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Auswahl: [Der Rabe Ralf]
Der Rabe Ralf - Onlineredaktion <matthias.bauer ät grueneliga.de>4. Nov 2008 00:43

Bio-Boom! Aus der Innenwelt eines Biosupermarkts


Bio-Boom!

Die Innenwelt eines Biosupermarkts aus der Sicht eines modernen
Traditionalisten

In Deutschland kaufen immer mehr Menschen "Bio". Eine sehr erfreuliche
Entwicklung. Wie die zweistelligen Wachstumsraten der Solarbranche könnte
auch der Bioboom auf eine Vorreiterrolle Deutschlands bei der ökologischen
Modernisierung hindeuten. Bio ist aber keine moderne Erfindung. Lange bevor
das Wort "Ökologie" zum ersten Mal benutzt wurde, bewirtschaftete man das
Land ökologisch. Noch heute schmeckt das Essen in Sizilien tausendmal besser
als in manchen entwickelten Regionen der Welt. Im Bioboom-Phänomen
vermischen sich Welten und Kulturen, die bisher als Gegensätze galten:
Bürgertum und Bauerntum, Moderne und Tradition, Hochkultur und Natur. Ein
Teil der Elite wendet sich vom Fortschrittsmythos ab und pflegt ein "Zurück
zur Natur". Gleichzeitig findet man in den Bauernhäusern der Toskana keine
Erdkrümel mehr auf dem Boden. Die rustikalen Innenräume wurden so perfekt
restauriert, dass sie fast steril erscheinen. Eine prachtvolle Küche steht
nun dort, wo früher das Vieh zu Hause war.

Der Bioboom zeigt, dass wir am Anfang eines kulturellen Wandels stehen: Er
ist nötig, aber noch zwiespältig und widersprüchlich. Durch eine
Gegenüberstellung von Bildern aus der Lebenswelt, die mir sehr nahe stehen,
möchte ich zeigen, warum die Widersprüchlichkeit des Biobooms auch der
Zwiespalt von Tradition und Moderne ist, die sich hier vermischen; warum der
Bioboom in der jetzigen Form nicht nur etwas verändert, sondern auch etwas
erhält, nämlich dominante soziokulturelle Strukturen.

Die Traditionen

Jeder neue Gast, der meine Familie in Italien besucht, muss sich einem
Ritual unterziehen: Zuerst muss er den Wein meines Vaters ausprobieren;
danach kommen meist die selbstgemachten Salamis. Und wenn man Glück hat,
gibt es auch die Piadina, ein spezielles Fladenbrot aus der Romagna, das mit
Prosciutto, Frischkäse und Rucola göttlich schmeckt. Alles selbst gemacht
und selbst gekocht. Der Stolz meines Vaters, der die meiste Freizeit auf
seinem kleinen Landstück oder in seiner Weinkantine verbringt. Damit
verdient er kein Geld, und doch wäre die Bezeichnung "Hobby" völlig
unpassend. Die Konsum- und die Erlebnisgesellschaft interessieren meinen
Vater recht wenig. Im Gegensatz zu meiner moderneren Mutter hat er kein
Bedürfnis nach einem Urlaub: "Es ist so schwer, dieses Geld zu verdienen!
Wie kann ich es so verschleudern? Wofür die lange Reise und das fette Essen
in den Restaurants? Auf meinem Landstück habe ich doch viel mehr Ruhe." Das
ist der Freiheitsbegriff meines Vaters - und er ist unaustauschbar.

Wenn wir miteinander telefonieren, dann reden wir meist über zwei Themen:
Politik oder Wetter. "Es ist nicht normal: In diesem Jahr haben wir sogar im
Dezember Tomaten geerntet." "Es regnet seit sechs Monaten nicht mehr: Die
Trauben verwelken, es ist alles kaputt." Die Landwirte spürten schon seit
Jahren, was einige Politiker noch nicht wahrhaben wollten. Ihre Sensibilität
für das Klima ist viel höher als bei Menschen aus der Stadt. Die wichtigste
Uhr meines Vaters ist immer noch die biologische. Zwischen März und April
werden die neuen Erdbeeren gepflanzt. Dann reifen die Pfirsiche. Im Herbst
kommt die Wein- und Olivenernte. Mein Vater produziert dann ein feines
Olivenöl und einen wunderbaren Rotwein. Chemie ist bei ihm verpönt, obwohl
er weder bei den Grünen ist noch für Greenpeace spendet.

