CL Startseite
Termine
Über uns
Das /CL-Netz
KuNM e.V.
Uns unterstützen
Impressum
Teilnehmen
Anmelden
Schreiben
Angenehmer lesen
RSS
Kontakt
/CL bei G+
Links
/CL-Netz Online-Medien Radio Fernsehen Zeitungen & Zeitschriften Wissen Mehr Links
Auswahl: [Der Rabe Ralf]
Sabine Ellersick <S.ELLERSICK ät NADESHDA.org>6. Nov 2008 19:59

Initiative fordert verbotsfreie Naturerfahrungsraeume fuer Kinder in der Stadt


http://www.grueneliga-berlin.de/rabe_ralf/rabe_archiv_2008/10_11_2008/wildnis_kinder.html

Der Rabe Ralf - November 2008

Wildnis für Kinder!

Realisierungschancen für Naturerfahrungsräume in Berlin?

Norbert Rheinlaender

Seit den 60er Jahren fallen zunehmend Freiräume durch zugebaute Baulücken
weg. Der Autoverkehr und die verkehrsgerechte Umgestaltung des
Nahbereichs um die Wohnungen nehmen zu. Viele Wohngebiete wurden aus der
Stadt in triste und langweilige Schlafstädte verlagert. Die Zahl der
Verbote, das gepflegte Abstandsgrün zwischen den Hochhäusern und die
geschützten Vorgärten zu betreten, hat zugenommen.

Dabei gingen den Kindern in der Stadt immer mehr Aktionsräume verloren.
Aktionsräume sind Territorien mit den vier Merkmalen: Zugänglichkeit,
Gefahrlosigkeit, Gestaltbarkeit und Interaktionschancen, die für Kinder
in ihrem Wohnumfeld jederzeit zugänglich sind und für die es keine
Verbote gibt. Es sind Räume, die - gemessen an der Risikokompetenz von
Kindern - gefahrlos sind, die sie im Sinne ihrer Interessen und
Möglichkeiten gestalten dürfen, wo sie sich nicht langweilen und wo sie
andere Kinder treffen.

In einer wissenschaftlichen Untersuchung wurde herausgefunden, dass die
Aktionsraumqualität gegenüber dem Umfang der Erwerbstätigkeit und dem
Bildungsmilieu der Eltern oder Alleinerziehenden das bei weitem größte
Gewicht für den Kinderalltag hat.

Kinder brauchen echte Aktionsräume

Wenn Kinder im Vorschul- und Grundschulalter keine Möglichkeit zum
Erkunden ihrer näheren Umgebung haben, ist zu befürchten, dass sie stark
sicherheitsfixiert sind, nur ein geringes Interesse am Ausprobieren,
Entdecken und Problemlösen entwickeln und sich stattdessen vor dem
Fernseher langweilen. Kinder, die diese Aktionsräume haben, können
Selbstbewusstsein, Stolz auf die eigenen Fähigkeiten, aber auch Einsicht
in die Grenzen ihres Handelns gewinnen. Dazu sind anregende und offene
Aktionsräume erforderlich, die sich zum spontanen und unbeaufsichtigten
Spielen mit Gleichaltrigen eignen. Das Fehlen von Aktionsräumen regt eher
zum Konsumieren fertiger Dinge und Dienstleistungen an. Ihr Konsum hält
sich in vernünftigen Grenzen, wenn es Alternativen dazu gibt. Von einer
"organisierten Kindheit" sind Kinder am ehesten dann betroffen, wenn sie
im Umfeld ihrer Wohnung keine Freiräume haben.

Von allen Fachleuten wird betont, wie wichtig für Kinder die Möglichkeit
zum Herstellen von Dingen ist, aber auch soziales Herstellen, also
Herstellen von Regeln und Beziehungen. Spielorte sollten Kindern die
Möglichkeit zur Gestaltung bieten. Das setzt voraus, dass ihre
Ausstattung nur sehr wenig auf bestimmte Zwecke festgelegt ist, dass es
für Kinder möglich und notwendig ist, etwas zu verändern. Die
herkömmlichen Spielplätze sind weit davon entfernt, dieses Prinzip zu
verwirklichen. Die Ausstattung dieser Plätze kostet sehr viel Geld und
erreicht doch nicht den angestrebten Zweck.

Stadtplanung im Kinderinteresse

Daran lässt sich etwas verändern - nicht durch Spieltherapie oder
Erlebnispädagogik, sondern durch eine vernünftige und an den Interessen
der Kinder ansetzende Stadtplanung und Verkehrspolitik. Damit die
Gefährdung von Kindern durch den Straßenverkehr deutlich verringert wird,
muss die Verkehrsberuhigungspolitik zugunsten des angenehmen und
ungefährlichen Aufenthalts im öffentlichen Raum konsequent fortgesetzt
werden, das heißt, es müssen mehr autofreie Straßenplätze und
Spielstraßen, mehr Tempo 30 mit einer effektiven Kontrolle und mehr
Sperren gegen den Durchfahrverkehr durchgesetzt werden. Wichtig ist auch
eine kinderfreundliche Gestaltung der Hauseingangsbereiche durch die
Schaffung von bespielbaren und sicheren Übergangszonen zwischen Haustür
und Straße. Gehwegverbreiterung, Einbeziehung von Vorgärten sowie
Schaffung kleiner Spiel- und Aufenthaltszonen im Umkreis des Hauseingangs
wären hier geeignete Maßnahmen.

