***Marxens Zombies
Marxens Zombies
Von Dawidowitsch Pawes
Bekanntlich wäre Wissenschaft unnötig, wenn allüberall Wesen und
Erscheinung zusammenfielen, wenn also das Wesen allüberall unverstellt
in Erscheinung träte und als solches dann von allen auch ohne
Schwierigkeiten erkannt werden könnte.
Andererseits wäre aber auch dann und dort, also im Besitz sogar solch
absoluten Wissens, der daraus entspringen mögende Wille anders etwa als
die sogar "ihren" deutschen Hegel noch verhohnepiepelnde deutsche
Volksweisheit glauben machen möchte noch lange kein Garant dafür, dass
diesem Willen sich dann zwangsläufig auch ein Weg erschließt.
Wer im 12. Stock aus dem Fenster springt und nach dem Passieren der
Fenster des 4. Stockes zum absoluten Wissen um das Gefühl der
Schwerelosigkeit meint gelangt zu sein und daraufhin den Willen fasst,
dass er sich auch noch nach dem Passieren der Fenster des Erdgeschosses
so leicht und schwerelos fühlen möge, dem wird der absolute Geist des
Ganzen eine Nase drehen.
Marx hat beansprucht, mit seiner Kritik der politischen Ökonomie diesen
Geist vom Kopf auf die Füße gestellt zu haben.
Gerade dort jedoch, wo er die Maßlosigkeit des Vermehrungs"triebes" des
Kapitals hätte erklären müssen, nämlich beim Geld, ist er dann doch über
seine eigenen idealistischen Füße gestolpert und musste sich ins
Wirtschaftsvoodoo flüchten: Und so endet das erste Kapitel des ersten
Buches seines Hauptwerkes "Das Kapital" ganz unerwartet mit der
Beschwörung eines Fetischs, des Warenfetischs.
Ich weiß nicht, ob Marx der Auffassung war, dass sich die Maßlosigkeit
des kapitalistischen Vermehrungstriebes erst mit der Verwandlung von
Geld in Kapital einstellt, oder ob er diese Maßlosigkeit auch schon im
Geld entdeckt hat. Dass er von einer maßlosen Bewegung des Kapitals
ausging, ergibt sich jedoch an vielen weiteren Stellen seiner Kritik der
politischen Ökonomie.
Nur: Diese Maßlosigkeit hat er nie erklärt oder erklären können!
Im Vierten Kapitel zur Verwandlung von Geld in Kapital erklärt er nur
die Vermehrung, aber nicht die Maßlosigkeit dieser Vermehrung, also nur,
dass eine Vermehrung nicht aus W-G-W, sondern nur aus G-W-G, und zwar
dann in der Form G-W-G' entspringen kann.
Damit hat er aber diese Vermehrung nur als Möglichkeit aufgedeckt, nicht
jedoch als Zwangsläufigkeit, geschweige denn als zwangsläufig maßlos.
Und hier drängt sich einem dann auf einmal die Absicht auf, die diese
total aus der politökonomischen Analyse der Ware herausfallende
Bewusstseinsanalyse der Warenproduzenten als Opfer eines Fetischs, also
sozusagen als Besessene, am Ende des ersten Kapitels das "Kapitals", Bd.
1 gehabt haben mag: Marx wollte damit möglicherweise sagen, dass die
Leute eigentlich nicht alle Tassen im Schrank haben, wenn sie bei diesem
nie enden wollenden, maßlosen kapitalistischen Hinterhergerenne hinter
immer mehr und mehr mitmachen, wie es typisch ist für die
kapitalistische Wirtschaftsweise, und dass sie gleichzeitig dafür nichts
können, weil ihnen als Nicht-Wissenschaftlern die verqueren
Erscheinungen an der Oberfläche dieser Wirtschaftsweise "objektiv" den
Blick auf deren wahres Wesen verstellen.
Damit hat er nun nicht nur das Kapital letztlich doch in idealistischer
Manier als Phänomen "falschen Bewusstseins" statt einer ökonomischen
Zwangsläufigkeit erklärt, er hat damit zugleich auch den Startschuss
abgegeben für eine Unzahl von linksidealistischen Marxadepten, die sich
fortan als Volksaufklärer, Volkserzieher, Volksanführer usw. ihr Brot
mit diesen für das Volk stets eher unangenehmen Tätigkeiten verdienen
wollten und es dann auch taten.
Waren es in den 70-er Jahren die linken Lehrer, die in dieser Hinsicht
in Deutschland als besonders penetrant in Erscheinung traten, sind es
heute - nicht ganz so penetrant weil nicht ganz so zahlreich - die
linken Politiker.
