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Sabine Ellersick <sabine.ellersick ät nadeshda.org>24. Dec 2010 22:40

Bluete und Rueckfall der islamischen Welt

Blüte und Rückfall der islamischen Welt

24.12.10

Von Anton Holberg

Vom 21. bis 23. November fand in Teheran der internationale
Philosophiekongress unter dem Motto "Philosophie: Theorie und Praxis" in
der Nationalbibliothek Irans statt. Er sollte einer der
Philosophiekongresse sein, die seit einigen Jahren unter der
Schirmherrschaft der UNESCO stattfinden. Noch am 9.11. jedoch zog sich
die UNESCO zurück. Sie reagierte damit auf internationale Proteste, die
auf die sich deutlich verschlechternde Situation der
Geisteswissenschaften allgemein und der Philosophie im besonderen in der
Islamischen Republik Iran hingewiesen hatten. Hatte das 1979 an die
Macht gekommene fundamentalistische Regime in Teheran die Universitäten
zunächst von marxistischen und liberalen Akademikern und zu Beginn der
90er Jahre sogar von Anhängern historisierender-hermeneutischen
Koranexegese "gesäubert", so hatte sich doch insbesondere in der Zeit
der Präsidentschaft des vergleichsweise liberalen Mohammad Khatami
(1997-2005) eine Tendenz zur Öffnung auch gegenüber den Ansätzen der
westlichen weltlichen Philosophie auf Kosten der herrschenden
konservativen oder gar fundamentalistischen Theologie durchgesetzt. Zwar
gehört die schiitische zu den rationalistischen Denkschulen. Ein
wesentlicher Grundsatz dieser ist es, dass Religion und Vernunft sich
nicht widersprechen können und dürfen. Es ist denn auch kein Zufall,
dass der Iran schon zur Beginn des 20. Jahrhunderts als quasi einziges
islamisches Land von unten heraus eine konstitutionell-parlamentarische
Bewegung herausgebildet hatte, die von den Traditionalisten überwiegend
unterstützt und getragen wurde. Auch heute ist der Reformdiskurs in der
islamischen Theologie im Iran am fortschrittlichsten. Wenn der
ägyptische Reformtheologe Nasr Hamid Abu Zayd kein Ägypter gewesen wäre
und im Iran gelebt hätte, dann wäre er wohl kaum ins Exil verbannt und
zwangsweise geschieden worden. Dennoch fand schon vor Ende der Amtszeit
Khatamis ein Gegenschlag des konservativen und fundamentalistischen
Lagers statt, der zur Präsidentschaft Mahmoud Ahmadinejads führte und im
universitären Bereich zur Ankündigung einer erneuten islamischen
"Kulturrevolution". Die Erschütterung des Regimes durch die sogenannte
"grüne Bewegung" nach den Präsidentschaftswahlen von 2009 hat diese
Tendenz dahingehend verstärkt, dass z.B. das Kulturministerium Ende
Oktober 2010 die Revision von 12 "westlich geprägten"
humanwissenschaftlichen Disziplinen ankündigte, um sie in Einklang mit
den Lehren des Korans zu bringen. Völlig unabhängig vom Wert der
"westlichen Prägung" handelt es sich hier unzweifelhaft um einen Angriff
auf das freie Denken, wohin immer dieses im Einzelnen auch führen mag.
Schon zuvor waren Dutzende von nicht ausreichend frommen Dozenten
zwangsweise frühverrentet worden. Die Tatsache, dass die Teheraner
Behörden mit Gholam Ali Haddad-Adel einen ausgemachten Apologeten des
Regimes zum Kongressleiter ernannt hatten, war gewissermaßen der
Tropfen, der sogar für die UNESCO das Fass zum Überlaufen brachte. Den
Propagandisten, die ein angeblich "jüdisch-christliches" Erbe als
Grundlage der Aufklärung gegen "den" Islam in Anschlag bringen, sind die
Entwicklungen im Iran Wasser auf ihre Mühlen. Die Geschichte zeigt
allerdings ein anderes Bild, wenngleich nicht unbedingt ein direkt
gegenteiliges.

