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Auswahl: [Der Rabe Ralf]
Der Rabe Ralf - Onlineredaktion <matthias.bauer ät grueneliga.de>4. Nov 2008 00:43

"Umweltschutz ist Heimatschutz": Das Magazin Umwelt&Aktiv appelliert an braune Naturschutz-Traditionen


Umweltschutz ist nicht grün

...sondern braun, wenn man dem rechtsextremen Magazin Umwelt&Aktiv Glauben
schenkt

Begäben sich, unabhängig voneinander, verschiedene Menschen auf die Suche
nach einem farblichen Pendant zum Begriff "Umweltschutz", so wäre das
Ergebnis mit hoher Wahrscheinlichkeit bei allen gleich: Umweltschutz ist
grün. Grün ist Symbol für Natur, für Leben, schlicht für all das, was es
beim Umweltschutz zu behüten gilt. Wie tief diese Verknüpfung in unserem
Bewusstsein verankert ist, zeigen nicht zuletzt Namen wie Bündnis 90/Die
Grünen, Greenpeace oder - natürlich - GRÜNE LIGA.

Nun hat sich aber eine Gruppe Andersdenkender zusammengefunden und im Januar
2007 den Verein Midgard e.V. gegründet. Seine Mitglieder sind allesamt
Naturfreunde und der Umwelt sehr zugetan. Dies gilt in ganz besonderem Maße
für die heimische Natur und Umwelt. Da den "Midgardern" nun so viel an
Mutter Erde gelegen ist, setzen sie sich für ihren Schutz ein - auch hier
wieder mit besonderem Fokus auf die lokalen Probleme, denn: "Umweltschutz
ist Heimatschutz." Und weil dieser Aspekt aus ihrer Sicht von herkömmlichen
Umweltaktivisten viel zu wenig beachtet wird, scheuen sie weder Arbeit noch
Mühe, um vereinsexternen Naturfreunden eines klar zu machen: "Umweltschutz
ist nicht grün."

Weitere Gemeinsamkeit aller Vereinsmitglieder ist ein besonders starkes
Interesse an der altgermanischen Kultur, ihren Sagen, Bräuchen und
Gepflogenheiten. Das manifestiert sich bereits im Vereinstitel: Midgard ist
der Name der altnordischen Menschenwelt, erschaffen aus den Augenbrauen
eines Riesen. Auch das Logo weist auf diese Vereinsvorliebe hin, es zeigt
die Irmensäule. Dieses altgermanische Heiligtum wurde auch von der
Forschungsgemeinschaft deutsches Ahnenerbe als Symbol verwendet - jenem
nationalsozialistischen Verein, der pseudowissenschaftliche Erkenntnisse zur
Überlegenheit der "arischen Rasse" sammelte und Menschenversuche
durchführte.

Und dann verbindet die "Midgarder" noch etwas: Sie können die NPD gut
leiden. Viele von ihnen sind Mitglieder dieser rechtsextremen Partei oder
mit einem Mitglied verheiratet. Und wer beides nicht ist, der hat gegen die
überdurchschnittlich hohe Parteipräsenz innerhalb des Vereins zumindest
nichts einzuwenden. Spätestens hier kristallisiert sich, um an der
Farbmetaphorik festzuhalten, die Grundhaltung des Vereins heraus:
"Umweltschutz ist braun."

Um diese Ansicht möglichst intensiv vertreten und verbreiten zu können, gibt
Midgard e.V. ein Magazin mit Namen Umwelt&Aktiv heraus. Diese "Zeitschrift
für gesamtheitliches Denken" ist in ihren Inhalten ebenso breit gefächert,
wie die Interessen der Vereinsmitglieder: Hier geht es nicht um bloßen
Naturschutz, nicht um schlichtes Behandeln der Öko-Probleme, nein,
Umwelt&Aktiv ist da umfassender, ausführlicher - eben "gesamtheitlich". Die
drei großen Inhaltsschwerpunkte sind "Umweltschutz - Tierschutz -
Heimatschutz". Neben Standard-Ökothemen wie Wasserprivatisierung,
Käfighaltung oder Gentechnik gibt es Exkurse über "Unsere Muttersprache",
"Erntedank und Weltanschauung" oder "Freiheit durch Autarkie". Da wird gegen
"skrupellose Internationalisten" gewettert, die deutsche Ressourcen
"verschachern" und denen "gar nichts an der Heimat liegt". Der Leser
erfährt, dass Deutschland "zum EU-Mitglied gemacht wurde" und dass
"fremdländische Bräuche" hier "langsam und schleichend" einwandern, um
deutsche Traditionen zu unterbinden.

