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Auswahl: [Antifa Presseschau]
Sabine Ellersick <S.ELLERSICK ät NADESHDA.org>27. Jan 2012 22:55

Nichts ist staerker als die Wahrheit (8 Kommentare zur Rede Reich-Ranickis zum Holocaust-Gedenktag)


WAZ: Die Macht der Erinnerung - Kommentar von Christopher Onkelbach

Essen (ots) - Siebentausend Juden sollten sich täglich auf dem
"Umschlagplatz" in Warschau einfinden, um nach Osten abtransportiert
zu werden, in die Vernichtungslager. Warum gerade 7000? Weil so viele
Menschen in die zur Verfügung stehenden Viehwaggons passten, "sie
sollten unbedingt ganz gefüllt werden", erinnert sich Marcel
Reich-Ranicki. Er sprach im Reichstagsgebäude, wo die Abgeordneten
einst die Hand hoben für Hitlers Ermächtigungsgesetz und den Weg zur
Diktatur frei machten. Doch in seiner Rede ging es nicht um die
moralische oder historische Dimension des Holocaust. Er sprach auch
nicht von den Morden an neun Menschen durch Neonazis - obwohl der
Anlass dafür gegeben war. Reich-Ranicki hielt eine einfache, sehr
persönliche Rede - und deshalb waren seine Worte umso bewegender. Es
sind die Erinnerungen eines Mannes, der für Auschwitz vorgesehen war.
Reich-Ranicki ist 91 Jahre alt. Die letzten Überlebenden des
Holocaust werden bald verstummt sein. Berichte von Zeitzeugen
beeindrucken mehr als Bücher, Vorträge oder Filme. Ihre Erzählungen
hinterlassen Spuren im Gedächtnis der Menschen, vor allem bei
Jugendlichen. Schicksale machen Geschichte nachfühlbar, begreifbar.
Es sind Zeugnisse aus erster Hand. Sie werden uns fehlen im nötigen
Kampf gegen das Vergessen.

Originaltext: Westdeutsche Allgemeine Zeitung
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Westdeutsche Allgemeine Zeitung
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NRZ: Bevor alles vergessen ist - Kommentar zur Rede Marcel
Reich-Ranickis. Von Rüdiger Oppers

Essen (ots) - Obwohl wir in Zeiten unentwegt herumfliegender
Worthülsen leben, können politische Reden doch etwas bewegen. Es
kommt darauf an, wer spricht. Marcel Reich-Ranicki hat uns gestern
ins Gewissen geredet und viele Menschen berührt. Mit leiser Stimme
hat er geschildert, wie wir Deutschen Tod, Unheil, Vernichtung über
seine Familie und die Welt gebracht haben.

Das Gedenken an den Holocaust wird immer wichtiger. Auch weil es
immer weniger Überlebende der Massenvernichtung gibt, die uns als
Zeitzeugen daran erinnern können, dass es nur eine kleiner Schritt
vom biederen Bürger zum Barbaren ist. Bevor alles vergessen ist, muss
besonders in Schulen der Massenmord an den Juden wichtiges Thema
bleiben. Klassenbesuche von Zeitzeugen sind wertvoller als alle
Geschichtsbücher.

Marcel Reich-Ranicki, Opfer des deutschen Völkermords und dennoch
Liebhaber und mitreißender Vermittler deutscher Literatur, hat eine
große Rede gehalten. Er hat uns vorgelebt, wie nah der gute Geist der
schönen Künste und das absolut Böse einander seien können. Als
Begriff ist das Böse aus dem alltäglichen Denken und reden nahezu
verschwunden und nur noch ein Fall für den Psychiater. In
Deutschland, daran erinnert uns der Holocaust Gedenktag, hat das Böse
gewütet wie nie zuvor.

Scham über die von unserem Volk verübten Verbrechen reicht nicht
aus. Wachsamkeit ist auch 70 Jahren nach dem Beschluss der
sogenannten Wannsee-Konferenz, die Juden in ganz Europa auszurotten,
immer noch Bürgerpflicht. Eine aktuelle Umfrage hat ergeben, dass
jeder fünfte Deutsche antisemitisch denkt. Niederschmetternd, aber
viele Bürger sind eben "doitsch": dumm, fremdenfeindlich,
rassistisch. Mit unserem, auch vom Bundespräsidenten gern
verbreiteten, Selbstbild einer "Bunten Republik" hat die Wirklichkeit
wenig zu tun. Es gibt einen aktiven Neonazismus, den wir durch die
Duldung der NPD sogar steuerlich fördern müssen. Noch ist er, wie der
Publizist Hendrik M. Broder schreibt, "ein Furunkel am Hintern der
Demokratie".

