Markus Mauthe / Wildview: Zwischen Gestern und Morgen 01.01.2012
Wildview
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Zwischen Gestern und Morgen 01.01.2012
Posted: 11 Jan 2012 03:03 PM PST
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Auf meine innere Uhr ist Verlass. Zwei Minuten bevor der Wecker l|ñutet,
erwache ich aus einem unruhigen Schlaf. Ich liege in meinem Zelt am Fu|ƒe
eines gro|ƒen D|+nenkamms, den die Winde hier am Rande des |ñgyptischen
Sandmeeres aufget|+rmt haben. Es ist der erste Morgen im neuen Jahr und
recht schnell erfasse ich im Geiste die Situation des gestrigen Sylvesters.
Mit einem einheimischen Fahrer bin ich am Vortag von der ca. 50 km
entfernten Oase Siwa gestartet, um die Sch|Ânheit der W|+ste zu
fotografieren. Kaum liegt der Schutz der Palmeng|ñrten hinter uns, ist klar,
dass sich etwas ver|ñndert hat. Die Luft ist angereichert mit br|ñunlichem
Dunst. Weder die Felsenberge im Norden noch die Erhebungen der Sandd|+nen im
S|+den, jenseits des gro|ƒen Salzsees, sind deutlich zu erkennen. Ein starker
Wind fegt |+ber das Land. Elemente bei der Arbeit. Sand und Erde werden im
endlosen Ablauf der Ver|ñnderung irgendwo abgetragen, um an anderer Stelle
wieder neu geformt zu werden.
Ich habe einige M|+he, meinen einheimischen Fahrer und F|+hrer Achmed davon
zu |+berzeugen, nicht auf der Stelle wieder umzukehren. Touristenwetter ist
das nicht. Umso mehr eine Gelegenheit f|+r einen Naturfotografen, vielleicht
an Fotos zu kommen die zumindest nicht gerade allt|ñglich sind. Als wir die
Hauptstra|ƒe verlassen, entl|ñsst Achmed Luft aus seinen Reifen, um besser im
Sand fahren zu k|Ânnen. Ich schalte mein GPS Ger|ñt ein, um gegebenenfalls
auf dessen Hilfe zur|+ckgreifen zu k|Ânnen. Weit m|+ssen wir nicht fahren.
Schon der erste D|+nenkamm ist makellos in Form und Eleganz. Dazu liegt
gleich nebenan ein Tafelberg, der in seiner H|Âhe die D|+nen noch |+berragt
und mir wunderbare Ausblicke auf die Endlosigkeit der Landschaft
verspricht zumindest bei guter Sicht. Ich bitte Achmed, das Auto
fr|+hzeitig zu parken um Fehler des Vortrages zu vermeiden. Eine Spur im
Sand wird zwar innerhalb kurzer Zeit vom Wind wieder entfernt, kann aber,
im unmittelbaren Zeitraum der Fototour, unsch|Âne Folgen haben. Gestern
hatte ich feststellen m|+ssen, das wir mit dem Auto genau im Winkel zum
besten Licht durch ein Spitzenmotiv gefahren sind. Das war |ñrgerlich. Ich
ziehe mir meine Kapuze |+ber den Kopf und setze zum Schutz vor dem umher
fliegenden Sand eine Sonnenbrille auf. Es folgt ein erster Erkundungsgang
ohne schwere Kameratasche.
Der Wind ist wirklich sehr stark. Tonnen von kleinen Sandk|Ârnern werden
|+ber die Kanten der D|+nen gejagt und bilden im Gegenlicht bizarre Anblicke.
|£berall fegen Schleier |+ber die Erde. Es sieht aus, wie in einem surrealen
Gem|ñlde. Die W|+ste ist in Aufruhr.
Zum Abend bringe ich dann meine Kamera an die Stellen, die mir als am
viel-versprechensten erscheinen. Die Arbeit ist nicht einfach, das Stativ
nur bedingt tauglich. Der Wind hat an den drei ausgefahrenen Beinen
gen|+gend Reibungsfl|ñche um die Entstehung eines guten Fotos zu sabotieren.
Nur meine eigene Person als Windschutz und m|Âglichst kurze
Belichtungszeiten versprechen in solch einer Situation eine scharfe
Abbildung. Viele Bilder die ich in meinem geistigen Auge habe machen wollen
gelingen nicht. Daf|+r aber andere, die ich so nicht erwartet habe. Auf
jeden Fall ist der starke Wind ein Erlebnis (Sturm darf ich nicht
schreiben, denn ich habe mir sagen lassen, das ein richtiger Sandsturm
nochmals eine ganz andere Nummer ist, bei dem das Bildermachen dann
g|ñnzlich unm|Âglich sei.) Der Blick vom Tafelberg f|ñllt |+ber die D|+nen,
deren Enden sich Richtung Horizont mit dem Lila der materialisierten
Luftschichten vermischen. Selten haben sich Fotografie und Gem|ñlde so
angen|ñhert, wie in den Pastellfarben dieses Szenarios.