Im Mittelalter war die Welt des Islams, d.h. des von Spanien im Norden,
dem Atlantik im Westen bis nach Zentralasien reichenden Gebietes, in dem
der Islam ab Mitte des 7. Jahrhunderts die Staatsreligion geworden war,
der Welt des "christlichen Abendlandes", insbesondere deren westlichem
Teil, zivilisatorisch lange Zeit haushoch überlegen. Die Beherrschung
insbesondere des westlichen Mittelmeeres durch Muslime hatte West- und
Mitteleuropa vom traditionellen Fernhandel der Antike abgeschnitten und
zu rein agrarischen Gebieten gemacht, in denen die aus der Römerzeit
übriggeblieben Städte keine Funktion als Fernhandelszentren mehr hatte,
sondern nur noch örtliche Stützpunkte der katholischen Kirche waren.
Während bereits der Prophet Mohammed als Teilnehmer an Handelskarawanen
mit der wirtschaftlichen und kulturellen Überlegenheit der nördlich der
arabischen Halbinsel gelegenen Gebiete vertraut war und seine Anhänger
ermahnte, das Wissen auch dann zu suchen, wenn es aus China komme,
gefiel sich das byzantinische Reich am östlichen Mittelmeer in der
zunehmend sterilen Weiterführung einiger Teile des Erbes der Römer und
Griechen bei gleichzeitiger blutiger Unterdrückung der Anhänger nicht
nur "heidnischer" sondern auch heterodoxer christlicher Überzeugungen,
insbesondere der monophysitischen Arianer und Nestorianer. Im Westen war
der Rückschritt derart, dass nicht einmal von einer nennenswerten
Kenntnis des römischen und griechischen Erbes die Rede sein konnte.
Derweil entwickelten sich in der islamischen Welt Naturwissenschaften,
Medizin und sogar die Philosophie zu bis dahin unbekannten Höhen, was im
übrigen gleichzeitig und zum Teil früher auch für China galt. So
verfasste bekannte 908 bei Bukhara geborene Ibn Sina ("Avicenna") ein
Werk über die allgemeinen Prinzipien der Medizin ("al-qanoun
fi-l-tibb"), dass noch 600 Jahre später auch im Westen eines der
meistgenutzten Standardwerke blieb. Schon zuvor hatte der persische Arzt
Al Razi (864-930) die sterilisierende Eigenschaft des reinen Alkohols
erkannt und war einer der Pioniere der Kinder- und der Augenheilkunde
geworden. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war seine 23-bändige
Enzyklopädie die bis dahin veröffentlichte umfangreichste medizinische
Abhandlung. Der persische Mathematiker Al-Khwarizmi hatte bis Mitte des
9. Jahrhunderts nicht nur die Algebra und die Algorithmen-Lehre - beides
Worte aus dem Arabischen - entwickelt, sondern vor allem auch durch die
Einführung der Zahl Null aus Indien das moderne Zahlensystemermöglicht.
Im Jahre 852 baute Abbas Ibn Firnas den ersten Flugapparat und stieß
sich mit ihm vom Minarett der Großen Moschee in Córdoba ab. Das hatte er
offensichtlich überlebt, denn 20 Jahre später unternahm er als
70-Jähriger einen zweiten erfolgreicheren Versuch. Bis zu Leonardo da
Vincis (1452-1519) Konstruktionen auf dem Papier sollte es noch sieben
Jahrhunderte dauern. Der Geograph Al-Farghani berechnete im 10.
Jahrhundert den Erdumfang fast genau. Als Columbus Ende des 15.
Jahrhunderts zu seinen Seefahrten aufbrach, stützte er sich abgesehen
von Habgier und religiösem Mystizismus auf antike Quellen und auf ein
Missverständnis eben der Berechnungen Al-Farghanis und ging von einem um
ein Viertel geringeren Erdumfang aus. Während London noch ein dreckiges
dunkle Loch war, gab es im muslimischen Córdoba bereits
Straßenbeleuchtung. In Damaskus standen Mitte des 12. Jahrhunderts im
"Al-Nouri"-Krankenhaus schon über 8.000 Betten zur kostenlosen
medizinischen Versorgung bereit. Ein gleichwertiges Krankenhaus befand
sich in Baghdad, wo der erwähnte Ar-Razi wirkte. Während es im 9.
Jahrhundert in der Bibliothek von St. Gallen, die damals als die größte
des christlichen Europas galt, ganze 36 Bücher gab, befanden sich in
den Bibliotheken Córdobas über 500.000 Bücher. Schon zuvor hatte der
Abbasiden-Kalif Harun al-Rashid in Baghdad das "Haus der Weisheit"
gegründet und die Stadt zu einem Zentrum der Geistes- und
Naturwissenschaften gemacht. Die schiitische Dynastie der Fatimiden
gründete 1004 in Kairo ein ebensolches Zentrum. Eine der Voraussetzungen
für die Expansion des Buchwesens war die Einführung des zuvor in China
entdeckten Papiers. Während der 1188 verstorbene syrische Emir Usama Ibn
Munkidh, kein Gelehrter, sondern Politiker und Heerführer, es als den
größten Verlust seines Lebens bezeichnete, dass fränkische Seeräuber ein
Schiff versenkt hatten, auf dem sich eine ihm gehörende Bibliothek von
4.000 Bänden befand, dichtete Hartmann von Aue im "Armen Heinrich" noch
gegen 1195: "Ein ritter so geleret was, daz er an den buochen lass...".

