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Auswahl: [Der Rabe Ralf]
Der Rabe Ralf - Onlineredaktion <matthias.bauer ät grueneliga.de>4. Nov 2008 00:43

Der biologische Landbau kappt seine Wurzeln: Bio-Industrialisierung statt nachhaltiger Landnutzung


Der Ökolandbau kappt seine Wurzeln

Im Bio-Landbau klaffen Theorie und praktische Umsetzung weit auseinander

Die Herstellung von Lebensmitteln in der biologischen Landwirtschaft ist an
die Regeln naturschonender Landnutzungsformen gebunden. Doch der Begriff
"bio" ist weit ausleg- und interpretierbar, und die Richtlinien können
unterschiedlich gehandhabt werden. Die "ökologische" Deklaration der
Bioprodukte ist mittlerweile zum Deckmäntelchen geworden, da in der Praxis
Naturkreisläufe und die Aspekte der Regionalität des Verbrauchs, also echte
Ressourcenschonung und Klimaschutz, nur ansatzweise berücksichtigt werden.

Auf dem Papier klingt der Verzicht auf synthetische Kunstdünger und
Spritzmittel fantastisch. Allerdings kann man mit den hofeigenen organischen
Düngern auch das Grünland kaputtwirtschaften und Böden unter dem Druck der
Maschinen stark verdichten. Die Pflanzengesellschaften bestätigen zwischen
konventioneller und ökologischer Arbeitsweise keinen Unterschied. Die
Ansätze kluger Gedanken und die guten Absichten stimmen uns großteils milde.
Und wir glauben, mit dem Kauf von Bio-Nahrungsmitteln wäre unser Beitrag zur
Nachhaltigkeit geleistet und unser Gewissen zu Recht beruhigt. Dem ist
heftig zu widersprechen. Den ökologischen Wandel sähen wir gerne als
vollzogen an. Doch ein Blick in die Landschaften und Ställe des ökologisch
orientierten Landbaus spiegelt keinen Vollzug einer ersehnten Agrarwende
wider. Auch wenn mit Hecken und Biotöpchen die Landschaft zu schönen
versucht wird.

Landschaften sind Visitenkarten

Von wegen nachhaltiges Wirtschaften in der Landschaft: Bei der Betrachtung
von Wiesen und Weiden werden wir stutzig, wenn wir im Frühling weite
Bereiche mit dem Gelb des blühenden und dominant auftretenden Löwenzahns
vorfinden. Der Wiesen-Löwenzahn ist Indiz für intensive Kunststoff- oder
Biodüngerausbringung, verdichtete Böden und Grundwasserverschmutzung.

Eine gewissenvolle Debatte darüber, inwiefern die eigentlichen Ziele der
ökologischen Orientierung noch gegeben sind oder nicht, ist überfällig. Denn
wenn wir auf charakteristischen Untersuchungsflächen durchschnittlich zwölf
Pflanzenarten finden, bestätigt dies, dass der Ökolandbau seine Ziele aus
den Augen verliert. Auch bei der Orientierung an der Massenproduktion steht
der Biolandbau der konventionellen Intensivlandwirtschaft keineswegs nach.
Eine Ursache dafür ist, dass Biobetriebe - mit Ausnahmen - biologisch
hergestelltes Kraft- und anderes Futter ohne Obergrenze auf ihren Höfen
einsetzen können. Daraus resultiert ein Überhang an organischen Düngern,
welche auf den Wirtschaftsflächen "entsorgt" werden, was wiederum erkennbar
ist am häufigen Auftreten großblättriger Ampferarten.

Ökologisierung der Industrialisierung

Von wegen Berücksichtigung ökologischer Kreisläufe: Das aktuell
vorherrschende ökonomische Denken zwingt die ökologisch orientierten
Landnutzer auf eine agroindustrielle Strukturschiene. Anstatt kleine,
stabile Einheiten und ressourcen- und klimaschonende Landnutzungsformen zu
fördern, gleitet auch der Ökolandbau immer mehr in die konventionellen
Muster von Wachstum und Fortschritt ab. Aus ökologischer Sicht ist der
Ökolandbau dem Produktionswahn mit all den Folgen der Intensivlandwirtschaft
verfallen.