Es eint sie die Vorstellung, dass es eines "Aufbrechens" des
Bewusstseins des Volkes durch speziell dafür geeignete "Aufbrecher"
bedarf (Austreibung des Fetischs), welches nach dem Abwurf aller
"falschen" Bewusstseinsschalen sich sozusagen wie ein neugeborenes Küken
seinen "Aufbrechern" dankbar folgend von diesen "organisieren" und sich
vorgeben lässt, was nun "umzusetzen" sei, also vom absoluten Geist in
die Realität, oder, wie die Linken diesen Idealismus in Linkssprech
ausdrücken, wie Satzung und Programm zu "verwirklichen" seien.
Klar, dass bei solch einem Verständnis ein bereits vor der
Massenerleuchtung vorhandenes Programm sehr hilfreich und sinnvoll ist -
weswegen sich Linke auch so begeistert über Programme und Satzungen
miteinander auseinandersetzen können.
Man sieht: Marxens Fetisch ist keineswegs tot, sondern führt zumindest
als Zombie weiter das Leben eines Untoten unter uns und es wird langsam
wirklich höchste Zeit, ihn zur ewigen Ruhe zu betten.
Dabei hätte Marx die Maßlosigkeit der Geldvermehrung, die auch schon den
vorkapitalistischen Wucherer und Schatzbildner ergriffen hat und nicht
erst den ersten Kapitalisten, durchaus auch bruchlos aus der auch von
ihm bereits so bezeichneten Anarchie einer Produktion für einen den
Produzenten stets unbekannten Markt entwickeln können.
Denn "Markt" entsteht erst dann und dort, wo der Konsument dem
Produzenten zum Zeitpunkt der Produktion unbekannt oder wenigstens
unberechenbar ist.
"Markt" in diesem Sinne entstand daher historisch auch zuerst an den
äußeren Rändern der dörflichen Erzeugergemeinschaften, und zwar dort, wo
diese mit den Rändern anderer dörflicher Erzeugergemeinschaften in
Berührung kamen. "Markt" gab es daher auch bereits weit bevor sich die
kapitalistische Wirtschaftsweise als bestimmende durchsetzte. Und es war
erst der "Markt", der das "Geld" notwendig machte.
Denn innerhalb einer Erzeugergemeinschaft störte Geld zwar nicht, war
aber auch nicht notwendig. Das zur Produktion vorzuschießende Material
wurde von den dieses Material zur Verfügung Stellenden nach Abschluss
der Produktion in Form eines Anteils an dieser Produktion vergolten, und
das gesamte Ausmaß der Produktion bestimmte sich nach dem zuvor in der
Gemeinschaft ermittelten Bedarf.
Nur (zufällig) überschießende Bestandteile des Produktionsergebnisses
wurden "auf den Markt" gebracht und dort gegen andere Produkte,
zunehmend aber wegen der besseren Haltbarkeit und Teilbarkeit gegen
Geld getauscht.
Während nun der Bedarf innerhalb einer solchen dörflichen Gemeinschaft
etwas "Sicheres" ist, weil er für alle sowohl in Qualität als auch
Quantität erfahrbar und damit auch erlernbar und dadurch vor allem
vorhersehbar ist, ist die Nachfrage "des Marktes" das genaue Gegenteil.
Sie ist in Qualität und Quantität unsicher, niemals genau vorhersehbar
und zuweilen auch überhaupt nicht vorhersehbar, also rundherum unsicher.
Die Produktion für den Markt ist grundsätzlich ein Risiko, eine reine
Spekulation auf den Nicht-Eintritt des Marktrisikos.
Und je mehr sich historisch die Produktion für die unbekannte Nachfrage
des Marktes die dörfliche Produktion für den bekannten dörflichen Bedarf
unterworfen hat, desto mehr wurde die Unsicherheit über die Nachfrage,
das Produktionsrisiko zum Kennzeichen der Produktion.
Und diese Unsicherheit, dieses Risiko beherbergt nun den lang gesuchten
Ursprung der Maßlosigkeit aller Produktions- und
Vermehrungsanstrengungen, der Marx offenbar trotz allem entgangen zu
sein scheint.
Denn diese Maßlosigkeit ist nichts anderes als der dann stets doch
niemals ausreichende Versuch, diese Unsicherheit, dieses Risiko zu
beherrschen bzw. zu entschärfen, d.h. zu überwinden.
Um es etwas genauer zu verdeutlichen:
Wie kann dem stets gegenwärtigen Risiko begegnet werden, dass eine
gesamte Produktion aus irgendwelchen Gründen auf keine Nachfrage trifft
und verdirbt und dann keine neuen Produktionsmittel für einen neuen
Produktionsprozess angeschafft werden können?
Nur durch die Bildung von Rücklagen!
Und wie kann dem stets gegenwärtigen Risiko begegnet werden, dass dieses
"Pech" sich wiederholt?