Die Liste der Leistungen zur arabischen Kultur - darunter viele Perser,
Juden wie Ibn Maimoun (Maimonides, 1135-1204), Ibn Paqouda und Ibn
Gabriol sowie Angehörige anderer Völker und Religionen - gehörender
Wissenschaftler, Künstler und Philosophen ließe sich seitenlang
ausbreiten. Es soll genügen, darauf hinzuweisen, dass entgegen
landläufiger Meinung wie gezeigt der Beitrag, den diese Männer aus der
islamischen Ländern des Mittelalters geleistet haben, sich keineswegs
in der Rettung des antiken griechischen geistigen Erbes für die Nachwelt
und ihre Vermittlung an die Christen beschränkte. Das gilt auch auf dem
Gebiet der Philosophie, wo als bedeutendster Philosoph und gleichzeitig
Richter und Mediziner Ibn Rushd (Averroes, 1126-1198) in Abgrenzung zu
Al-Ghazali (1058-1111), dem bedeutendsten Theoretiker eines mystischen
Zugangs zum Islam, auf Aristoteles aufbauend die Übereinstimmung von
religiösem Glauben und Rationalität beschwor. Unter den Bedingungen des
gesellschaftlich unbestrittenen Vorrangs des Glaubens war das zweifellos
eine fortschrittliche Sichtweise, die in erster Linie der Verteidigung
der Rationalität galt, auch wenn sie seit der europäischen Aufklärung
unter Bedingungen, in denen die Religion ihren umfassenden Zugriff auf
die Gesellschaft längst verloren hat, primär der Verteidigung des
Glaubens dient. Unter islamischen Theologen fand er allerdings wenig
Interesse oder gar Zustimmung, um so mehr hingegen in den Kreisen
jüdischer Gelehrter in Spanien, Südfrankreich und Siziliens. Zwischen
1217 und 1230 von Michael Scotus in Toledo ins Lateinische übersetzt
fand der Averroismus Eingang in alle Stätten der Gelehrsamkeit der
Renaissance und des Humanismus. Ein Jahrhundert nachdem er dort als
ketzerisch verboten worden war verpflichtete die Universität Paris ihre
Dozenten unter Eid, Aristoteles nur in der Linie der Interpretation Ibn
Rushds zu lehren. An dieser Stelle muss allerdings hinzugefügt werden,
dass das Bemühen, die theologischen "Wahrheiten" durch aristotelischen
Rationalismus zu "beweisen" ("Philosophie als Magd der Theologie") auch
in der Westkirche eine Tradition hatte. Die Übersetzung des ?Organon?,
der aristotelischen Schrift über die Logik, durch den Mönch Boetius
(470-525) in Syrische wurde zur Mutter der scholastischen Philosophie,
die, obwohl durch einengende theologische Dogmen unfruchtbar geworden,
dennoch das Handwerkszeug und den Wortschatz der späteren Wissenschaften
schuf und die geistigen Grundlagen für ihre eigene Überwindung schuf.
Die Scholastik währte vom 9. Jahrhundert bis zur Renaissance an der
Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert. Ihr Höhepunkt im 13.Jahrhundert ist
mit den Namen von Albertus Magnus, Duns Scotus und vor allem Thomas von
Aquin gekennzeichnet. Dieser unterschied zwischen der Philosophie und
Naturwissenschaft als für die irdische Realität zuständige Methoden und
der Theologie als für das - höherwertige - übernatürliche Zuständige.
Das war letztlich auch der Ansatz Ibn Rushds gewesen.

