Fw: [WOZ] Neues kubanisches Arbeitsgesetz soll Produktivitaet und Arbeitsmoral erhoehen
http://www.woz.ch/artikel/inhalt/2007/nr29/International/15211.html
Kuba
In der magischen Ökonomie
Von Geri Krebs, Havanna
Den Alltag der Menschen bestimmt die Mangelwirtschaft. Eindrücke vom
Überleben auf Kuba in einer Zeit der Stagnation.
Eigentlich müsste sich Fidel Castro längst wieder einmal in der
Öffentlichkeit zeigen. Am 31. Juli ist es ein Jahr her, dass er die
Regierungsgeschäfte vor-übergehend an seinen Bruder Raúl abgegeben hat, und
bereits seit Monaten ist Fidel wieder im politischen Leben aktiv, schreibt
regelmässig Zeitungs-kolumnen oder empfängt ausländischen Staats-besuch.
Noch zieht er es jedoch vor, die Fäden im Hintergrund zu ziehen, zum
Beispiel mit einem neuen Arbeitsgesetz, das mit den Resolutionen 187 und 188
am Kongress des kubanischen Gewerkschaftsdachverbandes CTC Ende 2006
verabschiedet wurde.
Bei Verstoss weniger Lohn
Eigentlich sollten diese Resolutionen seit Anfang 2007 gelten, doch dann
ver-schob man das Inkrafttreten auf April. Sie beinhalten eine ganze Reihe
-einschneidender Massnahmen für die Beschäftigten mit dem Zweck, die
Arbeitsdisziplin und damit die Produktivität zu erhöhen. So werden
beispielsweise Abwesenheit vom Arbeitsplatz, -Zuspätkommen sowie Nutzung von
Computern für private E-Mails als schwerer Verstoss gegen die
Arbeitsdisziplin mit Lohnreduktion geahndet, und im Wiederholungsfall wird
mit -Entlassung gedroht. Ausserdem wird der Samstag wieder ein voller
Arbeitstag.
Das neue Arbeitsgesetz wirkt inzwischen auf allen Ebenen, etwa in einem
grossen Spital in Havanna. -Nächs-te Woche habe sie eines der seltenen
Treffen mit ihrem Chef im Spital, sagt -Isabel Rodríguez*: «Er will von mir
Rechenschaft über die jüngsten Abgänge in meiner Abteilung. Ich bin sicher,
er wird mir bei dieser Gelegenheit Aufstachelung zu konterrevolutionärem
Verhalten vorwerfen.» Isabel ist eine selbstbewusste Frau in den
Fünf-zigern, Mutter eines erwachsenen Sohnes und geschieden. Seit fast
zwanzig Jahren arbeitet sie im Spital in der Medikamentenausgabe. Ihr Lohn
ist nicht der Rede wert, auch wenn er in den letzten drei Jahren zweimal
erhöht wurde, von umgerechnet neun Dollar erst auf zwölf und dann auf
vierzehn Dollar im Monat.
Doch Isabel Rodríguez beklagt sich nicht. Sie kommt knapp über die Runden,
dank einer Tante in den USA und eines Bruders in Spanien. Solche
Familiengeschichten und Familiensolidarität sind kubanischer Alltag.
Rodríguez ist nicht besonders oppositionell gegenüber dem kubanischen System
eingestellt. Sie hat sich immer irgendwie arrangiert. Klar schimpft sie
gerne über alles, man kann mit ihr herrlich lachen über den ganzen real
existierenden Surrealismus im Land. Sie ist immer auf dem Laufenden über
neueste Gerüchte und Politklatsch, doch politisch fest-legen will sie sich
nicht. «Das hier ist alles viel, viel komplizierter als ihr Europäer euch
das vorstellt», ist einer ihrer Lieblingssätze, wenn die Diskussion dar-um
geht, ob dieses seltsame System in Kuba am Ende ist.
Doch derzeit macht sich Isabel Rodríguez zum ersten Mal wirklich Sorgen.
«Glauben die im Ernst, mit solchen Massnahmen eine Verbesserung der
Arbeitsleistungen zu erreichen?», fragt sie und erzählt, dass seit Anfang
April zehn Angestellte in ihrer Abteilung die Kündigung eingereicht hätten.
Das entspricht rund einem Drittel der Belegschaft. Als Leiterin ist
Rodríguez auch für das Personal verantwortlich, und daher tragen Gesuche um
Entlassung aus dem Arbeitsverhältnis ihre Unterschrift. «Wahrscheinlich
haben meine Vorgesetzten wirklich geglaubt, ich würde jemanden daran
hindern, seine Kündigung einzureichen», sagt sie und fügt fast trotzig
hinzu, dass sie volles Verständnis für diese Leute habe.
