OECD-Bericht: Kluft zwischen Arm und Reich waechst
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Linkszeitung, 5.12.11
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OECD-Bericht
Kluft zwischen Arm und Reich wächst
Paris (LiZ). In den vergangenen zwei Jahrzehnten wuchs die Kluft zwischen
Arm und Reich in fast allen Industriestaaten - und besonders in
Deutschland. Dies belegt ein heute veröffentlichter OECD-Bericht.
Die Einkommenskluft zwischen Arm und Reich hat in den vergangenen beiden
Jahrzehnten laut den Zahlen der Organisation für Wirtschaftliche
Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) in fast allen Industriestaaten
vertieft. Einen Abbau der Einkommensunterschiede gab es nur in
Frankreich, der Türkei und Griechenland. In Frankreich ist dies dem
starken gewerkschaftlichen Widerstand gegen die neoliberale Politik von
Staatspräsident Nicolas Sarkozy und den pseudo-sozialistischen Vorgänger-
Regierungen zu verdanken. In der Türkei und Griechenland waren die
Einkommensunterschiede zwischen Arm und Reich zuvor allerdings im
internationalen Vergleich besonders groß.
In Deutschland wuchs die Einkommenskluft zwischen Arm und Reich in den
vergangenen zwei Jahrzehnten deutlich stärker als in den meisten anderen
Industrienationen. Besonders trug hierzu die neoliberale Politik von
"Rot-Grün" in der Regierungszeit von Bundeskanzler Gerhard Schröder und
Außenminister Joseph Fischer zwischen 1998 und 2005 unter dem Etikett
"Agenda 2010" bei.
Laut den Zahlen der OECD verdienten die zehn Prozent der Deutschen mit
den höchsten Einkommen 2008 etwa achtmal so viel wie die untersten zehn
Prozent. In absoluten Zahlen: Die Nettobezüge der oberen zehn Prozent
beliefen sich auf durchschnittlich 57.300 Euro im Jahr, die der
Geringverdiener hingegen auf nur 7.400 Euro (ohne staatliche
Hilfsleistungen). Anfang der 1990er-Jahre hatte das Verhältnis noch bei
sechs zu eins gelegen.
Ebenfalls an den OECD-Zahlen läßt sich ablesen, daß vor allem die
Entwicklung der Löhne und Gehälter für die "Spreizung" sorgte. Die
sogenannte Lohnschere zwischen den Spitzeneinkommen und den untersten
zehn Prozent der Vollzeit-Arbeitenden hat sich in den vergangenen 15
Jahren um rund 20 Prozent erweitert. Dies steht in engem Zusammenhang mit
dem starken Zuwachs von Teilzeitarbeit und befristeten Verträgen. Die
Zahl der TeilzeitarbeiterInnen stieg in Deutschland seit Mitte der
1980er-Jahre von knapp drei auf mehr als acht Millionen.
Laut OECD-Bericht sind die verfügbaren Haushalts-Einkommen in Deutschland
in den beiden vergangenen Jahrzehnten bis 2007 im Schnitt um 0,9 Prozent
jährlich gestiegen. Davon profitierten vor allem die GutverdienerInnen,
deren Einkommen im Schnitt um 1,6 Prozent stieg - während die
NiedriglöhnerInnen nur einen Zuwachs von 0,1 Prozent verzeichneten und
damit unter Berücksichtigung der Inflationsrate Einbußen zu verzeichnen
hatten. In den vergangenen beiden Jahrzehnten sanken die Löhne und
Gehälter trotz Lohnsteigerungen real erheblich, da die die
gewerkschaftlich erkämpften Lohnsteigerungen immer unter der
Inflationsrate blieben. In den vergangenen fünf Jahren ist sogar das
reale Einkommen eines mittleren Angestellten bei Berücksichtigung der
Inflation um rund sieben Prozent gesunken. (Siehe hierzu unseren Artikel
vom 5.11.11)
Offenbar geht der soziale Abwärtstrend in den Industrienationen auch mit
einer zunehmenden Vereinzelung einher. Es gibt mehr Alleinerzieher- und
Single-Haushalte mit entsprechend niedrigem Einkommen. Zugleich belegt
die OECD-Studie, daß immer weniger Menschen aus verschiedenen Schichten
heiraten. In der OECD-Studie heißt es hierzu sarkastisch, das Modell
"Chefarzt heiratet Krankenschwester" sei auf dem Rückzug.
Daß die soziale Durchmischung der Gesellschaft, die in Deutschland
besonders mit der Bildungsreform der frühen 1960er-Jahre in Gang gekommen
war, stark rückläufig ist, ist seit langem durch Zahlen belegt. Nicht
zufällig liegt Deutschland bei den Bildungsausgaben deutlich unter dem
OECD-Durchschnitt. 40 Prozent eines Jahrgangs - so die politische Vorgabe
- sollen für die höchste Sprosse deutscher Ausbildung - das
Universitätsstudium - ausgesiebt werden. Doch heute ist die Situation in
Deutschland so, daß von 100 Kindern mit Akademiker-Vater 83 durchs Sieb
rutschen, während nur 23 Kinder aus Nicht-Akademiker-Familien zu den
Auserwählten zählen. Noch deutlicher wird die soziale Auslese, wenn
Beamten-Kinder mit Arbeiter-Kindern verglichen werden: Ihre Chance auf
ein Universitätsstudium ist fünfeinhalb mal so hoch wie die von
Arbeiterkindern.
Im Resümee warnt der OECD-Bericht, die zunehmende Ungleichheit schwäche
nicht nur die Wirtschaftskraft, sondern "gefährdet den sozialen
Zusammenhalt und schafft politische Instabilität." Wichtigstes Mittel zum
Abbau von Einkommensunterschieden sei eine Steigerung der Investitionen
in Bildung und Weiterbildung.