtbar zu vollziehen.

So richtig die Gründung einer selbständigen und gut organisierten
revolutionären Partei war, so schwer wog der Fehler, dass es Rosa
Luxemburg und Karl Liebknecht in den Jahren zuvor versäumt hatten, ihre
Mitstreiter einheitlich und kollektiv in einer revolutionären
Organisation zusammen zu schließen. Der Spartakusbund bzw. seine
Vorgängerin, die Gruppe Internationale, wurden erst nach dem Beginn des
Krieges gegründet, obwohl Rosa Luxemburg früher als andere die
Degeneration der SPD-Führung erkannt hatte. Unter den Kriegsbedingungen
von Zensur und Repression war es ungleich schwerer eine einheitliche
Kraft zu bilden, aber die Notwendigkeit einer solchen wurde auch von den
Spartakus-Führern unterschätzt. Dieser Mangel an Organisation und
Kollektivität führte nicht nur dazu, dass die revoltionären MarxistInnen
nicht einheitlich und organisiert in die Revolution eingreifen konnten
und so das Potenzial für den Ausbau ihres Einflusses in den Räten nicht
ausgeschöpft wurde. Es führte auch zu einem Mangel an kollektiver
politischer Diskussion und damit einem Mangel an politischer Klarheit.
Erschwerend kam hinzu, dass die Delegierten des KPD-Gründungskongresses
oftmals nicht die erfahrensten örtlichen Führer waren, sondern die
Zusammensetzung aufgrund des Mangels an fester Organisation vor Ort zu
einem gewissen Grad zufällig war. Das sollte sich nun rächen. Auf dem
Kongress dominierten ultra-linke Kräfte, die voller revolutionärer
Ungeduld nicht erkannten, dass nicht die Machteroberung durch die
Arbeiterklasse als nächster Schritt auf der Tagesordnung stand, sondern
es darum ging erst einmal die Massen für ein Programm der Arbeitermacht
zu gewinnen. So wurde gegen den Willen von Rosa Luxemburg, Karl
Liebknecht, Leo Jogiches und anderen Führungspersonen beschlossen, die
Wahlen zur Nationalversammlung zu boykottieren. Aus der korrekten
grundsätzlichen Position ‚Rätedemokratie statt
bürgerlich-parlamentarischer Demokratie‘ zogen die KPD-Delegierten einen
falschen taktischen Schluss. Sie unterschätzten die Illusionen, die in
der Arbeiterklasse in die Nationalversammlung bestanden und verkannten
die Notwendigkeit den Wahlkampf und die Tribüne des Parlaments für
revolutionäre Propaganda zu nutzen. Rosa Luxemburg betonte, dass man vor
einem langwierigen Kampf stehe und sagte: „Ich spreche von den
gewaltigen Massen, nicht von Gruppen, die zu uns gehören. Es kommen
Millionen in Betracht, Männer, Frauen, junge Leute, Soldaten. Ich frage
Sie, ob Sie mit gutem Gewissen sagen können, dass diese Massen, wenn wir
hier beschließen die Nationalversammlung zu boykottieren, den Wahlen den
Rücken kehren werden oder, noch besser, ihre Fäuste gegen die
Nationalversammlung richten werden? Das könnt Ihr nicht mit gutem
Gewissen behaupten (...) In welcher Weise wollen Sie die Wahlen
beeinflussen, wenn Sie von vornherein erklären, wir halten die Wahlen
für null und nichtig? Wir müssen den Massen zeigen, dass es keine
bessere Antwort gibt auf den gegenrevolutionären Beschluss gegen das
Rätesystem, als eine gewaltige Kundgebung der Wähler zustande zu
bringen, indem sie gerade die Leute wählen, die gegen die
Nationalversammlung und für das Rätesystem sind.“

