Bergbau in Peru: Eine Kampagne will das wachsende Konfliktpotenzial entschaerfen
Bergbau in Peru
"Wenn nämlich die Ungerechtigkeit bewaffnet ist, so ist sie am
allergefährlichsten" (Aristoteles)
Der Goldabbau in Peru blickt auf eine lange Tradition zurück: das Inkareich
war berühmt für seine kunstvoll aus Gold gefertigten Schmuckstücke. Während
der Kolonisation im 16. Jahrhundert lag das Hauptinteresse der Spanier im
Goldabbau, und in der Gegenwart spielt die Gewinnung von Rohstoffen eine
zentrale Rolle - nur die Rahmenbedingungen haben sich geändert.
Betrachtet man die makroökonomischen Daten Perus, müsste es dem Land mit
einem durchschnittlichen wirtschaftlichen Aufschwung von etwa 4,3 Prozent
gut gehen. Die Auslandsnachfrage wächst dynamisch und die steigenden
Ausfuhrmengen garantieren Handelsbilanzüberschüsse. Sieht man genauer hin,
erkennt man die zunehmenden Ungerechtigkeiten, die die Bevölkerung Perus
erfährt, denn die eigenen Landsleute partizipieren nicht am anhaltenden
Wirtschaftswachstum. Die Unzufriedenheit mit der persönlichen, sozialen und
wirtschaftlichen Situation sowie den belastenden und schädigenden Folgen des
Bergbaus für Umwelt und Gesundheit schaffen ein immer größer werdendes
Konfliktpotenzial. Massive Proteste wie auch häufigere und gewalttätigere
Zusammenstöße zwischen Gegnern und Anhängern des Bergbaus sind Folgen der
bestehenden Ungerechtigkeiten.
Die Folgen des Bergbaus
Die sozialen Folgen des Bergbaus sind gravierend: ungünstige Landverkäufe
aufgrund fehlender Bildung und Beratung sowie Landenteignung in
Expansionsgebieten von Minen mit der Begründung, dass natürliche Ressourcen
dem Staat gehören, führen zu immer mehr Armut und Aggressivität. Zudem wird
die Stimmung durch die Ignoranz der internationalen Konzerne gegenüber dem
Umwelt- und Gesundheitsschutz gefördert. Nach Angaben der Organisation
"Bergbau Peru - Reichtum geht, Armut bleibt" werden tagtäglich etwa 60.000
Tonnen Erde und Fels bewegt. Die Folgen sind Bodenerosion und Hochspülen von
Ablagerungen, was zur Bodenverarmung bis hin zur Bodenzerstörung führt. Die
daraus resultierende Verschmutzung von Böden und Trinkwasserquellen ist zu
stark für eine landwirtschaftliche Nutzung und bedroht deshalb die
Lebensgrundlage vieler Menschen. Außerdem wird aufgrund der Minenexpansion
das knappe Wasser zu einem noch rareren Gut. Durch die Ausbreitung der
Bergwerke verschwinden immer mehr Lagunen, und die natürlichen Wasserwege
verändern sich. Landwirte fürchten um ihre Existenz. Bestehende Konflikte
werden durch vermehrte Störfälle innerhalb der Minen verschärft.
Aufsehen erregte der Quecksilberunfall von Choropampa. Hierbei verlor ein
Lastwagen mehrere Tonnen Quecksilber, ein Nebenprodukt bei der Herstellung
von Gold. Die peruanische Bevölkerung sammelte die schimmernde Masse mit
bloßen Händen ein. Die Folgen waren zahlreiche Vergiftungen und
Krebserkrankungen. Ebenso sind die anfallenden Abgase in Minenregionen
höchst giftig: Schwefeldioxid, Zyanid, Bleipartikel oder Kalium in der Luft
sind Auslöser dafür, dass zum Beispiel in La Oroya innerhalb von zwei
Monaten 15-mal der Notstand ausgerufen werden musste. La Oroya, das unter
den Top Ten der schmutzigsten Städte der Welt rangiert, wurde im Jahr 1922
durch eine Umweltkatastrophe bekannt. Die neu eröffnete Metallschmelze
vergiftete die Anwohner mit Blei, wobei laut Angaben der
Weltgesundheitsorganisation der zulässige Höchstwert von 10 Mikrogramm Blei
pro Liter Blut teilweise um das Siebenfache überschritten wurde. Zusätzlich
fördert der Schadstoffausstoß die Entstehung von saurem Regen, was ebenso
Gift für die Landwirtschaft ist. Diese extreme Gefährdung der Gesundheit
besitzt ein hohes Konfliktpotenzial.
