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Auswahl: [Der Rabe Ralf]
Matthias Bauer <matthias.bauer ät grueneliga.de>3. Jun 2009 15:28

Nicht besser als Monsanto: Auch Bayer, BASF und KWS arbeiten mit dubiosen Methoden


Kein Stück besser als Monsanto

Gentechnik in Deutschland: Auch Bayer, BASF und KWS arbeiten mit dubiosen
Methoden

Wenn es um Gentechnik geht, denken die meisten zuerst an Monsanto. Kritische
Bücher und Filme zu diesem rücksichtslosen Konzern erzielen Einschalt- und
Auflagenrekorde, Veranstaltungen füllen ganze Hallen. Zum Inbegriff alles
Bösen wurde auch der Name der Pflanze: MON810. Wo diese gentechnisch
veränderte Maissorte gepflanzt wird, kommt es zu Protesten von BürgerInnen
und Umweltverbänden. Niemand will die unkontrollierbare Saat in der Nähe
haben. Selbst der deutsche Umweltminister nicht mehr: "Ich kann den
gesellschaftlichen Mehrwert der Genprodukte von Monsanto nicht erkennen",
gab Sigmar Gabriel am 2. März zum Besten und fügte hinzu: "Man stelle sich
vor, diese Debatte um Gentechnik-Produkte gäbe es in den USA, und die
einzige Firma, die ein Interesse daran hätte, dieses Präparat dorthin zu
verkaufen, wäre eine europäische: Ich möchte einmal wissen, ob der
amerikanische Kongress sich derart ins Zeug legen würde zur Verfolgung
europäischer Wirtschaftsinteressen eines einzelnen Unternehmens, wie es
jetzt die EU-Kommission zur Verfolgung der Wirtschaftsinteressen eines
amerikanischen Unternehmens tut."

Das klingt gerade so, als würden BASF oder Bayer gar nicht existieren. Viel
ruhiger geht es nämlich zu, wenn deutsche Firmen und Institute gentechnisch
veränderte Sorten entwickeln und ausbringen. Mancherorts geht gar nichts:
Als die Universität Gießen 2006 transgene Gerste aussäte, votierten alle
Parteien im Stadtparlament für das riskante Experiment. Auch die Grünen -
sonst mit verbalradikaler Gentechnikkritik immer auf WählerInnenfang. Ist
die deutsche Gentechnik besser? Ja - scheint zumindest Umweltminister
Gabriel zu finden. Nur wenige Tage nach der beißenden Kritik an Monsanto
besuchte er die deutsche Gentechnikfirma KWS Saat AG im niedersächsischen
Einbeck. "Wir wollen gentechnisch veränderte Pflanzenzucht auf jeden Fall
zulassen", so der Minister, "aber nicht mit Kollateralschäden in der Natur."
Forschung in diesem Bereich sei unabdingbar. Denn den Herausforderungen, die
die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung und ihr Energiehunger stelle,
könne man anders kaum beikommen.

Bei Monsantos Produkten sieht Gabriel also "keinen gesellschaftlichen
Mehrwert", bei der KWS Saat AG dient das Gleiche der Ernährung und der
Energieversorgung. Doch seltsam: KWS entwickelt fast alle Gentech-Produkte
zusammen mit Monsanto und ist der wichtigste Versorger mit dem MON810-Mais
(Markenname YieldGard) für Mittel- und Osteuropa. Bei Gabriel ist folglich
dieselbe Genpflanze plötzlich gut, wenn sie von einer deutschen Firma
stammt.