Mit 62 zu 23 Stimmen wurde jedoch der Boykott beschlossen. Das war ein
entscheidender Grund für die revolutionären Obleute, der neuen Partei
nicht beizutreten, sondern in der USPD zu bleiben. Weitere ultralinke
Positionen wurden zu den Gewerkschaften eingenommen, wenn auch nicht
formal beschlossen. Aber die Mehrheit der Delegierten erkannte den
Zustrom von Arbeitern in die Gewerkschaften nicht und vertrat die
Auffassung, dass Kommunisten nicht in den Gewerkschaften arbeiten
sollten. Die KPD isolierte sich von den Massen. An den Wahlen zur
Nationalversammlung nahmen 83 Prozent der Wahlberechtigten teil. 11,5
Millionen (37,9 Prozent) wählten SPD und 2,3 Millionen (7,6 Prozent)
USPD. Bürgerliche Parteien stellten die Mehrheit. Das Projekt von
Kapitalisten und SPD-Führeren, das kapitalistische System durch die
Nationalversammlung zu retten, war erst einmal geglückt.

Januaraufstand

Doch noch bevor die Wahlen zur Nationalversammlung stattfanden, wurde
die revolutionäre Arbeiterschaft Berlins in eine Schlacht hinein
provoziert, die zu einer schweren Niederlage und einem großen Rückschlag
für die Revolution führte.

Die Kräfte der Konterrevolution, unter anderem die auch von
Sozialdemokraten unterstützte Anti-Bolschewistische Liga, entwickelten
im Dezember und Januar eine immer aggressivere Hetze gegen den
Spartakusbund. Offen wurde auf Plakaten und Flugblättern zum Mord an
Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und anderen Spartakus-Führern aufgerufen.

Armeeführung und die MSPD-Regierung bereiteten sich auf einen
entscheidenden Schlag gegen die Revolution vor. Dazu konnten sie die, in
den Wochen zuvor gebildeten, Freiwilligenverbände (Freikorps) nutzen.
Das waren Verbände, die aus den reaktionärsten Teilen der alten Armee
bestanden. Nicht zufällig finden sich viele Freikorps-Mitglieder später
in den Reihen von SA, SS und NSDAP wieder.

Es wurde eine Provokation organisiert, die die KPD, USPD und die
revolutionären ArbeiterInnen zu Aktionen verleiten sollte, welche
wiederum als Anlass zu militärischer Unterdrückung dienen sollten. Die
Provokation war die Absetzung des Berliner Polizeipräsidenten Emil
Eichhorn, eines USPD-Manns, der 2.000 Arbeiter und Soldaten zu einer
‚linken‘ Polizeieinheit zusammen gefasst hatte. Eichhorn wurde am 3.
Januar vom Innenministerium zum Rücktritt aufgefordert und weigerte sich
erwartungsgemäß.

USPD, revolutionäre Obleute und KPD riefen darauf hin zu einer
Demonstration zur Verteidigung Eichhorns auf. Dies sollte eine
friedliche Demonstration des Willens zum Widerstand sein.
Hunderttausende beteiligten sich am 5. Januar daran. Die Massen drängten
zur Aktion und als ein Provokateur dazu aufrief das Gebäude der
Vorwärts-Redaktion zu besetzen, folgten sie. Der Vorwärts hatte sich als
Zentralorgan der SPD oftmals mit anti-revolutionären Artikeln hervor
getan und war schon im Dezember für kurze Zeit von revolutionären
Arbeitern besetzt worden. Die Führer der USPD, die in Berlin vom linken
Flügel dominiert wurde, die revolutionären Obleute und Karl Liebknecht
und Wilhelm Pieck von der KPD versammelten sich und entschieden sich
dafür, den Kampf zum Sturz der Regierung aufzunehmen und bildeten einen
Revolutions-Ausschuss. Das war eine folgenschwere Fehlentscheidung.
Selbst wenn die Berliner Arbeiterklasse möglicherweise bereit und fähig
zum Regierungssturz gewesen wäre, so galt das ganz sicher nicht für den
Rest Deutschlands.