Ausserdem gebe es in Kuba keinen Arbeitszwang mehr, sagt Rodríguez. Einen
solchen hatte es in den siebziger Jahren mit einem «Gesetz gegen den
Müssiggang» gegeben, mit verheerenden Auswirkungen und Begleiterscheinungen
wie etwa Arbeitslagern für Homosexuelle und langhaarige Jugendliche. Es war
eine Zeit, von der selbst ExponentInnen der obersten Führung heute
öffentlich erklären, sie sei schlimm gewesen und es seien damals
fürchterliche Irrtümer begangen worden, die sich nie wieder ereignen
dürften.
Groteske Regeln
Auch dieses Jahr gehört -Kuba zu den Ländern mit der höchsten
Lebens-erwartung. Sie beträgt 77 Jahre, -meldete die Parteizeitung «Granma»
Anfang Mai. Einige Tage später -konnte sie mit der Meldung von einer
Säuglingssterblichkeit nahe bei null erneut auftrumpfen und einmal mehr die
Überlegenheit des kubanischen Gesundheitswesens darstellen. «Ich weiss
nicht, wie sie das aufrechterhalten wollen, wenn ihnen weiterhin die Leute
davonlaufen», kommentiert Isabel Rodríguez solche Erfolgsbilanzen. Der Grund
für ihre Besorgnis und tiefe Skepsis liegt in den neuen Normen und
Bestimmungen der Resolutionen 187 und 188.
Regeln, die in einem wohl funktionierenden Staat als üblich gelten mögen,
wirken in der kubanischen Überlebenswirtschaft grotesk: Wie kann angesichts
der Misere im öffentlichen Transportwesen Pünktlichkeit verlangt werden? Wie
können Angestellte angesichts des Verbots von privatem Internetzugang der
Versuchung widerstehen, den Computer am Arbeitsplatz nicht auch für den
eigenen E-Mail-Verkehr zu verwenden?
Vier Märkte
Der Journalist und WOZ-Autor Rei-naldo Escobar beschrieb Anfang dieses
Jahres in der Internetzeitschrift «Consenso» (www.desdecuba.org) detailliert
die magische Ökonomie einer fünfköpfigen kubanischen Durchschnittsfamilie:
Die zwei berufstätigen Erwachsenen, ein Pensionär und zwei Kinder im
schulpflichtigen Alter kommen zusammen auf ein monatliches Einkommen von
siebzig Dollar. Dieses wird nur dank sporadischer Geldüberweisungen einer
Tante im Ausland erreicht, und auch so gibt die Familie mehr aus, als sie
verdient. Das Geheimnis: In Kuba gibt es vier verschiedene Märkte (siehe
Kasten). Der Vater ist Tontechniker, kopiert an seinem Arbeitsplatz in einer
Radiostation heimlich CDs und verkauft sie; die Mutter arbeitet als
Controllerin in einer grossen Baubrigade und betreibt nebenher einen Handel
mit abgezweigtem Baumaterial.
Die Zeitung «Consenso» ist illegal wie fast alles Kritische in Kuba. Dennoch
erscheint sie seit Ende 2004 etwa alle zwei Monate und ist eine der seltenen
Publikationen im Internet, in der fast ausschliesslich Leute schreiben, die
in Kuba leben. Trotz Opposition zum Sys-tem herrscht bei «Consenso» aber
kein plumper Agitprop aus dem Exil vor. Vielmehr sind Pluralität, Toleranz
und Meinungsvielfalt hier keine leeren Worte.
Eine neue Sowjetunion
«Wie viele Formen des Diebstahls gibt es in diesem Land?», fragte Fidel
Castro letztes Jahr den Journalisten und Direktor von «Le Monde
diplomatique» Ignacio Ramonet im Rahmen der Gespräche für dessen Buch «100
Stunden mit Fidel». Mit dem rhetorischen Schlenker bezog sich der Comandante
auf seine Rede vom 17. November 2005 an der Universität von Havanna, wo er
sich ein letztes Mal noch richtig programmatisch zeigte und einen
gnadenlosen Kampf gegen Korruption und «soziale Disziplinlosigkeit»
ankündig-te. «Wir entdeckten beispielsweise, dass ein Paladar (privates
Restaurant, Anm. des Autors) monatlich 11 000 Kilowatt Strom verbrauchte,
und unser idiotischer Staat subventionierte den Besitzer des Ladens auch
noch», ereifert sich Castro gegenüber Ramonet, um dann seine Verachtung für
die Privatinitiative kundzutun: «Und das gefällt den Bourgeois ja so:
Besucher an einen solchen Ort zu bringen, wo sie Crevetten und Langusten als
Wunder des privaten Unternehmertums verspeisen können.»