Filz, wohin das Auge blickt

Gabriels Zweiteilung einer schlechten amerikanischen und einer guten
deutschen Gentechnik ist nicht nur gefährlich, weil sie nationalistische und
antiamerikanische Gefühle bedient. Sie ist auch völlig ungerechtfertigt.
Denn was der Film "Mit Gift und Genen" [1] über die Seilschaften zwischen
Genehmigungsbehörden und Konzernen in den USA aufgedeckt hat, ist in Europa
und in Deutschland nicht anders: Die Politik "ist umschlungen von einem fast
undurchdringbaren Geflecht von Experten, Consulting-Firmen,
Spezialagenturen, Arbeitsgruppen, Initiativen und den vielfältigen
Aktivitäten ihrer Beamten, die gemeinsam mit der Industrie sowohl die
Risikobewertung als auch die Risikokommunikation organisieren und dabei
Politik und Öffentlichkeit zu ihrem Spielball machen", schreiben Antje Lorch
und Christoph Then in einer 2008 erschienenen Studie [2] - über die deutsche
Gentechnik. "Im Zentrum des Geflechts findet man dabei selten die großen
Firmen selbst, sondern eher ,Spezialagenturen' mit exzellenten Kontakten zu
Behörden, Politik, Medien und Konzernen", fanden Lorch und Then heraus. "Sie
arbeiten als Tarnkappenstrategen der Industrie, finanziert sowohl durch die
öffentliche Hand als auch durch die Wirtschaft, sie haben Netzwerke,
Seilschaften und Klüngelrunden auf allen relevanten Ebenen organisiert, die
Institutionen der EU-Mitgliedsstaaten infiltriert und eine weitgehende
Definitionsmacht errungen."

Zu ähnlichen Ergebnissen kamen auch das Umweltinstitut München [3] und die
AutorInnen des Readers "Organisierte Unverantwortlichkeit" [4], aus dem die
folgenden Informationen stammen (die dort ausführlicher und mit
Quellenangaben nachzulesen sind).

Verbraucherschutzbehörde? Fehlanzeige ...

Für die Kontrolle und Überwachung von Gentech-Pflanzen sind
Regierungsstellen zuständig. Außerdem führen Fachanstalten eigene Versuche
durch. Ministerien und beauftragte Institutionen vergeben Fördermittel - für
die Agro-Gentechnik in großer Höhe. Schon allein die Gewichtung der
ausgegebenen Steuermittel zeigt, dass die herrschende Politik in deutlichem
Widerspruch zu den Überzeugungen der meisten Menschen steht. Denn die große
Mehrheit ist gegen Gentechnik im Essen. Allerdings sind Ministerien,
Behörden und Fachinstitutionen durchsetzt von LobbyistInnen und
KonzernvertreterInnen, die sich für die Gentechnik einsetzen.

Zum Beispiel das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit
(BVL). Im Gesetz heißt es: "Das BVL nimmt ... die Durchsetzung dieser auf
EG-Normen beruhenden Verbraucherschutzgesetze wahr. ... Ziel ist es,
Verbraucherrechte im Falle innergemeinschaftlicher Verstöße besser
durchzusetzen." Doch davon ist nichts zu sehen. Das BVL hat bislang alle
Anträge auf Gentechnikversuche genehmigt, alle Einwendungen von
Umweltverbänden, LandwirtInnen oder anderen BürgerInnen zurückgewiesen sowie
in vorauseilendem Gehorsam sofortige Vollziehungen verhängt, um die Aussaat
zu beschleunigen, ohne dass Betroffene einen Aufschub zur Klärung ihrer
Einwände erhielten.

Das ist kein Wunder, denn der Chef der Gentechnikabteilung des BVL, Dr.
Hans-Jörg Buhk, hatte schon Ende der 1990er-Jahre klare Vorstellungen von
der Gentechnik: "Auf diese Weise können die Lebewesen, die unserer Ernährung
als Basis dienen, gezielt mit Eigenschaften ausgestattet werden, die unsere
Lebensmittel qualitativ verbessern und sowohl wirtschaftliche als auch
ökologische Vorteile bei der Erzeugung und Verarbeitung erwarten lassen."
Damit nicht genug, schoss er auch gleich eine Breitseite gegen die
KritikerInnen der Gentechnik ab: "Ich denke, die Ängste vieler deutscher
Mitbürger kommen ,aus dem Bauch' und sind oft durch fehlendes Wissen
hervorgerufen."

1996/97 unterstützte Buhk mit öffentlichen Auftritten und Schriften die
Einführung von Monsantos Gentechnik-Soja in den deutschen Markt. Im Jahr
2000 unterzeichnete er ein Manifest von Gentechnik befürwortenden
Wissenschaftlern und Lobbyisten. Darin wurde die Agro-Gentechnik als
umweltfreundlich, sicher und präzise verherrlicht. 2002 trat Buhk in dem
Werbevideo "Das streitbare Korn" auf, in dem er die ökonomischen Vorteile
von Gentech-Mais anpreist, und unterzeichnete - mit Hinweis auf sein Amt im
BVL - das "ABIC2004 Manifesto", das die Abschaffung "unnötiger Hürden" für
die Zulassung von gentechnisch veränderten Organismen forderte.