Dass aber eine braune Terrortruppe geradezu unter den Augen der
Verfassungsschützer zehn Jahre lang morden und brandschatzen konnte,
ist ein ernstes Warnsignal das wir die Gefahr, die uns von rechts
droht, sträflich unterschätzen.

Originaltext: Neue Ruhr Zeitung / Neue Rhein Zeitung
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Westdeutsche Zeitung: Marcel Reich-Ranickis bewegende Rede vor dem
Bundestag - Danke für einen unbequemen Auftritt Ein Kommentar von
Martin Vogler

Düsseldorf (ots) - Der damalige Bundespräsident Roman Herzog hat
dafür gesorgt: Seit 1996 gedenkt der Bundestag am 27. Januar der
Befreiung der Gefangenen des Konzentrationslagers Auschwitz. Dort
hatten die Nationalsozialisten die industrielle Vernichtung
europäischer Juden zu einer perfiden Perfektion getrieben. Und Marcel
Reich-Ranicki, einem der wenigen Überlebenden, gelang es gestern mit
Reden - aber auch mit Schweigen zur rechten Zeit - dem diesjährigen
Festakt im Parlament einen besonderen Stellenwert zu geben. Seine
Gedenkrede, die streng genommen ein Erfahrungsbericht war, bewegt
tief - und ist gleichzeitig bedrückend aktuell.

Dass der Festakt dermaßen unter die Haut ging, hat zuallererst mit
der Person Reich-Ranicki zu tun. Wir kennen ihn als gnadenlose
Literatur-Ikone, die heftige Verrisse schreibt und auch verbal
austeilen kann. Gestern musste der 91-jährige gestützt werden, seine
Stimme schien ihre Kraft verloren zu haben. Ihm zu folgen, erforderte
höchste Konzentration. Dennoch schaffte er es, bei besonders
wichtigen Passagen doch wieder mehr Energie in seine Sprache zu
legen. Fast noch eindrucksvoller war es, wenn er wie zu Beginn seiner
Rede lange schwieg und dabei sein Publikum anschaute - oder als
anschließend minutenlang Ruhe herrschte. Das kann keine geplante
Inszenierung Reich-Ranickis gewesen sein. Er tat sicherlich vieles
spontan. Doch alles war genau richtig. Wir sollten ihm danken, so
unbequem er auch sein mag.

Denn Reich-Ranicki verdeutlichte schonungslos, wie naiv der Glaube
ist, Deutschland könne seine finstere Vergangenheit einfach
abschütteln. Es muss sich diesem Thema weiterhin stellen. Das
bedeutet ausdrücklich nicht, sich ständig in Selbstvorwürfen zu
ergehen. Aber eine besondere Sensibilität ist angebracht.

Dies gilt besonders, wenn verstärkt Neonazis ihr Unwesen treiben.
Kein intelligenter Mensch, der gestern Reich-Ranicki zuhörte, kann
verstehen, was in den Hirnen solch junger und gleichzeitig
Ewig-Gestriger vorgeht. Doch wie reagiert die Gesellschaft darauf?
Verbote sind nur bedingt geeignet. Besser ist, die Vorteile einer
toleranten Welt überzeugend klar zu machen. Doch wenn wirklich, wie
behauptet, 20 Prozent der Bevölkerung latent antisemitisch
eingestellt ist, wird das ein schwerer Weg.

