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Auswahl: [Der Rabe Ralf]
Der Rabe Ralf - Onlineredaktion <matthias.bauer ät grueneliga.de>29. Dec 2008 16:32

Berlins Erfolge im Klimaschutz stehen zum Teil nur auf dem Papier


Schwierige Klimabilanz

Die Erfolge bei der CO2-Reduktion in Berlin stehen zum Teil nur auf dem
Papier

Die Bilanz unserer Stadt in der Erzeugung von Treibhausgasen ist ohne
Zweifel ein wichtiges Kriterium für eine nachhaltige Stadtentwicklung. Dazu
wird in allen Bundesländern als ein Merkmal die Emission von Kohlendioxid
regelmäßig errechnet. In der Lokalen Agenda 21 der Stadt ist als Mindestziel
festgelegt, dass sich der Ausstoß dieses Gases, der von Berlin aus
verursacht wird, bis 2010 um mindestens 25 Prozent und bis 2020 um
mindestens 40 Prozent verringern muss. Mindestens: Denn die alarmierenden
Berichte der Klimaforschung geben jeden Anlass, den Ausstieg aus der Nutzung
fossiler Energieträger erheblich zu beschleunigen.

Wo steht Berlin in der wichtigen Aufgabe der CO2-Reduktion? Der Verein
Berlin 21 bemüht sich seit fast einem Jahr vergeblich, vom Senat
zuverlässige Daten zu erhalten. Zwar erklärte die Umweltsenatorin noch im
Juli 2008, dass die CO2-Erzeugung in Berlin von 1990 bis 2004 um 19,9
Prozent gesunken sei, eine genauere Sichtung der vorliegenden Statistiken
lässt daran jedoch Zweifel aufkommen. Die CO2 -Bilanzen und die Zahlen zum
Energieverbrauch ziehen in der Jahresfolge regelrechte Achterbahnen, ohne
dass Sinn und Logik der Zu- und Abnahmen nachvollziehbar sind. Besonders
rätselhaft ist der Wechsel vom Jahr 2002 zum Jahr 2003: Ohne erkennbaren
Grund sinken die CO2 -Emissionen um deutliche 5,5 Prozent, während zur
gleichen Zeit der Energieverbrauch in Berlin um 4 Prozent ansteigt.

Nachfragen beim Amt für Statistik ergaben, dass der Grund für solche
rätselhaften Auf- und Abschwünge unterschiedliche Berechnungsmethoden sein
mögen, die seit 1990 - und so auch von 2002 nach 2003 - mehrfach verändert
worden sind. Zum Beispiel mussten früher alle Bundesländer die CO2 -Bilanz
der Fernwärme unabhängig davon berechnen, ob sie mit gleichzeitiger
Stromerzeugung gewonnen wurde oder nicht. Seit 2003 nun geht in die
Berechnung ein, dass vielerorts Heizkraftwerke sowie zunehmend kleine
Blockheizkraftwerke mit der Heizwärme zugleich Strom erzeugen. Gerade Berlin
hat mit seinem ausgedehnten Fernwärmenetz einen besonders hohen Anteil an
dieser doppelten Energienutzung.

Berlin steht also seitdem in der statistischen Bilanzierung klimawirksamer
Gase etwas günstiger dar, als es die Bilanzen bis 2002 erkennen ließen. Doch
ändert die überfällige Korrektur natürlich nicht das Maß der relativen
Verringerung des CO2-Ausstoßes. Denn natürlich war der Anteil der
gekoppelten Strom-Wärme Erzeugung 1990 ähnlich hoch wie 2003 und dürfte sich
in dieser Zeit wenig verändert haben. Um die relative CO2-Verringerung aber
geht es, wenn wir Erfolg oder Scheitern von Klimaschutzpolitik in Berlin
bewerten wollen.

Hier hat unsere Korrespondenz mit der Berliner Umweltsenatorin
bedauerlicherweise bisher zu nichts geführt. Wir haben Frau Lompscher
mehrfach vorgeschlagen, eine - zugegeben nicht ganz leichte - Rückberechnung
der CO2-Emissionen nach der heute angewendeten Methode für 1990 in Auftrag
zu geben, um so die relative CO2-Verringerung für Berlin erstmals
einigermaßen zuverlässig feststellen zu können. Dieser Vorschlag wurde
leider nicht aufgegriffen. Die Konsequenz allerdings ist fatal: Angesichts
des mehrfachen Wechsels der Berechnungsmethoden können wir überhaupt nicht
wissen, wo Berlin in seiner CO2-Bilanz steht. Dass es - wie der Senat
erklärt - 19,9 Prozent sind, wäre ein geradezu märchenhafter Zufall. Berlin
kann genauso gut deutlich schlechter - oder vielleicht besser dastehen.

Wir befürchten allerdings, dass Berlin schlechter dasteht; denn wir haben
uns versuchsweise selbst an eine Teilarbeit der Rückberechnung gemacht. Wir
unterstellen dabei, dass von 2002 bis 2003 die CO2-Emissionen Berlins sich
etwa entsprechend dem Energieverbrauch in der Stadt entwickelt haben. Wie
bereits gesagt, ist dieser damals um 4 Prozent gestiegen. Wenn wir den nur
geringen Zuwachs erneuerbarer Energien 2002-2003 nicht in Betracht ziehen,
entspricht dem Energiezuwachs ein analoger Anstieg von CO2-Emissionen. Um
einen Vergleich zum Jahr 1990 mit derselben Berechnungsmethode anzustellen,
müssen wir folglich zur CO2-Bilanz von 2004 rund 10 Prozent dazu rechnen.
Wir kommen dann auf eine CO2-Reduktion von 1990 bis 2004, die gerade einmal
11,8 beträgt!

Mittlerweile liegen auch die CO2-Daten für 2005 vor. Sie ergeben eine auf
den ersten Blick erfreuliche Reduktion von 6,8 Prozent gegenüber dem Jahr
2004. Zugleich hat laut Statistik der Energieverbrauch in Berlin um 4,2
Prozent abgenommen. Auch diese Inkongruenz ist rätselhaft und bedarf
dringend der Aufklärung. Mit dem Vorbehalt des ausstehenden Klärungsbedarfs
können wir somit für den Zeitraum 1990-2005 eine maximale CO2-Reduktion von
17,8 Prozent errechnen.

Auf jeden Fall ist die Stadt um Längen vom Mindestziel, minus 25 Prozent bis
2010 und minus 40 Prozent bis 2020, entfernt! Berlins Klimapolitik darf sich
nicht auf unverdienten Lorbeeren ausruhen. Vielmehr muss ein entschiedenes
Engagement für eine klimaverträgliche Stadt- und Lebensgestaltung erst noch
richtig beginnen.

Hartwig Berger

Berlin 21
www.berlin21.net


--
DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - Dezember 08 / Januar 09
Prenzlauer Allee 230 - 10405 Berlin - Tel. 030 / 44339147
raberalf ät grueneliga.de - www.grueneliga-berlin.de/raberalf
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