"Parteipolitische Interessen gibt es nicht"

Befragt man Mitarbeiter von Umwelt&Aktiv zu der offensichtlichen
NPD-Präsenz, heißt es: "Parteipolitische Interessen gibt es nicht." Diese
Behauptung verliert an Glaubwürdigkeit, wenn man einen Blick ins aktuelle
Parteiprogramm der NPD wirft. Auch dort ist Umweltschutz ein Thema.
Partei-Parolen wie "nationale Politik ist Umweltpolitik" finden sich
wortwörtlich in Umwelt&Aktiv wieder. Ganze Passagen wurden auf die
Internetseite des Heftes übernommen - zu viel für einen Zufall.

Besonders bedenklich an Umwelt&Aktiv ist nicht die Existenz des Magazins,
auch nicht seine nationalistische Ausrichtung, sondern die gute Tarnung
derselben. Einem ahnungslosen Leser dürften die rechten Interessen der
Zeitschrift erst spät auffallen, schließlich bezieht sich Umwelt&Aktiv auf
politisch unbedenkliche Quellen wie Greenpeace, Foodwatch, die Freie
Universität Berlin oder den Deutschen Tierschutzbund. Und wer würde schon
vermuten, dass Neonazis Mahatma Ghandi und Einstein zitieren? Umwelt&Aktiv
will nach eigenen Angaben sensibilisieren, und das funktioniert genau dann
am besten, wenn die Adressaten nicht vorgewarnt sind. Erst wer stutzig wird
und nachforscht, kommt zu dem Ergebnis, dass hier eindeutig braune Ökologen
am Werk sind. Beispielhaft dafür ist die Auswahl der Autoren: Neben
unbekannten Namen finden sich hier Holger Schleip, Verfasser von "22 Thesen
zum Rassismus", der "unpolitische" Karlheinz Baumgartl, auf dessen
Internetseite rechtsradikale Organisationen verlinkt sind, oder auch Sascha
Roßmüller, stellvertretender NPD-Bundesvorsitzender.

Auffällig ist auch der Schreibstil, der sich durch das ganze Heft zieht.
Selbstverständlich werden Anglizismen krampfhaft vermieden, "Weltnetzseite"
und "E-Post" gehören zum Standardvokabular. Sowieso würde, so das Magazin,
der frühe Englischunterricht der Muttersprache und dem Familienleben
schaden. Des weiteren finden sich viele Bezüge zur Sprache des
Nationalsozialismus, so ist zum Beispiel von der "Endlösung zur totalen
Kontrolle der Weltnahrungsmittel" als Staatsziel der USA die Rede - das ruft
eindeutige Assoziationen hervor.

Abneigung gegen alles Fremde, starker Antiamerikanismus und Glorifizierung
des Heidentums charakterisieren das Heft. Mehr emotional als sachlich
geprägte Artikel wollen das Denken des Lesers beeinflussen. Das Aufbauen
eines Feindbildes scheint zum guten Ton zu gehören, dabei auftretende
Widersprüche übersieht man großzügig. So ist in einem Artikel über
heidnische Bräuche das Christentum mit seiner "2000-jährigen Feindschaft und
Tyrannei" gegen das Heidentum der Übeltäter. In einem Abriss über eben
dieses Christentum, das nun von der steigenden Anzahl "vor allem
muslimischer Immigranten" bedroht sei, übernimmt diese Rolle der Islam.
Natürlich kommt auch das Judentum nicht zu kurz.

Lieblingstierschutzthema von Umwelt&Aktiv - wie auch von der NPD - ist das
Schächten. Dieser "barbarische, überkommene und überflüssige Ritus" einer
"ausländischen Minderheit" und deren teilweise Legitimation durch die
deutsche Rechtsprechung seien "ein Armutszeugnis und eine Bankrotterklärung
der BRD". Trotz offensichtlicher Ablehnung des deutschen Staates in seiner
gegenwärtigen Form beziehen sich die Autoren von Umwelt&Aktiv immer wieder
auf Demokratie als Grundlage: "Demokratisch nicht legitimierte Medienmächte"
werden angeprangert, man fordert eine "demokratische Diskussion" zu Themen
wie grüne Gentechnik. Um diesen Schein zu wahren, heißt es dann auch auf der
"Weltnetzseite" des Magazins: "Unser Heft soll leben, sich verändern, Raum
lassen für verschiedene Meinungen."

Welche Meinungen konkret gefragt sind, das kann sich jeder nach
stichprobenartiger Lektüre selbst beantworten.

