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Auswahl: [Der Rabe Ralf]
Matthias Bauer <matthias.bauer ät grueneliga.de>2. Apr 2008 23:45

Gemeinschaftliche Dachgaerten als attraktive Wohnform fuer Mieter in der Grossstadt


Dachgärten für alle

Erholung auf Berliner Dächern statt im Park

Endlos lange Alleen voller Verkehr, große belebte Plätze und hier und da ein
Einkaufszentrum - so erleben viele tagtäglich die Berliner Innenstadt. Es
mangelt einem in der Hauptstadt nicht an Dienst- und Warenleistungen, doch
was ist mit Gesundheit? Was ist mit Erholung in der Natur, mit Durchatmen an
frischer Luft? Zwar gibt es Parks, doch sind diese oft verdreckt und auf
beruhigende Erholung und wohltuendes Alleinsein hofft man vergebens. Der
Trend in Großstädten ist eindeutig: Die Natur leidet und Grünflächen weichen
allmählich farblosen und gläsernen Fassaden.

Gegen diesen Trend setzt sich die Umweltaktivistin Silke Kollwitz ein. In
ihrer Heimatstadt Berlin möchte sie dafür sorgen, dass mehr Grünflächen
entstehen, die für alle leicht zugänglich sind und nebenbei auch zur
Luftverbesserung dienen. Es sollen nicht nur neue Parks gebaut oder die
bereits bestehenden Parks besser gepflegt werden. Kollwitz dachte sich: Wenn
in der Großstadt schon alles voller Häuser ist, warum dann nicht die
Dachflächen eben dieser vielen Häuser begrünen und für die Bewohner
zugänglich machen? Immerhin rund ein Drittel der horizontalen Fläche in
Berlins Innenstadt machen die Dächer aus.

Für genau diese Sache gründete Silke Kollwitz den Verein "Dachgärten für
alle!". Er hat sich zum Ziel gesetzt, den gemeinschaftlichen Dachgarten als
attraktive Wohnform für Mieter von Wohnungen in der Großstadt anzupreisen
und umsetzbare Konzepte für den Umbau von Dächern zu entwickeln. "Der
Gemeinschaftsdachgarten wäre der ideale Ort, um seine Nachbarn kennen zu
lernen", so Kollwitz. "Während man die Sonne genießt, ist man viel
aufgeschlossener und freundlicher gestimmt, als wenn man im Hof den
Mülleimer ausleert", meint sie.

Dachgärten nur für Reiche?

Derzeit ist die Situation so, dass die meisten vorhandenen Dachgärten auf
den Häusern in der Stadt zu teuren Penthouse-Wohnungen gehören, also nur
wenigen, wohlhabenden Leuten zugänglich sind. Bewohner der unteren Etagen
bekommen vor allem im Winter nur wenig Sonne in ihre Wohnungen. Im Sommer
ist es stickig in den Häuserschluchten und die Parks sind überfüllt. Gerade
hier wäre ein Dachgarten, den alle Nachbarn teilen, eine angenehme
Alternative für die weniger wohlhabenden Berliner.

Mehr Dachgärten, die für alle Mieter eines Hauses zugänglich sind, hätten in
der Tat einige Vorteile in gesundheitlicher, sozialer und umweltpolitischer
Hinsicht. Denn der Mensch braucht Sonnenlicht, um das wertvolle Vitamin D
bilden zu können und gerade in der Großstadt mangelt es vielen an gesunder
Sonnenstrahlung. Dies führt nicht selten zu depressiven Verstimmungen und
Antriebslosigkeit bei vielen Großstädtern.

Um zu einer gesunden Dosis Sonne zu kommen, auch bei wechselhaftem Wetter,
wäre es von großem Vorteil, wenn man "mal eben" aufs eigene Dach gehen und
sich kurz sonnen könnte. Auch bliebe man dort verschont vom hektischen
Großstadtalltag, den der Spaziergang zum nächsten Park mit sich brächte und
könnte sich prima erholen. Auf dem Dach haben die Berliner Weitblick und
sind nicht von allen Seiten mit Mauern umgeben. Es ist dort ruhiger als in
den Häuserschluchten und das beengende Gefühl, immer nur in einem riesigen
Häusermeer eingeschlossen zu sein, kann für einige Augenblicke vergessen
werden. Auch lässt sich in dieser freien Höhe ein Sonnenauf- und Untergang
oder ein Sternenhimmel allein oder mit Freunden wunderbar genießen. Für
Städter sicher eine der angenehmsten Arten der Erholung. Ein positiver
Nebeneffekt eines zugänglichen Dachgartens kann auch die Begegnung mit
Nachbarn sein. Eine Begegnung in entspannter, angenehmer Atmosphäre, in der
man leichter ins Gespräch kommt und eher Kontakte knüpft, als im Treppenhaus
oder im grauen Innenhof. Vielleicht brächte dies ein gemeinschaftlicheres
Wohnen mit sich und würde der tristen Großstadtanonymität ein wenig
entgegenwirken.

