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Sabine Ellersick <sabine.ellersick ät nadeshda.org>26. Dec 2010 14:41

"Karl und das zwanzigste Jahrhundert": Marxistisch - defaetistisch - pazifistisch - VERBOTEN (Buchbesprechung)


Marxistisch - defätistisch - pazifistisch - VERBOTEN

25.12.10

Buchbesprechung von Dieter Braeg

"Karl und das zwanzigste Jahrhundert"
Roman von Rudolf Brunngraber

Dieser Roman der im Jahre 1932 erstmals im Frankfurter Societätsverlag
veröffentlicht. In Österreich wurde dieses Buch ausgezeichnet. In
Deutschland im Jahre 1933 wurde das Buch von der Gestapo verboten. Der
Autor Rudolf Brunngraber ist einer der interessantesten Schriftsteller
Österreichs im vorigen Jahrhundert gewesen. Er war Holzfäller in
Schweden und Totensänger und Wanderprediger in Finnland, in Wien war er
einige Zeit Schüler von Klimt.

Der Roman konnte sich, obwohl nach 1945 mehrmals neu publiziert nicht
durchsetzen. 1933 erschien der Roman in englischer Sprache, dann 1934 in
Italienisch und im Jahre 1939 in slowenischer Übersetzung. Bei Hitlers
Machtergreifung wurde das Buch in Deutschland als "marxistisch,
defätistisch und pazifistisch" verboten.

Nach zwei Neuausgaben in den Jahren 1952 und 1978 gab es 1988 eine
Übernahme in die "Andere Bibliothek" und im Jahre 1999 gab es eine
Neuausgabe (im antiquarischen Buchhandel ist derzeit nur ein Exemplar
angeboten).
Der Wiener Milena Verlag hat nun den Roman neu aufgelegt. Welche Ausgabe
aus der Vergangenheit nun nachgedruckt wurde, wird leider in dem Band
der auch im Anhang einen Text von Kasimir Edschmied ("Sehr exakt und
dennoch sehr geheimnisvoll - Brunngraber" enthält,nicht verraten.

Jedenfalls passt diese Neuausgabe in die heutige Zeit der brutalen
Zerstörung sozialen Zusammenhalts und einer Globalisierung, die Schritt
für Schritt die Armut der abhängig Beschäftigten und Lebenden vorantreibt.

"Als Frederick W. Tyler (Philadelphia) 1880 als Erster konsequent den
Gedanken der Rationalisierung faßte, war der Wiener Karl Lackner noch
nicht unter den Lebenden." Das ist der erste Satz des Romans. Karl
Lackner die Romanhauptfigur, erlebt Taylorismus und Rationalisierung.
Das die Nazis dann, im Rückgriff auf die Rationalisierungserfahrungen
der 20 Jahre, ihre eigene "Arbeitswissenschaft" samt dazugehörigen
"Organisationsideologien" entwickelten, ist nicht Romaninhalt.

Rudolf Brunngraber blieb im Land und sein Roman "Radium" erlebte in der
Nazizeit große Erfolge. Nach dem Krieg war es für Rudolf Brunngraber
dann nicht leicht, wieder als Schriftsteller zu arbeiten. Die SPÖ
allerdings hatte keine Probleme ihn nach dem Krieg wieder zum
Parteischriftsteller zu machen.

Karl Lackner ist Sohn einer Frau, die im ganzen Roman als "das kleine
Weib" tituliert wird, der Vater, ein Alkoholiker und
Straßenbahnschaffner. Es gibt zwischen dem romanhaften beschriebenen
Lebenslauf des Karl Lackner und Rudolf Brunngraber viele
Gemeinsamkeiten. Lackner absolviert als Werkstudent die
Lehrerbildungsanstalt und ist durch sein Abschlusszeugnis verpflichtet,
fünf Jahre als Lehrer zu arbeiten, falls nicht, muss er die
Studiengebühren die ihm erlassen worden waren, zurückzahlen.