Die sozialen Unruhen werden durch das Verhalten der Regierung zum Thema
Bergbau extrem geschürt. Die derzeitige Regierung unter Alan Garcia
bevorzugt ausländische Konzerne, statt die elementaren Lebensinteressen der
Bevölkerung oder der Umwelt zu berücksichtigen. Denn trotz hoher Gewinne der
Konzerne werden die Bauern nur gering an deren Profit beteiligt. Die
Kampagne "Bergwerk Peru - Reichtum geht, Armut bleibt" belegt dies am
Beispiel von Yanacocha im Jahr 2006. Die Konzerne förderten etwa 2,6
Millionen Unzen Gold zu Tage, was einen Profit von rund 1,5 Milliarden
US-Dollar erbrachte. Trotz der hohen Gewinne weigerte sich das Unternehmen
die Lizenzgebühren zu bezahlen, weil Garcia auf freiwillige Abgaben setzt,
um ausländische Investitionen nicht zu gefährden. Gegner seiner liberalen
Regierung, die den Bergbau und seine Folgen kritisieren, werden von Garcia
als gefährlich eingestuft. Damit legitimiert er die Unterdrückung der Gegner
dieses Bergbaus.
Dabei müsste Peru, ungeachtet der Profite aus den Bergwerken, nicht auf eine
Weiterentwicklung bei Gesundheit, Bildung, Armutsminderung etc. verzichten.
Die im Jahre 2003 gegründete Kampagne "Bergwerk Peru - Reichtum geht, Armut
bleibt" hat es sich zur Aufgabe gemacht, auf die bestehenden Missstände
hinzuweisen und die Öffentlichkeit zu sensibilisieren, um dadurch die
soziale Lage der Bevölkerung zu verbessern. Nach Definition der Kampagne
entstehen soziale Konflikte dann, wenn die Betroffenen spüren, dass sie
ungerecht behandelt werden. Dies trifft eindeutig im Fall der peruanischen
Bevölkerung zu: Umweltschäden, gesundheitliche Risiken, Einschränkungen in
der Ausübung ihrer Rechte sowie der beschränkte Zugang zu den natürlichen
Ressourcen sind die schwerwiegendsten Folgen dieser Ungerechtigkeit.
Bergbau und Nationalökonomie
Der Bergbau ist für Peru eine wichtige Komponente in der Nationalökonomie.
Da er eine wesentliche Devisenquelle zum Abbau der Auslandsschulden ist,
wird die peruanische Bevölkerung wohl immer mit dem Bergbau konfrontiert
sein. Jedoch ist die Kampagne der Meinung, dass der Bergbau nicht nur
negative Folgen mit sich bringt. Im Gegenteil, sie ist überzeugt, dass der
Bergbau zur Entwicklung Perus beitragen kann, wenn bestimmte Kriterien
erfüllt werden:
Um die sozialen Konflikte zu mindern und die Unzufriedenheit der
peruanischen Bevölkerung einzudämmen, müssen die Grundrechte eines jeden
Menschen, auch der indigenen Bevölkerung, eingehalten werden. Das schließt
das Recht auf freie Meinungsäußerung, das Mitbestimmungsrecht und das Recht
auf eine unversehrte Gesundheit ein. Eine groß angelegte Aufklärungsaktion
bei der peruanischen Bevölkerung über die Vor- und Nachteile des Bergbaus
darf dabei nicht fehlen. Das muss die Basis für die Mitbestimmung der
Bevölkerung über die Ausdehnung des Abbaus in der Region sein. Die
Beteiligung an diesem Entscheidungsprozess würde die Einwohner an der
Entwicklung ihres Landes teilhaben lassen und die vorhandenen sozialen
Konflikte abschwächen. Des Weiteren fordert die Kampagne eine erschwerte
Vergabe von Lizenzrechten sowie ein anderes Steuersystem, das die
Privathaushalte gerechter behandelt und die Unternehmen weniger bevorzugt.
Außerdem sollten regelmäßigere und strenge Kontrollen im Umwelt- und
Gesundheitsschutz stattfinden sowie der Schutz von Menschenrechten und die
Einhaltung des Arbeitsrechts gewährleistet sein.
Nelly Welskop, Nora Erdbeer
www.kampagne-bergwerk-peru.de
--
DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - Juni/Juli 09
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