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Auswahl: [Der Rabe Ralf]
Sabine Ellersick <S.ELLERSICK ät NADESHDA.org>3. Jan 2010 21:53

Die Loesung kommt von unten: Transition Town Friedrichshain-Kreuzberg


Die Lösung kommt von unten

Transition Town Friedrichshain-Kreuzberg - Wir sind genau die Leute, auf die
wir immer gewartet haben

Von Jörg Petzold

Es gibt ordentlich zu tun in Wirtschaftskrisenzeiten. Banken müssen gekauft
(vergesellschaftet!), Automobilhersteller gestützt und natürlich die
Binnenkonjunktur ordentlich angekurbelt werden. Die Entwicklungsländer
verstehen die Welt nicht mehr angesichts der Summen, mit denen jongliert
wird, könnte man doch mit einem Bruchteil davon das Hungerproblem weltweit
lösen.

Und dann ist da ja noch der Klimawandel als Aushängeschild der vielfältigen
ökologischen Fragen und Aufgaben unserer vernetzten Welt. Der muss aber, so
scheint es, warten, bis wir mit der Krise fertig sind, denn das kostet ja
alles Geld, vor allem der Umweltschutz, und Geld ist knapp oder sogar
verbrannt. Keine Situation, die angetan ist, große Hoffnungen zu wecken.

Hoffnung brauchen wir aber gar nicht, meint zumindest Joseph Beuys: "Ich
gebrauche nicht so gern das Wort Hoffnung, weil ich meine, es müsste auch
ohne Hoffnung gehen, weil es ja jeden Tag die Möglichkeit gib, etwas
Vernünftiges zu tun. Wenn er [der Mensch] immer nur hofft, verschiebt er ja
die Sache, er verlegt quasi die Verantwortung auf einen Helfer von
außerhalb."

Bleibt die Frage, was vernünftig ist in diesen Zeiten. Eine großartige
Antwort kommt aus England, wo sich seit 2005 die Transition-Town-Bewegung
formiert hat und in alle Welt ausbreitet. Rob Hopkins, Hauptinitiator und
Autor des "Transition Handbook" ("Energiewende - Das Handbuch",
Zweitausendeins), schlägt vor, die Probleme wie Klimawandel und
Ressourcenknappheit, Konsumterror und Politikverdrossenheit zusammen zu
denken und gemeinsam anzugehen.

Wie geht das?

Man beginne damit, über einen nicht zu knappen Zeitraum die Menschen seiner
Stadt mit den oben genannten Problemen vertraut zu machen. Man bilde also
ein Bewusstsein für Peak Oil (Erdölverknappung nach dem Fördermaximum,
prognostiziert zwischen 2005 und 2012) und natürliche Kreisläufe,
wirtschaftliche Zusammenhänge und Eigenverantwortung. Man verdeutliche die
Brisanz und Tragweite der Veränderungen, wenn unser vollständig vom Öl
abhängiges Leben in kürzester Zeit seiner Basis beraubt wird.

Man biete außerdem einen Ort, wo die Bewohner ihre Ängste und Fragen
formulieren können, jedoch genauso ihre Visionen eines lebenswerteren und
verantwortungsbewussteren Daseins.

Aus diesen Fragen und Visionen forme man Themengruppen wie Ernährung,
Bildung, Mobilität, Energie oder Ökonomie. Man integriere die älteren, oft
krisenerprobten Generationen mit ihrem Wissen und ihren Erfahrungen aus der
Zeit vor den allgegenwärtigen Dienstleistungen (reparieren, selbst
herstellen, improvisieren) und die Migranten mit noch ganz anderen Ideen und
Gewohnheiten und freue sich dann an der Kreativität und Intelligenz, die in
den Menschen wohnt und wieder gefragt ist angesichts der großen Aufgaben.