Beobachtungen auf Spielplätzen haben auch gezeigt, dass die
vorgefertigten Geräte für die meisten Kinder nicht wirklich attraktiv
sind. Wenn man Kinder genauer fragt und ihnen auch Alternativen aufzeigt,
dann stehen Abenteuer-, Aktiv- und Naturspielplätze ganz oben auf der
Wunschliste - Orte also, die nicht durch TÜV-geprüfte und kindgerechte
Geräte möbliert sind, sondern Orte, die eher Freiheit und Abenteuer
bedeuten. Wie aber soll man interessante und gestaltbare Spielorte in den
verdichteten Wohngebieten einrichten?

1. Alle Spielorte für Kinder sollten durch begeh- und bespielbare Wege
miteinander verbunden sein.

2. Statt den Kindern nur Garten oder Spielplatz oder Hof zugänglich zu
machen, kann in verdichteten Wohngebieten durch eine größere
Vernetzung Vielfalt geschaffen werden, wenn es zu einer weiteren
konsequenten Verkehrsberuhigung kommt. Große Bedeutung hat auch die
Möglichkeit, die Schulhöfe für Kinder am Nachmittag zu öffnen.

3. Spielorte sollten Kindern die Möglichkeit zur Gestaltung bieten, also
veränderbar sein - statt durch ihre Ausstattung auf nur sehr wenige,
bestimmte Zwecke festgelegt zu werden. Auf herkömmlichen Spielplätzen
sollten die teuren Geräte abgeräumt werden. Ein Bagger sollte unter
der Anleitung von vier oder fünf Kindern ein interessantes Gelände
gestalten - mit verformbarer Erde, mit ein paar Hügeln aus Bauaushub,
mit Vertiefungen, in denen sich Regenwasser sammeln und Matsch bilden
kann. Die Vegetation sollte man sich selbst überlassen, vielleicht ein
paar Brombeer- oder Himbeersträucher pflanzen - auf keinen Fall
Zierpflanzen. Das Gartenbauamt könnte hin und wieder bewegliche
Gegenstände (Bretter, Balken, Steine) heranschaffen. Nach Möglichkeit
sollte es auch fließendes Wasser geben; es darf aber nicht wie
Trinkwasser aussehen, weil sonst das Gesundheitsamt Bedenken anmelden
würde - also eher trübes, schlammiges Wasser. Ein solcher Spielort
sollte unbetreut sein. Wenn man Kindern nur die Möglichkeit dazu gibt,
so können sie auch ganz gut ohne Animateure in einer kreativen Weise
spielen.

Alle diese Vorschläge sind ohne einen gewissen Aufwand nicht realisierbar
-dabei geht es aber weniger um die Finanzierbarkeit. Es ist sogar so,
dass Kommunen auf diese Weise durchaus Gelder einsparen können: Soziale
Einrichtungen für Kinder sind teuer, und wenn Einrichtungen der Betreuung
und Behandlung durch die beschriebenen Aktionsräume ersetzt werden, hat
das vielleicht sogar einen Spareffekt. Auch die zurückgebauten
Spielplätze wären erheblich preisgünstiger als aufwendig ausgestattete
Kinderreservate. Der zu erbringende Aufwand ist also weniger ein
finanzieller, sondern liegt eher auf dem Gebiet der Konfliktbereitschaft.

Wenn wir also fragen, was die Lebensqualität der Kinder besonders
bedroht, dann ist das vielleicht eher ein Übermaß an Ordnung als ein
Zuviel an Chaos. Der so oft beklagte Vandalismus von Kindern in den
Steinwüsten der Vorstadtsiedlungen hat hier seine Gründe. Wer in diesen
Umwelten etwas gestalten will, muss zunächst einmal zerstören.
Vandalismus ist ganz sicher eine Reaktion auf zu viel Ordnung, zu viel
Struktur - eine Reaktion auf das Ungleichgewicht von Chaos und Ordnung.
Neuere Entwicklungen auf dem Gebiet der Stadtplanung und der Architektur
lassen erkennen, dass Ordnung nicht nur für Kinder ein Problem ist.

Norbert Rheinlaender
Fachforum Soziale Stadtentwicklung der Lokalen Agenda Berlin 21 e.V.
n.rheinlaender ät gmx.de, Tel.: [030] 7883396
www.naturerfahrungsraum.de

--
------------------------------------------------------------------
NADESHDA Mailbox e.V._ / 0211-9053863 (X.75) / 0211-9345453 (V.34)
http://www.nadeshda.org / Informationen aus Politik Umwelt Kultur
------------------------------------------------------------------
Kommentare
Bisher keine Antworten oder Kommentare.
Auswahl: [Der Rabe Ralf]