Durch Bildung größerer Rücklagen!
Und wie kann dieses stets gegenwärtige Risiko ganz ausgeschlossen werden?
Durch die Bildung maßlos vieler Rücklagen, sozusagen der Rücklage von
allem, was existiert, weil eine jedes einzelne Teil davon für sich
allein unter Umständen nicht ausreichen könnte, um dieses Risiko
auszugleichen.
Und dies muss dann zwangläufig in eine maßlose Sysiphusarbeit münden,
weil es als Grenzwert zwar mathematisch berechenbar ist, von keinem
einzelnen Warenproduzenten jedoch jemals erreicht werden kann - so
absolut sein kapitalistischer Geist und Wille auch sein mag.
(Marx drückt diesen Umstand der Beschränktheit aller besonderen Waren im
Verhältnis zum Geld übrigens - etwas stark begriffsidealistisch verklärt
- als "Mängel der totalen oder entfalteten Wertform" aus. Man kann daran
erkennen, dass er die tatsächlich wesentlichste Konsequenz dieses
Mangels, nämlich als einzelne Ware in der Hand eines einzelnen
Warenproduzenten niemals zugleich ein Gegenwert zu allem sein zu können,
was Wert hat, um dadurch sämtliche Risiken ausschließen zu können, nur
als Mangel der konkreten, also der konkret nur in einem einzigen
Tauschakt als Wert gültigen Waren erkennt, und zwar nur in ihrem
Verhältnis zum Geld als allgemeingültigem Wert, d.h. allgemein gültig
als Äquivalent für alle existierenden Waren zusammen als zugleich auch
für jede einzelne.)
Und dem spiegelbildlichen Risiko der Produktion, nämlich dass die
Nachfrage größer als das eigene Angebot ist und somit vom Konkurrenten
gedeckt werden wird, der danach mehr Möglichkeiten zur Ausweitung der
Produktion durch vermehrten Ankauf von Produktionsmitteln hat und
dadurch in eine uneinholbaren Wettbewerbsposition gelangt, kann
ebenfalls letztlich auch nur durch maßlose Rücklagenbildung begegnet
werden.
Das bereits auf der Markt- bzw. Geldebene angelegte maßlose
Rücklagenbildungsstreben hat historisch zur Bildung der ersten
Geldansammlungen geführt, die sich dann als Kapital selbst vermehrend
betätigen konnten und während dieser Betätigung weiter von der vom Geld
"mitgebrachten" Maßlosigkeit getrieben werden.
Kurz: Das Kapital ist zwar optimal zum Geld- und Warenvermehren. Die
Maßlosigkeit bei diesem Unterfangen stammt jedoch bereits aus dem Geld
bzw. dem Markt bzw. der Anarchie einer Produktion für einen
grundsätzlich nie ganz sicher auszurechnenden Markt.
Formulieren wir also ins Programm: "Markt und Geld sind abzuschaffen",
würde jetzt wahrscheinlich der hartgesottene Linksidealist schlussfolgern.
Ich weiß nicht, ob ich jetzt ausführen muss, warum das ein absoluter
Holzweg bleiben wird - absolut geistig und absolut praktisch! Ich spare
mir das also.
Aber auch wenn es nutzlos ist, sich zu fragen, wie müssen wir es
anpacken, um die Welt nach unseren Wünschen zu verändern, ist es nicht
nutzlos zu fragen, wo müssen wir anpacken, bei den ablaufenden
Veränderungen, um unseren Nutzen daraus zu mehren.
Konkret gefragt: Wo befinden sich zur Zeit noch alte Produktionsformen
oder bereits neue Produktionsformen, die dem Marktrisiko (und damit
letztlich auch allen Weltwirtschaftskrisenrisiken) entzogen sind? Denn
die Teilhabe an diesen Produktionsformen stellt in Bezug auf den
Risikoschutz eine wirkliche Alternative gegenüber der Teilnahme an der
maßlosen Rücklagenbildung dar.
Und bei genauerem Hinsehen finden sich tatsächlich noch einige alte
bzw. auch schon einige neue Alternativen.
Die dörfliche Gemeinschaft ist zwar weitgehend tot,
Familiengemeinschaften haben aber teilweise der arbeitsmarktgerechten
Flexibilisierung aller persönlicher Beziehungen noch standgehalten und
werden übrigens nicht zuletzt auch deswegen gerade aus dem islamischen
Raum im Unterschied zur westlich-kapitalistisch dominierten Welt so hoch
geschätzt. In der Familie gibt es keine Produktion für den Markt und
noch nicht einmal Tausch, also kein Frühstück am Bett gegen Nackenmassage.
Andererseits zeigen nicht nur Familienbetriebe, welch produktive
Potenzen in einem Familienverband vorhanden sind - und zwar auch
weitgehend ohne Geld.
