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Auswahl: [Der Rabe Ralf]
Der Rabe Ralf - Onlineredaktion <matthias.bauer ät grueneliga.de>4. Nov 2008 00:43

Unglaubliche Sicherheitsluecken: Was eine Besucherin im Atomkraftwerk erlebte


An der Kehle der Gesellschaft

Drei Stunden Besuch in einem Atomkraftwerk

Das ist eine wahre Geschichte, auch wenn sie, vor allem nach dem 11.
September, einfach unfassbar scheint. Aus Neugier habe ich vor einem Jahr
ein Atomkraftwerk besichtigt. Dabei durfte die Gruppe, in der ich war, auch
in den nuklearen Bereich gehen. Aber was wir nicht sehen durften, war der
Kontrollraum, obwohl dieser mich am meisten interessierte. Ich bin sehr von
Technik aller Art fasziniert. Daher fragte ich vor kurzem bei einem anderen
AKW an, ob ich dort - kurz! - den Kontrollraum sehen könne. Dort hieß es
sofort vom Informationszentrum: Klar, kein Problem. Sie können morgen
vorbeikommen! Ich wurde stutzig und fragte, ob ich denn nicht wenigstens
einen Ausweis bräuchte. Und was war mit der Sicherheitsüberprüfung? Man
einigte sich auf einen Termin in einer Woche. Wohlgemerkt hatte ich keinen
privaten Kontakt, ich war einfach ein x-beliebiger Ottonormalverbraucher.

Als ich beim Werk ankam, führte mich ein Angestellter vom Infozentrum zum
Kontrollraum. Dort begrüßte uns an der Tür der diensthabende Schichtleiter,
der Ingenieur mit der höchsten Verantwortung im Kraftwerk. Es stellte sich
heraus, dass dieser mich drei Stunden durch den Kontrollraum führte - obwohl
es nicht seine Aufgabe war und er auch, wie ich merkte, nicht die Ausbildung
dafür hatte, Besucher herumzuführen. Dabei erklärte er mir nicht nur die
Funktion von jedem Knopf, sondern ich befand mich die gesamte Zeit über
direkt an Schalttafeln und Steuerpult; alles war zum Greifen nah. Ich hätte
mich auch ohne weiteres auf die Plätze am Steuerpult setzen können, so wie
Homer Simpson! Es war, als ob ich dort selbst arbeiten würde. Das war
natürlich unglaublich interessant.

Da gab es zum Beispiel eine riesige rote Grafik, die den Reaktorkern
wiedergab und auch so geformt war. Die darin enthaltenen Displays zeigten,
die Leistung der Brennelemente an und waren so nah, dass sie mich blendeten.
Dann war da eine andere Grafik, die schematisch das ganze Kraftwerk zeigte.
Der Schichtleiter schaltete für mich eine Pumpe an, und ich sah in dieser
Grafik ein Lämpchen rot aufleuchten, was hieß, dass sie nun lief. Auch
schlug er einmal auf besonders gefährlich anmutenden roten Knöpfen herum,
mit dem der Reaktor selbst gesteuert wird. Ich stand unmittelbar daneben und
bekam Schweißausbrüche. Er zeigte mir auch das Schichtbuch, die roten
Betriebshandbücher für Störfälle, den Notabschaltknopf der Anlage und
erklärte mir die verschiedenen Positionen der Operatoren. Offen wies er mich
auf defekte Anzeigen hin. Zu den Sicherheitssystemen sagte er wörtlich:
"Irgendwie catchen wir den Kern schon!" Die hinter dieser Steuerung
steckende unglaublich zerstörerische Urgewalt bildete einen Kontrast zu dem
sanften und ruhigen Charakter des Schichtleiters.

Aber das Allerschärfste kommt noch: Plötzlich war der Mann vom Infozentrum
verschwunden, ohne es zu sagen: Nun war ich allein mit den Operatoren im
Kontrollraum eines als besonders störanfällig geltenden AKW. Und es kommt
noch schöner: Sämtliche Techniker, die noch in der Anlage etwas erledigen
mussten, verließen ebenfalls die Schaltzentrale. Ich befand mich allein mit
dem Schichtleiter in der Schaltzentrale, wie in dem Hollywood-Streifen China
Syndrome mit Jane Fonda und Jack Lemmon, nur in echt! Was mache ich in solch
einer Situation? Ich glaube es nicht. Was würde ein Terrorist machen in
dieser Situation? Natürlich die Gelegenheit nutzen und eine nicht einmal 100
Kilometer entfernte Millionenstadt auslöschen! Zum Glück war ich kein
Terrorist, aber Albträume bescherte es mir trotzdem. Ebenfalls unglaublich:
Während meines langen Besuchs hörte ich verschiedene Sorten von Alarmtönen
und der Boden bebte zweimal leicht. Zur Krönung erklärte mir der
Schichtleiter gegen Ende der Führung noch Sabotagemöglichkeiten. So viel zum
Thema sichere Atomkraft.

Der Beitrag der Autorin mit dem Pseudonym nofear28 erschien zuerst auf der
Jugendwebseite der Süddeutschen Zeitung (jetzt.sueddeutsche.de).

--
DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - Oktober/November 08
Prenzlauer Allee 230 - 10405 Berlin - Tel. 030 / 44339147
raberalf ät grueneliga.de - www.grueneliga-berlin.de/raberalf
Kommentare

Re: Unglaubliche Sicherheitsluecken: Was eine Besucherin im Atomkraftwerk erlebte

yuma <weisser.tiger ät web.de> am 20. Apr 2009 16:57 Uhr ( Kommentieren | Drucken | Download | Quelltext )

Unfassbar, fast schon kriminell!
Aber kein Einzelfall. Ein Bekannter von mir, die gerne technische Anlagen
besichtigen, war auch schon in zweien drin. In einem durfte er am
steuerpult sitzen, während das Werk 1400MW strom produzierte, und da waren
auch alarmtöne. in dem anderen hat er auch im kontrollraum herungehen
können und stützte sich am schaltpult ab, ohne dass es einer merkte!



Der Rabe Ralf - Onlineredaktion schrieb am 04.11.08:

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