2008 erstmals weniger Genmais in Brandenburg: Woran es lag und wie es weitergeht
Gentechnik in Brandenburg
Ein Überblick zum Protest gegen gentechnisch veränderte Pflanzen
Von Saskia Dellwing und Christof Potthof
Auf den Feldern in Brandenburg ist der Anbau von Genmais in diesem Jahr im
Vergleich zum Vorjahr - um knapp zehn Prozent von 1.346 auf 1.244 Hektar
zurückgegangen. Er liegt aber, bei Maisanbauflächen von insgesamt 150.000
Hektar (135.000 Hektar 2007) auf sehr niedrigem Niveau. Damit hat sich der
Trend der Vorjahre zum verstärkten Anbau von Genmais erstmals seit 2005
umgekehrt. Da es keine systematische Untersuchung gibt, kann über die Gründe
für den Rückgang nur spekuliert werden. Wahrscheinlich aber ist, dass die
drei folgenden Rahmenbedingungen für die individuellen Entscheidungen von
Landwirten und die allgemeine "Großwetterlage" mitentscheidend waren:
Erstens hat der Anbau von Genmais in den vorhergehenden Jahren nicht die
erhofften Vorteile gebracht. Selbst Monsanto, der US-amerikanische Konzern,
der in Deutschland den meisten Genmais verkauft, kann keinen substanziellen
Ertragsvorteil erkennen. Dies wurde unter anderem auf einer
Saatgut-Präsentation des Konzerns Anfang 2008 in Seelow deutlich. So bleibt
ein "Nachbarschaftseffekt" aus. Tatsächlich kann man erkennen, dass
praktisch keine neuen Anbauer hinzukommen. Hatte sich die Anbaufläche von
Genmais in den vorangegangenen Jahren in Brandenburg erhöht, so ließ sich
diese Entwicklung im Wesentlichen auf die Ausweitung des Anbaus bei den
"alten Bekannten" zurückführen. Auf den Acker kam hier die einzige in Europa
überhaupt für den kommerziellen Anbau zugelassene gentechnisch veränderte
Pflanze, ein insektengiftiger Mais von Monsanto, der so genannte MON810. Der
Mais produziert ein Gift, das ursprünglich aus dem bodenlebenden Bakterium
Bacillus thuringiensis stammt, weshalb auch von Bt-Mais gesprochen wird.
Regionaler Protest mit Wirkung
Zweitens haben die regionalen Proteste ihre Wirkung bei den Landwirten nicht
verfehlt: In vielen Gemeinden, Dörfern und Regionen entstehen spontane
Initiativen, die den Anbau von Genmais zum Thema machen. Auch wenn dieser
Mais eine Genehmigung aus Brüssel besitzt, ist sein Anbau nach
übereinstimmender Meinung vieler an den Protesten Beteiligter nicht die
Privatsache des anbauenden Landwirtes. Der Einsatz transgener Pflanzen ist
ein großer Schritt in Richtung einer noch stärker industrialisierten
Landwirtschaft. Konfliktstoff ist durch die nach wie vor nicht geklärten
Folgen für Umwelt und Natur, für den Frieden auf den Dörfern und für den Ruf
einer Region ausreichend vorhanden. Das nach dem Start des Genmaisanbaus in
Brandenburg gegründete Aktionsbündnis für eine gentechnikfreie
Landwirtschaft unterstützt diese Initiativen, zum Beispiel durch die
Vermittlung von Referent/-innen und durch Informationen.
Drittens schließlich gibt es gerade auch unter Bäuerinnen und Bauern eine
weit verbreitete Skepsis, ob mit dem Einsatz gentechnisch veränderter
Pflanzen nicht die Büchse der Pandora geöffnet wird. Bei manchen sind es
grundsätzliche Bedenken, ob der Mensch derart tief in die Geschicke des
Lebens eingreifen sollte, andere sind eher in Sorge, dass sie unumkehrbar in
die Abhängigkeit der multinationalen Konzerne geraten - wenn auch nicht mit
der kurzfristigen Entscheidung für oder gegen den im Moment angebotenen
Mais, so aber eben doch auf lange Sicht, wenn mehr und mehr patentrechtlich
geschütztes Saatgut vermarktet wird. Letztere Position vertritt zum Beispiel
auch der Bauernbund Brandenburg.