Das BVL arbeitet gern ohne Öffentlichkeit und musste sich erst vor Kurzem
von einem Gericht sagen lassen, dass es seit Jahren Akteneinsichtsrechte
gesetzwidrigerweise verweigert hatte.

Überall sitzen die gleichen Leute

Ein Blick in Beiräte bei Regierungsstellen, Vorstände von Lobbyverbänden
oder die Apparate in Bioparks, Konzernen und Forschungsgemeinschaften zeigt:
Dort sitzen überall die gleichen Leute. Eine Grenze zwischen
Kontrollbehörden, Geldgebern, ForscherInnen und interessierten Firmen gibt
es nicht. Recht neu, aber erfolgreich beim Knüpfen solcher persönlichen
Netze sind Prof. Inge Broer und Kerstin Schmidt, die Strateginnen des
Gründungszentrums für grüne Gentechnik "AgroBioTechnikum" in Groß Lüsewitz
bei Rostock. Über den sich gemeinnützig gebenden Verein FINAB initiierten
sie den Bau eines teuren Büro- und Laborgebäudes und probierten sich mit
Freilandversuchen. Start war ein Rapsfeld von 2004 bis 2006: "Diese
Freisetzung dient einerseits der Etablierung von notwendigem Know-how für
die Beantragung und Durchführung von Freisetzungen am Standort Groß
Lüsewitz, andererseits als politisches Signal und Präsentation des
Dienstleistungsangebotes im AgroBioTechnikum." FINAB gab damit selbst zu:
Ein wissenschaftliches Ziel bestand gar nicht. Trotzdem gab es rund eine
halbe Million Euro Steuergelder allein für den Versuch. Insgesamt wurde das
AgroBioTechnikum mit etlichen Millionen von Bund, Land und Kommune
hochgepäppelt.

Systematisch zogen Broer und Schmidt ein Firmengeflecht auf, in dem in den
Folgejahren Hunderttausende Euro versickerten - gezahlt für hochriskante
Freisetzungsexperimente, deren genauer Sinn aber oft schwer erkennbar war.
Immer in Leitungsfunktion: Inge Broer. Überall die Geschäftsführerin:
Kerstin Schmidt. Letztere war für die Arbeit vor Ort zuständig, erstere zog
die Strippen in vielen Gremien - gleichzeitig bei Geldgebern,
Kontrollbehörden, Konzernen und Forschung: Beratung bei Biologischer
Bundesanstalt (heute Julius-Kühn-Institut) und EU-Lebensmittelbhörde EFSA,
Mitwirkung bei den Firmen KWS, BioOK und Biovativ, Mitarbeit im Lobbyverband
BDP, Vorstandsmitglied im Forschungsverbund Mecklenburg-Vorpommern, Lobbying
in den Landesministerien für Umwelt und für Landwirtschaft. Zudem hält Broer
neun Patente, überwiegend solche der Firma Bayer.

Kerstin Schmidt hingegen ist ausgebildete Mathematikerin und kümmert sich um
das Geschäftliche - das aber gleich in vielen Firmen gleichzeitig. Sie ist
Geschäftsführerin der Gentechnikfirmen biovativ und Biomath, des
Gentechnik-Schaugartens Biotechfarm und des Firmenverbundes BioOK. Durch
ihre Hände gehen Hunderttausende an Forschungsgeldern. Gentechnik ist für
sie vor allem eine Geldfrage.

Aus Agenda 21 wird Gentech-Großprojekt

Es gibt einige Orte, wo die Gentechnik-Seilschaften ein halbes Dorf erobert
haben, um dort mit riesigen Mengen an Steuergeldern äußerst riskante und oft
wissenschaftlich dubiose Versuche durchzuführen. Der erste war Gatersleben
südlich von Magdeburg mit dem Institut für Pflanzengenetik und
Kulturpflanzenforschung (IPK). Dann folgte das AgroBioTechnikum in Groß
Lüsewitz bei Rostock. Ganz neu ist die Biotechfarm im westlich von Magdeburg
gelegenen Üplingen. Eröffnet im Juli 2008, dient sie mit ihrem Schaugarten
nach eigener Darstellung der Beeinflussung des Denkens über Gentechnik. In
der Tat: Umweltverbände stellten in einer Einwendung fest, dass es gar keine
Labore in der Umgebung gebe. Hier wird also nichts erforscht, sondern
Gehirnwäsche betrieben. Die angemeldeten Felder sind überwiegend
Zweitstandorte - die Hauptflächen liegen am AgroBioTechnikum in Groß
Lüsewitz oder bei Firmen wie KWS und Monsanto. Diese Verbindungen sind kein
Zufall: Kerstin Schmidt wurde im April 2008 auch Geschäftsführerin in
Üplingen.