Konsumentinnen und Konsumenten gehen von einem tadellosen Funktionieren
einer ökologisch orientierten Landbewirtschaftung aus, weil ihnen eine heile
Welt der Ökolandschaft vorgegaukelt wird. Dabei ist bis auf die Frage der
Spritzmittelrückstände kaum ein Unterschied in den Qualitäten
konventioneller und ökologisch erzeugter Nahrungsmittel feststellbar. Ein
Unterschied - bis auf den synthetischen Chemieeinsatz - ist deshalb nicht
herleitbar, da im Grunde genommen zwei annähernd gleiche Produkte und
Wirtschaftsweisen verglichen werden. Bis auf wenige Ausnahmen wie etwa den
biologisch-dynamischen Landbau (Demeter) stehen die sich heute dem
biologischen Landbau zurechnenden Betriebe in punkto agroindustrieller
Wirtschaftsideologie den konventionell wirtschaftenden nicht nach.

Dies äußert sich etwa in großen Betriebseinheiten, Massenproduktion und
hohen Leistungsansprüchen, in Überdüngung und Grundwasserbelastung durch
Gülleüberhang, in Selbstausbeutung der Bewirtschafter, in nicht artgerechter
Fütterung, Haltung und Enthornung der Tiere sowie ihrer kurzen Lebensdauer,
in offenen Fragen der Tiermedizin, weiten Viehtransporten und hohem
Maschineneinsatz.

Die Schweinekuh

Von wegen artgerechte Tierernährung: Alle unsere Kühe werden heute wie die
Schweine gefüttert. Die Kuh hat einen Rohfaser und keinen Stärke und Eiweiß
verdauenden Magen. Diese Tatsache wird auch im Biolandbau vergessen, wenn
ihr in der Hauptsache Silage, zweiter und dritter eiweißreicher Aufwuchs
(Grummetheu) und Kraftfutter verabreicht werden. Es wird zwar von der
Heufütterung gesprochen, aber echtes und rohfaserreiches Heu des ersten
Aufwuchses, zur richtigen Zeit gemäht, erhalten Kühe kaum mehr. Zudem
beweiden heute die Kühe die Wiese und nicht die Weide.

Was den Bewegungsbedarf angeht, ersetzen Stallauslauf oder die Haltung im
Laufstall nicht den Weidegang. Auch mit biologisch hergestellten
Futtermitteln können sich unsere Nutztiere zu Tode fressen. Die Hauptursache
für das Krankwerden und den Abgang der Kühe ist infolge der hohen
Futtergaben und in Ermangelung falscher Futtermittel schlicht ihre
Überfressenheit und dadurch bedingt Selbstvergiftung und Kreislaufprobleme.
Auch Schafe, Ziegen und Pferde werden heute bereits wie Schweine gefüttert.

Aus dem unbegrenzten Einsatz von Futtermitteln resultieren sehr hohe Mengen
organischer Dünger, obwohl der Viehbesatz pro Fläche theoretisch eingehalten
wird. Aus der über Gebühr anfallenden und eingesetzten Gülle entwickelt sich
arten- und kräuterarmes Grünland so weit das Auge reicht. Die Pflanzen
werden mit Gülle "gemästet", damit möglichst oft und viel geerntet werden
kann. Stark gemästetes Futter soll sodann gesundes Vieh und gesunde
Nahrungsmittel für uns Menschen schaffen?

Bauern oder Landwirte?

Von wegen Biobauern: Ohne heimattümliche Absichten zu suggerieren sei ein
Spruch des volksmündlichen Gebrauchs wiedergegeben: "Bauern brachten sich
fort, Landwirte bringen sich um". Warum es heute fast keine Bauern mehr
gibt, ist ein Zeichen der wirkungsvollen Agrarpropaganda von mehr
Technikeinsatz und Wirtschaftlichkeit, welche die Politik über Institutionen
wie Beratungsstellen oder Landwirtschaftsschulen verbreiten lässt. 1) Im
Grunde genommen müssten heute übliche Biobauern demzufolge als Biolandwirte
bezeichnet werden, weil sie sich um ihre Existenz bringen. Den Wert sorgsam
hergestellter Lebensmittel bestimmte etwas ganz anderes, auf alle Fälle
nicht die geldwertorientierte Massenproduktion und zählbare Parameter.

