BASF, Bayer, Monsanto: Menschenrechts-Tribunal verurteilt Pestizidhersteller
BASF, Bayer, Dow, Monsanto, DuPont, Syngenta:
Menschenrechts-Tribunal verurteilt die sechs größten Pestizidhersteller
In der vergangenen Woche fand im indischen Bangalore das Permanent
Peoples' Tribunal (PPT) zu Vergiftungen durch Pestizide statt. Mehr als
200 Betroffene und Umweltschützer aus aller Welt präsentierten dem
Tribunal Fälle von Umweltzerstörung und schwersten Gesundheitsschäden.
Das PPT begann am 27. Jahrestag der Bhopal-Katastrophe, die durch eine
Explosion in einer Pestizidfabrik des Konzerns Union Carbide (heute Dow
Chemicals) verursacht wurde.
Die Coordination gegen BAYER-Gefahren war zu den 4-tägigen Anhörungen
eingeladen worden, um den Fall der weltweiten Bienensterben durch
sogenannte Neonicotinoide zu dokumentieren. Der BAYER-Konzern ist
Weltmarktführer für diese Art von Insektiziden, die in vielen Ländern
wegen Risiken für Bienen nicht mehr frei verkauft werden dürfen - so auch
in Deutschland, wo im Jahr 2008 ein flächendeckendes Bienensterben durch
den Einsatz des BAYER-Pestizids Clothianidin verursacht wurde.
Die Jury verurteilte in ihrer Abschlusserklärung die sechs Unternehmen,
die den Weltmarkt für Pestizide und Saatgut dominieren, wegen schwerster
Umwelt-und Gesundheitsschäden. Anbei finden Sie hierzu zwei aktuelle
Artikel sowie Fotos vom Tribunal. Weitere Artikel indischer und
britischer Zeitungen sowie Hintergrundinformationen unter:
www.cbgnetwork.org/4162.html
M.N. Venkatachaliah, der ehemalige Chief Justice of India, eröffnete das
Tribunal
die Mutter von Silvino Talavera, der im Alter von elf Jahren nach einer
Vergiftung durch das Monsanto-Herbizid Glyphosat verstarb, spricht zu den
Mitgliedern des Tribunals
Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren zu den Risiken
von Pestiziden für Bienen und Wildinsekten
Sarojeni Rengam, Vorsitzende des Pestizid Aktions-Netzwerks in Asien,
stellt die behandelten Fälle vor
Chemieriesen auf der Anklagebank
Die weltweit größten sechs Agrarchemie-Konzerne verletzen Menschenrechte.
Das ergab jetzt ein Urteilsspruch des Permanent PeopleÆs Tribunal. Auch
der Internationale Währungsfond, die Weltbank und die
Welthandelsorganisation machten sich durch ihre Politik mitschuldig.
Greenpeace Magazin,13. Dezember -- Monsanto, Syngenta, Bayer, Dow
Chemical, DuPont und BASF verstoßen schwerwiegend, weitreichend und
systematisch gegen Menschenrechte. Die Anklagepunkte betreffen die
Verletzung von Gesundheit und Leben der Betroffenen, sowie die
Missachtung der Rechte von Frauen, Kindern und indigenen Völkern.
Die 274 Seiten umfassende Anklageschrift wurde im Namen der Opfer aus
Afrika, Asien, Europa, Lateinamerika und Nordamerika durch das
internationale Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN) eingereicht. Es will den
Opfern eine Stimme geben, die alleine machtlos gegen die Chemieriesen
sind. Das Permanent PeopleÆs Tribunal verhandelte darüber an vier Tagen,
bevor es seinen Urteilsspruch verkündete. Das internationale und
unabhängige Tribunal ist mit 10 Richtern und 50 Experten aus aller Welt
besetzt. Die Beschlüsse werden dem Generalsekretär der Vereinten Nationen
sowie nationalen und internationalen Institutionen vorgelegt.
Die Heimatländer der verurteilten multinationalen Konzerne sind neben
Deutschland die Schweiz und die USA. Sie wurden von der Jury kritisiert,
die Menschenrechte nicht zu fördern und zu schützen. Der Internationale
Währungsfond und die Weltbank haben der Jury zufolge im Rahmen ihrer
Vergabepraxis die Einhaltung der Menschenrechte nicht ausreichend
berücksichtigt. Die Welthandelsorganisation wurde schuldig gesprochen,
eine unausgewogene Politik zu betreiben, indem sie das Recht auf
geistiges Eigentum der Konzerne stärker betone als den Schutz vor
Langzeitgefahren, die die Unternehmen selbst verursachen.