Es stellt sich nun aber die Frage, weshalb von der Hochkultur des
islamischen Mittelalters nichts mehr oder zumindest nicht viel geblieben
ist. Äußere Faktoren für kulturellen Niedergang wie der Einfall der -
vorwiegend germanischen - "Barbaren" ins Römische Reich auf der einen
und Mitte des 13. Jahrhunderts der der Mongolen in das Reich der
Abbasiden auf der anderen Seite sind wichtige Faktoren, setzen aber eine
längere Periode der internen Schwächung voraus. Für die islamischen
Reiche gilt, dass der kulturellen Blüte nach einer ersten Zeit der
Wiederherstellung etwa alter Bewässerungssysteme kaum eine weitere
Entwicklung der Produktivkräfte entsprach. Der Handel innerhalb der
islamischen Welt und nach außerhalb beschränkte sich im wesentlichen auf
Luxusgüter. Ausschlaggebend jedoch war schließlich, dass die Vertreter
der geistigen Kultur stets von den mehr oder weniger privaten Interessen
und Launen der Herrschenden abhängig blieben. Deren Herrschaft wiederum
war meistens instabil und von Auseinandersetzungen zwischen
verschiedenen Stämmen und Völkerschaften bedroht, wie in Al-Andalus etwa
bis ins 11.Jh. andauernden "Erbfeindschaft" zwischen den Angehörigen der
südarabischen Kalb und der nordarabischen Qais auf der einen Seite und
der zwischen Berbern und Arabern und mehr noch zwischen verschiedenen
Berbergruppen in der Folgezeit. Für die sozio-ökonomische Basis der
Herrschaft hatte das kaum Bedeutung. Insbesondere die Philosophen waren
sich dessen bewusst, und Ibn Rushd brachte das deutlich mit dem Hinweis
zum Ausdruck, dass seine rationalistischen Überlegungen nur etwas für
die Elite seien. Grundlegend dafür scheint die Tatsache zu sein, dass
der Islam sich primär in Regionen ausgebreitet hatte, in denen eine
Produktionsweise vorherrschte, die mit dem Marx?schen Begriff der
"asiatischen", oder - weniger geographisch und somit allgemeiner -
einer "tributären Produktionsweise" zu fassen ist. Diese ist auch in
ihrer weiteren Entwicklung durch die Existenz eines übermächtigen
Staates und eines nur prekären Rechts auf Privateigentum gekennzeichnet.
Unzweifelhaft ist es nicht der Islam an sich, der etwa durch das Zins-
bzw. Wucherverbot die Entwicklung hin zum Kapitalismus unmöglich gemacht
hätte. Zum einen vertrat auch die mittelalterliche katholische Kirche
diese Haltung zum Zins, weshalb der Handel in vielen Regionen zunächst
vorzugsmäßig in jüdischen Händen lag. Andererseits hatten islamische
Theologen und Rechtsgelehrte, was hier stets identisch war, sich schon
bald eine Vielzahl von Kniffen ("hiyal") ausgedacht, um das Verbot des
Wuchers (rib?a) zu umgehen. Vielmehr konnte sich die zahlenmäßig große
Kaufmannsschicht nicht wie im germanischen Feudalismus sozusagen "in den
Poren" der alten Gesellschaft - hier insbesondere den dem Zugriff der
feudalen Grundherren entzogenen Städte - zu einer diese perspektivisch
sprengenden Klasse entwickeln. Vereinfacht gesagt war der Bürger in der
griechischen und römischen Antike und deutlicher noch im europäischen
Feudalismus als Eigentümer Mitglied der Gemeinschaft, während er in der
APW/"tributären Produktionsweise" als Mitglied der Gemeinde
Privateigentümer sein konnte. Wenngleich sich das Privateigentum in der
Epoche des Imperialismus zu einer Fessel der umfassenden Entwicklung der
Menschen verwandelt hat, diente es im Mittelalter schließlich zu ihrer
Emanzipation. Natürlich hat die auf älteren für die Region typischen
Formen erwachsene sozio-ökonomische Struktur der mittelalterlichen
islamischen Welt mit ihren vielen Kaufleuten, internationalen
Handelbeziehungen und kulturellen Errungenschaften alleine den
Fortschritt zur kapitalistischen als der vorherrschenden
Produktionsweise nicht verhindert. Dazu bedurfte es offensichtlich
dessen, dass diese Welt schließlich vom "christlichen Abendland" nicht
nur abgehängt wurde, sondern auf dieser Basis schließlich auch
unterjocht werden konnte.

Im 13. Jahrhundert fasste ein Beobachter zusammen: "Alles liegt jetzt in
Ruinen...Keiner der Sultane war am Aufbau interessiert. Ihr einziges
Ziel war es, Steuern einzutreiben und diese zu konsumieren." Das
abbasidische Großreich war bereits im 11.Jh. auseinandergebrochen, und
zu Beginn des 12. Jahrhunderts beklagte sich der persische Dichter Omar
Khayyam über das Verschwinden der Gelehrten. Nur die islamischen Reiche
in Spanien überlebten noch bis 1492- wenn auch zunehmend in Abhängigkeit
von den christlichen Königreichen auf der Halbinsel.