Der erste Weltkrieg bringt Hurrapatriotismus, der bald vergeht, dazu
noch Orden, die im späteren Leben nach dem Krieg nicht helfen. Bei
Kriegsende ist die Mutter zum Skelett abgemagert, der Vater an einer
verirrten Kugel gestorben und Lehrer braucht man keine nach dem Krieg.
Lackner bekommt mal da und dort einen Kurzzeitarbeitsplatz.
Auch in Schweden, wo er sich als Gelegenheitsarbeiter versucht, führt er
ein Armutsleben. Als er nach Österreich zurück kommt folgt der weitere
Abstieg. In den Romanabschnitten "Der neue Kurs" (1919-1930) und
1930-1931 "Der gepflasterte Weg zur Hölle" schildern eine
Lebensgeschichte, die durch Einschübe den sozialen, wirtschaftlichen und
politischen Zustand der damaligen Zeit schildern.

"Aber schon vorher gibt es Verknüpfungen, wie etwa 1911: Als Karl am
Lehrerseminar in den letzten Jahrgang eintrat, okkupierten die Franzosen
Fez, womit sie abermals eine internationale Vereinbarung brachen. Die
Spanier besetzten Alkasar und die Italiener eröffneten den Krieg gegen
die von allen Mächten getretene Türkei um Tripolis und Cyrenaika. Hier
wurden (1911) zum ersten Mal aus Aeroplanen Bomben abgeworfen..."

Es ist eine Lebensgeschichte die eng mit den politischen und
ökonomischen Ereignissen verflochten ist.Die Gegenüberstellung der einen
Realität, die des Karl Lackner,mit der anderen Realität - das wird eine
soziale Anklage, die keines zusätzlichen Kommentars bedarf. Es ist die
Geschichte wie der arme Karl Lackner die Bekanntschaft mit der
Globalisierung macht.

Dieser Roman, vor fast 80 Jahren erschienen, hat eine lange Zeit
überlebt und zeigt auf, dass sich bei den Widersprüchen zwischen der
Armut einzelner Menschen und dem kaum beschreibbaren gesellschaftlichen
Reichtum,eine spannende Detailgenauigkeit durchsetzt, die eine
Literaturform auszeichnet, die fast völlig in Vergessenheit geraten ist.
Globalisierung hat eine Geschichte und die begann nicht erst nach dem
zweiten Weltkrieg.

Die Literaturgeschichte im deutschsprachigen Raum, lässt leider bisher
eine Lücke zu, die mehr als bisher erforscht werden müsste. Es gab in
der Zeit zwischen erstem und zweitem Weltkrieg deutliche literarische
Unterschiede, nicht nur sprachlicher Art, die in Österreich entstanden
und bisher kaum beachtet wurden. In dieses Bild passt auch die fast
völlige Ignoranz gegenüber jener Phase, in der nach 1968 die "Literatur
der Arbeitswelt" beachtliche Auflagen erzielte und mit dem "Werkkreis
Literatur der Arbeitswelt" Betroffenen half, zu schreiben.

"Und nun erkennt Karl, dass er das Unglück hatte, in das zwanzigste
Jahrhundert geboren zu werden und das ihm nichts helfen kann. Es sei
denn, dieses Jahrhundert hülfe vorerst sich selbst." Das Jahrhundert ist
vorbei und dieser Roman wirkt immer noch. Rudolf Brunngraber sah nicht
in eine weite romantische Ferne, er lenkt den Blick auf das Naheliegende
und damit auf die menschlichen und politischen Schweinereien, die sich
seit Jahrzehnten nicht nur nicht geändert haben, nein, sie sind noch
schlimmer geworden. Es gibt kein Nachwort, sondern den schon erwähnten
Tagebuchtext von Kasimir Edschmid zum Tod von Brunngraber und dazu zwei
autobiographische Kurztexte von Brunngraber, die einiges zu seinem
"Überleben" während der Nazizeit verraten.

Dieter Braeg

"Karl und das zwanzigste Jahrhundert"
Roman von Rudolf Brunngraber Milena Verlag, Wien 2010. 270 Seiten. ISBN
9789 3 85286 190 6 - 21,90 Euro


Quelle. scharf-links, 25.12.10
http://www.scharf-links.de/45.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=13815&tx_ttnews[backPid]=56&cHash=80d50bbbdf

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