Originaltext: Westdeutsche Zeitung
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Lausitzer Rundschau: Zum Gedenken an den Holocaust

Cottbus (ots) - Es war ein ergreifender Moment, als Marcel
Reich-Ranicki gestern an das Rednerpult des Deutschen Bundestages
trat. Selten hat das deutsche Parlament, selten hat das Land als
Ganzes eine so tiefgehende, bewegende Rede zum Gedenken an die
Millionen Opfer der Shoah erlebt, wie es gestern in Berlin der Fall
war. Doch die Ereignisse der vergangenen Wochen und Monate zeigen auf
beklemmende Weise, dass es nicht nur beim Gedenken bleiben darf:
Jahrelang konnte die Zwickauer Terrorzelle mordend durch Deutschland
ziehen, ohne dass Polizisten und Verfassungsschützer ihrem Treiben
ein Ende bereiteten. Da ist es gut, wichtig und richtig, dass der
Bundestag nun mit einem Untersuchungsausschuss den Versäumnissen der
Sicherheitsbehörden auf die Spur kommen will. Doch die eigentlichen
Probleme liegen wohl woanders: Wenn der am Montag vorgestellte
Antisemitismus-Bericht konstatiert, dass 20 Prozent der Deutschen
"latent antisemitisch" seien und es keine Gesamtstrategie zur
Bekämpfung dieses Problems gebe, dürften die Alarmglocken dieses
Landes aus dem Läuten eigentlich nicht mehr herauskommen. Wenn eines
der Ergebnisse des am Dienstag durchgeführten Rechtextremismusgipfels
ist, dass ein Koordinationszentrum eingerichtet werden soll, weil der
Wissenstransfer zwischen den geförderten Modellprojekten gegen Rechts
nicht wirklich funktioniert, ist es mehr als nur überfällig, nach der
Wirksamkeit des bisherigen Kampfes gegen den Rechtsextremismus zu
fragen.

Wenn braune Hohlköpfe Jahr für Jahr das Gedenken an die Bombennacht
von Dresden für ihre dumpfen Ideologien missbrauchen, darf das nicht
länger nur der Anlass für einen Aufstand der Anständigen und ein fast
schon selbstverständliches, ritualisiertes Zeichen des Protests
dagegen sein. Denn so nötig und wichtig Gegendemonstrationen sind:
Strukturelle Probleme beseitigen sie nicht. Es braucht ein neues
Nachdenken darüber, warum es Rechtsextremisten immer wieder neu
gelingt, junge Menschen in ihren Bann zu ziehen. Es braucht ein neues
Nachdenken darüber, warum bei einer bestimmten Gruppe der Bevölkerung
scheinbar alle Aufklärung versagt - und wie die Gesellschaft diese
Menschen erreichen und vom freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat
überzeugen kann. Deutschland darf sich niemals damit abfinden, dass
67 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Landtagen und
an Stammtischen, auf Schulhöfen und Fußballplätzen weiter braunes
Gedankengut gepflegt wird.
Das sind wir ihnen schuldig, den Millionen Opfern der Shoah.

Originaltext: Lausitzer Rundschau
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RNZ: Wer erinnert uns zukünftig an den Holocaust?

Heidelberg (ots) - Es war vermutlich eine der letzten
authentischen Ansprachen über die Schrecken des Holocausts. Gerade
deshalb wirkten die Worte von Marcel Reich-Ranicki so bewegend. Denn
wer soll in zehn Jahren vom Massenmord an den Juden erzählen?
Natürlich ist Vieles aufgeschrieben, Einiges auch filmisch
festgehalten. Aber die Worte eines Menschen, der das Unfassbare über
sich und seine Lieben hat ergehen lassen müssen, sie besitzen eine
ganz andere Überzeugungskraft als alles Dokumentarische. Schon heute
gibt es Menschen wie die (Zwickauer) Neonazis, die den Holocaust
negieren, die ihn ins Lächerliche ziehen. Dagegen helfen auch keine
Gesetze. Doch wie wird es erst in zwei oder drei Generationen sein?
Werden die Deutschen dann ein so abgeklärtes Verhältnis zum größten
Verbrechen des 20. Jahrhunderts haben wie heute die Bewohner Nord-
und Südamerikas zu den Massakern an der eingeborenen Bevölkerung?
Worte sind Erinnerung. Marcel Reich-Ranicki hat dem
Holocaust-Gedenktag gestern im Bundestag eine besondere Würde
verliehen. Er hat gezeigt, dass dieses Verbrechen so lange lebendig
in den Köpfen bleibt, solange darüber gesprochen wird. Ein
Vermächtnis als Aufforderung.

