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Auswahl: [Der Rabe Ralf]
"Rabe Ralf Onlinered." <matthias.bauer ät grueneliga.de>24. Jan 2009 23:46

Welt-Toiletten-Tag 2008: Eine Sitzung auf dem Berliner Washingtonplatz


Welt-Toiletten-Tag 2008

Eine Sitzung auf dem Washingtonplatz

Der 19. November ist der Tag, an dem 1905 die Allgemeine Berliner Omnibus AG
die beiden ersten motorisierten Omnibusse in Berlin verkehren ließ. Und was
wären die Berliner/-innen ohne ihre Busse? Würde man sie ihnen nehmen, wäre
es, als nähme man einem Menschen unserer Gesellschaft das Recht auf eine
sanitäre Grundversorgung. Weil aber etwa 2,6 Milliarden Menschen - 38
Prozent der Weltbevölkerung - ohne eine eben solche angemessene sanitäre
Einrichtung - und wahrscheinlich größtenteils auch ohne Busse - leben,
findet alljährlich am 19. November auch noch der "World Toilet Day" statt.

Dieses Jahr sogar in einer ganz besonderen Konstellation, denn 2008 leben
wir nicht nur im Internationalen Jahr der Kartoffel, welches manchen
Deutschen exorbitant wichtig erscheinen mag, wir zelebrieren gleichzeitig
das "International Year of Sanitation" oder, ganz ohne Anglizismen
gesprochen, das "Internationale Jahr der sanitären Grundversorgung", zu
welchem die UN dieses Jahr offiziell erklärte.

Das inzwischen über acht Jahre alte Millenniumsentwicklungsziel (MDG) der
Vereinten Nationen - den Anteil der Menschheit ohne sanitäre Grundversorgung
weltweit bis 2015 zu halbieren - liegt in diesem Jahr immer noch in weiter
Ferne, weshalb am diesjährigen 19. November mit einer
öffentlichkeitswirksamen Aktion auf dem Washingtonplatz nahe dem
Hauptbahnhof auf das bestehende Problem aufmerksam gemacht wurde, initiiert
vom Berliner Wassertisch, der Bremen Overseas Research and Development
Association (BORDA), der German Toilet Organization (GTO), der GRÜNEN LIGA,
dem Solidaritätsdienst International (SODI) und Women in Europe for a Common
Future (WECF).

Im größten Slum Afrikas

Im größten Slumgebiet Afrikas, Kibera bei Nairobi, leben etwa eine Million
Menschen. Kaum einer von ihnen ist wohl schon einmal Bus gefahren, so wie es
Millionen Berliner täglich tun. Zwei Drittel der Kenianer in Kibera hat
nicht einmal Zugang zu einer Toilette. Wäre dies in Berlin der Fall, würde
man seinen Vermieter anrufen und sich an zuständige Behörden wenden. Doch
die Stadtverwaltung der kenianischen Hauptstadt Nairobi ignoriert die
Existenz des nicht in den Landkarten eingezeichneten Slumgebietes. So
bleiben die Menschen allein mit ihren Problemen, auch den sanitären.

Anstelle von Toiletten verwenden viele Menschen Plastiksäckchen für die
Notdurft, wie es hierzulande Tierfreunde noch nicht einmal ihren Katzen oder
Hunden zumuten. Die eingetüteten Exkremente werden anschließend einfach
weggeworfen, so dass diese zum deutlichen Sinnbild für die sanitäre Misere
in Kibera und anderswo auf der Welt werden. Auch die Grubenlatrinen, die
während Regenzeiten in der "Dritten Welt" oft einfach überlaufen wie in
Deutschland die Gullys, sind eine Ursache für die fast unaufhaltsame
Ausbreitung von Infektionskrankheiten.

Besonders Frauen und Mädchen in diesen Ländern leiden unter der praktisch
nicht vorhandenen sanitären Versorgung. Scham und Religion zwingen sie,
kilometerweite Märsche in Kauf zu nehmen, um ihre Notdurft an versteckten,
nicht einsehbaren Plätzen verrichten zu können. (Ein Berliner würde wohl
auch diesen Weg mit einem Bus hinter sich bringen.) Je enger die Menschen
zusammenleben, desto mehr werden menschliche Würde und Gesundheit gefährdet,
wenn Toiletten fehlen.

50 Keramiktoiletten am Hauptbahnhof

Um dies plastisch ins Blickfeld der Berliner zu rücken, wurden auf dem
Washington-Platz am 19. November fünfzig Keramiktoiletten nahe dem
Hauptbahnhof und der dicht befahrenen Straße aufgestellt, von denen jede
einzeln stellvertretend für die Sanitärkonzepte steht, die dringend
weiterentwickelt und auch gefördert werden müssen.

Die Vertreter der initiierenden Vereine stellten in kurzen und prägnanten
Reden ihre Forderungen und Konzepte dar, bevor ein gemeinsam ausgearbeitetes
Positionspapier vorgestellt wurde, welches unter dem Motto "100.000
zukunftsfähige Toiletten machen Schule" vom Staatssekretär des
Bundesentwicklungsministeriums (BMZ), Erich Stather, entgegengenommen und
kommentiert wurde.

Stather ging jedoch viel mehr auf die Qualität und Modernität der
aufgestellten Toiletten ein, da er als Handwerkersohn, wie er sagte, "vom
Fach" sei. Er sicherte zu, dass die Inhalte des Positionspapiers in seinem
Hause auf offene Ohren stoßen würden. Auf kritische Fragen aus dem Publikum,
das sich interessiert dazugesellt hatte, reagierte er aber eher bissig als
souverän.

Neben dem Positionspapier standen verschiedene Alternativ-Toilettenmodelle
im Vordergrund, die gut anschaubar auf dem Sprecherpodium platziert waren.
Größtenteils handelte es sich um Trockentoiletten oder Trenntoiletten, die
feste und flüssige Fäkalien automatisch trennen und so auch die ökologische
Umwandlung der Exkremente beispielsweise in Biogas extrem vereinfachen.

Die Aktion auf dem Washingtonplatz hat den eher unbekannten
"Welt-Toiletten-Tag" in diesem Jahr auf recht humorvolle und anschauliche
Weise in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Interessierte Fragen und
Annäherungen gab es von fast allen Passanten, so dass dieser Aktionstag auch
im übertragenen Sinne kein "Griff ins Klo" war.

Laura Sophie Glienke


--
DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - Dezember 08 / Januar 09
Prenzlauer Allee 230 - 10405 Berlin - Tel. 030 / 44339147
raberalf ät grueneliga.de - www.grueneliga-berlin.de/raberalf
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