Keine Ausnahme-Erscheinung

Leider ist Umwelt&Aktiv kein Einzelfall: Der Vorstoß der Neonazis ins Grüne
scheint derzeit zur Regel zu werden. Umweltschutz als "weiches
Bürgerinteresse" wird von nahezu allen rechtsextremen Parteien, Verbänden
und Organisationen entdeckt. Im Parteiprogramm von DVU, REP und NPD findet
sich je ein Extraabsatz zum Thema. Dieser ist zwar je nach Partei mehr oder
weniger umfangreich, mehr oder weniger radikal, doch einige rote - oder
vielmehr braune - Fäden ziehen sich einheitlich durch alle Programme:
Umweltschutz sei vor allem wichtig, um die Existenzgrundlage des deutschen
Volkes zu sichern und deutsches Kulturgut zu bewahren. Einflüsse von EU und
USA sollen so weit wie möglich reduziert und Autarkie angestrebt werden.
Übrigens gehört auch der Zuwanderungsstopp zum Umweltschutzgedanken der
rechtsextremen Parteien.

Selbst wenn diese "Umweltschutzprogramme" nach Ansammlungen
zusammenhangloser Schlagwörter aussehen, bleiben sie nicht ohne Wirkung.
Während man, gewöhnt an die allzu vielen leeren Versprechen seitens der
Politik, milde lächelnd den Kopf schüttelt und keine tatsächlichen
Aktivitäten erwartet, regt sich etwas im braunen Lager. Die NPD streckt ihre
Fühler aus und spinnt ihr Netz, anstatt still zu halten. Seit einigen Jahren
hält die Partei nicht nur verstärkt Einzug in die deutschen Landtage,
sondern auch in etablierte sozial, kulturell und ökologisch orientierte
Bewegungen. Dies geschieht in der Regel unauffällig, und wenn es auffällt,
folgen Schlagzeilen und häufig der Ausschluss des braunen Schafes. Besonders
der Vorsitz des NPD-Mitgliedes Helmut Ernst bei der "Initiative für eine
gentechnikfreie Region Nebel/Krakow am See" sorgte für Furore. Zwei Jahre
koordinierte er in Mecklenburg-Vorpommern die Aktivitäten der Organisation,
bis Politiker anderer Parteien und Umweltschützer ohne rechtslastigen
Hintergrund darauf aufmerksam wurden. Ernst trat 2007 von seiner
Vorstandsposition zurück, doch der Verein, der weitere NPD-Mitglieder in
seinen Reihen birgt, sieht keinen Grund zur Distanzierung. Ähnliches spielte
sich gut 120 Kilometer entfernt in Lübtheen ab, wo Udo Pastörs, Vorsitzender
der dortigen NPD-Landtagsfraktion, zu den Gründungsmitgliedern der 2005 ins
Leben gerufenen Bürgerinitiative "Braunkohle - Nein!" gehörte. Zwei Jahre
später wurde er ausgeschlossen, da er "vereinsschädigend" wirke. Im
Gegensatz zur "Ernst-Affäre" folgte hier eine Distanzierung, der Verein
zeigte durch eine offene Abstimmung über den Ausschluss Gesicht und bekannte
Farbe.

Der braune Öko-Boom geht so weit, dass sogar nationalistische
Jugendorganisationen etwas für die Umwelt tun. Während bis vor ein paar
Jahren Umweltschützer als langhaarige Hippie-Spinner abgetan wurden, ist das
Thema auf einmal interessant. Da gibt es Müllsammelaktionen und
Aufklärungskampagnen gegen Konzerne, die fragwürdige Pestizide einsetzen.
Die Aktionen beschwören ein positives Bild herauf, auch die jeweiligen
Flugblätter und Internet-Statements sind eher harmlos. Abgesehen von dem
"obligatorischen" Aufruf zum nationalen Sozialismus findet sich dort nur
wenig Kritikwürdiges: keine rechten Parolen, keine Hetze. Ganz
"weichgespült" sind die Jungnazis aber doch noch nicht. So kam es bei
Aktionen gegen die Haltung von Zirkustieren zu Übergriffen auf
Zirkusmitglieder. Dass deren Lebensstil und Abstammung mit der Ideologie der
Neonazis nicht zusammenpassen, spielte dabei mindestens eine genauso große
Rolle wie der Tierschutzgedanke.