Landwirtschaftliche und handwerkliche Nebenerwerbsbetriebe sind ein
weiteres Beispiel für eine Unabhängigkeit vom Markt, denn auch hier wird
nicht für den anonymen Markt, sondern meist für einen vorher sehr genau
feststehenden Kreis von bekannten Abnehmern mit bekannten Wünschen
produziert, deren "Gegenleistungen" auch oft bereits bekannt sind.
Die "Schattenwirtschaft" schließlich, also die Schwarzarbeit, die in
Italien angeblich um die 30% der gesamten Wirtschaftsleistung ausmachen
soll, zählt natürlich auch dazu.
Neuere "marktalternative" Produktionsformen bestehen in den vielfältigen
Formen der "Tauschringe" und zum Teil auch der
Regionalgeldgemeinschaften. Auch hier wird nicht für einen anonymen,
riskanten Markt produziert, sondern für konkret bekannte Abnehmer
sozusagen in Auftragsproduktion und auf Vorschuss.
Und dies sind dann auch die beiden zentralen Kriterien für eine vor den
Marktrisiken geschützte Alternativproduktion auch auf größerer Ebene:
Auftragsproduktion mit Produktionsvorschusszahlung!
Wenn also jemand nach revolutionären Potentialen sucht: Da sind sie!
Bei der Zahlung des Produktionsvorschusses geht das Risiko des
Herstellers vollkommen auf den Besteller über. Der Hersteller ist
nunmehr nur noch Auftragshersteller bzw. Beauftragter und damit
prinzipiell an die Vorgaben des Bestellers gebunden - nicht zuletzt weil
der die Musik (vorab) bezahlt.
Die Machtverhältnisse ändern sich. Der Kunde als vorschusszahlender
Besteller wird nun tatsächlich König (und muss sich nicht wie gern von
den Unternehmen gesehen am liebsten so wie ein Kunde der Agentur für
Arbeit behandeln lassen) und kann nicht nur Qualität und Quantität des
Produktes nach eigenem Gutdünken definieren und festlegen, sondern
darüber hinaus, wenn er es für nützlich hält, auch noch die Umstände der
Produktion und des Einkaufs beeinflussen oder gar bestimmen. Letztlich
macht er nichts anderes als "Klein-Kunde", was Großkunden wie z.B. die
Automobilindustrie schon lange mit ihren Zulieferern machen: sie
diktieren den Zulieferern vom Einkauf über die Produktion bis hin zu den
Verkaufspreisen sozusagen das gesamte unternehmerische Einmaleins.
Der einzige dagegen bisher vorgebrachte Einwand, dass was dem Jupiter
erlaubt ist, dem Ochsen noch lange nicht erlaubt ist, sprich dass
Kleinkunden sich aufs Zahlen beschränken müssen und sich sonst nicht
weiter einmischen dürfen, dieser Einwand ist mit der Entwicklung des
Internets hinfällig geworden. Denn das Internet macht es möglich, dass
aus vielen vereinzelten Kleinkunden im Handumdrehen einige gemeinsam
handelnde Großkunden werden können mit derselben Marktmacht wie
Großunternehmen, nämlich wenn sie zusammen bestellen und den Vertrag mit
dem Produzenten aushandeln und zusammen einen Vorschuss dafür aufbringen.
Die "Organisationssoftware" bietet das Internet und seine kostenlosen
Foren.
Wenn sich also jemand unbedingt auf die Suche nach dem revolutionären
Subjekt umschaut, dann sollte er sich die Menschen nicht hinsichtlich
ihrer Stellung in der Produktion vorknöpfen, sondern hinsichtlich ihrer
Stellung bei der Produktionsvorschusszahlung.
Und DORT kann viel Kleinvieh dem gegenwärtig dominanten Großvieh
durchaus den Schneid abkaufen. Es hat das Geld dazu, es hat die
Möglichkeiten dazu, es fehlt eigentlich nur der Schneid.
Wenn die Weltwirtschaftskrise mit ihrem kaskadenartig absteigenden
Verlauf daher zu immer weiteren absoluten Verarmungen führen wird, tun
die Betroffen gut daran, die Möglichkeiten auftragsgebundener
Vorschussproduktion zu nutzen, insbesondere dort, wo die erforderlichen
Produktions-Vorschüsse nicht so hoch sind, wie beispielsweise in der
Landwirtschaft, im Handwerk, dem Handel und den Dienstleistungen.
Und dies ist dann etwas ganz anderes als irgendwelche spinnerten
Programme, Organisationsprinzipien oder revolutionsromantischen
Umsturzpläne "umzusetzen", zu "verwirklichen" bzw. zu "propagieren".
Dawidowitsch Pawes
Quelle:
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scharf-linsk, 9.8.09
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