In Üplingen gab es übrigens schon eine Infrastruktur, die dann zur
Biotechfarm mutierte. Ausgangspunkt war eine PR-Kampagne für Nachhaltigkeit.
Das von der UNESCO geförderte Projekt hieß: "Das Dorf Üplingen als
Agenda-21-Siedlung und Motor der nachhaltigen Entwicklung im ländlichen
Raum". Hauptziel war die Renovierung des Stiftsgutes Üplingen. Hier sollte
ein "Leitprojekt für die Integrierte ländliche Entwicklung" entstehen. Doch
2007 - noch verdeckt - und endgültig 2008 griffen die
Gentechnik-Seilschaften zu: Uwe Schrader, Chef der
Gentechnik-Lobbyvereinigung InnoPlanta, Macher des IPK Gatersleben und
FDP-Politiker in Sachsen-Anhalt, organisierte Gelder und zog die Fäden über
den Mäzen des ehemaligen Nachhaltigkeitsprojektes, den aus Köln stammenden
Firmenboss Karlheinz Lichtschläger. Unauffällig wurde die
Projektbeschreibung manipuliert und ein Punkt ausgetauscht. So wurde aus dem
Nachhaltigkeitsprojekt die Biotechfarm, das neue Großprojekt in Sachen
Agrogentechnik.

Staatlich unterstützte Lobbyverbände

Alles ist steigerbar. Und so gibt es in Deutschland mehrere Verbände, die
nichts anderes betreiben als Gehirnwäsche und den Aufbau von Seilschaften
für die Gentechnik. Die sind auch gar nicht versteckt: Im wichtigsten
Lobbyverband InnoPlanta e.V. sitzen Vertreter gentechnikbefürwortender
Parteien und Organisationen einträchtig neben Beamten aus Behörden und
Fördermittelvergabestellen, Landräten, aber auch VertreterInnen der großen
Konzerne und der kleinen Newcomer der Gentechnik. InnoPlanta ist der
lauteste und oft inhaltsleere Marktschreier für die uneingeschränkte Nutzung
manipulierter Tiere und Pflanzen im Land. Der Verein bezeichnet sich selbst
als "Plattform zur Unterstützung von Landwirten, welche die Vorteile
moderner Pflanzenbiotechnologie nutzen wollen". Dass im Vorstand einer
solchen Plattform BASF, Bayer und viele kleine Firmen sitzen, die - mit
Fördermitteln vollgepumpt - in den letzten Jahren ihr Glück als
GentechnikerInnen versuchten, mag wenig überraschen. Was aber machen die
Geschäftsführerin der regionalen Wirtschaftsförderung, der Vize des
Landesbauernverbandes, ein Mitarbeiter der staatlichen Forschungsstelle
Julius-Kühn-Institut und ein Landrat im Vorstand? Warum sitzen im Beirat ein
Ex-Landeswirtschaftsminister und ein wichtiger Beamter der
Bundesforschungsanstalt für Lebensmittel? Insgesamt vereinigt Innoplanta
rund 60 Partner aus Forschung, Wirtschaft, Finanzen und Politik. Hier wird
besonders deutlich: Bei der Gentechnik ist alles mit allem verbunden.

Zusammenfassend muss gesagt werden: Es gibt in diesem Bereich keine
unabhängige Kontrolle und es gibt keine Forschung, die nicht von
Konzerninteressen geprägt wäre. In Deutschland genausowenig wie in den USA.

Jörg Bergstedt


[1] "Mit Gift und Genen" von Marie-Monique Robin (2007)
www.kurzlink.de/monsanto

[2] Studie: Lorch/Then, "Kontrolle oder Kollaboration?", Download (1 MB):
www.kurzlink.de/agrogentech.pdf

[3] Umweltinstitut München: Gentechnik-Verflechtungen in den neuen
Bundesländern
www.umweltinstitut.org/genfilz

[4] Reader zum Gentechnik-Filz und viele weitere Informationen:
www.biotech-seilschaften.de.vu
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