Während so bei aller äußeren Blüte der islamischen Zivilisation deren
Grundlagen stagnierten, entwickelte sich im christlichen Europa etwa
seit dem 11. Jahrhundert die Basis für einen erneuten Aufschwung, der
angefangen von der Zeit der Renaissance (15.,16.Jh) über die der
Aufklärung alle übrigen Gesellschaftsformationen schließlich weit hinter
sich lassen sollte. Das Wirken der katholischen Kirche als ideologischer
Stütze der Feudalordnung war dabei nur insofern von Bedeutung als es
immer mehr zum Widerspruch anstachelte. Von großer Bedeutung war dafür
der Handel, zunächst der Venedigs, der schon Ende des 9.Jahrhunderts im
Kontakt mit dem durch den islamischen Vorstoß zwar geschrumpften aber
nicht gefallenen Byzanz und der islamischen Welt am Ostrand des
Mittelmeeres wiederauflebte. Grundlage war hier die Fortexistenz einer
städtischen Kultur, die im Austausch für Tuche und Gewürze nach
Lebensmitteln oder von den Venezianern an der dalmatischen Küste
geraubten Sklavinnen für muslimische Harems oder nach Bauholz, Eisen und
Waffen verlangte. Etwa gleichzeitig wurden am nördlichen Rand des
Karolinger Reiches aus skandinavischen Piraten (Wikinger oder Normannen)
Händler, die im Falle der an der Ostsee Ansässigen schließlich sogar
über russische Flüsse (Dnjeper) bis zum Schwarzen- und zum Kaspische
Meer vorstießen und dort den Handel mit den Byzantinern bzw. dem
Abbasiden-Reich aufnahmen. Dabei schufen sie im 9. Jahrhundert in
Gestalt des Fürstentums Nowgorod den Kern des Russische Reiches. Im 11.
Jahrhundert entwickelten sich so zunächst als Handelposten auch in
Westeuropa nördlich der Alpen und Pyrenäen wieder Städte mit
ökonomischer Funktion, an der Schelde und dann am Rhein. Gleichzeitig
gründeten sie ein Reich in Unteritalien.

Zur weiteren Entwicklung bedurfte es aber nicht nur des ja an und für
sich unproduktiven Handels, sondern auch einer produktiveren
Landwirtschaft. Dazu trugen Neuerungen bei wie der im Laufe der Zeit aus
dem slawischen Bereich seit dem 6. Jahrhundert bis zum 9.Jh. nach
Westeuropa gewanderte ?schwerrädrige Pflug?, die Erkenntnis, dass die
Produktion durch den Einsatz von Viehdung oder auch durch die Nutzung
von Bohnen und Gemüse zur Düngung erhöht werden könne und schließlich
die aus Zentralasien übernommene Technik, Pferde statt der langsameren
Ochsen vor den Pflug zu spannen. Dem Mediävisten L.White zufolge war das
"die produktivste landwirtschaftliche Methode in Relation zur
Arbeitseinsatz pro Person, die die Welt je gesehen hatte". Die
Feudalherren - darunter an prominenter Stelle die Herren der Abteien und
Klöster - , die anders als jene der islamischen Reiche auf ihren
Ländereien lebten, waren die treibende Kraft für die erste und auf lange
Zeit wichtigste Form der Mechanisierung, der Wassermühle. Sie
untergruben damit unwissentliche ihre Macht. Das alles geschah zu
Zeiten, da ein Ritter noch stolz war, überhaupt "in den buochen" lesen
zu können.

