Video und Gedaechtnisprotokoll: Oury Jalloh Demo in Dessau 7. Januar 2012
"The VOICE" Video: Oury Jalloh Demo in Dessau 7. Januar 2012
http://thevoiceforum.org/node/2383
Gedächtnisprotokoll eines Trauertages in Dessau am 7.1.2012 - Oury Jalloh
Demo in Dessau:
http://thevoiceforum.org/node/2381
Gedächtnisprotokoll eines Trauertages in Dessau am 7.1.2012
Am Sonnabend, dem 7. Januar 2012, dem nunmehr 7. Jahrestag des Todes von
Oury Jalloh fuhr ich mit meinen 3 Kindern und Freunden des VOICE Refugee
Forum von Jena nach Dessau<!--break-->, um unsere Anteilnahme an der
Trauer und die Unterstützung der Forderung der "Initiative in Gedenken an
Oury Jalloh" nach lückenloser Aufklärung und entsprechender Bestrafung der
verantwortlichen Polizeibeamten auszudrücken.
Als wir kurz vor 13:00 Uhr am Bahnhof eintrafen, war der Eingang zur
Bahnhofshalle bereits durch Polizeibeamte für Demonstrationsteilnehmer
abgeriegelt, sodass auch unbeteiligte Bahnreisende vor allem am Zutritt
zum Bahnhof eingeschränkt wurden.
Den Informationen umstehender Teilnehmer der Veranstaltung war zu
entnehmen, dass Protagonisten der Initiative innerhalb des
Bahnhofsgebäudes durch die Polizei festgehalten wurden, weil es
Unstimmigkeiten um das zentrale Motto der Veranstaltung - "OURY JALLOH -
DAS WAR MORD!" gäbe und die Polizeibeamten diese Meinungsäußerung in
Schrift und durch Rufe verhindern wolle.
Die Benutzung der Bahnhofstoilette wurde durch behelmte Polizeibeamte vor
und hinter den Eingangstüren des Bahnhofs auf Nachfrage
verweigert....selbst nachdem die Protagonisten - Mouctar Bah und Mbolo
Yufanyi bereits wieder aus dem Bahnhofsgebäude heraus gelassen worden
waren, wollte mich (ausgerechnet?) eine PolizeibeamtIn mit den Worten "Sie
kommen hier aber nicht rein!" allen Ernstes daran hindern, 2 meiner Kinder
auf die Toilette des Bahnhofes zu begleiten.
Nachdem der Lautsprecherwagen nach den ersten Ansprachen vor Beginn des
Trauermarsches gewendet worden war, wurde der weitere Ablauf durch eine
eilig aufgestellte, polizeiliche Zweierkette behindert. Zusätzlich bewegte
sich eine weitere Polizeikette seitlich auf den Lautsprecherwagen zu,
wodurch es zunächst zu handgreiflichen Auseinandersetzungen mit den
Demonstrationsteilnehmern kam, welche sich dort um den Kleinbus befanden.
Wie andere auch begab ich mich - nachdem ich meine Kinder in die Obhut
zweier Frauen gegeben hatte -ebenfalls zum Lautsprecherwagen. An der Linie
Polizei - Demonstrationsteilnehmer angekommen versuchte ich die emotional
überladene Situation durch Heben der Arme zu deeskalieren und musste
schließlich einen nahe stehenden Polizeibeamten mittels Augenkontakt und
Griff in den Schlagarm von der Ausführung eines dann mittlerweile schon 4.
und 5. Faustschlages gegen einen Demonstrationsteilnehmer hindern.
Die Situation an dieser Stelle konnte durch Einflussnahme der Ordner des
Demonstrationszuges schließlich beruhigt werden - die Polizeikette rückte
hier ab und begab sich in Richtung vor die Eingangsstufen des
Bahnhofsgebäudes, wo es zwischenzeitlich zu erneuten Auseinandersetzungen
zwischen Polizei und Demonstrationsteilnehmern gekommen war. Auch hier
konnte die Situation durch das deeskalierende Eingreifen von Ordnern und
besonnenen Demonstrationsteilnehmern wieder entspannt werden.
Als ich zu meinen Kindern zurückkehrte, waren diese in Sorge um mich und
nach rücksichtslosem beiseite Stoßen durch mitten durch die Menge
preschender Polizeibeamte verängstigt und mussten aufgeklärt und beruhigt
werden.