Die Situation erinnerte an die so genannten Juli-Tage in Russland 1917.
Auch hier preschte das Proletariat Petrograds, die Speerspitze der
revolutionären Bewegung, voller Ungeduld und revolutionärem Elan vor und
versuchte die Regierung zu stürzen. Hier erkannten die Bolschewiki, dass
ein solcher Schritt verfrüht gewesen wäre. Als sie die ArbeiterInnen
nicht von einer bewaffneten Demonstration abhalten konnten, stellten sie
sich an deren Spitze, um dafür zu sorgen, dass diese als
Protestdemonstration friedlich und organisiert durchgeführt wurde. Damit
gelang es ihnen, die entscheidenden Kräfte der russischen
Arbeiterklasse, die Arbeiter Petrograds, nicht ins offene Messer rennen
zu lassen und diese Kräfte intakt zu halten für den Moment der
Machtergreifung, der im Oktober 1917 gekommen war.

Rosa Luxemburg und die Mehrheit der KPD-Führung erkannte den Fehler und
unterstützte Liebknechts Handeln nicht, hielt ihn aber auch nicht davon
ab, in den Revolutions-Ausschuss einzutreten und Berlins Arbeiter zum
Kampf aufzurufen.

Karl Radek, der in diesen Tagen für die Bolschewiki den Kontakt zur KPD
unterhielt, schrieb am 9. Januar an das Zentralkomitee der KPD: „In
ihrer Programmbroschüre ‚Was will der Spartakusbund?‘ erklären Sie, die
Regierung erst dann übernehmen zu wollen, wenn Sie die Mehrheit der
Arbeiterklasse hinter sich haben. Dieser vollkommen richtige Standpunkt
findet seine Begründung in der einfachen Tatsache, dass die
Arbeiterregierung ohne Massenorganisationen des Proletariats undenkbar
ist. Nun sind diese einzig in Betracht kommenden Massenorganisationen,
die Arbeiterräte, fast nur nominell vorhanden. Sie haben noch keine
Kämpfe geführt, die Massenkräfte auslösen könnten. Und dementsprechend
hat in ihnen nicht die Partei des Kampfes die Oberhand, die
Kommunistische Partei, sondern die Sozialpatrioten oder die
Unabhängigen. In dieser Situation ist an die Machtergreifung des
Proletariats gar nicht zu denken. Würde sie, die Regierung, durch einen
Putsch in eure Hände fallen, sie würde in ein paar Tagen von der Provinz
abgeschnürt und erdrosselt werden. In dieser Situation durfte die
Samstag von den revolutionären Obleuten beschlossene Aktion wegen des
Anschlags der sozialpatriotischen Regierung auf das Polizeipräsidium nur
den Charakter einer Protestaktion tragen. Die Vorderreihe des
Proletariats, erbittert durch die Politik der Regierung, missleitet
durch die revolutionären Obleute, die ohne jede politische Erfahrung,
nicht imstande sind, das ganze Kräfteverhältnis im ganzen Reich zu
übersehen, haben in ihrem Elan die Bewegung aus einer Protestbewegung zu
einem Kampf um die Gewalt ausgestaltet. Das erlaubt den Ebert und
Scheidemann, der Berliner Bewegung einen Schlag zu versetzen, der die
ganze Bewegung auf Monate schwächen kann.“