Der Weg ist also, Dörfer und Städte zuallererst dadurch anpassungs-und
widerstandsfähiger zu machen, dass die Bewohner wieder einbezogen werden.
Auf Englisch heißt das Bottom up - von unten nach oben (aber auch A...
hoch!).

Alle Visionen und Ansätze sollen natürlich umgesetzt werden, nicht irgendwo,
sondern vor der Haustür. Bauern aus der Umgebung werden einbezogen und
versorgen die Gemeinde mit Nahrungsmitteln, lokales Handwerk wird gefördert
und gleichzeitig gelehrt bei den Teilnehmern der Initiative, öffentlicher
und nichtmotorisierter Verkehr gestärkt und städtische Brachen für Gärten
und Felder genutzt.

Alles Wissen über Energieeinsparungen und alternative Energiegewinnung sowie
ressourcenschonende Kreisläufe wird einbezogen. Kommt die Butter vom Bauern
aus der Gegend, nützt das nicht nur dem Bauern, sondern - wie mittlerweile
jedes Kind weiß - auch der Umwelt. Lokales, gemeinschaftliches Wirtschaften
und Handeln, schon lange im Verdacht, das Beste für eine Kommune zu sein,
steht so im Mittelpunkt der praktischen Umsetzungen.

Natürlich muss die lokale Politik beizeiten einbezogen werden. In England
geschieht das schon mit großem Erfolg. Die Drohkulissen werden umgewandelt
in kraftvolle positive Visionen für unsere Zukunft, die Gemeinschaft
entsteht neu. Und nicht nur in England. Innerhalb von reichlich 3 Jahren
sind aus der Ur-Transition-Town in Totnes (Südengland) über 130 Transition
Towns weltweit geworden.

Konkrete Projekte in Berlin

Die erste ihrer Art in Deutschland findet sich in Berlin, nämlich in
Friedrichshain-Kreuzberg!

Seit September 2008 laufen hier Veranstaltungen mit Filmen, Vorträgen und
Diskussionen zu Themen wie Klimawandel und seinen Folgen, alternativen
Landprojekten, beispielhaften Prozessen der Krisenbewältigung wie in Kuba
nach dem Ausbleiben der russischen Unterstützung oder genossenschaftlichem
Wirtschaften. Konkrete Projekte wurden beim Bürgerhaushalt eingereicht, eine
Lerngruppe zu landwirtschaftlichen Themen und Fähigkeiten hat sich im Umfeld
formiert, die Initiative BISS zur Verhinderung der Stadtautobahn durch
Treptow und Friedrichshain wird unterstützt und der weitere Prozess der
Vernetzung mit bestehenden Projekten sowie der Umsetzung der Visionen wird
bei den Treffen gemeinschaftlich erarbeitet.

Die Transition Town Friedrichshain-Kreuzberg trifft sich wöchentlich zu
gemeinsamen Veranstaltungen. Auch in den Themengruppen Ernährung, Mobilität,
Energie und Öffentlichkeitsarbeit finden regelmäßige Zusammenkünfte statt.
Man muss betonen, dass wir noch in den Kinderschuhen stecken, aber das
Interesse ist groß und die Ideen sind vielfältig.

Und weil es uns vergleichsweise sehr gut geht in Deutschland, selbst in
Zeiten der Krise, und der Kirschbaum viel mehr Blüten treibt, als er
eigentlich braucht und dadurch viele andere mit diesem öoeberfluss beglückt,
versuchen auch wir über unseren Trägerverein SONED e.V. und dessen
Aktivitäten in der sogenannten dritten Welt, Partner- Transition-Towns in
Afrika und Lateinamerika zu finden und zu fördern.

Jörg Petzold
Transition Town Initiative Friedrichshain-Kreuzberg

http://www.transitiontowns.org/Berlin-Friedrichshain-Kreuzberg
http://energiewende.wordpress.com


--
DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - April/Mai 09
Prenzlauer Allee 230 - 10405 Berlin
www.raberalf.grueneliga-berlin.de

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