In der gesamten rechten Umweltszene werden Modelle aus Biologie und Ökologie
missbraucht, um rassistisches Gedankengut zu untermauern. So wird die
gegenwärtig viel diskutierte Bedrohung einheimischer Arten durch Neozoen und
Neophyten, also eingewanderte Tier- und Pflanzenarten, als Sinnbild für die
"Bedrohung der deutschen Rasse durch Immigranten" interpretiert. Das
"Aussterben der deutschen Art", ihr "Untergang im multi-ethnisierten
Deutschland" stehe bevor, heißt es in einem Artikel in der Deutschen Stimme.
Diesen Beitrag der NPD-Zeitung findet man interessanterweise, wenn man deren
Archiv nach dem Schlagwort "Umweltschutz" durchsucht. Wem diese Abart des
Umweltschutzes allerdings nützt, wen sie diffamiert und ob sie überhaupt
noch etwas mit Natur zu tun hat, ist mehr als fragwürdig.

Braune Tradition im Naturschutz?

Auch fragwürdig ist die Geschichte des Naturschutzes im Allgemeinen: die
Kreuzung von Umweltschutz und nationalem Gedankengut ist nicht neu. Schon im
Kaiserreich war man sich der Relevanz einer intakten Umwelt bewusst.
Fortgeführt wurde das im Dritten Reich, hier allerdings unter Ausschluss
jüdischer Naturschützer. Dass deren Schicksal verschwiegen und ihr Erbe
unter Wert gehandelt wurde und wird, ist heute unter Historikern kein
Geheimnis mehr. Trotzdem sind Informationen dazu schwer zu finden, lieber
schweigt sich der deutsche Naturschutz über seine Vergangenheit weitgehend
aus. Immerhin gab es 2002 einen Kongress zum Thema "Naturschutz und
Nationalsozialismus", der sich der Sache kritisch zuwandte. Jürgen Trittin,
damaliger Umweltminister, kam in diesem Rahmen zu Schlüssen, die nichts zu
verschleiern versuchen. So hieß es in seiner Eröffnungsrede, zwischen
Naturschutz und Nationalsozialismus gebe es "eine sehr erhebliche
ideologische Schnittmenge, es gab zahlreiche Berührungspunkte - und vor
allem gab es eigentlich keinen Punkt, an dem Naturschutz und
Nationalsozialismus ideologisch grundsätzlich unvereinbar waren.

All das mag für einen Naturschützer unangenehm sein, aber es ist die
historische Wahrheit." Dass jedoch zwei der renommiertesten und kritischsten
Referenten zum Kongressthema, Gert Gröning und Joachim Wolschke-Bulmahn,
nicht als Redner eingeladen wurden, trübt den Eindruck schon wieder. Hat man
doch Angst vor der Vergangenheit; ist die Furcht vor ihrer Offenlegung ein
Grund, kritische Geister nicht zu Wort kommen zu lassen? Einen Kongress zu
veranstalten, ist nur eine Seite der Medaille. Die nötige Fortführung der
Diskussion, die lebendige Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und dem
rechten Potenzial des Naturschutzes blieb jedoch aus.

Besser wäre es, wenn von offizieller Seite auf Konfrontation gesetzt würde.
Ein selbstverständlicher Umgang mit dem Thema und Mut zum Hinsehen sind
gefragter denn je. "Ja, es gibt braune Ökos und das ist weder wirklich neu
noch überraschend" - solche klaren Eingeständnisse könnten potenziellen
Propaganda-Opfern die Augen öffnen. Nur durch ausreichende Information
können Organe wie Umwelt&Aktiv in ihrer Tätigkeit und vor allem ihrer
Wirksamkeit beschnitten werden. Sich dafür einzusetzen, entspricht dem
Selbstverständnis des Umweltschutzes. Namhafte Verbände sehen eine "aktive,
gestalterische Beteiligung an der Ökologisierung der Gesellschaft" als ihre
Aufgabe an. Das Ziel, das sie verfolgen, ist, "die Lebensbedingungen von
Mensch und Natur zu verbessern". Umweltschutz ist nicht lokal oder national
beschränkt, nicht nur für das Wohl einer bestimmten Volksgruppe zuständig,
sondern auch "mit der 'Dritten Welt' solidarisch verbunden". Und er ist
weder propagandistisch noch rassistisch oder nationalistisch, sondern
"grenzt sich gegen Nationalismus und Militarismus ab". Grundsätze wie diese
sind in den Satzungen von GRÜNER LIGA, Robin Wood oder BUND festgehalten,
doch das genügt angesichts der aktuellen Umstände nicht mehr. Stattdessen
müssen diese Prinzipien nach außen getragen und gegen den rechten Ansturm
verteidigt werden, denn: Umweltschutz ist nicht braun, sondern grün!

Marlis Heyer

--
DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - Oktober/November 08
Prenzlauer Allee 230 - 10405 Berlin - Tel. 030 / 44339147
raberalf ät grueneliga.de - www.grueneliga-berlin.de/raberalf
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