Originaltext: Rhein-Neckar-Zeitung
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Rhein-Neckar-Zeitung
Dr. Klaus Welzel
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Westfalen-Blatt: Das Westfalen-Blatt (Bielefeld) zum Thema
Holocaust-Gedenktag:

Bielefeld (ots) - Diese Rede war anstrengend - nicht nur für den
91-jährigen Marcel Reich-Ranicki, sondern auch für alle seine
Zuhörer. Doch sie war wichtig, und sie war überragend. Marcel
Reich-Ranicki hat gezeigt, welch große Kraft vom Wort ausgehen kann.
Wer diese Rede zum Holocaust-Gedenktag verpasst hat, sollte sie
nachhören. Unbedingt. Obgleich gesundheitlich angeschlagen, schonte
sich Marcel Reich-Ranicki nicht. Und was er sagte, war ganz und gar
schonungslos. Beklemmend wie beeindruckend. Seine sehr persönlichen
Erinnerungen an den 22. Juli 1942 nahmen den Mitgliedern des
Bundestags den Atem. Sie müssen uns alle still machen. Immer, aber
2012 besonders. Marcel Reich-Ranicki war ein Zeitzeuge der
nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Seine Worte sind allein
deshalb so wertvoll, weil die Zahl derer, die die Zeit von 1933 bis
1945 bewusst erlebt haben, immer kleiner wird. Marcel Reich-Ranicki
war ein Opfer der Nazis. Seine Eltern und sein Bruder wurden von
Hitler-Deutschland ermordet. Seine Frau Teofila überlebte nur, weil
das Datum der Hochzeit rückdatiert wurde. Marcel Reich-Ranicki
heiratete sie am 22. Juli 1942 - just nachdem er zum Protokollanten
des Todesurteils geworden war, das die Nazis über die Juden im
Warschauer Getto gefällt hatten. Mit seiner Erinnerung an jenes
Protokoll und an jenen Tag hat uns Marcel Reich-Ranicki einen großen
Dienst erwiesen. Er hat sich eine ungeheure Anstrengung zugemutet,
die uns jede kleinere verbietet - jetzt und in Zukunft. Diese
Anstrengung ist nur das sichtbare Zeichen dafür, dass es ein
Vergessen und ein Verdrängen des Holocaust nicht geben kann und
niemals geben darf. Der Schrecken der Nazi-Herrschaft vergeht nie,
die Taten verjähren nie. Die Erinnerung an das Grauen, das Leid und
an die Millionen Opfer muss wachgehalten werden. Sie ist uns Mahnung
und Verpflichtung zugleich. Erst recht im Jahr 2012, am ersten
Holocaust-Gedenktag, der der Aufdeckung einer beispiellosen Mordserie
von Neonazis an ausländischen Mitbürgern folgt. Erst recht in dem
Jahr, in dem eine im Auftrag des deutschen Parlaments erstellte
Studie zu dem Schluss kommt, dass jeder fünfte Deutsche latent
antisemitisch ist. Der Kampf gegen dumpfen Ausländerhass und blinde
Ressentiments gegenüber allem Fremden ist nicht gewonnen. Er muss
weiter geführt werden - auch in Ostwestfalen-Lippe. In Bielefeld sind
vergangenen Heiligabend mehr als als 6000 Menschen gegen einen
Neonazi-Aufmarsch auf die Straße gegangen. Sie haben gezeigt, dass
bei uns kein Platz für braunes Gedankengut ist. Das war und das
bleibt ein ermutigendes Zeichen. Wo immer es nötig ist, müssen
weitere folgen. Das ist das Vermächtnis unserer Geschichte. Das sind
wir unserer Demokratie schuldig. Danke, Marcel Reich-Ranicki, dass
Sie uns auf so beeindruckende Art und Weise daran erinnert haben!