Bereits im vergangenen Jahr deutete sich an, dass das Land seine Gangart in
Sachen Gentechnik verändert. Die Aussagen von Landwirtschaftsminister
Dietmar Woidke wurden nach Jahren der Zurückhaltung deutlicher: Die
Landesregierung habe, so wird der Minister zum Beispiel vom Berliner
Tagesspiegel zitiert, "von Anfang an Zweifel an der Gesundheits- und
Umweltverträglichkeit von gentechnisch veränderten Pflanzen" gehabt.
Ein Landwirt, Jörg Piprek aus Hohenstein bei Strausberg, musste seinen
gentechnisch veränderten Mais bereits im Juli dieses Jahres ernten. Auch das
war Ausdruck eines neuen Vorgehens der Landesregierung, hatte er doch den
Genmais innerhalb einer Schutzzone des europäischen FFH-Schutzgebietes
Ruhlsdorfer Bruch ausgebracht und sich damit über eine Vorgabe des Landes
Brandenburg hinweggesetzt. Eine richterliche Bestätigung der Anordnung des
Landes tat ihr Übriges, um den "Feldbefreier wider Willen" zum Einlenken zu
bewegen.
Zudem hat das Land im letzten Jahr Untersuchungen vorgenommen, die ergaben,
dass der Pollen von gentechnisch verändertem Mais weiter fliegt als in der
Vergangenheit angenommen. Die Ergebnisse zeigen, dass zum Beispiel
Schmetterlinge auch in einer Entfernung von mehr als hundert Metern zum
Feldrand noch mit den Pollen des Bt-Mais in Kontakt kommen können und somit
eine Gefährdung nicht ausgeschlossen werden kann. Konsequenterweise wurde in
diesem Jahr ein Schutzabstand für gentechnisch veränderte Pflanzen von 800
Metern zu FFH-Gebieten festgelegt.
Die gentechnikfreien Regionen
Für den Widerstand gegen den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen in
Brandenburg und anderswo sind gentechnikfreie Regionen weiterhin ein
wichtiges Instrument. In Brandenburg sind dies die Regionen Fläming,
Märkisch-Oderland, Müritz-Ruppiner Land, Parchim/Prignitz, Prignitz,
Spreewald, Stechlin-Ruppiner Land und Uckermark-Barnim; weitere sind in
Gründung, unter anderem im Havelland.
Gentechnikfreie Regionen sind vor allem deswegen so wichtig, weil nicht von
der Politik in Potsdam, Berlin oder Brüssel über den Anbau von Gen-Pflanzen
entschieden wird, sondern auf den Dörfern. Letztendlich liegt es an den
einzelnen Landwirtinnen und Landwirten - da ist es gut, wenn vor Ort Farbe
bekannt wird. Die Haltung der Bäuerinnen und Bauern in den Regionen übt
außerdem Druck auf die Bundes- und EU-Politik aus.
Um diese Bewegung zu unterstützen und um sich über aktuelle Aktivitäten,
aber auch über Schwierigkeiten in den gentechnikfreien Regionen
auszutauschen, trafen sich deren Vertreterinnen und Vertreter Anfang
November in Eggersdorf. Dort wurde deutlich, dass die Gründung in den
meisten Regionen von Bio-Betrieben ausgeht. Schwierig ist dann häufig der
nächste Schritt, wenn es darum geht, die konventionellen Kolleginnen und
Kollegen mit ins Boot zu holen. Nicht, weil diese für den Einsatz von
Gentechnik in der Landwirtschaft wären, aber es gibt Berührungsängste. Aber
die, das versicherten die Aktiven aus den Regionen, lassen sich überwinden,
wenn Nachbarn miteinander sprechen.
Anfang 2009 soll - wahrscheinlich in Potsdam - ein bundesweites Treffen der
gentechnikfreien Regionen und anderer lokaler Initiativen stattfinden, das
offen ist für alle Aktiven und die, die es noch werden wollen.
Saskia Dellwing arbeitet im Berliner Büro von Bioland, Christof Potthof beim
Gen-ethischen Netzwerk.
Mehr Infos:
www.gentechnikfreies-brandenburg.de
www.gentechnikfreie-regionen.de
--
DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - Dezember 08 / Januar 09
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