Als ich dann nach einem von Achmed in seinem Jeep gekochten Abendessen in
mein Zelt steige, endet schon nach kurzer Zeit ein herrlicher
Silvesterabend f|+r mich. Ohne d|ñmliches Geballer und betrunkenem Unsinn
unlustiger Leute die dort Drau|ƒen |+berall auf der Erde ruml|ñrmen. In meiner
von B|Âen umwehten Schutzzelle gleite ich relativ schnell in einen
D|ñmmerzustand. In Gedanken hoffe ich auf ein Abflauen des Windes am
n|ñchsten Morgen, wenn zarte Nuancen fantasievoller Farben einen neuen Tag
ank|+ndigen.
Es ist tats|ñchlich fast windstill als ich den Reisverschluss des Zeltes
|Âffne und |+ber mir die Sterne blinken sehe. Der Mond ist l|ñngst
untergegangen und das noch in der Zukunft liegende Tageslicht l|ñsst die
Unendlichkeit des Universums trotz Staub in der Luft |+ber mir sichtbar
werden. Es ist empfindlich kalt, nur wenige Grad |+ber dem Gefrierpunkt.
Eingepackt in alle Kleidungsst|+cke, die ich dabei habe, laufe ich mit Hilfe
der Stirnlampe die Schattenseite des D|+nenkamms nach oben. Ich m|Âchte zum
beginnenden Spektakel des Farbenwechsels am h|Âchsten Punkt der Wellen
stehen. Fast eine Stunde dauert es vom ersten Hauch einer Ver|ñnderung bis
dann schlie|ƒlich die Sonne |+ber dem Horizont milchig zwischen dem Dunst
erscheint. Eine Stunde voller Zauber und Sch|Ânheit. Die D|+nen wechseln
st|ñndig Ihr Gewand.
Erst eingeh|+llt in tiefes, noch nachttrunkenes Violett, schmeichelt ihnen
etwas sp|ñter ein zartes Orange w|ñhrend des Morgengrauens. Die ersten
Sonnenstrahlen adeln das Land f|+r kurze Augenblicke mit kr|ñftigem Gold. Die
Magie erlischt schon kurze Zeit sp|ñter. Die pure Kraft der Sonne l|ñsst
zarten T|Ânen keine Chance. Der Tag ist da, in aller Deutlichkeit.
Die Oase Siwa ist ein geschichtstr|ñchtiger Ort und gilt bis heute als eine
der sch|Ânsten Lebensquellen im ansonsten so kargen Umfeld der gro|ƒen W|+ste.
Siwa liegt innerhalb einer Depression, durchschnittlich 18 Meter unter dem
Meeresspiegel. Gesegnet ist sie mit ausreichend Grundwasser welches die
300.000 Dattelpalmen und 70.000 Olivenb|ñumen am Leben h|ñlt.
Kamen fr|+her die Karawanen hier an, so sind es heute Touristen wie ich, die
das Klischee vom idyllischem Paradies inmitten unwirklicher |ûdnis erkunden
wollen. Geschult durch die Karl May B|+cher meiner Jugend habe ich nat|+rlich
klare Vorstellungen wie das Leben hier funktioniert und welche Fotos von
einer in Eintracht und Harmonie mit der Natur lebenden Kultur mich hier
erwarten. Es sind tats|ñchlich nur wenige Jahre die ich zu sp|ñt komme, um
mir diese Klischees zu erf|+llen. An allen Ecken der Oase lassen alte Ruinen
aus Lehm die Vergangenheit zumindest erahnen. Besonders beeindruckend ist
die Altstadt ÔÇ×SchaliÔÇ£, deren verschachtelte, mehrst|Âckige Lehmh|+tten, an
einen kleinen Berg gebaut, eine beeindruckende Kulisse abgeben.
Dummerweise regnete es hier vor ca. 100 Jahren ein einziges Mal |+ber einen
Zeitraum von drei Tagen. Die H|ñuser konnten den Wassermassen nicht
standhalten und wurden bis heute nicht mehr aufgebaut. Aus |ñsthetischer
Sicht ist das wirklich Schade, denn die Lehmh|ñuser sind |ñu|ƒert fotogen, was
man von den modernen unverputzten Backsteinbauten leider nicht behaupten
kann.
