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Auswahl: [Der Rabe Ralf]
DNR Matthias Bauer <matthias.bauer ät dnr.de>26. May 2009 10:32

Rezension: Marke Eigenbau - Der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion


Kapitalismus + Sozialismus = ?

Ob Schnäppchenjäger, Konsumkritiker oder Durchschnittskäufer - es geht beim Einkauf um den Preis, manchmal auch um die Qualität. Mediamarkt, Aldi, Lidl & Co. kalkulieren nach der Masse, sowohl der Käufer als auch der Produkte. "Nur manchmal hebt der Vorhang der Pupille sich lautlos auf" - und wir lassen, zaghaft, ein Unbehagen hinter unsere Stirn, dass Massenproduktion und -konsum etwas "gegen unsere Natur" sind: eigentlich! Und dann schleicht sich eine Ahnung heran, dass die Güter, die auf den globalisierten, technisierten, anonymisierten Märkten, allzu oft unter unmenschlichen Bedingungen, für uns Billigkäufer hergestellt werden, das Geld nicht wert sind, das wir dafür ausgeben; dass sie nicht nur nutzlos, sondern auch gesundheitsgefährdend sind, wie bei den mit Ekelfutter gemästeten Tieren, deren Fleisch wir verzehren.

Doch in der unübersichtlichen, verschachtelten und globalisierten Wirtschaft ist es meist gar nicht möglich, das Schlechte vom Guten zu unterscheiden; und dem "unschlagbaren" Sonderangebot ist auch nur schwer zu widerstehen. Immerhin will sich, so zeigen Untersuchungen über Marktglaube und Wohlbefinden der Konsumenten, eine zunehmende Zahl von Menschen mit weniger Massenprodukten versorgen. Initiativen wie die Vermarktung von regionalen Lebensmitteln, aber auch traditionelle Handwerksbetriebe nehmen zu.

Der Volkswirt Holm Friebe und der Journalist Thomas Ramge, beide Ende dreißig und in Berlin lebend, reagieren auf die unterschwelligen Sehnsüchte nach "guten Gütern", indem sie die Revolution des Selbermachens ausrufen. Friebe ist Geschäftsführer der "Zentralen Intelligenz-Agentur", einer virtuellen Firma, die als kapitalistisch-sozialistisches Joint Venture neue Formen der Zusammenarbeit propagiert. Der Trend, den die beiden Autoren in den USA ausmachen, geht zum "Do it yourself". Die "softe Rebellion" gegen Massenproduktion und -konsum redet dabei nicht der Abschaffung des Marktes das Wort; vielmehr geht es bei dieser Form der Kapitalismuskritik darum, "eine Gegenökonomie zu installieren und eine Alternative zur Produktionsweise der globalen Konzerne auch ökonomisch tragfähig zu machen".

Die "Marke Eigenbau" entfaltet sich in vielfältigen Formen und Initiativen überwiegend aus dem angelsächsischen Raum. Es geht um die Arbeit Marke Eigenbau, die Märkte Marke Eigenbau, die Produktion, die Organisation, das Marketing Marke Eigenbau und insgesamt um die "Eine Welt Marke Eigenbau". Wichtig ist den Initiatoren der verschiedenen Richtungen von Garagen-Initiativen über Kleinkreditgeber bis zu Internetbloggern, dass sie bei ihrer Kritik an den Kapitalismus- und Globalisierungs-Auswüchsen nicht als ideologische Konsumrebellen betrachtet werden, denen es mehr um Dagegensein als um Veränderung geht. Die Welt der gegenseitigen Abhängigkeiten und sich auflösenden Grenzen lässt sich nicht aufhalten; Fortschritt braucht, wie es Jost Hernand in "Die Utopie des Fortschritts" formuliert, eine konkrete Hoffnung auf Veränderung hin zu mehr Menschlichkeit, und die ist mit Krawall nicht zu erreichen. Vielmehr bedarf es "sozialer Unternehmer", wie der New Yorker Bill Drayton, dessen Initiativen auf dem Prinzip beruhen: Sei nicht damit zufrieden, den armen Menschen Fische zu schenken oder ihnen zu zeigen, wie man Fische fängt, sondern arbeite daran, die Fischindustrie zu revolutionieren. Ein Zeichen für einen menschlichen Kapitalismus setzte auch der aus Bangladesch stammende Ökonom und Nobelpreisträger Mohammad Yunus mit seiner Grameen-Bank, die Mikrokredite zu fairen Bedingungen gibt und damit nicht nur den einzelnen Kleinproduzenten zu einer Existenzmöglichkeit verhilft, sondern auch - zwar langsam und zögerlich - im ökonomischen Denken weltweit einen Wandel vollzieht. Interessante Initiativen sind mittlerweile auch in Deutschland angekommen; etwa das von dem New Yorker Steve Mariotti 1987 gegründete Bildungsunternehmen "National Foundation for Teaching Entrepreneurship". An Haupt-, Real- und Berufsschulen in sozialen Brennpunkten werden, mit Förderung der Medienunternehmerin Christiane zu Salm und des C&A-Erben Stephan Brenninkmeyer, Jugendlichen ein Verständnis von wirtschaftlichen Zusammenhängen und finanziellen Rahmenbedingungen sowie Kompetenzen für eigenes konsumentes und unternehmerisches Handeln vermittelt.

Die zahlreichen Beispiele, die die Autoren aus der ganzen Welt zusammentrugen, geben Hoffnung und setzen Zeichen gegen ohnmächtig machende Auffassungen wie: Ich kann ja sowieso nichts tun! Die UN-Weltkommission für Kultur und Entwicklung zog 1995 als Fazit einer Expertenanalyse des Zustands unserer Welt: "Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden." Denn das Problem des lokalen wie globalen Marktgeschehens liegt ja darin, dass überwiegend Produkte hergestellt und angeboten werden, die an die relativ Wohlhabenden in dem ökonomisch bevorzugten kleinen Teil der Welt adressiert sind. Wohl-Haben und Wohl-Sein müssen aber zusammenkommen, um ein Wohl-Befinden der Menschen zu erreichen. Das Buch der beiden Berliner Autoren bietet dafür eine Fülle von Anregungen. Es ist zu wünschen, dass "Marke Eigenbau" in unserem alltäglichen Handeln wie im wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Denken eine humane Alternative zum "Immer-weiter-immer-höher-immer-schneller-immer-mehr" wird.

Jos Schnurer

Holm Friebe, Thomas Ramge:
Marke Eigenbau. Der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion
Campus Verlag, Frankfurt/M. 2008
288 Seiten, 19,90 Euro
ISBN 978-3-593-38675-1

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DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - April/Mai 09
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