Giftmischer-Multis vor Gericht
Basso-Tribunal im indischen Bangalore prangert katastrophale Folgen des
Pestizid-Einsatzes an
Im indischen Bangalore hat das »Permanente Tribunal der Völker« am 6.
Dezember die Multis der Agrochemie verurteilt: Ihre Produktion von
Umweltgiften gefährde die Gesundheit, die Biodiversität, das Wasser, die
Luft, die Böden. Die Produktion von Pestiziden müsse sofort gestoppt
werden.
Neues Deutschland, 14. Dezember -- Es ist eine schockierende Warnung, die
der britische Imker Graham White im indischen Bangalore aussprach: Wenn
wir es zulassen, dass die Weltmarktführer der Pestizidproduktion, nämlich
Monsanto, Dow und DuPont aus den USA, Syngenta aus der Schweiz oder Bayer
und BASF aus Deutschland wie bisher ihre Giftbrühe auf den Feldern
versprühen, ist das große Bienensterben unvermeidlich.
Die etwa 300 Aktivisten aus dem »Pesticide Action Network International«
werden von Whites Warnung nicht gänzlich überrascht gewesen sein. Sie
wussten bereits, dass auch nützliche Insekten von den chemischen Keulen
der Multis vernichtet werden. Die Blüten von Wildpflanzen, von
Apfelbäumen und Tomatenstauden, von Bohnen und Mais werden nicht mehr
bestäubt. Die Ernteerträge gehen zurück, die Nahrung wird knapp, die
Hungerkrisen nehmen zu.
Der massive Pestizideinsatz reduziert die Biodiversität und verändert die
Evolution des Lebens. Dass es nicht zum Besseren gereicht, ist ziemlich
sicher. Auch die soziale Vielfalt auf dem Lande leidet. Die in
Großplantagen mit viel Maschinerie betriebenen Monokulturen brauchen das
in Jahrhunderten erworbene und von Generation zu Generation
weitergegebene Wissen der Bauern nicht mehr. Über die Vielfalt der
Agrikultur dominiert die Einfalt der Agromonokultur.
Die Folgen des Pestizideinsatzes in der Welt, für den zu 70 Prozent die
sechs genannten transnationalen Konzerne verantwortlich sind, waren das
Thema auf einem »Meinungstribunal« der Lelio Basso Stiftung aus Rom.
Diese ist wegen der jahrzehntelangen Organisation des »Permanenten
Tribunals der Völker« vom »Pestizid Action Network International«
angerufen worden, weil Appelle an die Konzerne oder Demonstrationen gegen
sie und die Einschaltung der Regierungen gegen den ungehemmten
Pestizideinsatz auf dem Lande nicht viel gebracht haben.
Vorherrschend ist unter den politisch Verantwortlichen, in der
Wissenschaft und in den Medien die Vorstellung, dass mit hohem Pestizid-
und massivem Maschineneinsatz zusammen mit hohen Düngerzugaben die
Ernteerträge gesteigert werden könnten, zumal wenn das gentechnisch
modifizierte Saatgut, über das die Multis das Monopol besitzen, verwendet
wird. Da haben es diejenigen schwer, die die Gefahren der
industrialisierten Landwirtschaft für die Ernährung, für die Gesundheit
der Landbevölkerung und der Konsumenten der Chemieprodukte oder für die
Biodiversität schon erfahren haben und der inzwischen Jahrzehnte
währenden Propaganda der »Grünen Revolution« auf dem Lande misstrauen.
Der Biologe Tyron Hayes von der Universität Berkeley beschrieb den
politischen und sozialen Druck der Pestizidmultis, der auf diejenigen
ausgeübt wird, die ihren schnellen Geschäften mit den Agrargiften im Wege
stehen. Er schilderte dem Tribunal in Bangalore seine
Forschungsergebnisse über die Wirkungen des Pestizids Atrazin von
Syngenta. Dieses verhindert die Bildung des männlichen Hormons
Testosteron. Männliche Frösche produzieren nur noch wenig Sperma und
bilden stattdessen weibliche Geschlechtsmerkmale aus und werden
unfruchtbar. Was Fröschen, anderen Amphibien und Vögeln passiert, kann
auch Menschen geschehen. Für diese Warnung wurde Tyron Hayes in den USA
gemobbt und fast hätte er seine Stellung an der Universität in Berkeley
verloren. Sich mit den Multis anzulegen, ist gefährlich.
