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Auswahl: [Der Rabe Ralf]
Sabine Ellersick <S.ELLERSICK ät NADESHDA.org>2. Feb 2010 19:47

Palmoelproduktion und Massenvertreibungen in Kolumbien


"Geben Sie uns das Land zurück, Herr Präsident!"

Palmölproduktion und Massenvertreibungen in Kolumbien

Von Martin Sprenger

Kolumbien ist ein Land in Bewegung. Ein Land im Aufschwung. Grund dafür ist
die Elaeis guineensis, die Ölpalme. Das Besondere an dieser Palme sind die
Früchte. Sie bieten eine hohe Ertragsquote und vielfältigste
Nutzungsmöglichkeiten. Die Früchte der Ölpalme liefern das Palmöl, einen
Rohstoff, der immer mehr an Bedeutung gewinnt und neben Kaffee, Tabak und
Zucker zu den wichtigsten Exportgütern Kolumbiens zählt.

2005 importierte Deutschland 1,2 Millionen Tonnen an Palmölprodukten aller
Art. Obwohl Kolumbiens Palmölproduktion auf dem Weltmarkt nur zwei Prozent
ausmacht, werden bereits 800.000 Tonnen jährlich produziert - Tendenz
steigend. Die wichtigsten Anbauländer sind Indonesien und Malaysia. Mit über
85 Prozent Marktanteil bilden sie das Monopol im Palmölgeschäft.

2009 wurden weltweit etwa 43 Millionen Tonnen des "roten Goldes" produziert.
Wie aber ist die wachsende Nachfrage nach Palmöl zu erklären, die es Ländern
wie Indonesien ermöglicht hat, ihre Produktion seit 2003 um 66 Prozent zu
steigern? Der wohl am weitesten verbreite Irrglaube ist, dass das Palmöl
ausschließlich oder zumindest zum großen Teil zur Produktion von sogenanntem
Biosprit verarbeitet würde. Tatsächlich werden aber nur fünf Prozent der
weltweiten Palmölerträge für die Produktion von Biokraftstoffen verwendet.
90 Prozent werden für Nahrungsmittel, die restlichen fünf Prozent für
Nicht-Nahrungszwecke wie Kosmetika oder Reinigungsmittel genutzt.

Biodiesel für Deutschland

Doch im Fall von Kolumbien geht das Öl tatsächlich zum größten Teil in die
Biosprit-Produktion. Die erste Biospritraffinerie an der Küste Kolumbiens
produziert täglich 250 Tonnen Biodiesel. 35 Prozent des gesamten Palmöls
werden in die westlichen Industrieländer exportiert, davon 25 Prozent allein
nach Deutschland. Und die Nachfrage steigt jährlich - weltweit.

Der Lockruf des Geldes ertönt und die Regierung wie auch Agrarunternehmer
und Großgrundbesitzer reagieren erwartungsgemäß. Produktionssteigerung und
Gewinnmaximierung lauten die Devisen. Die Palme ist also gut für die
kolumbianische Wirtschaft, ist gut für Kolumbien, ist ergo gut für das
kolumbianische Volk, ist gut, ist gut, ist gut. Erst recht gut ist die Palme
für den Westen.

Biokraftstoff soll Ökonomie und Ökologie vereinen und versöhnen.
Umweltfreundliches Verschwenden von natürlichen Ressourcen ist möglich, so
die Losung. Doch ist das Geschäft mit dem Biosprit tatsächlich ein so
sauberes, wie es den Anschein hat? Kritische Stimmen werden laut. Im Zuge
der Erschließung von neuen Flächen für Palmen-Großplantagen werden massive
Verletzungen von Menschenrechten beobachtet. Sogar von Landraub,
Vertreibung, Verschleppung und Morden ist die Rede.

Von Korruption und Vetternwirtschaft

"Wir nennen die Palme den Tod. Denn an ihr klebt das Blut unserer Brüder",
sagt Uriel Armado, Vertriebener aus der im Nordwesten Kolumbiens gelegenen
Provinz Chocó. Armado ist einer von Tausenden Afrokolumbianern, die von
Paramilitärs unter dem Vorwand des Kampfes gegen die "FARC-Guerilla"
gewaltsam aus ihren Dörfern vertrieben wurden. Auf dem Land der Vertriebenen
legten Agrar-Unternehmen illegal Palmöl- und Bananenplantagen an. Derzeit
sind 23 kolumbianische Palmöl-Firmen wegen Landraubs angeklagt. Doch zu
Prozessen oder gar Verurteilungen kommt es so gut wie nie. Die Regierung
schweigt, Verfahren werden blockiert, die Bauern fühlen sich im Stich
gelassen und verkauft. Sie nennen ihren Präsidenten korrupt und sehen sich
einer teilnahmslosen Politik ausgeliefert. 51 Staatsbeamte sind
erwiesenermaßen in die planmäßigen Vertreibungen von Menschen verwickelt.
Fragt man aber José Tobón vom kolumbianischen Agrarministerium, dann ist die
Vertreibung "ein generelles Problem in Kolumbien und hat nichts mit der
Palme zu tun."

