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Sabine Ellersick <S.ELLERSICK ät NADESHDA.org>15. Sep 2011 19:07

"Isoliert in BAYER-World": Eine Leiharbeiterin berichtet


Stichwort BAYER berichtet seit 1982 über die Kehrseiten der BAYER-
Geschäftspolitik. Die Ausgabe 04/2011 erscheint im Oktober. Lesen Sie
hieraus bitte eine Vorab-Veröffentlichung zum Thema Leiharbeit.

Ein kostenloses Probeheft können Sie per eMail kostenlos anfordern.

Stichwort BAYER kann nur mit Hilfe bezahlter Abos fortbestehen. Ein
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Eine Leiharbeiterin berichtet:

Isoliert in BAYER-World



Ungefähr 650 Leiharbeiter/innen beschäftigt der Leverkusener Multi nach
eigenen Angaben. Ihr trauriges Los in der Pillen-Produktion beschrieb der
Journalist Markus Breitscheitel in seinem Buch "Arm durch Arbeit" (siehe
Stichwort BAYER 4/2008). Geändert hat sich seitdem nichts, wie ein
Erfahrungsbericht zeigt, den die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN
erhielt. von Melanie Suchart*



Mein Name ist Melanie, ich bin 25 Jahre alt und verlor in Deutschland
jegliche Hoffnung für Deutschland.

Im August 2010 kam ich zurück nach Berlin, zurück aus Australien. Ich
freute mich sehr, meine FreundInnen wiederzusehen, wieder nach Berlin zu
ziehen und zu leben.

Ich meldete mich arbeitssuchend, das Jobcenter in Neukölln gab mir eine
Adresse nach der anderen, überwiegend Leiharbeitsfirmen, und ich bewarb
mich fleißig. Im November wurde ich dann von JOBACTIVE (Anm. der
Redaktion: im Februar 2010 von BAYER verkaufte Zeitarbeitsfirma)
eingestellt. Mein Einsatzort war BAYER in Berlin, die Arbeit Verpackung
der Anti-Baby-Pille.

Schon beim Einstellungsgespräch warnte mich der Personalchef meiner
Abteilung vor den etwas ruppigen Arbeitskollegen: Ich bräuchte ein dickes
Fell. Na gut, was tut man nicht alles, wenn man keine Wahl hat, dachte
ich. Schon nach wenigen Tagen auf Arbeit fühlte ich die Unzufriedenheit
und Frustration meiner neuen KollegInnen. Es gab viele LeiharbeiterInnen
in meinem Bereich, man erkannte sie gut. Kein BAYER-Logo auf dem
mintgrünen Kittel wie es Festangestellte tragen dürfen. Die KollegInnen
ärgerten sich über die Lügen der Chef-Etage und waren niedergeschlagen
durch das Gefühl, jederzeit ersetzbar zu sein. Die Alteingesessenen
hingegen klagten über ständig wechselnde LeiharbeiterInnen, welche immer
und immer wieder neu angelernt werden müssen. Sie, die schon einige Jahre
auf dem Buckel hatten bei BAYER oder SCHERING hatten genug davon, alles
ständig neu erklären zu müssen; es bedeutete Stress für sie, mehr Arbeit
und auch mehr Fehlerquellen. Es war nicht ihre Absicht, das die
LeiharbeiterInnen spüren zu lassen, doch ich spürte es und alle
ZeitarbeiterInnen mit mir.

Teamgefühl kann sich nicht entwickeln unter der Belegschaft, neue Namen,
neue Gesichter am laufendem Band. Vielleicht ist dies nicht nur ein
Nebeneffekt, vielleicht ist es gewollt, dass KollegInnen nicht zu stark
zusammenwachsen. Jeder kämpft für sich, und der Gegner ist riesig und
unsichtbar. Aus Gesprächen am Frühstückstisch hörte ich, dass die
Krankenzahl enorm zunimmt und die 5 Prozent längst überschritten hat.
Dies ist nur ein weiteres Indiz für die Unzufriedenheit der
ArbeiterInnen.