Wenn man einem |ñhnlichen Weltbild wie ich folgt, l|ñsst sich die ganze
Misere unserer globalisierten Welt auf die kleine Oase Siwa hinunter
brechen. Bis Ende der siebziger Jahre lebten etwa 6000 Menschen, vorwiegend
Berber, v|Âllig autark und unabh|ñngig in der Oase. Diese haben ihre eigene
Sprache und Kultur und sind nicht zu verwechseln mit den Nilbauern, den
eigentlichen ÔÇ×|aegypternÔÇ£. Ihre G|ñrten halten sie am Leben, ihr Glauben gibt
ihnen Sinn, und zum Transport innerhalb der Oasenfl|ñche reichen Eselskarren
v|Âllig aus. Die Moderne begann in den achtziger Jahren als die Stra|ƒe die
Oase erreichte. Inzwischen leben fast 30.000 Menschen hier und der zentrale
Platz ist vom L|ñrmpegel kaum noch von anderen St|ñdten zu unterscheiden.
|£berhall hupt und dr|Âhnt es. Trucks, Gel|ñndewagen, Eselskarren und
Motorr|ñder blockieren sich nicht selten selbst, ein System ist nicht zu
erkennen.
Manch einer der Einheimischen ist mit der Neuzeit wohlhabend geworden.
Achmed, mein Fahrer, geh|Ârt klar zu den Gewinnern. Als Sohn eines Clanchefs
hatte er die M|Âglichkeit, mit zwei Jeeps ein Gesch|ñft mit Besuchern wie mir
zu beginnen. Begeistert erz|ñhlt er von seinem liebsten Hobby, der
Falkenjagd. Damit lasse sich ein Verm|Âgen verdienen, wenn es gelingt die
Tiere an die Scheichs von Katar oder Saudi Arabien zu verkaufen. Wie viele
Falken es wohl innerhalb eines so limitierten Lebensraumes in Freiheit
geben mag? Oft sto|ƒe ich-á mit meinen Gedanken an vermeintliche Grenzen.
Besonders beim Thema M|+ll liegen die Probleme offen f|+r alle sichtbar auf
der Stra|ƒe. Plastikabfall allerorten. Die moderne Welt bringt Ladungen
Chipst|+ten und Keksdosen in die Stadt. Wenn man einen Blick in die kleinen
L|ñden wirft, welche Produkte von au|ƒen verkaufen, k|Ânnte man tats|ñchlich
denken, diese w|ñre die Hauptnahrungsquelle der Siwaner. Besonders
dramatisch ist der Konsum von Wasserflaschen, welche aber haupts|ñchlich von
uns Touristen getrunken werden. Unglaubliche Mengen an Plastikflaschen und
T|+ten werden konsumiert. Diejenigen die nicht in den Flammen der
Verbrennungsst|ñtte vergehen, fliegen |+ber staubige Pl|ñtze, durch enge
Gassen und weite offene Felder. Jeder wei|ƒ wie lange eine Plastikt|+te
existiert. Endlos lange h|ñngen sie |+ber viele Kilometer verteilt an kargen
Str|ñuchern bis sie vielleicht irgendwann von der tr|ñgen Masse einer
Sandd|+ne verschluckt werden. Es ist eine traurige Entwicklung. Was hat der
Fortschritt, das moderne Leben den Menschen gebracht? Wer hier unsere
Vorstellung von Lebensqualit|ñt, welche ja leider meist auf materiellem
Reichtum basiert, mit den Menschen in der Oase vergleicht, vergleicht |aepfel
mit Birnen. Klar, viele der H|ñuser haben heute Sattelitensch|+sseln auf dem
Dach, und die zahlreichen Motorr|ñder sind sicherlich der Stolz und
Statussymbol manch einer der jungen M|ñnner. Ein Gro|ƒteil der Menschen ist
aber auch heute noch arm. Die Frauen sind komplett verschleiert und im
Stra|ƒenbild kaum zu sehen. Auch heute noch fahren die Menschen jeden Tag zu
ihren G|ñrten, um |+berleben zu k|Ânnen. Der Unterschied zu fr|+her ist, das es
heute mit dem motorisierten Untersatz schneller geht als mit dem Esel, sie
aber deswegen mehr produzieren m|+ssen um das dabei verwendete Benzin
finanzieren zu k|Ânnen. In einer Welt mit limitierten Ressourcen f|+hrt zu
gro|ƒer und schneller Wachstum zum Zusammenbruch. Noch gibt es keinen
Mangel, aber die Probleme sind offensichtlich.
Wer sich |+brigens wundert, wieso bei den momentan abgehaltenen Wahlen in
|aegypten die religi|Âsen Parteien die Mehrheit errungen haben, muss nur einen
Blick in die Fl|ñche des Landes werfen. Am Tag meiner Abreise aus Siwa waren
dort Wahlen. Angetreten sind nur die Moslembr|+der und die als ÔÇ×extremerÔÇ£
geltenden Salaviten. Sie sind gut organisiert und pr|ñgen mit ihren
Botschaften das Leben der Leute, besonders au|ƒerhalb der Metropolen.
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