Viele Familien in Italien besitzen ein eigenes Landstück und betreiben
Freizeitlandwirtschaft, eine Beschäftigung, die drei verschiedene Funktionen
erfüllt: die Versorgung mit Nahrungsmitteln, die künstlerische Betätigung
und eine Art archetypischen Ahnenkult. Zur ersten Funktion. Meine Großmutter
sagte einmal: "Wenn die Wirtschaft zusammenbricht, sind die Stadtbewohner
die ersten, die verhungern." Sie hatte es im Krieg erlebt, wie die
Stadtbürger zu Tausenden auf das Land flohen und die Felder plünderten. Sie
fraßen die Kartoffeln samt Erde, so hungrig waren sie. Man kann eben kein
Geld essen, wenn es wirklich schlimm kommt. Ein Stück Erde ist die
nachhaltigste Versicherung. Die Selbstversorgung bedeutet für meine Familie
eine wichtige finanzielle Ersparnis und ein Stück Unabhängigkeit.

Wer selbst sein Essen produziert, weiß, was er isst. Die Landwirte, die die
eigene Familie mit Gemüse und Obst versorgen, verwenden meist keine
Pestizide. Von einem Nachbarn hat mein Vater erfahren, wie man Schädlinge
mit Brennnesseljauche bekämpfen kann. Kein Gewinn für die Chemieunternehmen
und das italienische Bruttosozialprodukt, aber es funktioniert und schadet
der Gesundheit nicht. Zur zweiten Funktion. Mein Vater ist ein Künstler,
aber nicht im Sinne der Hochkultur, mit der sich unsere Eliten schmücken. Er
hat nicht einmal die Mittelschule besucht. Seine Kunst ist eine
ursprünglichere und wesentlichere Kunst, die mindestens genauso
leidenschaftlich und kreativ ist. Sie steckt zum Beispiel in der Produktion
seines Rotweines. Darin fließt das Wissen von Generationen, viel Erfahrung
und Handarbeit ein - aber auch kreative Versuche, Geduld und Liebe. Mein
Vater kann die erwünschte Alkoholkonzentration immer erreichen oder einen
bestimmten Geschmack reproduzieren. Sein Wein schmeckt anders als jener des
Nachbarn, obwohl die Traubensorte die gleiche ist. Jeder Winzer pflegt diese
individuelle Kunst wie ein Geheimnis.

Zur dritten Funktion. Der "Ahnenkult" ist weder bewusst noch absichtlich.
Wie kann diese emotionale und tiefe Bindung zur Erde erklärt werden? Ein
Versuch: Die Erde symbolisiert den Fluss und gleichzeitig die Kontinuität
des Lebens, kreisförmig, von den Vorfahren zu den Nachkommen. Wir beziehen
unsere Nahrung aus derselben Erde, in der unsere Reste irgendwann liegen
werden.

Unter der Erde ruhen alle unsere Vorfahren. Die Pflege der Erde ist deshalb
auch die Pflege der Familiengeschichte. Der biochemische Kreislauf spiegelt
sich in einem kulturellen Kreislauf wider. Die landwirtschaftlichen
Techniken werden von Generation zu Generation übertragen. Ihre Verwendung
und Erneuerung im Alltag bedeutet das Weiterleben einer Kultur - und damit
der Ahnen.

Der Übergang

Ich gehöre zu denen, die den Kreislauf der Traditionen durchbrachen. Ich
wollte kein Leben auf vorgegebener Bahn führen; ich wollte das Landstück
meines Vaters nicht übernehmen; ich werde die Kochtechniken meiner Mutter
nicht weiter pflegen. Ich habe mich für eine Suche ohne vorhersehbare
Ergebnisse entschieden.