Die Firmenleitung leierte mehr und mehr Projekte an. Man wurde gefilmt
bei der Arbeit, man hatte dann einen so genannten Schatten hinter sich,
der jeden Handgriff dokumentiert. Das alles im Namen der Optimierung.
Riesige Tafeln an jedem Arbeitsplatz sollten den MitarbeiterInnen die
Schwächen in Arbeitsabläufen nahe bringen und motivieren, noch schneller,
noch effizienter zu arbeiten. Was kosten diese Firmen, die ins Haus
geholt werden, um nach Optimierungspotential zu suchen? Warum immer mehr
Einsparungen und Outsourcing? Die Erklärungen der Chefetage sind schon
lange nicht mehr überzeugend, es sind Lügen, und ich frage mich, ob diese
Leute sich noch im Spiegel anschauen können.

Ich lavierte mich durch die miese Stimmung, ohne mich anstecken zu
lassen. Zweimal jedoch brach auch mein Wille, und Tränen füllten meine
Augen. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll, doch die Arbeit in
diesem Umfeld kratzte an meiner Psyche. Isoliert in BAYER-World, acht
Stunden pro Tag. Viel denken braucht man dort nicht, sollte man nicht, um
seine Seele zu schonen. Ich arbeitete mich fix ein und kam zurecht, ich
tat, was ich zu tun hatte, im Hinterkopf immer die Drohkulisse, dass mein
Vertrag nur bis Ende des Jahres geht.

Natürlich wurde ich verlängert. Man eröffnete es mir sage und schreibe
eine Woche, bevor der alte Vertrag auslief. Das sei normal, so liefe das
hier immer, wurde mir gesagt.

Ich blieb bis Ende Juni 2011. Viele, viele Ungerechtigkeiten konnte ich
erleben oder hörte darüber. Es gibt dort LeiharbeiterInnen, die schon
seit vier Jahren immer wieder neue Verträge bekommen. BAYER schiebt sie
von einem äProjektô in das nächste, um rechtlich sauber zu bleiben. Es
gab ein Sommerfest, alle waren eingeladen - außer die LeiharbeiterInnen.
Individuell angefertigte Ohrstöpsel zum Schutz vor dem Lärm bekamen sie
auch nicht, das blieb den Festangestellten vorbehalten.

Über die unterschiedliche Bezahlung von LeiharbeitInnen und
Festangestellten will ich nur eins sagen. Ich bin nicht der Meinung dass
neuen ArbeiterInnen die gleiche Entlohnung zusteht wie solchen, die schon
seit zehn Jahren im Betrieb sind, doch spielen andere Faktoren, wie z.B.
das höhere Risiko einer Arbeitslosigkeit eine Rolle, dies sollte in den
Tarifen Beachtung finden. Und LeiharbeiterInnen, die nach zwölf Monaten
alle Arbeiten so ausführen wie die Festen, sollten das Recht auf eine
Lohnerhöhung haben. Auch müssten sie denselben Urlaubsanspruch haben.

Ich hätte einen neuen Vertrag bekommen, doch ich wollte nicht mehr. Ich
gehe zurück nach Australien, denn in meinem Land läuft zu viel falsch.
*Name von der Redaktion geändert


Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG)
eMail CBGnetwork ät aol.com
Internet www.CBGnetwork.org
Twitter: twitter.com/BayerGefahren
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Beirat
Prof. Dr. Jürgen Rochlitz, Chemiker, ehem. MdB, Burgwald
Dr. Sigrid Müller, Pharmakologin, Bremen
Prof. Dr. Anton Schneider, Baubiologe, Neubeuern
Prof. Rainer Roth, Sozialwissenschaftler, Frankfurt/M.
Prof. Jürgen Junginger, Designer (i.R.), Krefeld
Dr. Erika Abczynski, Kinderärztin, Dormagen
Eva Bulling-Schröter, MdB, Berlin
Dr. Janis Schmelzer, Historiker, Berlin
Wolfram Esche, Rechtsanwalt, Köln
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