Noch in den neunziger Jahren wurde der ökonomische Kurs der kubanischen
Regierung von einer zaghaften Öffnung hin zu geduldeter Privatinitiative
bestimmt. Doch spätestens seit 2003 würgt sie unter dem Begriff
«Rezentralisierung der sozialistischen Ökonomie» die kleinen legalen
Freiräume der Wirtschaft ab. Möglich wurde dies vor allem dadurch, dass mit
den seit 2002 stetig erhöhten Subventionen von Venezuela für Kuba wieder
etwas wie eine «neue Sowjetunion» auf den Plan getreten ist. Für die letzten
zwei Jahre hat die offizielle kubanische Statistik denn auch fantastische
Zahlen des Wirtschaftswachstums von elf beziehungsweise zwölf Prozent
bekanntgegeben. Doch sind die Zahlen zu dieser Entwicklung mit Vorsicht zu
geniessen. Laut der offiziellen Nachrichtenagentur Prensa Latina sind die
Einnahmen aus dem Tourismus in den ersten beiden Monaten dieses Jahres
gegenüber der gleichen Vorjahresperiode um sieben Prozent im Januar
respektive dreizehn Prozent im -Februar eingebrochen. Der Fremdenverkehr ist
die zweitwichtigste -Einnahmequelle Kubas nach den Überweisungen der über
zwei Millionen KubanerInnen im Ausland an ihre Familien.
Pragmatismus statt Kampf
«Jedes Mal, wenn ich mit meinen Eltern telefoniere, jammern sie, wie hart es
ist für sie, dass sie mich höchstens noch einmal pro Jahr sehen», sagt Juana
Gonzáles*, eine Softwarespezialistin, die vor drei Jahren nach einem
Fortbildungskurs in Spanien geblieben ist. Durch die Heirat mit einem
Spanier hat sie vor kurzem ihren Status gegenüber der spanischen und
kubanischen Bürokratie so weit legalisiert, dass sie regelmässig für Besuche
nach Kuba reisen kann. «Doch wenn meine Eltern ehrlich sind, müssen sie
gestehen, dass sie noch nie so ruhig gelebt haben wie heute», sagt sie.
Gonzáles schickt ihnen jeden Monat etwas Geld, und auch ihr Cousin, der vor
einem Jahr eine Mexikanerin geheiratet hat, unterstützt ihre Eltern. Mit
umgerechnet zwölf Dollar monatlicher Rente für zwei Personen wussten sie
früher oft nicht, wie sie am nächsten Tag etwas zu essen bekommen sollten.
Juana Gonzáles, die früher nie aus Kuba weg, sondern dort für Veränderungen
kämpfen wollte, ist pragmatisch geworden. «Irgendwann im Leben habe ich
einfach noch etwas anderes gewollt als diese ewige Mangelwirtschaft in einem
System, das die Leute behandelt, als ob sie kleine Kinder oder geis-tig
Behinderte wären.» Sie gibt auch unumwunden zu, dass sie mit ihrem
spanischen Ehemann sicher nicht alt werden wolle. Biografien wie jene von
Gonzáles gibt es viele. Doch im Unterschied zu anderen armen Ländern sind
die Emigrationshürden in Kuba höher, weil der Staat sich auch den Entscheid
dar-über vorbehält, wer ausreisen darf und wer nicht.
*Name geändert
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Die vier Märkte der Ökonomie
Die omnipräsente Mangelwirtschaft hat dazu geführt, dass sich in Kuba vier
verschiedene Marktformen entwickelt haben. Den rationierten staatlichen
Markt mit stark subventionierten Preisen, danach die Bäuer-Innenmärkte mit
staatlich kontrollierten Preisen, weiter die Super-märk-te, in denen Waren
nur mit ausländischen Devisen und zu staatlich festgelegten, sehr hohen
Preisen gekauft werden können - und schliesslich den Schwarzmarkt, auf dem
«abgezweigte» Waren von einem der drei legalen Märkte feil-geboten werden.
Hier liegen die Preise zwischen jenen des Staats- und der Bäuer-Innenmärkte.
WOZ vom 19.07.2007
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"Der kleine Dienstag aber wich nicht vom Apparat."
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