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Auswahl: [Der Rabe Ralf]
DNR Matthias Bauer <matthias.bauer ät dnr.de>7. Jan 2010 14:48

***Wachstumsverweigerung: Die Décroissance-Bewegung sagt nein zu Wachstumszwang und "Green New Deal"


Wachstumsverweigerung

Immer mehr Menschen sagen nein zum Wachstumszwang - auch zum "Green New Deal"

Was ist zu tun angesichts der umfassenden Krise, die der Marktfundamentalismus zu verantworten hat? Der neoliberale Brandstifter spielt den Feuerwehrmann und hat die Antwort parat: Weiterwursteln! Das darf er aber nicht sagen. Deshalb tut er, was Ideologen in schwierigen Zeiten immer tun: Sie benennen um, was ihnen peinlich ist, und blockieren unser Denken mit einer Formel.

Beispiele aus der jüngsten Geschichte: Unter dem Konkurrenzdruck des Sowjetimperiums hieß kapitalistisches Weiterwursteln "soziale Marktwirtschaft". Später musste man angesichts der Grenzen des Wachstums von "qualitativem Wachstum" sprechen, was immer das bedeuten konnte. Bedrängt durch die immer offensichtlicher werdende menschengemachte Klimakatastrophe, taufte der Neoliberalismus sein Weiterwursteln in "nachhaltige Entwicklung" um.

Das neueste Beispiel in der Reihe der Worthülsen, mit denen man uns eine bessere Zukunft vorgaukelt, ist nun der "Green New Deal". Was damit gemeint ist? Weiterwursteln, aber grün und gerecht. Ein unauflösbarer Widerspruch! Die Farce wird dadurch zur Tragödie, dass politisch Rot und Grün einmal mehr als gelehrige Schüler das Spiel des liberalen Mentors mitspielen. Mäuse fängt man mit Speck und RotGrüne mit dem Green New Deal.

Ist also keine Alternative zum grün eingefärbten Wachstumsdogma in Sicht? Doch! Es gibt in Europa - mit Schwerpunkt in Frankreich - immer mehr Menschen, die sich dem Wachstum ganz verweigern. In Frankreich verstehen sie sich als gesellschaftliche Bewegung und sind politisch sehr aktiv. Ihre öffentliche Wirkung verdanken sie dem schlagkräftigen Begriff "Décroissance" (Abnahme, Schrumpfung), dem Markenzeichen für Wachstumsverweigerung in den frankofonen Ländern. Décroissance ist das gemeinsame Motto einer heterogenen, teilweise auch miteinander im Streit liegenden Gruppe von Intellektuellen, Medienleuten und politischen Aktivisten. Ihnen allen ist eine Überzeugung gemeinsam: Wir werden den Ausweg aus unserer Zivilisationskrise nicht finden, wenn wir die Gestaltung unseres Lebens weiterhin von der Wirtschaft und ihren Zwängen, insbesondere dem Wachstumszwang, bestimmen lassen.

Das breite Spektrum der Bewegung lässt sich nicht in einem kurzen Text darstellen. Stattdessen soll hier einer ihrer Vertreter kurz vorgestellt werden: Paul Ariès, Jahrgang 1959, Politologe und Autor mehrerer Bücher zum Thema. Seinem politischen Programm liegt der Begriff der "gratuité" (Kostenlosigkeit) zugrunde. Ein sinnvoller Gebrauch (bon usage) von Gütern und Dienstleistungen müsste Ariès zufolge kostenlos sein. Ein umwelt- und klimaschädigender Verbrauch (mésusage) sollte hingegen verboten oder drastisch verteuert werden. Für Trink- und Duschwasser oder für Straßenbahnfahren soll man nicht bezahlen müssen. Das private Schwimmbad und die Autobahnfahrt im Porsche müssen dagegen abgeschafft werden oder unzumutbar teuer zu stehen kommen.

Die Décroissance-Bewegung verfügt über eine Monatszeitschrift gleichen Namens (Auflage 45.000). Sie wirbt für Wachstumsverweigerung auf drei Ebenen: individuelle Lebensgestaltung, kollektive Experimente (Wohngemeinschaften, Landkooperativen usw.) und Politik. Die Grundüberzeugung der Wachstumsverweigernden lässt sich in einem Bild zusammenfassen: Wir müssen nicht einen immer noch größeren Kuchen backen, damit alle genug abbekommen. Wir müssen das Rezept ändern und den Kuchen besser verteilen als bisher. Oft nennen sie ihre ökonomisch-politische Leitvorstellung "nachhaltige Wachstumsrücknahme".

