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Auswahl: [Der Rabe Ralf]
Sabine Ellersick <S.ELLERSICK ät NADESHDA.org>10. Jan 2010 14:49

20 Jahre nach der Wende: Enttaeuschte Hoffnungen ostdeutscher Naturschuetzer


Enttäuschte Hoffnungen

20 Jahre Naturschutzarbeit am Köppchensee

Alle wichtigen und unwichtigen Personen Deutschlands haben etwas über die
Beseitigung der Mauer, des Ungetüms des Kalten Krieges, geschrieben, auch
über den 40 Jahre sehnsüchtig herbeigesehnten Zusammenbruch der DDR. Vor 20
Jahren fiel die Mauer auch am Köppchensee in Pankow-Blankenfelde. Ich will
ganz subjektiv etwas über den Naturschutz in diesen 20 Jahren berichten.
Leitfaden ist dabei die Umwandlung dieses Niemandslandes in ein Naturschutz-
und Erholungsgebiet, ebenso meine Hoffnungen an eine demokratische, soziale
und ökologische Marktwirtschaft.

Ende 1989 krochen wir Mitglieder des Pankower Naturschutzaktivs, Teil der
Gesellschaft für Natur und Umwelt im Kulturbund der DDR, das erste Mal durch
ein Loch in der Mauer auf den ehemaligen Todesstreifen westlich der
Heidekrautbahn. Es zeigte sich uns unmittelbar daneben eine unberührte
Landschaft mit dem abgesoffenen Torfstich Köppchensee am Tegeler Fließ,
verkrauteten Obstwiesen, Magerrasen, Ruderalfluren und einer
Uferschwalbenkolonie. Sehr viele Leute erkannten schnell, dass diese für
Berlin einmalige Offenlandschaft unter Schutz zu stellen ist, um sie vor
Bebauung zu bewahren. Noch am 21. Dezember 1989 erfüllte das Bezirksamt
Pankow uns diesen Wunsch mit einer zeitweiligen Unterschutzstellung.

Wir glaubten, dass der westdeutsche Naturschutz weit effektiver und der
Nachhaltigkeit verpflichtet sei. Bei der Bewegung für die Wiedervereinigung
war ja von einer Ökologisierung der Gesellschaft die Rede. Auch der DDR-
"Naturschutzweise" Michael Succow sowie BRD-Umweltminister Klaus Töpfer und
die spätere Umweltministerin Angela Merkel stimmten uns hoffnungsvoll.
Endlich würden Umweltschutz und Bewahrung der Schöpfung - ein Begriff, den
die kirchlichen Umweltgruppen um die Wende benutzten - eine größere
Bedeutung spielen als die DDR-Selbstversorgung und die marxistische Ökonomie
mit Machbarkeitswahn und Unterjochung der Natur.

Wir griffen schon im März 1990 zu Hacke und Spaten und pflanzten in dem
heckenarmen Gebiet erste Sträucher, die wir am Rande des Gebietes bargen,
eine echte Graswurzelbewegung. Das kannten wir aus DDR-Zeiten, denn dort
wurde bescheidener praktischer Naturschutz vorwiegend über ehrenamtliche
Kräfte praktiziert. Ganz konkret hofften wir auf die Rückkehr des Neuntöters
und des Rebhuhns, ersterer lebt seitdem wieder ständig dort, letzteres fehlt
immer noch.

Ein Naturschutzgebiet entsteht

Wir hatten auch großes Glück mit unseren Partnern und Freunden aus dem
Westberliner und bald Gesamtberliner Umweltsenat, die uns (bis heute)
großartige theoretische und praktische Hilfe zuteil werden ließen. Dadurch
wurde das 60 ha große Gebiet 1995 endgültig unter Schutz gestellt. Der
Pflege- und Entwicklungsplan (PEP) legte fest, dass die Tiere des
Offenlandes und die Pflanzen der Mager- und Ruderalfluren zu schützen sind.
Daraufhin wurden zahlreiche Wildhecken angelegt, Obstbäume und Wildobst
gepflanzt, Barrieren für geregelte Wegeführung angelegt, Nistkästen
aufgehängt, Müll gesammelt, Brennnesseln gemäht, Obst geerntet und
Informationsschilder aufgestellt.