Begrünte Dächer tragen natürlich auch zur Luftverbesserung in Städten bei,
da Pflanzen Sauerstoff produzieren. Außerdem könnte eine mit Erde, Substrat
und Pflanzen angelegte Dachfläche als zusätzlicher Wasserspeicher dienen,
wodurch weniger Regenwasser in die Kanalisation gelangen würde. "Das kann
den Hausbesitzern die Hälfte der Abwasserkosten sparen", meint Silke
Kollwitz. Ein weiterer Vorteil für Hauser wäre eine erhöhte Wärmedämmung
durch die Erdschicht auf dem Dach. Hierdurch könnte Heizenergie eingespart
werden.

Zur Realisierung der Idee der "Dachgärten für alle" müssten in erster Linie
die Hauseigentümer von den Vorteilen überzeugt werden. Es müssten
realisierbare Konzepte zum Aus- und Umbau von Dächern vorgelegt werden.

Wohnungssuchende sollten gezielt bei Maklern und Hausverwaltungen nach
Wohnungen mit Gemeinschaftsdachgärten nachfragen. Ebenso sollten
Wohnungseigentümer bei ihren Hausversammlungen einen Dachgarten als neue
Investition vorschlagen.

Ein weiterer Vorteil für Hausbesitzer wäre auch die steigende Attraktivität
von Wohnungen der unteren Etagen. Denn auch wenn diese Wohnungen wenig bis
keine Sonne abbekommen, würden Mieter möglicherweise eher einziehen, wenn
sie die Möglichkeit haben, einen Dachgarten zu nutzen. Leerstand würde eher
vermieden. Für den Hauseigentümer wäre die Anlage eines Dachgartens zwar
eine größere Investition, doch eine, die sich aufgrund der Steigerung der
Wohnqualität für die Mieter auszahlen würde.

Dächernutzung im Visier der Wissenschaft

Nicht nur Silke Kollwitz mit ihrem Dachgarten-Verein weist auf die Vorteile
der Begrünung von Dachflächen hin. Ein internationales Forscherteam hat in
der Fachzeitschrift Bioscience auf die Vorteile der Nutzung dieser großen
Flächen hingewiesen und nennt die gleichen Argumente. Die Wissenschaftler
sehen Dachgärten allerdings als größere gärtnerische Herausforderung an. Die
Bedingungen für Pflanzenwachstum seien auf Dächern ungünstig, da Pflanzen
dort teilweise starker Sonneneinstrahlung sowie abwechselnd extremer
Trockenheit und Nässe ausgesetzt seien. Hohe Windgeschwindigkeiten tragen
den Boden schneller ab und könnten den Pflanzen schaden. Es müssten für die
Begrünung von Dachflächen geeignete Pflanzenarten gefunden werden, die unter
härteren Bedingungen gedeihen können, so die Wissenschaftler. Auch das
Kosten-Nutzen-Verhältnis müsse genau untersucht werden. Möglicherweise seien
Dachgärten nicht das effektivste Mittel, die Umweltprobleme in Städten
anzugehen. Zu den Vorteilen der Dachgärten für die Mieter verlieren die
Forscher jedoch kein Wort.

Auch andere Experten aus Forschung und Wirtschaft beschäftigen sich mit dem
Thema. In Berlin forscht die Technische Universität im Zusammenhang mit
Dachphysik über Dachbegrünung. Auch die Fachhochschule in Neubrandenburg
beschäftigt sich mit Dachgestaltung ebenso wie die Ufa-Fabrik Berlin. Die
Firma Zinco aus Baden-Württemberg entwickelt integrierte Dachkonzepte für
Solaranlagen und Dachbegrünung. Eine Nutzung von Dachflächen für
Solaranlagen schließe die Nutzung als Grünfläche nicht aus, sondern könne
dies sogar noch begünstigen. "Die Wirkung der Photovoltaik-Anlage wird durch
die Kombination mit einer Dachbegrünung verbessert", heißt es auf der
Internetseite der Firma. Die Verdunstungskühlung durch die Pflanzen stelle
eine günstig niedrige Umgebungstemperatur sicher.

Was können die Berliner tun, wenn sie sich einen Dachgarten auf ihrem Haus
wünschen? Auf ihrer Internetseite hat Silke Kollwitz einen Musterbrief
veröffentlicht, den man an seinen Vermieter bzw. Hauseigentümer senden kann.
Schließlich ist er es, der überzeugt werden muss, um die Sache in Gang zu
bringen. In dem Musterbrief sind alle Argumente übersichtlich
zusammengefasst. Es müssen aber auch die Mieter abwägen, ob sie bereit sind,
möglicherweise mehr Miete zu zahlen für die zusätzliche Nutzung eines
Dachgartens und ob sie dessen Pflege auf sich nehmen wollen.

Ingo Kirchhoff

www.dachgaertenfueralle.de
www.ufafabrik.de/oekologie
www.zinco.de


--
DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - Februar/ März 2008
Prenzlauer Allee 230 - 10405 Berlin - Tel. 030 / 44339147
raberalf ät grueneliga.de - www.grueneliga-berlin.de/raberalf
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