Originaltext: Westfalen-Blatt
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Pressekontakt:
Westfalen-Blatt
Nachrichtenleiter
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 - 585261

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Schwäbische Zeitung: Nichts ist stärker als die Wahrheit -
Leitartikel

Leutkirch (ots) - Manches Grauen lässt sich nicht beschreiben. Es
finden sich keine Worte dafür. Der Holocaust, die Ermordung von sechs
Millionen Juden durch die Nazis, ist ein solches Grauen. Und doch:
Wenn Überlebende wie Marcel Reich-Ranicki ihr eigenes Schicksal
schildern, lässt sich erahnen, wie sich die Betroffenen fühlten,
welche Qualen sie durchlitten. Reich-Ranicki hat nicht den mahnenden
Zeigefinger erhoben, als er im Bundestag sprach und der Opfer des
Nationalsozialismus gedachte. Er erzählte von sich, seinen
Erlebnissen im Ghetto - und die Zuhörer konnten das Grauen erahnen.
Reich-Ranicki teilte mit den Abgeordneten und den Besuchern für einen
kurzen Moment seine dunkelsten Erinnerungen. Mit welcher Gelassenheit
die SS-Schergen über die jüdischen Mitmenschen richteten und sie
töteten. Wie er das "Todesurteil" für die Juden in Warschau
entgegennahm. Wie er seine Frau heiratete, um ihr das Leben zu
retten. Die Erzählung erschütterte.

Vor 67 Jahren befreiten sowjetische Soldaten die Menschen im
Konzentrationslager Auschwitz. 67 Jahre sind eine lange Zeit. Ein
Mensch mit 67 hat schon Kindheit, Schulzeit und ein ganzes
Arbeitsleben hinter sich. Für manche liegen die Schrecken der
Naziherrschaft weit zurück in der Vergangenheit. Doch bis heute
werden Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe und ihres Glaubens verfolgt.
Wie die Morde des neuen rechtsextremen Terrornetzwerkes zeigen, ist
die Bundesrepublik weit davon entfernt, ein durchweg tolerantes,
friedliches Land zu sein.

So müssen Überlebende wie Marcel Reich-Ranicki von sich erzählen.
In zehn Jahren wird wohl kaum noch einer von ihnen leben. Die
Jüngeren müssen deswegen zuhören, solange es noch möglich ist - so
lange, bis auch der Letzte verstanden hat, worum es geht. Mut und
Zivilcourage sind früher wie heute im Kampf gegen Rechtsextreme
gefragt. Damit nie wieder Menschen wegen ihrer Herkunft, ihres
Glaubens oder schlichtweg wegen ihrer Eigenheiten verfolgt,
gedemütigt und ermordet werden.

Originaltext: Schwäbische Zeitung
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Telefon: 07561-80 100
redaktion ät schwaebische-zeitung.de

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Neue OZ: Kommentar zu Holocaust-Gedenktag

Osnabrück (ots) - Was wir den Opfern schulden

So etwas vergisst kein Mensch . . . Mit bewegenden Worten hat
Marcel Reich-Ranicki im Bundestag die Deportation der Juden aus dem
Warschauer Getto geschildert, ihren Gang in den Tod. Es war ein
erschütternder Bericht über massenhaftes Leid, eine würdige Rede zum
Holocaust-Gedenktag. Allein, schlechte Nachrichten begleiten das
Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz.

In die Trauer über die Opfer mischen sich Entsetzen und Wut:
darüber, dass mutmaßliche Rechtsterroristen jahrelang mordend durchs
Land ziehen konnten; darüber, dass im Kampf gegen Neonazis eklatant
versagt worden ist; darüber, dass jeder fünfte Deutsche einer
Untersuchung zufolge als latent antisemitisch einzuschätzen ist. Und
darüber, dass Rechtsradikale und Demokratieverächter Parlamente als
Forum nutzen dürfen, mit kräftiger Unterstützung des Steuerzahlers.

"Bislang haben Neonazis ein zu leichtes Spiel gehabt", sagt
Charlotte Knobloch vom Jüdischen Weltkongress. Dem ist nur
hinzuzufügen, dass sich das endlich ändern muss. Politiker,
Sicherheitsbehörden, Schulen, Kirchen, Gewerkschaften, Verbände und
letztlich jeder einzelne Bürger, alle müssen dazu beitragen, dass
Gewalt und Diskriminierung keine Basis finden. Wie notwendig dies
ist, zeigt auch der Umstand, dass 20 Prozent der unter 30-Jährigen
einer Studie zufolge mit dem Begriff Auschwitz nichts anfangen
können. Es ist ein Graus.

Originaltext: Neue Osnabrücker Zeitung
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Neue Osnabrücker Zeitung
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