Mit meinem Vater wird auch sein vorzüglicher Wein für immer sterben. Ebenso
wird die Kochtradition meiner Mutter verloren gehen. Freiheit und
Kreativität bedeuten auch eine schmerzhafte Trennung: von der Familie, von
den Traditionen, von der Natur. Hier wird die ökologische Frage für mich
eine Frage der Selbsterkenntnis.

Obwohl ich heute jene Tradition als Idylle beschreiben kann, weil ich
manches davon vermisse, habe ich sie damals nie als Idylle erlebt. Die
Tradition ist manchmal eine sehr enge Welt, die auch eine eigene Ästhetik
hat: jene der Wiederholung und der Reproduktion. Es ist ein warmes
Gefängnis, in dem Menschen nicht immer glücklich sind, aber ihren Zustand
akzeptieren. Die soziale Sicherheit wird weniger durch Geld gewährleistet
als durch eine Gemeinschaft und ihre Rituale. Diesen kulturellen Kreislauf
wollte ich öffnen. Ich habe mich losgelöst und die breiteren Lebenshorizonte
in der Stadt gesucht. Meine Ernährung hat sich dadurch grundlegend verändert
- nicht zum Besten. Ich habe mich jahrelang von Tütensuppen ernährt. Nur
selten verbringe ich mehr als 15 Minuten an der Zubereitung der Gerichte.
Sicher braucht das gute Essen Raum und Zeit im Alltag. Mobilitäts-,
Leistungs- und Integrationsstress lassen dies nicht immer zu. Der Druck ist
in der Stadt viel höher als auf dem Land, in Deutschland höher als in
Italien. Dies hat auch mit der Durchrationalisierung der Lebensabläufe zu
tun, die typisch für die Moderne ist. Eine gute Ernährung in der Stadt ist
auch eine Frage des Portemonnaies.

Die Moderne

In den letzten Monaten war mein Portemonnaie wieder leer. Ich brauchte einen
Job und fand ihn in einem Biosupermarkt. Die Kontakte aus meinem Engagement
für eine ökologische Landwirtschaft halfen dabei.

Bei meiner Einarbeitung fiel der Satz: "In diesem Supermarkt sind unsere
Kunden bereit, mehr Geld auszugeben. Dafür verlangen sie aber auch mehr." In
der Tat gehören die meisten Kunden der Mittel- und Oberschicht an. Man kann
sie in vier Gruppen aufteilen:

1. Oberschicht und obere Mittelschicht, mit Anspruch auf Exklusivität. Eine
Gruppe, die sich tendenziell von den unteren Schichten abgrenzen möchte. Im
Biosupermarkt finden sie ein gepflegtes Publikum. Diese Kunden verzichten
ungern auf teuren Urlaub in fernen Ländern und besitzen oft ein
repräsentatives Auto. Sie achten sehr auf die eigene Lebensqualität und
kaufen zum Beispiel teure Naturcremes gegen Falten.

2. Gebildet, mit Sinn für Lebensqualität und Gesundheit. Diese Personen
kaufen im Biosupermarkt, weil ihnen die eigene Lebensqualität und Gesundheit
wichtig ist, weniger weil sie an Klima und Gerechtigkeit denken. Oft haben
sie Kinder und wollen für sie nur gesunde Nahrungsmittel kaufen.

3. Gebildet, mit Sensibilität für ökologische Themen. Diese Gruppe ist
kleiner, aber es gibt sie: Menschen aus der Mittelschicht, Mitarbeiter der
Universität, Mitglieder von Umweltgruppen. Diese Kunden finden Ökologie und
soziale Gerechtigkeit nicht immer gleichbedeutend.

4. Die New-Age-Gruppe. Kunden wie diese lassen sich durch solche Infoblätter
ansprechen: "Mikrokristalle sind Lichtgefäße, die durch eine Vielzahl
umweltharmonischer Schwingungseinflüsse im Wasser geprägt werden. Sie tragen
den Regenbogen in unseren Leib."