Auf politischer Ebene waren die Kreuzzüge zwischen 1095 und 1270
ungeachtet der barbarischen Vorgehensweise ihrer Protagonisten, die
beispielsweise die Eroberung Jerusalems mit einem umfassenden Massaker
an Muslimen und Juden krönten, die deutlichsten Zeichen für eine Umkehr
der historischen Entwicklung seit dem 7. Jh. Trotz des mit ihnen
verbundenen religiösen Fanatismus bei gleichzeitiger Raub- und Mordsucht
bedeuten sie nicht unbedingt eine allgemeine Feindschaft der
Christenheit gegenüber dem Islam. In Spanien etwa, wo die islamische
Herrschaft durch den Verlust von Córdoba (1236) und Sevilla (1248) im
wesentlichen auf Granada zusammengeschmolzen war, gründete König Alfons
der X. von Kastilien, zurecht auch "der Weise" genannt, 1254 die
"Übersetzerschule" von Toledo, wo ein großer Teil der arabischen
Schriften übersetzt wurden und zwar in Nachahmung der islamischen Reiche
im Interesse einer breiteren Volksbildung nicht ins Lateinische, sondern
folgend in die Volkssprache, hier dem Kastilischen. Das kulturell
maurische aber schon 1085 von den Christen zurückeroberte Toledo war
neben dem normannisch-arabischen Sizilien die wichtigste Pforte für den
Einfluss der arabischen Bildung in der westlichen Christenheit. Sie
hatte sich ihrerseits aus griechischen, persischen und indischen - also
"heidnischen" - Quellen genährt. Dabei kam den dort ansässigen Juden
eine zentrale Rolle als Übersetzer ins Kastilische zu, während
christliche Übersetzer diese Übersetzungen dann ins lateinische
übertrugen. In der Übersetzung durch Michael Scotus und Hermannus
Alemannus konnten so die Kommentare Ibn Rushds zu Aristoteles im
christlichen Europa ein Welle auslösen, die zum Sieg des aristotelischen
Denkens über die idealistische Philosophie Platons und der Neuplatoniker
führte, wenngleich Ibn Rushd der Vorwurf gemacht worden ist, dass seine
Interpretation des Aristotelismus unzulässig mit Platonismus vermischt
sei. 1256 wurde Roger Bacon, der für eine konsequente Trennung von
Philosophie und Theologie eintrat, Professor in Oxford. Nicht viel
später vertrat der englische Geistliche Johannes Duns Scotus (1270-1308)
die Auffassung, das Bewusstsein sei eine Eigenschaft der Materie.
Während der ganzen Zeit der "Scholastik", der offiziellen
philosophisch-theologischen Lehre der mittelalterlichen katholischen
Kirche tobte der "Universalienstreit" zwischen den scholastischen
Anhängern der offiziellen katholischen Lehre, die die allgemeinen
Begriffe für real hielten (Realisten) erklärten, und den
"Nominalisten", die die Idee vertraten, diese Begriffe seien nur Namen,
während das erkennbar Einzelne die Realität sei (Nominalisten). Sie
wurden damit zu Wegbereitern materialistischen Philosophie in den
folgenden Jahrhunderten. Im Hintergrund dieses mit großer Leidenschaft
geführten philosophischen Streits standen Fragen der Machtkonzentration
und ihrer Legitimierung, wenn zum Beispiel über die Einheit der
Dreifaltigkeit diskutiert wurde. Wenn Verallgemeinerungen real sind,
haben sie eine viel größere Autorität, als wenn sie geistige Produkte
sind, über die gestritten werden kann. Die zunehmende Hinwendung zum
Nominalismus bedeutete zugleich eine Emanzipation von Autoritäten, die
das Göttliche für sich in Anspruch nehmen. In diesem Sinne förderte der
Nominalismus die Naturwissenschaften und den säkularen Staat. Neun Jahre
nach der Berufung Bacons liegt die Geburt Dante Alighieris (1265), des
Autors der "Göttlichen Komödie". Obgleich unzweifelhaft ein frommer
Katholik widersetzte er sich als als Anhänger der kaisertreuen
Gibellinen dem Machtanspruch des römischen Kirchenstaats auf seine
Heimatstadt Florenz. In seinem umfangreichen Werk betonte er in klarem
Bruch mit der mittelalterlichen Tradition die Rolle der Persönlichkeit.
Ohne es zu wissen half er so dem Humanismus der Renaissance den Weg zu
bereiten. Schon der hier erwähnte Konflikt zwischen Staat und Religion
in Form des Machtkampfes zwischen Kaiser und Papst öffnet weltlichem
Denken einen gesellschaftlichen Raum, den es in den islamischen Reichen,
wo der Kalif oder Sultan stets auch das religiöse Oberhaupt war, so nur
schwer geben konnte. Rationalistische Denkansätze wie die Ibn Rushds
blieben in der islamischen Welt des Mittelalters gesellschaftlich
konsequenzlos.

In Hinblick auf den jüdischen Gelehrten Ibn Maimoun formulierte der
US-amerikanische Historiker Will Durant 1926 allerdings die allgemeine
Wahrheit: "Die klügsten Verteidiger des Glaubens sind seine größten
Feinde, denn ihr Scharfsinn erzeugt Zweifel und regt den Geist an."