Doch bald merkten wir, dass auch der gesamtdeutsche Naturschutz nur mit
Wasser kocht und ökonomische Grundsätze nach wie vor über der Ökologie
stehen. Fast erfolglos kämpften wir gegen die autobahnähnliche Nordtangente
am Südrand des Gebietes, ihre Planung ist nur aus Geldmangel aufgeschoben.
Die Entwässerung des eiszeitlichen Solls Rebpfuhl konnte nicht rückgängig
gemacht werden. Die angrenzenden Ackerflächen, von Lübarser Pferdebauern
gepachtet, werden nicht ökologisch bewirtschaftet. Kein Ackerwildkraut
entwickelte sich am Rande der Feldflur, nur kurzzeitig 1991 von mir
ausgewilderte Kornraden. Wichtige Maßnahmen des PEP wie die Rodung der
wuchernden "Neubürger" (Neophyten) Robinie, Eschenahorn und Amerikanische
Traubenkirsche scheiterten am Geld.

Jedes Jahr ist es wieder eine Zitterpartie, ob für die nötige Schafbeweidung
der größeren Flächen das Geld bereitgestellt wird. Die Nachpflanzung der
Apfelplantage erfolgte nicht, ein Schnitt der Bäume geschah nur sporadisch
und entsprach nicht dem Prinzip "Schützen und bewirtschaften". Weil keine
Nachschachtung mehr in der Kiesgrube erfolgte, haben sich die Uferschwalben
verabschiedet. Auch die Zahl der verantwortlichen Mitarbeiter in der unteren
und oberen Naturschutzbehörde wurde radikal verringert. Trotzdem leisten sie
noch eine sehr gute Arbeit, stoßen jedoch an ihre Grenzen - mit schlimmen
Folgen für den Naturschutz.

Die Berliner Baumschutzverordnung wurde in den letzten Jahren neo-liberal
gekappt, zum Glück betraf es das Naturschutzgebiet nicht, aber viele Eiben
in der Umgebung durften nun ersatzlos gefällt werden. Die meisten Nistkästen
sind verwittert und kein Lehrer mit einer Schulklasse kann sich für eine
ständige Betreuung begeistern. Die bekannte Apfelernte am Köppchensee wird
von immer weniger Helfern besucht, keine Berliner Kirchgemeinde findet den
Weg dorthin, um für die Gemeinschaft oder den Erntedanktag zu ernten. Zum
Glück kennen die Anwohner und ausländischen Mitbürger des Märkischen
Viertels die Äpfel, Birnen, Pflaumen, Spillinge und Holunder des Gebietes
sehr gut und ernten ausgiebig, manchmal mehr als uns lieb ist.

Wo bleibt die Einheit?

Und noch eine Veränderung ist auffällig, die uns Sorgen bereitet. Es kommen
immer weniger Menschen zu den Pflegeeinsätzen: Vielleicht lecken die
Arbeitslosen ihre Wunden und geben sich dem Selbstmitleid hin; vielleicht
sind die Menschen mittleren Alters überlastet von Arbeit und Erwerb, sodass
sie keine Kraft mehr haben; vielleicht gehen die Jungen lieber auf Partys
oder fahren ins Ausland.

Meine Euphorie für Demokratie und Marktwirtschaft ist einer ganz großen
Skepsis gewichen. Ich habe das Gefühl, dass wir uns statt einer Marx- und
Murkswirtschaft nun eine Pfennigfuchsergesellschaft eingehandelt haben. Die
offiziellen Naturschutzverbände sind längst diesem Trend gefolgt, wehren
sich kaum noch kraftvoll, wenn wieder ein Gesetz kassiert wird, wie zurzeit
in Sachsen die Baumschutzverordnung. Sie kämpfen um jede Brosame aus
Regierungshänden, haben fast keine Visionen und fördern keine Visionäre und
Schrittmacher wie Michael Succow oder Ulrich Duchrow.

Sollte ich also aufgeben in meinem 70.Lebensjahr? Niemals! Das ist ja gerade
der Sinn jeder Graswurzelbewegung, dass sie sich nicht entmutigen lässt,
sondern einem zerstörerischen Trend widersteht. Vor fast 500 Jahren sagte
Luther: "Wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein
Apfelbäumchen pflanzen." - Ich versuche es weiter.

Wolfgang Heger

--
DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - Dezember 2009/Januar 2010
Prenzlauer Allee 230 - 10405 Berlin - Tel. 030 / 443391-47
raberalf ät grueneliga.de - http://www.raberalf.grueneliga-berlin.de
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