Mehr Wildnis in der Stadt! Kinder brauchen echten Aktionsraum
Wildnis für Kinder!
Realisierungschancen für Naturerfahrungsräume in Berlin?
Seit den 60er Jahren fallen zunehmend Freiräume durch zugebaute Baulücken
weg. Der Autoverkehr und die verkehrsgerechte Umgestaltung des Nahbereichs
um die Wohnungen nehmen zu. Viele Wohngebiete wurden aus der Stadt in triste
und langweilige Schlafstädte verlagert. Die Zahl der Verbote, das gepflegte
Abstandsgrün zwischen den Hochhäusern und die geschützten Vorgärten zu
betreten, hat zugenommen.
Dabei gingen den Kindern in der Stadt immer mehr Aktionsräume verloren.
Aktionsräume sind Territorien mit den vier Merkmalen: Zugänglichkeit,
Gefahrlosigkeit, Gestaltbarkeit und Interaktionschancen, die für Kinder in
ihrem Wohnumfeld jederzeit zugänglich sind und für die es keine Verbote
gibt. Es sind Räume, die - gemessen an der Risikokompetenz von Kindern -
gefahrlos sind, die sie im Sinne ihrer Interessen und Möglichkeiten
gestalten dürfen, wo sie sich nicht langweilen und wo sie andere Kinder
treffen.
In einer wissenschaftlichen Untersuchung wurde herausgefunden, dass die
Aktionsraumqualität gegenüber dem Umfang der Erwerbstätigkeit und dem
Bildungsmilieu der Eltern oder Alleinerziehenden das bei weitem größte
Gewicht für den Kinderalltag hat.
Kinder brauchen echte Aktionsräume
Wenn Kinder im Vorschul- und Grundschulalter keine Möglichkeit zum Erkunden
ihrer näheren Umgebung haben, ist zu befürchten, dass sie stark
sicherheitsfixiert sind, nur ein geringes Interesse am Ausprobieren,
Entdecken und Problemlösen entwickeln und sich stattdessen vor dem Fernseher
langweilen. Kinder, die diese Aktionsräume haben, können Selbstbewusstsein,
Stolz auf die eigenen Fähigkeiten, aber auch Einsicht in die Grenzen ihres
Handelns gewinnen. Dazu sind anregende und offene Aktionsräume erforderlich,
die sich zum spontanen und unbeaufsichtigten Spielen mit Gleichaltrigen
eignen. Das Fehlen von Aktionsräumen regt eher zum Konsumieren fertiger
Dinge und Dienstleistungen an. Ihr Konsum hält sich in vernünftigen Grenzen,
wenn es Alternativen dazu gibt. Von einer "organisierten Kindheit" sind
Kinder am ehesten dann betroffen, wenn sie im Umfeld ihrer Wohnung keine
Freiräume haben.
Von allen Fachleuten wird betont, wie wichtig für Kinder die Möglichkeit zum
Herstellen von Dingen ist, aber auch soziales Herstellen, also Herstellen
von Regeln und Beziehungen. Spielorte sollten Kindern die Möglichkeit zur
Gestaltung bieten. Das setzt voraus, dass ihre Ausstattung nur sehr wenig
auf bestimmte Zwecke festgelegt ist, dass es für Kinder möglich und
notwendig ist, etwas zu verändern. Die herkömmlichen Spielplätze sind weit
davon entfernt, dieses Prinzip zu verwirklichen. Die Ausstattung dieser
Plätze kostet sehr viel Geld und erreicht doch nicht den angestrebten Zweck.
Stadtplanung im Kinderinteresse
Daran lässt sich etwas verändern - nicht durch Spieltherapie oder
Erlebnispädagogik, sondern durch eine vernünftige und an den Interessen der
Kinder ansetzende Stadtplanung und Verkehrspolitik. Damit die Gefährdung von
Kindern durch den Straßenverkehr deutlich verringert wird, muss die
Verkehrsberuhigungspolitik zugunsten des angenehmen und ungefährlichen
Aufenthalts im öffentlichen Raum konsequent fortgesetzt werden, das heißt,
es müssen mehr autofreie Straßenplätze und Spielstraßen, mehr Tempo 30 mit
einer effektiven Kontrolle und mehr Sperren gegen den Durchfahrverkehr
durchgesetzt werden. Wichtig ist auch eine kinderfreundliche Gestaltung der
Hauseingangsbereiche durch die Schaffung von bespielbaren und sicheren
Übergangszonen zwischen Haustür und Straße. Gehwegverbreiterung,
Einbeziehung von Vorgärten sowie Schaffung kleiner Spiel- und
Aufenthaltszonen im Umkreis des Hauseingangs wären hier geeignete Maßnahmen.