Es ist sogar lebensgefährlich für die Bauern dort, wo die Pestizide in
den großen Monokulturen von Raps und Zuckerrüben, von Zuckerrohr und
Palmen, von Mais und vor allem von Soja ausgebracht werden. Das musste
Petrona Villasboa aus Paraguay erfahren. Ihr Sohn Silvino wurde, als er
mit dem Fahrrad durch eine Soja-Plantage fuhr, mit Glyphosat von
Monsanto, einem der giftigsten Pestizide, besprüht. Er starb an dem Gift
wie sich vor Gericht herausstellte, obwohl im Krankenhaus Herzversagen
als Ursache angegeben wurde. Obwohl die Verantwortlichen verurteilt
wurden, haben sie die Strafe niemals antreten müssen. Mit Bitterkeit
wurde dies von der Mutter von Silvino in Bangalore vermerkt.
Doch die Straflosigkeit der Verantwortlichen für Umweltverbrechen und
Gesundheitsschäden ist ganz normal, wie auch aus Indien berichtet wurde.
Das Insektizid Endosulfan, das von Bayer auf den Markt gebracht wird, ist
verantwortlich für ein Desaster der öffentlichen Gesundheit, berichtete
der für die Betreuung der Endosulfan-Opfer im indischen Bundesstaat
Kerala Verantwortliche. Durch das Pestizid werden die Nervenzellen
angegriffen, Hirnfunktionen werden lahmgelegt. Es beeinflusst die
Fruchtbarkeit und es ist krebserregend. Trotzdem wird es auch in Indien
auf dem Lande verwendet.
Aber selbst dort, wo Pestizide wie Endosulfan gar nicht ausgebracht
werden können, leiden die Menschen unter den Langlebigen Organischen
Schadstoffen (POPs). Einmal in den Naturkreisläufen bleiben die Pestizide
darin und sie migrieren - von Meeresströmungen getragen bis in den hohen
Norden des Planeten Erde, wo es eine Landwirtschaft gar nicht mehr gibt.
Vor dem Tribunal bezeugte Vi Waghiyi, eine Yupik-Eskimo-Frau von der St.
Lawrence Insel, in der Beringsee zwischen Alaska und der russischen
Tschuktschen-Halbinsel gelegen, wie sehr auch ihre Nahrung, nämlich
Fische und Robben bereits vergiftet sind, so dass sie sich nicht mehr auf
ihre traditionelle Weise ernähren können und auf Lieferungen aus den USA
angewiesen sind. Die sind teuer und passen nicht zu der jahrhundertealten
Kultur der Eskimos.
Drei Tage nahmen die Sitzungen des Tribunals mit einer international
zusammengesetzten Jury in Anspruch. Die fast 400-seitige Anklageschrift
listet weltwirtschaftliche Zusammenhänge und die Folgen der Pestizide
weltweit akribisch auf. Die Weltgesundheitsorganisation hat schon 2004
angegeben, dass fast 5 Millionen Menschen an Chemiegiften gestorben sind.
Das Urteil der Jury verlangt ein sofortiges Ende der Pestizidproduktion
der sechs angeklagten Multis.
Ob das Verbot befolgt wird, ist unsicher. Denn das Tribunal ist »nur« ein
Meinungstribunal und kann, wie der Jury-Vorsitzende, der Inder Upendra
Baxi hervorhob, nicht für die Vollstreckung eines Urteils garantieren,
zumal die Regierungen der Länder mitverantwortlich sind, wo die Multis
ihren Sitz haben. Die Regeln der globalen Agrarmärkte müssten geändert
werden, damit nicht, so sagt es Vandana Shiva, Indien in Pestiziden
ertrinkt. Das ist nicht nur dort so. Denn die Agrochemie-Multis sind
nicht wählerisch. Die Regeln des Freihandels ermöglichen es, dass sie
ihre tödlichen Cocktails überall dort verkaufen können, wo die notwendige
Kaufkraft entsprechende Profite verspricht.
Doch nun können sich soziale Bewegungen, wenn sie ihren Kampf gegen
Gentechnik und Pestizide und für Ernährungssouveränität fortsetzen, auf
das Urteil und das vom Tribunal gesammelte belastende Material berufen.
Von Elmar Altvater, Bangalore Unser Autor ist emeritierter Professor für
Politikwissenschaft und nahm als Jury-Mitglied am Basso-Tribunal teil
weitere Informationen:
a.. zum PPT: www.agricorporateaccountability.net/en/page/ppt/2
b.. Bienensterben durch BAYER-Pestizide: www.cbgnetwork.org/2556.html
Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG)
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Prof. Jürgen Junginger, Designer (i.R.), Krefeld
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