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Auswahl: [Der Rabe Ralf]
Matthias Bauer <matthias.bauer ät grueneliga.de>12. Apr 2010 20:35

Gescheiterter Kopenhagen-Gipfel zeigt: Nachhaltigkeit kann man nicht verordnen


Entweder gerecht oder gar nicht

Kopenhagen hat endgültig gezeigt: Nachhaltigkeit lässt sich nicht verordnen

Selten haben die Ergebnisse einer internationalen Konferenz für eine so
tiefe und breite Enttäuschung gesorgt: Die schwedische
EU-Ratspräsidentschaft sprach von der "Katastrophe von Kopenhagen"; die
Nichtregierungsorganisation Attac von einer "reinen Farce"; der Kieler
Klimaexperte Mojib Latif von "Sterbehilfe für das Weltklima". Das Scheitern
des Kopenhagener Weltklimagipfels im Dezember 2009 war aber keine echte
Überraschung, sondern nur das letzte gebrochene Versprechen der
internationalen Entwicklungspolitik - das letzte einer langen Reihe.

Die Schere zwischen den deklarierten Zielen der Nachhaltigkeit und den
realen Ergebnissen geht immer weiter auseinander. Diese Tatsache steht im
erstaunlichen Widerspruch zu der breiten Zustimmung, die das Leitbild
"Nachhaltigkeit" seit Jahren genießt: "Von der Weltbank bis zur Gesellschaft
für technische Zusammenarbeit, von der UNO bis zur EU, von den
Entwicklungsagenturen bis zu den führenden Unternehmen, von Parteien und
Verbänden bis zur ,Ökogruppe' vor Ort, von den Nichtregierungsorganisationen
und den Grünen bis zur Internationalismus- und Umweltbewegung ist
Sustainable Development der ,größte Renner'."(1) Wird zu viel über
Nachhaltigkeit geredet und zu wenig nachhaltig gehandelt?

Der Widerspruch liegt leider nicht nur zwischen Reden und Handeln. Die
Nachhaltigkeitsdebatte selbst ist bisher widersprüchlich und mehrdeutig
gewesen.

Was "nachhaltig" heißt, ist oft das Gegenteil

Für die Kritiker war der zusammengesetzte Begriff "nachhaltige Entwicklung"
(sustainable development) ein letzter Rettungsversuch der internationalen
Entwicklungspolitik, die seit Ende der 1960er Jahre durch die Vertreter der
sogenannten Dependencia-Theorien in Lateinamerika und auch durch die
Umweltbewegung immer mehr kritisiert worden war.

Mit dem 1987 veröffentlichten "Brundtland-Bericht" der Weltkommission für
Umwelt und Entwicklung gelang es einerseits, den Entwicklungsbegriff durch
die Verbindung mit dem Begriff der Nachhaltigkeit aufzuwerten. Andererseits
belastete der Bericht den Nachhaltigkeitsdiskurs dauerhaft, indem er
Kernelemente und Widersprüchlichkeiten der vorherigen Entwicklungspolitik
fortschrieb. Vor allem der auf wirtschaftliches Wachstum reduzierte
Entwicklungsbegriff wurde nicht in Frage gestellt. Unter dem Markenzeichen
"nachhaltige Entwicklung" sollten Auswege aus der sozialen und ökologischen
Krise gesucht werden, hauptsächlich durch die Behebung der bisherigen
"Fehler" von Entwicklung. Das sollte aber keineswegs einen Abschied vom
bisherigen nicht-nachhaltigen Produktions- und Gesellschaftsmodell bedeuten.
Dieses sollte vielmehr korrigiert werden, damit es fortgesetzt werden
konnte.

Bis heute ist dies die Haltung der "Mainstream-Interpretation" von
Nachhaltigkeit. So wie die Entwicklungspolitik der Nachkriegszeit
gesellschaftliche Entwicklung mit wissenschaftlich-technischem Fortschritt
und Wirtschaftswachstum gleichsetzte, bekennen sich heute die meisten
Vertreter von Politik und Wirtschaft zu Nachhaltigkeit in Form von
"nachhaltigem Wachstum". Bei der schwarz-gelben Bundesregierung hieß es im
Dezember 2009: "Es geht nicht um Wachstum um des Wachstums willen, sondern
um nachhaltiges Wachstum (...) Ein Wachstum, mit dem man an das Morgen und
die nächste Generation denkt sowie unsere Lebensumwelt im Blick hat (...)
Deshalb hat die neue Bundesregierung als eine ihrer ersten Maßnahmen das
Wachstumsbeschleunigungsgesetz beschlossen."