Beobachtungen auf Spielplätzen haben auch gezeigt, dass die vorgefertigten
Geräte für die meisten Kinder nicht wirklich attraktiv sind. Wenn man Kinder
genauer fragt und ihnen auch Alternativen aufzeigt, dann stehen Abenteuer-,
Aktiv- und Naturspielplätze ganz oben auf der Wunschliste - Orte also, die
nicht durch TÜV-geprüfte und kindgerechte Geräte möbliert sind, sondern
Orte, die eher Freiheit und Abenteuer bedeuten. Wie aber soll man
interessante und gestaltbare Spielorte in den verdichteten Wohngebieten
einrichten?
1. Alle Spielorte für Kinder sollten durch begeh- und bespielbare Wege
miteinander verbunden sein.
2. Statt den Kindern nur Garten oder Spielplatz oder Hof zugänglich zu
machen, kann in verdichteten Wohngebieten durch eine größere Vernetzung
Vielfalt geschaffen werden, wenn es zu einer weiteren konsequenten
Verkehrsberuhigung kommt. Große Bedeutung hat auch die Möglichkeit, die
Schulhöfe für Kinder am Nachmittag zu öffnen.
3. Spielorte sollten Kindern die Möglichkeit zur Gestaltung bieten, also
veränderbar sein - statt durch ihre Ausstattung auf nur sehr wenige,
bestimmte Zwecke festgelegt zu werden. Auf herkömmlichen Spielplätzen
sollten die teuren Geräte abgeräumt werden. Ein Bagger sollte unter der
Anleitung von vier oder fünf Kindern ein interessantes Gelände gestalten -
mit verformbarer Erde, mit ein paar Hügeln aus Bauaushub, mit Vertiefungen,
in denen sich Regenwasser sammeln und Matsch bilden kann. Die Vegetation
sollte man sich selbst überlassen, vielleicht ein paar Brombeer- oder
Himbeersträucher pflanzen - auf keinen Fall Zierpflanzen. Das Gartenbauamt
könnte hin und wieder bewegliche Gegenstände (Bretter, Balken, Steine)
heranschaffen. Nach Möglichkeit sollte es auch fließendes Wasser geben; es
darf aber nicht wie Trinkwasser aussehen, weil sonst das Gesundheitsamt
Bedenken anmelden würde - also eher trübes, schlammiges Wasser. Ein solcher
Spielort sollte unbetreut sein. Wenn man Kindern nur die Möglichkeit dazu
gibt, so können sie auch ganz gut ohne Animateure in einer kreativen Weise
spielen.
Alle diese Vorschläge sind ohne einen gewissen Aufwand nicht realisierbar -
dabei geht es aber weniger um die Finanzierbarkeit. Es ist sogar so, dass
Kommunen auf diese Weise durchaus Gelder einsparen können: Soziale
Einrichtungen für Kinder sind teuer, und wenn Einrichtungen der Betreuung
und Behandlung durch die beschriebenen Aktionsräume ersetzt werden, hat das
vielleicht sogar einen Spareffekt. Auch die zurückgebauten Spielplätze wären
erheblich preisgünstiger als aufwendig ausgestattete Kinderreservate. Der zu
erbringende Aufwand ist also weniger ein finanzieller, sondern liegt eher
auf dem Gebiet der Konfliktbereitschaft.
Wenn wir also fragen, was die Lebensqualität der Kinder besonders bedroht,
dann ist das vielleicht eher ein Übermaß an Ordnung als ein Zuviel an Chaos.
Der so oft beklagte Vandalismus von Kindern in den Steinwüsten der
Vorstadtsiedlungen hat hier seine Gründe. Wer in diesen Umwelten etwas
gestalten will, muss zunächst einmal zerstören. Vandalismus ist ganz sicher
eine Reaktion auf zu viel Ordnung, zu viel Struktur - eine Reaktion auf das
Ungleichgewicht von Chaos und Ordnung. Neuere Entwicklungen auf dem Gebiet
der Stadtplanung und der Architektur lassen erkennen, dass Ordnung nicht nur
für Kinder ein Problem ist.
Norbert Rheinlaender
Fachforum Soziale Stadtentwicklung der Lokalen Agenda Berlin 21 e.V.
Tel. 030 / 7883396
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gmx.de
www.naturerfahrungsraum.de
--
DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - Oktober/November 08
Prenzlauer Allee 230 - 10405 Berlin - Tel. 030 / 44339147
raberalf

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grueneliga.de - www.grueneliga-berlin.de/raberalf