Ökologie als Teil der gesellschaftlichen Verantwortung ist nur selten der
Hauptgrund, um Bio zu kaufen. Gleiches gilt für das Angebot. Im
Biosupermarkt darf zum Beispiel nichts fehlen: Obst aus fernen Ländern,
Tomaten das ganze Jahr. Ökologie kommt auch hier nicht als Verzicht vor.
Zusätzlich bemüht sich der Marketingapparat der größten Bioketten um eine
klare Abgrenzung zum "Öko-Milieu". Die meisten Kunden lassen sich sehr
ungern als "Ökos" bezeichnen. Ästhetik ist ihnen besonders wichtig.
Erdteilchen auf den Salatblättern oder Würmer in den Äpfeln sind tabu. Aber
es soll trotzdem "Bio" sein: Wie soll das gehen?

Einerseits sollen die Produkte so natürlich wie möglich hergestellt sein,
andererseits will keiner die echte Natur sehen. So kommt es, dass manche
Bioprodukte besonders künstlich wirken und dass Obst abgepackt in
Plastikfolien zum Verkauf steht. An anderen Stellen wird die Natur
ästhetisch vorgetäuscht. Mit solchen Tricks lässt sich die
gesundheitsbewusste Kundschaft der Mittel- und Oberschicht locken - und das
ist profitabel. Das haben inzwischen auch große konventionelle Unternehmen
verstanden.

Das Unternehmen, in dem ich arbeite, verfolgt diese Strategie: Bioprodukte
höchster Qualität zu konventionellen Preisen anbieten. Eine solche Rechnung
kann nur aufgehen, wenn die Personalkosten niedrig gehalten werden. Das
heißt: Weniger Mitarbeiter einstellen zu niedrigeren Löhnen. Das Ergebnis:
Der normale Mitarbeiter eines solchen Biosupermarktes verkauft Produkte mit
dem Label "Fair Trade", die er sich selber nicht leisten kann. Meine
Leiterin gab zu: "Ja, ein solcher Lohn ist bitter!" Für 7,30 Euro pro Stunde
würde sie nie arbeiten. Eine andere Mitarbeiterin erzählte: "In diesem
Unternehmen arbeite ich seit 20 Jahren. Früher war es viel besser. Dann nahm
der Druck zu, die realen Gehälter wurden immer niedriger, die Arbeit immer
mehr."

Die Merkwürdigkeiten des modernen Biobooms gehen noch weiter: Die gesunden,
ökologischen Nahrungsmittel werden gekennzeichnet - warum nicht die
ungesunden? Die Produkte mit chemischen Zusatzstoffen sind billiger - warum
nicht die chemiefreien? Produkte aus der eigenen Region sind zum Teil
teurer, obwohl sie keine weiten Wege hinter sich haben - wie ist das
möglich? Warum wird das Gute zu einer gesonderten Nische erklärt und nicht
zum Normalfall der Ernährung gemacht? Unter solchen Widersprüchen leidet
nicht nur das Bio-Label, sondern die ganze Moderne.

Was würde mein Vater denken, wenn er mich im Biosupermarkt besuchen würde?
Er würde staunen: Der Wein seiner Nachbarn steht hier zum Verkauf. Aus der
Tradition haben sie ein Geschäft gemacht und viel investiert: in Etiketten
mit dem Bio-Label. Hier würde er sich den Wein aber nicht leisten können und
nur einen Kopf Salat für 99 Cent kaufen.

Dann würde er zur Kasse kommen und sagen: "Mein lieber Sohn, sicher sieht
hier alles sehr gepflegt und sauber aus. Weder Chemie noch Erde habe ich
gefunden. Aber etwas muss ich dich trotzdem fragen: Hast du uns wirklich
verlassen, die Traditionen aussterben lassen, 1.400 Kilometer hinter dich
gebracht, das ganze Studium und die ganzen Anstrengungen unternommen, nur um
hier hinter der Kasse zu sitzen und die Reichen zu bedienen?"

Davide Brocchi

Der Autor ist 1969 in Rimini geboren, 1992 nach Deutschland eingewandert und
lebt heute als Sozialwissenschaftler und freier Journalist in Köln. Er ist
Mitgründer des Netzwerks Kulturattac und des Instituts Cultura21
(www.cultura21.de).

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DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - Oktober/November 08
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