Der ohnehin schon durch die Festsetzung verzögerte Ablauf wurde auch nach
Deeskalation der Übergriffe auf dem Bahnhofsvorplatz durch die bereits
erwähnten Polizeiketten noch mindestens weitere 15min aufgehalten und erst
nach wiederholten Aufforderungen wieder freigegeben.
Am Rande des Demonstrationszuges wurde ein Demonstrationsteilnehmer mit
Kamera auf dem Weg vom Dessauer Verwaltungsgericht - in dem der im 1.
Verfahren vorsitzende Richter Steinhoff im Zusammenhang mit den erteilten
Freisprüchen für die angeklagten Polizeibeamten das Aussageverhalten aller
50 vorgeladenen Polizeibeamter für das "Scheitern des rechtsstaatlichen
Verfahrens" verantwortlich machte - zum Gedenkstein für Alberto Adriano,
der in der Nacht vom 10. zum 11. Juni 2000 von 3 Wolfener Neonazis tödlich
zusammengeschlagen wurde, von einem Polizeibeamten in die Beine getreten,
sodass er stürzte. Auch hier mussten die eskalierten Emotionen ohne
eigentliche Klärung der Umstände wiederholt beruhigt werden.
Einige Anwohner und Passanten bekundeten ihren Unmut über unseren Trauer-
und Protestzug mit Schmährufen wie "Haltet die Klappe und verschwindet!"
und Gesten wie dem "Stinkefinger".
Im weiteren Verlauf hielt sich die Polizei bis zum Endpunkt des
Trauermarsches am Bahnhof zunächst zurück, jedoch nur, um am Ende umso
massiver gegen einzelne Demonstrationsteilnehmer vorzugehen und Festnahmen
vorzunehmen. Ein Mann wurde mit Kabelbinder fixiert abgeführt, eine Frau
im hinteren Teil der Bahnhofshalle isoliert. Ich begab mich in die Nähe
einer Gruppe von Polizeibeamten und versuchte gerade einen Überblick über
die Situation zu bekommen, da sah ich wie ein Polizeibeamter hinter den
vor mir stehenden und über deren Schultern hinweg gezielt dem hinter mir
gestikulierenden Komi (der Mann mit Kamera, der bereits zuvor getreten
worden war) eine Flüssigkeit ins Gesicht spritzte, ohne das hier ein
handgreiflicher Übergriff seitens der Protestierenden vorgelegen hätte.
Komi brach mit tränenden Augen und nach Luft ringend zusammen. Umstehende
organisierten Wasser aus Flaschen zum Spülen der Augen, während ich auf
die Polizeibeamten einredete um den weiteren Einsatz der Reizflüssigkeit
zu verhindern. Ein anderer anwesender Arzt assistierte dem verletzten Komi
umgehend - erst einige Zeit später traf ein Sanitäter der Polizei mit
einem Notfallrucksack ein. Die Situation wurde durch Polizeibeamte
umstellt und eine weitere Kontaktaufnahme zum Verletzten bis zum noch
späteren Eintreffen der Rettungssanitäter verhindert.
Zwischenzeitlich musste ich mit ansehen, wie Mouctar Bah bei einem anderen
Polizeibeamten zu intervenieren versuchte, als dieser massiv stoßend gegen
2 Frauen vorging. Der Beamte wandte sich nun Mouctar zu und stieß dabei
vehement mit seinem Polizeihelm gegen Mouctars Kopf. In die folgende
Beschwerde Mouctars hinein, versuchte der Beamte Mouctar zurück zu
stossen, wobei sich Mouctar nun auch körperlich dagegen wehrte. Und wieder
kam es zum gezielten Einsatz der Reizflüssigkeit - diesmal gegen den
Anmelder der Trauerveranstaltung und Gründervater der Initiative in
Gedenken an Oury Jalloh selbst. Auch Mouctar brach mit brennenden Augen
und Atemwegsbeschwerden zusammen.
Da die Situation nun insbesondere durch das aggressive Auftreten der
Polizeibeamten zunehmend außer Kontrolle geriet, habe ich mich zum
persönlichen Schutz meiner Kinder wieder vor die Eingangsstufen des
Bahnhofsgebäudes begeben. Nach längerer Zeit traf der erste Krankenwagen
mit Rettungssanitätern ein, welche kurze Zeit später den regungslosen
Mouctar Bah auf der Rettungstrage aus dem Bahnhof und in den Rettungswagen
brachten. Über die gesamte Zwischenzeit waren die Bahnhofseingänge erneut
durch eine Polizeikette abgeriegelt worden, welche erst nach gefühlten
20min wieder abgezogen wurde.