Der Begriff "nachhaltiges Wachstum" stellt keine verzerrte Interpretation
der ursprünglichen Idee von Nachhaltigkeit dar, sondern steht mit dieser in
vollem Einklang. Der Brundtland-Bericht betrachtet Wirtschaftswachstum
ausdrücklich als eine notwendige Strategie der nachhaltigen Entwicklung.
Dafür war die Brundtland-Kommission sogar bereit, die biophysischen "Grenzen
des Wachstums" zu relativieren: "Es sind vielmehr lediglich technologische
und gesellschaftliche Grenzen, die uns durch die Endlichkeit der Ressourcen
und die begrenzte Fähigkeit der Biosphäre zum Verkraften menschlicher
Einflussnahme gezogen sind. Technologische und gesellschaftliche
Entwicklungen aber sind beherrschbar und können auf einen Stand gebracht
werden, der eine neue Ära wirtschaftlichen Wachstums ermöglicht."(2)

Die Agenda 21, das 1992 in Rio de Janeiro beschlossene Aktionsprogramm für
nachhaltige Entwicklung, sieht Umweltschutz als Voraussetzung für ein
dauerhaftes Wirtschaftswachstum, denn "eine intakte Umwelt liefert die
erforderlichen ökologischen und sonstigen Ressourcen zur Aufrechterhaltung
des Wachstumsprozesses und zur kontinuierlichen Expansion des Handels."(3)
Für die Agenda 21 ist eine Liberalisierung des Welthandels eine wichtige
Strategie, "um die gesetzten Umwelt- und Entwicklungsziele auch tatsächlich
verwirklichen zu können."(2)

Die These der Unverzichtbarkeit von Wirtschaftswachstum, die sowohl im
Brundtland-Bericht als auch in der Agenda 21 vertreten wird, hat viel zur
breiten Akzeptanz der Nachhaltigkeit in Wirtschaftskreisen beigetragen.(1)
Schon 1994 hatten 1.840 Unternehmen die "Charta für eine langfristig
tragfähige Entwicklung" der Internationalen Handelskammer ICC
unterschrieben, darunter BASF, Bayer, BMW, Daimler-Benz, RWE, Siemens,
Nestlé, Sandoz und Shell. In der Charta stand: "Wirtschaftliches Wachstum
schafft die Voraussetzungen für die bestmöglichste Verwirklichung von
Umweltschutz."

Das soziologische Äquivalent zur ökonomischen Wachstumstheorie sind die
Modernisierungstheorien, die sich durch einen festen Glauben an den
wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt auszeichnen. Dieser
Fortschrittsmythos lebt in der Nachhaltigkeitsdebatte fort. Der
Brundtland-Bericht macht nicht einmal vor der Atomenergie halt. "Wenn es
keine neuen Versorgungsalternativen gibt, besteht kein Grund, warum
Kernenergie nicht in den 1990er Jahren groß herauskommen sollte", heißt es
dort. Zu den umweltschutzrelevanten Technologien zählt der Bericht auch die
Informations- und Kommunikationstechnologien, Gen- und Biotechnologien sowie
die Raumfahrttechnologie.(2)

Die Positionen, die die bisherige Nachhaltigkeitsdebatte bestimmt haben,
zeigen eine merkwürdige Kontinuität zu den nicht-nachhaltigen Merkmalen des
vorherrschenden Entwicklungsmodells. An dieser Stelle sollte man fragen: Wie
sollen die Probleme dieser Welt mit der gleichen Denkweise gelöst werden,
die sie erzeugt hat?

Was Nachhaltigkeit fördert, heißt nicht immer so

Obwohl stets betont wird, dass die "drei Säulen" der Nachhaltigkeit - die
ökologische, die soziale und die ökonomische Dimension - gleichberechtigt
seien, wurde bisher die Bedeutung der sozialen Dimension meistens den
anderen "Säulen" unterordnet. Die Strukturen der sozialen Ungleichheit
gehören zu den wichtigsten Lücken im Brundtland-Bericht, obwohl (oder
vielleicht weil) sie eine zentrale Rolle bei der Un-Möglichkeit des
sozial-ökologischen Wandels der Gesellschaft spielen.