Das größte Manko der heutigen Zeit ist der Verlust des Hausverstandes und
der Naturbeobachtung, denn wer aufmerksam wäre, hätte die Methoden der
ökologischen Herstellung schon längst hinterfragt. Wir ergießen uns in
Superschriften über den Biolandbau, vergessen allerdings dabei die
Überprüfung und Auswirkungen der Inhalte auf ihre praktische Bedeutsamkeit.
Der Mangel an Bodenhaftung und Bio-Logik der Wissenschafter und Verbände
führt zu einer Abgehobenheit ihrer Aussagen von den praktischen Ebenen, die
auf die Vermutung hin, dass sie in der Praxis Bestand hätten, in Richtlinien
geformt zur ökologischen Nachhaltigkeit führen sollen.

Nachhaltige Wirtschaftsweisen werden einer abstrusen Technikgläubigkeit
untergeordnet und durch den erhöhten Einsatz von Agrartechnik kompensiert.
Je größer die Betriebseinheiten werden, umso eher geht das ökologisch
nachhaltige Handwerks- und Erfahrungswissen wie auch der handsame Umgang mit
den Nutztieren verloren und umso willfähriger werden die Landwirte, die sich
Biobauern nennen. Mit der Vereinnahmung des Biolandbaus in das
konventionelle Wirtschaftssystem sind den Bauern Geschehen und Diskurs
entglitten und der Dirigismus kommt von oben herab zum Durchschlag.

Missbrauch des Naturschutzes

Trotz aller Sympathie für den Biolandbau werden die derzeit bestehenden
Grundvoraussetzungen des biologischen Landbaus keiner ehrlichen
Auseinandersetzung unterzogen, sondern vielmehr die Konsumenten einer
Propaganda mit romantischem Flair ausgeliefert. Und innerhalb der Verbände
wird die Kritik absichtsvoll übersehen. Die viel zitierte Agrarwende ist nur
scheinbar in der Praxis angekommen. De facto wird sie nicht Fuß fassen
können, wenn der Ökolandbau weiterhin wie die konventionelle Agrarindustrie
wirtschaftet und der Realität in der Landschaft und in der Viehhaltung
lediglich das Wunschdenken einer abgehobenen Debatte gegenübersteht.

Es bleibt auch unreflektiert, dass die Agrarpolitik den Naturschutz als
marktausgleichendes Steuerungsinstrument missbraucht. Ehemals ökologisch
wertvolle Schutzflächen verbrachen zunehmend oder wachsen mit Gehölzen zu,
weil sie durch den Käseglocken-Naturschutz regelrecht "kaputtgeschützt"
wurden. Das genutzte Land indes wird scheinbar "ökologisch", aber intensiv
bewirtschaftet. Dass Trinkwasserbrunnen in diesen intensiv genutzten
Landschaften geschlossen werden und Brauchwasser aus weiter Entfernung
herantransportiert werden muss, bezeugt diese Verfehlungen.

Im Kompromiss werden Ökologie und die Ökobewegung ökonomisiert und zur
"nachhaltigen" Perfektionierung des Wirtschaftsystems missbraucht, denn Öko
ist in und wird unter Mithilfe der Sozialökologie zum Konzept erhoben. 2)
Innovationen werden zur Wirtschaftsbelebung verwendet, wodurch noch mehr
Wachstum und Fortschritt und eine noch effizientere Ausbeutung vorhandener
Ressourcen bewirkt werden - getragen von einem obskuren Bild von Ökologie.

Anstatt die Situationen prüfend zu hinterfragen, werden die hier
vorgetragenen Beobachtungen wieder schön geredet werden und die Landschaft
und die Nutztiere verharren weiterhin in Daseinsformen, die mit Ökologie
nichts zu tun haben.

Michael Machatschek

1) Sigmar Groeneveld: Agrarberatung und Agrarkultur, Kassel 1996
2) Joachim Radkau: Natur und Macht, München 2002

Der Autor, Jahrgang 1963, lebt als Bauer und Wanderforscher in einem
Kärntner Bergdorf und beschäftigt sich mit alten Landnutzungsweisen,
Landschafts- und Nutzpflanzenkunde.
Tel. 0043 664 / 4271676
michael.machatschek ät aon.at

--
DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - Oktober/November 08
Prenzlauer Allee 230 - 10405 Berlin - Tel. 030 / 44339147
raberalf ät grueneliga.de - www.grueneliga-berlin.de/raberalf
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