Allgemein gilt, dass zwar die unzweifelhaften religiösen Orientierung
von Männern wie Ibn Rushd oder Thomas von Aquin deutlich macht, das
weder Christentum noch Islam an sich den Fortschritt zu rationalem
Denken verhindern, dass das wohl aber weitgehend für die organisierte
Religion galt und gilt. So ist die europäische Aufklärung kein Kind der
Liebe des kirchlich organisierten Christentums und nicht einmal dessen
legitimes Kind, sondern Begleiterscheinung und Förderer dessen
ideologischen und weltlichen Machtverfalls. Das Schicksal Giordano
Brunos, der 1600 auf Geheiß der von 1478 bis ins 18. Jahrhundert
wütenden ?Heiligen Inquisition? als Ketzer verbrannten pantheistischen
Dichter und Philosophen oder Galileis, des Naturwissenschaftlers, der
angesichts des ihm drohenden gleichen Schicksals 1633 offiziell der
kopernischen Lehre abschwörte, belegt das ebenso wie die Zustände im
calvinistischen Genf des 16. und des gleichfalls protestantischen
Edinburgh im 17. Jahrhundert. In Genf etwa wurden 1547 ein gewisser
Jacques Gruet wegen "Blasphemie" und "Atheismus" und 1553 der spanische
Flüchtling Servatus wegen Häresie auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Um
zur - mächtigeren - katholischen Kirche, unter der alleine in der Zeit
des Mönchs Torquemada des 1. Großinquisitors in Spanien, 100.000
Prozesse und rund 2.000 Hinrichtungen stattfanden, zurückzukehren:
noch zu Zeiten des Aufklärers und Deisten Voltaires herrschte diese
unumschränkt z.B. in Toulouse. In Fresken verewigte Frankreichs
siebtgrößte Stadt die Widerrufung des Ediktes von Nantes, das den
Protestanten Glaubensfreiheit gewährt hatte, und und feierte jährlich
das Blutbad der Bartholomäusnacht. Protestanten durften dort noch in der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, also kurz vor der französischen
Revolution, weder Arzt, Rechtsanwalt, Kolonialwarenhändler, Apotheker,
Drucker oder Buchhändler sein. Eine Katholikin erhielt 1748 eine
Geldstafe von 3.000 Francs, weil sie eine Protestantin als Hebamme
genommen hatte. Nachdem bereits der Enzyklopädist Denis Diderot gesagt
hatte "Die Menschen werden nicht frei sein, bevor nicht der letzte König
mit den Därmen des letzten Priesters erwürgt worden ist" schloss sich
auch Voltaire nachdem er über die Zustände in Toulouse gehört hatte,
zwar nicht dem Kampf gegen die Religion wohl aber dem gegen den
kirchlich organisierten Abergauben und Fanatismus an. Die erwähnte
Offenheit christlicher Staaten gegenüber Andersgläubigen - den Muslimen
ebenso wie den Juden - währte solange als deren kulturelle Überlegenheit
offenkundig war, d.h. solange man sie brauchte. 1492 fiel Granada und
"entdeckte" Kolumbus Amerika. Nur sechs Jahre später eröffnete der
Portugiese Vasco da Gama den Christen den direkten Handelsweg nach
Indien und marginalisierte die bis dahin als Zwischenhändler auftretende
islamische Welt auch in diesem wichtigen Bereich. Um 1440 bereits hatte
Gutenberg den Buchdruck entdeckt, was die Veröffentlichung von Büchern
in zuvor unbekannter Menge ermöglichte. Die den Mauren von den
"katholischen Königen" Ferdinand und Isabella zunächst zugesagte
Religionsfreiheit wurde auf Betreiben von Jiménez de Cicneros, dem neuen
Erzbischof von Toledo schon bald widerrufen. Der Vorwand war der
Aufstand, der unter den Muslimen Granadas ausbrach als der Erzbischof
1499 den Befehl gab, alle arabischen Bücher theologischen Charakters zu
verbrennen. Nachdem schon zuvor 170.000 Juden Spanien hatten verlassen
müssen, wurden bald auch die Muslime ("Moriscos") vertrieben. Sie
siedelten sich überwiegend in Marokko an, wo sie ihre Kultur allerdings
jeder Dynamik frei weiterlebten.