Unter "Strukturen der sozialen Ungleichheit" werden hier jene politischen,
wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Faktoren verstanden, die eine
ungleiche Verteilung von Einkommen, Bildung, Macht, Prestige, Eigentum oder
Selbstbestimmung in der Weltgesellschaft legitimieren, reproduzieren und
verstärken. Der Begriff "Strukturen" will bewusst machen, dass die Macht der
einen oft die Ohnmacht der anderen ist; dass die individuelle
Selbstbestimmung der Europäer oft die Fremdbestimmung anderer Völker
bedeutete; dass es keinen Reichtum ohne Armut und kein Expertentum ohne
Laientum gibt - und umgekehrt.

Im Brundtland-Bericht konzentriert sich die Definition von nachhaltiger
Entwicklung auf die Generationengerechtigkeit. Die Tatsache, dass diese
Definition noch heute überwiegend akzeptiert wird, könnte als Beweis gelten,
dass die soziale Dimension in der Nachhaltigkeitsdebatte nicht zu kurz
kommt. Doch in Wirklichkeit wird das Thema "soziale Ungleichheit" oft auf
die Armut in Afrika reduziert, während Machtverhältnisse oder Zusammenhänge
zwischen Reichtum und Armut verschwiegen werden. Gleichzeitig werden in der
Nachhaltigkeitsdebatte immer wieder die Verbraucher und die Armen als die
Hauptverursacher der Umweltprobleme genannt. Sie sind nämlich diejenigen,
die im Discounter kaufen und nur auf den Preis achten. Die Armen sind für
das Bevölkerungswachstum in den Entwicklungsländern verantwortlich. Armut,
so der Brundtland-Bericht, "verschmutzt die Umwelt und schafft auf eine
andere Weise Umweltbelastung. Jene, die arm und hungrig sind, werden oft
ihre unmittelbare Umwelt zerstören, um zu überleben: Sie werden Wälder
roden; ihr Vieh wird das Grasland überweiden; sie werden Grenzländer
übermäßig nutzen; und in wachsender Zahl werden sie in die verstopften
Städte strömen. Der kumulative Effekt dieser Veränderungen ist so
weitreichend, dass Armut selber zu einem wahren Geißel der Menschheit
geworden ist."(2)

Eine Kritik an konkreten Institutionen der westlichen Länder wird selten
geäußert. Gerade der Brundtland-Bericht geht aber noch weiter. Er geht
nämlich von der Annahme aus, dass ein noch stärkeres Wirtschaftswachstum in
den Industrieländern die Voraussetzung für die Entwicklung der ärmeren
Länder sei. Damit steht er in einer Linie mit den konservativsten Denkern,
die ihr Entwicklungsmodell der Modernisierung Trickle-down-Effekt nannten:
Eine höhere Reichtumsproduktion "oben" führt demnach zu einem Überschuss,
der nach "unten", bis zu den Ärmsten, durchsickert ("trickle down") - und
zwar sowohl im nationalen als auch im internationalen Rahmen. Anders gesagt:
Je mehr die Reichen aufhäufen, desto mehr Krümel fallen von ihrem Tisch.

Die Lösungskompetenz für ökologische Probleme wird hingegen den modernen
industrialisierten Ländern und den Experten zugeschrieben.(1) Die in der
Nachhaltigkeitsdebatte vorherrschenden Top-Down-Ansätze, die die Probleme
"von oben nach unten" lösen wollen, rechtfertigen die Strukturen der
sozialen Ungleichheit statt sie zu überwinden. Als "realistisch" betrachten
Politiker und Experten oft nur solche Lösungen, die einen offenen Konflikt
mit den vorherrschenden Interessen oder mit den Sponsoren der Wissenschaft
vermeiden. Dadurch werden sogenannte End-of-pipe-Strategien wie der Ausbau
von Dämmen gegen die zunehmende Gefahr von Überflutungen gegenüber
"radikalen", also an den Wurzeln der Probleme ansetzenden Strategien
bevorzugt.

Nachhaltigkeit kommt nicht von oben

Anfang 2009 projizierten viele Menschen die Hoffnung auf eine bessere
Zukunft auf die "Macht": Barack Obama genoss den Ruf eines Propheten und
Angela Merkel war "die Klimakanzlerin". Das Scheitern der Klimakonferenz in
Kopenhagen hat dieses warme Image der Macht enttarnt. Nicht nur das Klima
zwischen reichen und armen Ländern wurde dort rauer. Der harte Umgang mit
der Zivilgesellschaft und zum Teil sogar mit der Presse erinnerte eher an
die Selbstabschottung von G8-Gipfeln und WTO-Konferenzen als an
internationale Umweltkonferenzen.