Radek und auch Rosa Luxemburg schlugen Schritte zum organisierten
Rückzug vor und orientierten auf eine Neuwahl der Arbeiter- und
Soldatenräte. Aber es war zu spät, der Kampf hatte begonnen. Der
Revolutions-Ausschuss beging darauf hin den noch unverzeihlicheren
Fehler, den von ihm ausgerufenen Kampf nicht entschlossen zu führen,
keine der notwendigen Maßnahmen zur Erreichung des Ziels zu ergreifen
und auf dem Höhepunkt der Mobilisierungen nur die Losung zu
Demonstrationen auszugeben. Für zwei Tage, am 5. und 6. Januar, war die
Regierung handlungsunfähig. Der 6. Januar sah einen Generalstreik und
eine halbe Million ArbeiterInnen auf Berlins Straßen. Selbst Noske gab
zu, dass mit einer entschlossenen Führung die Massen Berlin in ihre
Hände hätten bekommen können. Aber selbst das geschah nicht. Aufgrund
der Untätigkeit der USPD zogen sich Liebknecht und Pieck wieder aus dem
Revolutions-Ausschuss zurück. Noch während Verhandlungen mit der
Regierung stattfanden, schlug diese zu.

Noske wurde am 6. Januar zum Oberbefehlshaber ernannt. In seinen
Erinnerungen schreibt er über die Beratungen der Regierung an diesem
Tag: „Meiner Meinung, dass nun versucht werden müsse, mit Waffengewalt
Ordnung zu schaffen, wurde nicht widersprochen. Der Kriegsminister,
Oberst Reinhardt, formulierte einen Befehl, durch den die Regierung und
der Zentralrat den Generalleutnant von Hoffmann, der mit einigen
Formationen nicht weit von Berlin war, zum Oberbefehlshaber ernannte.
Dagegen wurde eingewendet, dass die Arbeiter gegen einen General die
größten Bedenken hegen würden. In ziemlicher Aufregung, denn die Zeit
drängte, auf den Straßen riefen unsere Leute nach Waffen, stand man im
Arbeitszimmer Eberts umher. Ich forderte, dass ein Entschluss gefasst
werde. Darauf sagte jemand: ‚Dann mach du doch die Sache!‘ Worauf ich
kurz entschlossen erwiderte: ‚Meinetwegen! Einer muss der Bluthund
werden, ich scheue die Verantwortung nicht!‘“

Der Bluthund führte die Freikorps gegen die kämpfenden Arbeiter in den
besetzten Zeitungsredaktionen (mittlerweile waren mehrere
Zeitungsgebäude besetzt worden) und schlug den Januaraufstand brutal
nieder. Die Kämpfe hielten bis zum 12. Januar an. Nach offiziellen
Angaben sind in diesen Tagen 156 Menschen ums Leben gekommen,
tatsächlich werden es viel mehr gewesen sein. Die Freikorps wüteten mit
unmenschlicher Bestialität. Im USPD-Organ ‚Freiheit‘ berichtete ein
Gefangener: „Als der Gefangenentransport vor die Alexanderkaserne kam,
wurden fünf davon ... auf offener Straße an die Wand gestellt und von
Regierungssoldaten ... niedergeschossen ... Die übrigen Gefangenen
wurden, während sie durch das Tor in den Kasernenhof transportiert
wurden, in unerhörter Weise von Regierungssoldaten, sogenannten
‚Maikäfern‘, misshandelt und mit Kolbenschlägen traktiert ... Ein
sechzehnjähriger Knabe, der sich unter den Gefangenen befand, natürlich
Zivilist, rief auf dem Kasernenhof ‚Hoch Liebknecht‘ und erhielt ... mit
dem Kolben einen Schlag auf den Kopf, der ihm den Schädel spaltete.“

Die Hetze gegen die KPD erreichte neue Höhen. Im Vorwärts erschien
folgendes Gedicht:

Vielhundert Tote in einer Reih -

Proletarier!

Karl, Rosa, Radek und Kumpanei

- es ist keiner dabei,

es ist keiner dabei!

Proletarier!

Am 15. Januar wurde der vielfache Aufruf zur Ermordung Rosa Luxemburgs
und Karl Liebknecht von Freikorps-Soldaten in die Tat umgesetzt. Die
beiden wichtigsten revolutionären Führungspersönlichkeiten der deutschen
Arbeiterklasse versteckten sich zwar, wollten aber nicht völlig
untertauchen und die Berliner ArbeiterInnen, aus ihrer Sicht, nicht im
Stich lassen. Sie wurden von Freikorps aufgespürt und ermordet.