Ich begab mich danach erneut in die Bahnhofsvorhalle, wo Komi noch immer
von Beamten der sogenannten Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit
umstellt war, welche mich trotz explizitem Hinweis auf meine ärztliche
Profession nicht zum Verletzten durchlassen wollten, mich daraufhin nur
belächelten und im Übrigen damit beschäftigt waren, die Fotodokumentation
der bestehenden Zustände so weit wie möglich zu behindern. Einer der
Beamten drohte gar erneutes gewaltsames Vorgehen an, wenn kein
Presseausweis vorgelegt werden könne, was von mir jedoch auf argumentative
Weise mit dem Hinweis auf das Recht der Dokumentation der eigenen
Veranstaltung verhindert werden konnte.
Nach und nach trafen 2 weitere Rettungswagen und auch ein Notarzt ein. Ich
erfuhr, dass es noch einen weiteren Verletzten unter den Aktivisten der
Initiative gegeben hatte - Abraham.
Ich brachte meine Kinder zunächst zu unseren Autos auf einem nahe
liegenden Parkplatz und begab mich erneut zum Bahnhof, nachdem ich Abraham
angerufen hatte und er mich bat, ihn ärztlich zu untersuchen, da der
anwesende Notarzt noch mit den anderen Verletzten beschäftigt war.
In Absprache mit den Rettungssanitätern begann ich meine Untersuchung im
Rettungswagen, zu der der Notarztkollege im Verlauf hinzukam. Abraham
hatte eine leicht verkrustete Schlagverletzung im behaarten Bereich der
linken Scheitelpartie ohne akut erkennbare neurologische
Beeinträchtigungen auf. Die von ihm beschriebenen Atemnotbeschwerden nach
Anwendung einer Reizflüssigkeit zeigten sich, wie auch die zeitweilige
Einschränkung des Sehvermögens, wieder vollständig rückläufig. Ich war dem
notärztlichen Kollegen noch mit der Lampe meines Telefons bei der Prüfung
der direkten Pupillenreaktion behilflich und zog mich dann zur Rückfahrt
nach Jena schließlich endgültig vom Ort des Geschehens am Bahnhof Dessau
zurück.
Thomas Ndindah, Jena am 10.1.2012
Links:
Massive Polizeibrutalität auf Oury-Jalloh-Demo in Dessau
07.01.2012
**
Oury Jalloh Demo: Gedächtnisprotokoll eines Trauertages in Dessau am
7.1.2012
http://thevoiceforum.org/node/2381
Wir sagen Das war Mord!
Kundgebung Frankfurt - Verurteilung der Polizeigewalt gegen die Gedenkdemo
am 7. Todestag von Oury
Gegen Polizeigewalt nach den Übergriffen auf die Gedenkdemo für Oury
Jalloh in Dessau
Zeit: Donnerstag, 12.1.12, 17:00Ort: Konstablerwache, Frankfurt
http://thevoiceforum.org/node/2382
Berichte von Presse und Pressemitteilungen von Die Initiative Schwarze
Menschen in Deutschland - ISD Bund e.V, The VOICE Refugee Forum, AFRO TV
BERLIN, Initiative in Gedenken an Oury Jalloh, Arbeitskreis
Panafrikanismus München e.V., Afrika-Rat und Bericht von noracism.net und
de.Indymedia
http://thevoiceforum.org/node/2374/
Fotos von der Oury Jalloh Demo beim umbruch-bildarchiv
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http://umbruch-bildarchiv.de/bildarchiv/ereignis/070112oury_jalloh.html
Dessau:
Am Freitag dem 13. Januar 2012 findet in Dessau eine Soli-Kundgebung für
die Opfer der Polizeigewalt statt. (15.30 Uhr, am Rathaus-Center, Markt)
Wir ruf euch auf diese Solikundgebung zahlreich zu besuchen und zu
unterstützen.
Wir wollen diese Dessauer Verhältnisse nicht weiter dulden und weiter in
die Öffentlichkeit tragen.
http://thevoiceforum.org/node/2384
The VOICE Refugee Forum Jena ( Thüringen )
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