Diese neue Entwicklung könnte die Erfüllung der zehn Jahre alten Prognosen
von einer "Brasilianisierung der Welt"(4) und einer "20:80-Gesellschaft"(5)
sein: Den "Eliten" geht es heute nicht mehr darum, globale Lösungen für
globale Probleme zu suchen, sie wollen nur noch die Privilegien eines
Fünftels der Weltbevölkerung gegen den Rest schützen. Vor diesem Hintergrund
könnten der Ausbau der Dämme in den Niederlanden, die Zurückweisung der
afrikanischen Migranten während und nach der Überquerung des Mittelmeers und
das Herausdrängen von Kritikern bei der Klimakonferenz in Kopenhagen als
Analogie betrachtet werden.

Diese Logik birgt aber ein hohes Gefahrenpotenzial für die Zukunft der
Weltgesellschaft. "Es droht ein Kampf aller gegen alle," warnte die
US-Umweltökonomin Elinor Ostrom im Dezember 2009 in einem Interview. Sie war
gerade mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften geehrt worden, weil
sie in ihrer Forschung gezeigt hatte, "wie gemeinschaftliches Eigentum von
Nutzerorganisationen erfolgreich verwaltet werden kann".

Nach den so gut wie gescheiterten Top-Down-Strategien der Nachhaltigkeit
weisen die Thesen von Elinor Ostrom in die entgegengesetzte Richtung. Sie
plädiert für Dezentralisierung, Regionalisierung und Empowerment
(Ermutigung, Selbstbefähigung, Ermächtigung). In ihrer Nobelpreis-Rede
sprach Ostrom von globalen politischen Entwicklungen, in denen das Empfinden
vorgeherrscht habe, Vielfalt sei Chaos und man müsse dem Chaos durch
Vereinheitlichung und Zentralgewalt entgegentreten. Man habe geglaubt, nur
staatliche, überregionale Instanzen könnten regionale Konflikte um begrenzte
Ressourcen lösen. Ihre eigene Forschungsarbeit habe jedoch gezeigt, dass die
regionalen Nutzer einer Ressource sehr wohl selbstorganisiert und
verantwortlich mit dieser umgehen, auch ohne Einflussnahme einer
übergeordneten Instanz - unter einer Bedingung: direkte Kommunikation muss
möglich sein. "Komplexität ist nicht dasselbe wie Chaos", sagte Ostrom und
beharrte mit Vehemenz darauf, dass man vertrauen müsse, statt ständig die
Unfähigkeit des Menschen zur eigenständigen Problemlösung zu proklamieren:
"Es gibt ein Wort, das kann ich nur wiederholen und nochmals wiederholen:
Vertrauen!" Die Quintessenz ihrer Rede war: "Polyzentrische Systeme können
mit Komplexität umgehen." Patentrezepte gebe es nicht. Regelwerke werden
nach Ostroms Erkenntnissen am besten lokal durch die Nutzer der Ressourcen
selbst ausgehandelt, denn es könnten nur solche Regelwerke und
Sanktionssysteme funktionieren, denen die Betroffenen selbst zugestimmt
haben.(4)

Für Jürgen Habermas kann nur eine lernfähige Gesellschaft "evolutionäre
Sackgassen" - eine Finanzkrise, einen Krieg oder den ökologischen Kollaps -
in ihrer Entwicklung vermeiden.(5) Da gerade die starren Strukturen der
sozialen Ungleichheit diese Lernfähigkeit hemmen, ist ihre Überwindung die
Voraussetzung jeder ernstzunehmenden Nachhaltigkeit.

Davide Brocchi


Der Autor wurde 1969 in Rimini (Italien) geboren und lebt in Köln. Er ist
Publizist und freier Dozent, unter anderem am Institut für
Umweltkommunikation der Universität Lüneburg. Seine Schwerpunkte sind die
kulturelle Dimension der nachhaltigen Entwicklung und die interkulturelle
Kommunikation.


(1) Helga Eblinghaus, Armin Stickler: Nachhaltigkeit und Macht. Zur Kritik
von Sustainable Development. IKO, Frankfurt/M. 1996

(2) Volker Hauff (Hrsg.): Unsere gemeinsame Zukunft. Der Brundtland-Bericht.
Eggenkamp, Greven 1987

(3) Bundesumweltministerium (Hrsg.): Agenda 21. BMU, Bonn 1997

(4) Commonsblog.de zu Elinor Ostrom: www.de.wordpress.com/tag/elinor-ostrom

(5) Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns. Suhrkamp,
Frankfurt/M. 2006


--
DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - April/Mai 2010 -
www.raberalf.grueneliga-berlin.de

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