Auch in der islamischen Welt war es immer wieder zur oft blutigen
Verfolgung heterodoxes Gruppen oder anderer Ungläubiger gekommen, obwohl
Juden und Christen als "Leute des Buches" im allgemeinen als
"Schutzbefohlene" des islamischen Staates betrachtet wurden. Aber
selbstredend folgte auch dort die Idee den oft nur schlecht ideologisch
verbrämten sozialen Interessen, etwa dem, den eigenen "Stamm" an die
Macht zu bringen und dort zu halten. Beispiele sind hier die Eroberung
der Macht im Maghreb durch die zur Sanhadja-Gruppe der Berber gehörenden
Almoraviden ("Al-Murabitoun, 1061-1147) und deren Sturz durch die zu den
Masmouda gehörenden Verteidiger der Idee der Einheit Gottes
("Almohaden", Al-Muwahidoun, 1147-1269). Unter der Herrschaft der der
streng der malekitischen "Rechtsschule" des sunnitischen Islam, die
konservativste nach der noch heute auf der arabischen Halbinsel
vorherrschenden hanbalitischen, folgenden Almoraviden, die zum Urislam
zurückkehren wollten, wurden angebliche "Häretiker" zum Tode verurteilt
und die Schriften Al-Ghazzalis öffentlich verbrannt. Aber nicht nur bei
diesen "Fundamentalisten", sondern auch zu anderen Zeiten, etwa unter
der Herrschaft der abbasidischen Kalifen Al-Ma?moun (813-33) und
Al-Mu?tasim (833-42), die die an und für sich rationalistischere Lehre
der Mu?tazzila für die Theologen und Beamten zur Pflicht machten, waren
"Inquisitionsgerichte" eingerichtet worden - bis die ganze Richtung nach
ihrem Tod einfach verboten wurde. Das alles geschah völlig ungeachtet
des berühmten koranischen Satzes "Keine Gewalt in der Religion" (2.Sure,
Vers 256). Unter den Nachfolgern der Almoraviden, den messianistischen
Almohaden, sah es dann so aus, dass für die Massen strikte und von
Sittenrichter, Zensoren und Erläuterern der Schriften des ?Mahdi? und
Begründers der Bewegung, Ibn Tumert, überwachte jeder Diskussion
entrückte Rechtgläubigkeit galt. Die philosophischen Spekultationen
eines Ibn Tufail, Ibn Saba?in und eben Ibn Rushds hingegen erfreuten
sich am Hofe weitgehender Freiheit und großzügigen Förderung. Mangels
einer historisch aufstrebenden Klasse, die des in ihnen angelegten
Rationalismus für ihre sozialen Interessen bedurft hätte, dienten sie
dem intellektuellen Vergnügen der Herrschenden.

Es kann kaum als Zufall betrachtet werden, wenn der große arabische
Historiker Ibn Khaldoun (1332-1406) schon zuvor eine Theorie permanenten
zyklischen Wechsels zwischen verschiedenen Herrscherhäusern ohne eine
Höherentwicklung formuliert hatte. Die Entwicklung des menschlichen
Denkens, der Wirtschaft und Kultur fand hinfort vor allem in Europa
statt und marginalisierte die islamische Welt. Die Schaffung und
Expansion des osmanischen Reiches (1288-1922) änderte daran nichts. Die
islamische Welt wurde im Wesentlichen durch den Imperialismus wieder
einbezogen, jedoch in deformierender Abhängigkeit. Unter diesen
Umständen konnten auch die seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts von
verschiedenen Herrschern - so zunächst Mehmet Ali in Ägypten, später
Mustafa Kemal "Atatürk" in der Türkei, dem Schah im Iran oder Gamal Abd
el-Nasser in Ägypten - vorgenommenen Bemühungen, mittels des Staates
eine einheimische Bourgeoisie zu schaffen, nicht wirklich Früchte
tragen. Die Pariser "Le Monde" bezeichnete einst die ägyptische
Bourgeoisie zur Zeit des Präsidenten Anwar as-Sadat als eine
"Bourgeoisie ohne Charme und Diskretion". Die Antwort seitdem war der
moderne Islamismus. Eine soziologische Untersuchung die vor längerer
Zeit unter Anhängern des islamistischen Bewegung in Ägypten , die in
Form der "Muslimbruderschaft" in den 20er Jahren des vergangenen
Jahrhunderts ihren Anfang genommen hatte, durchgeführt wurde, hat
gezeigt, dass Studenten nicht-geisteswissenschaftlicher Fächer mit
ländlichem Hintergrund dort übermäßig repräsentiert waren. Die
fundamentalistische Strömung akzeptiert zwar westliche Technologie, ist
aber in Hinblick auf die geistigen Grundlagen, auf der sich diese
entwickelt hat, rückwärts auf die die glorifizierte Zeit des Propheten
im 7. Jahrhundert orientiert. Sie kann somit auch keine realistischen
ökonomischen Vorstellungen über den Kapitalismus hinaus entwickeln und
verfestigt die seit nunmehr über 500 Jahre gegebene Unterentwicklung des
"Hauses des Islams". Der religiöse Fundamentalismus ist für die Massen
wie für die Intellektuellen der islamischen Welt ebenso ein Fluch wie
der Imperialismus. Der Iran, das Land, das einen vorrangigen Beitrag zur
einstigen Blüte der islamischen Kultur geleistet hat, ist in Gestalt der
Islamischen Republik Iran dafür eines der traurigsten Beispiele.



Verwendete Literatur:

Burkhardt, T.: Die maurische Kultur in Spanien. München 1970

Davidson, N.: .: Asiatic, Tributary or Absolutist. International
Socialis (London) Nov.2004

(http://www.isj.org.uk/?id=20)

Davidson, N.: Islam and the Enlightenment. in: Socialist Review. London
3/2006

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Quelle: scharf-links, 24.12.10
http://www.scharf-links.de/45.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=13809&tx_ttnews[backPid]=56&cHash=61c222fdbb

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