Die Januar-Niederlage und die Ermordung von Liebknecht und Luxemburg
schließen die erste Phase der deutschen Revolution der Jahre 1918 bis
1923 ab. Mit dem Verlust von Liebknecht und Luxemburg war die KPD schwer
getroffen. Ihrer stärksten intellektuellen Führerin und ihres in der
Arbeiterklasse angesehensten Führers beraubt, war die KPD über Jahre
nicht in der Lage sich eine Massenbasis aufzubauen und unfähig die sich
in den folgenden Jahren ergebenden Möglichkeiten zum Sturz der
kapitalistischen Ordnung zu ergreifen.

Nach der Niederschlagung des Aufstands in Berlin, zogen die Freikorps
durch Deutschland und stellten in einer Stadt nach der anderen ‚Ruhe und
Ordnung‘ her und zerschlugen die revolutionären Räte, wo es sie gab. Im
Mai fiel als letztes die Bayrische Räterepublik. Der dortige
kommunistische Führer Eugen Leviné wird vor seiner Hinrichtung mit den
heroischen Worten zitiert: „Wir Kommunisten sind nur Tote auf Urlaub.
(...) Sie mögen mich töten – meine Ideen werden weiter leben!“

Die Arbeiterklasse hatte einen schweren Rückschlag erlitten, aber sie
war nicht besiegt. Ende Februar führten Neuwahlen zu den Berliner
Arbeiterräten zu einer deutlichen Stärkung von USPD und KPD.
Hunderttausende traten in den nächsten Monaten in ganz Deutschland in
die USPD ein. Streikwellen für Sozialisierung der Industrie und
wirtschaftliche Forderungen der Arbeiterklasse duchzogen das Land. In
Berlin kam es im am 4. März zu einem von der Vollversammlung der
Arbeiterräte ausgerufenen Generalstreik für die Anerkennung der
Arbeiter- und Soldatenräte, die Freilassung aller politischer
Gefangenen, die Verhaftung der Mörder von Luxemburg und Liebknecht, die
Auflösung der Freikorpsverbände und ähnliches. Noske ließ Berlin von
30.000 Freikorps-Söldnern besetzen und unterdrückte den bis zum 8. März
dauernden Streik brutal. In diesen Tagen wurde der Nachfolger von
Luxemburg und Liebknecht an der Spitze der KPD, Leo Jogiches, ermordet.
Doch auch diese Rückschläge markierten keine dauerhafte Niederlage für
die Arbeiterklasse. Die Konterrevolution musste, trotz aller Brutalität
der Freikorps, sich eine demokratische Form geben. Die
Novemberrevolution erkämpfte wichtige Errungenschaften, wie den
8-Stunden-Tag, staatliche Arbeitslosenversicherung, die Festschreibung
von Arbeitsbedingungen in Tarifverträgen, das freie und gleiche
Wahlrecht für Männer und Frauen und andere.

Weitere Gelegenheiten zur erfolgreichen Revolution sollten sich schon
1920 und 1923 entwickeln. Und so bestätigten sich Rosa Luxemburgs Worte
in ihrem letzten Artikel vom 14. Januar 1918: „‘Ordnung herrscht in
Berlin!‘ Ihr stumpfen Schergen! Eure ‚Ordnung‘ ist auf Sand gebaut. Die
Revolution wird sich morgen schon ‚rasselnd wieder in die Höh‘ richten‘
und zu eurem Schrecken mit Posaunenklang verkünden: Ich war, ich bin,
ich werde sein!“

Sascha Stanicic ist Bundessprecher der SAV und verantwortlicher
Redakteur von sozialismus.info. Er lebt in Berlin.
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