Die kolumbianische Menschenrechtsorganisation CODHES hingegen spricht von
mehr als vier Millionen Flüchtlingen im eigenen Land infolge von
Vertreibungen und massivem Landraub. Derzeit sind etwa 300.000 Hektar mit
der Ölpalme bepflanzt. Präsident Alvaro Uribe plant die Ausweitung der
Plantagen auf das Zwanzigfache! Menschenrechtlich wie ökologisch wäre das
ein Desaster.

Da die Palme nämlich zumeist in Monokultur angepflanzt wird, hinterlässt sie
nach etwa 20-jähriger Ertragsspanne einen ausgezehrten, unfruchtbaren Boden.
Um Platz für die Plantagen zu schaffen, wird zudem großflächig Regenwald
gerodet. Dass zur Bekämpfung von Schädlingen Unmengen Spritzmittel und
Pestizide zum Einsatz kommen, die oft in Grundwasser und Flüsse gelangen,
sei hier nur am Rande vermerkt. Fraglich ist auch, ob der sogenannte
Biosprit überhaupt ökologisch ist, wie es Mineralölkonzerne und Politik
immer noch propagieren. Doch nicht die ökologischen Missstände rund ums
Palmöl sollen hier im Vordergrund stehen, sondern die grobe Missachtung der
Menschenrechte.

Justitia, wer hat Recht?

Menschenrechtsorganisationen und Umweltverbände befassen sich schon seit
Langem mit den aus dem Palmölgeschäft resultierenden Konflikten. So
überreichten am 12. November in Berlin die Organisationen Inkota netzwerk,
kolko, Brot für die Welt, Misereor, FIAN und Pax Christi über 10.000
Unterschriften an die kolumbianische Botschafterin Victoriana
Meja-Marulanda. Mit der Aktion "Geben Sie uns das Land zurück, Herr
Präsident!" soll Druck auf die kolumbianische Regierung ausgeübt und der
Öffentlichkeit die Problematik des Palmölanbaus näher gebracht werden. Die
Botschafterin lehnte es zwar ab, die Unterschriften direkt vor der Botschaft
im Beisein von Presse und Fotografen entgegenzunehmen. Sie betonte jedoch
bei der internen Übergabe durch eine Delegation aus Vertretern der
beteiligten Vereine und Organisationen die Wichtigkeit der Aktion. Auch
versprach sie, die Protestpostkarten an Präsident Uribe weiterzugeben.

Zeitgleich fand in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá die Übergabe einer
großformatigen, symbolisch für die 10.000 Unterschriften stehenden
Protestpostkarte an den Menschenrechtsbeauftragten der kolumbianischen
Regierung, Carlos Franco, statt. Dieser bekräftigte anschließend den festen
Entschluss der Regierung, die Besitzverhältnisse der Ländereien zu klären
und die Täter ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Ob tatsächlich diejenigen
Recht bekommen, die Recht haben, bleibt abzuwarten.

Tatsache ist: Der kolumbianische Palmölboom bedeutet wenige Gewinner und
viele Verlierer. Im Vergleich zu den vertriebenen Bauern zähle man an dieser
Stelle auch die einfachen Erntearbeiter zu den Gewinnern. Sie verdienen etwa
sechs Euro am Tag. Großgrundbesitzer, die kolumbianische Regierung und an
vorderster Stelle die westlichen Mineralöl-, Pharma- und
Lebensmittelkonzerne sind die großen Gewinner dieses Geschäfts.

Manuel Davila, Geschäftsführer der ersten Biospritraffinerie Kolumbiens
bringt es eigentlich sehr genau auf den Punkt, wenn er sagt: "Es liegt an
euch Konsumenten. Denn euer Geld entscheidet doch, was hier in Kolumbien
angebaut wird."

www.inkota.de
www.ila-web.de


--
DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - Dezember 2009 / Januar 2010
Prenzlauer Allee 230 - 10405 Berlin
www.raberalf.grueneliga-berlin.de

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