Ernst Schmitter

Der Autor, geboren 1943, lebt in Interlaken (Schweiz) und befasst sich seit Jahren mit Wachstumskritik, speziell mit der französischen Décroissance-Bewegung.

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Gegen grüne Wachstumspolitik

In Frankreich wurde die Kritik an Öko-Kapitalismus und Green New Deal zur Bewegung

Es war in der Rue de Grenelle in Paris, wo am 27. Mai 1968, mitten im Generalstreik, ein Abkommen zwischen der französischen Regierung, den Gewerkschaften und den Unternehmern geschlossen wurde. Seither werden in Frankreich Abkommen, die auf einer breiten Basis ausgehandelt werden, oft als "Grenelle" bezeichnet.

2007 leitete Präsident Sarkozy eine Konferenz mit dem Titel "Umwelt-Grenelle" (Grenelle de l'environnement). Sein erklärtes Ziel: grünes Wirtschaftswachstum. Offensichtlich ging es dabei um ein Greenwashing des forcierten Wachstumskurses, den Sarkozy dem Land verordnet hat. So klammerte er die Nukleartechnologien von vornherein als nicht verhandelbar aus. Die Konferenz beschloss 268 Maßnahmen, darunter den Bau neuer Autobahnen und TGV-Linien. Dadurch sollen über zehn Jahre hinweg Investitionen von 440 Milliarden Euro ausgelöst werden. Der "Green New Deal" scheint in Frankreich und Europa zum neuen Schlagwort zu werden, da sich mit unverhüllt neoliberalen Grundsätzen in den nächsten Jahren keine salonfähige Politik machen lässt.

In diesem Klima führten die Wachstumsverweigerer im Mai 2009 in Lyon einen Gegenkongress durch: "Contre-Grenelle 2" (nach einem ersten im Jahr 2007). Die Referent/-innen schilderten aus verschiedenen Perspektiven die Illusionen und Gefahren eines grünen Kapitalismus.

Zum Beispiel legte der Journalist Aurélien Bernier dar, warum der Markt mit den CO2-Emissionsrechten in einigen Jahren Größenordnungen erreichen wird, wie sie der Finanzmarkt vor der Krise 2008 hatte. Die Ausweitung dieses Markts auf neue Bereiche, bis hin zu den individuellen Verschmutzungsrechten, wird unter Umgehung der demokratischen Entscheidungsmechanismen eingeführt. Wir werden, so Bernier, eines Tages feststellen, dass mit Klimapapieren nicht transparenter spekuliert wird als bisher mit irgendwelchen Derivaten. Seit dieser Veranstaltung wird die Décroissance-Bewegung in den Medien nicht mehr totgeschwiegen. Ernst Schmitter

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"Die Ökonomen fürchten diese Wahrheit"

Interview mit dem Wachstumskritiker Professor Jacques Grinevald

Jacques Grinevald unterrichtet in Genf. Er arbeitet vor allem in den Themenbereichen nachhaltige Entwicklung und ökologische Ökonomie. 2008 hat er erfolgreich die Gründung eines Netzwerks für Wachstumsverweigerung in der französischsprachigen Schweiz angeregt.

Herr Grinevald, können Sie kurz Ihren Werdegang als Fachmann im Bereich der Wachstumsrücknahme beschreiben?

1974 arbeitete ich im Pressedienst der Universität Genf. Ich bekam den Auftrag, einen Vortrag von Nicholas Georgescu-Roegen zu organisieren, dessen Werke ich zum Teil kannte. Nach seinem Genfer Vortrag entwickelte sich zwischen ihm und mir eine dauerhafte Freundschaft. Georgescu-Roegen betrachtete mich als seinen ersten Schüler in Europa. Ich habe viele seiner Texte ins Französische übersetzt und publiziert. Unter der Leserschaft dieser Publikationen hat sich eine Art Netzwerk gebildet, lange bevor die heutige Décroissance-Bewegung entstand.

Georgescu-Roegen ist seit Jahrzehnten ein Geheimtipp. Warum ist er so wichtig?

Er hat die Bedeutung des Zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik für die Wirtschaft erkannt und den Begriff der Entropie in die Wirtschaftswissenschaft eingeführt. Der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik besagt, dass die vollständige Umwandlung von Arbeit in Wärme nicht umkehrbar ist. Das hat zur Folge, dass die Ökonomen sich vom mechanistischen Weltbild verabschieden müssen, das bis heute ihr Paradigma geblieben ist. Die Wirtschaft ist nicht wie ein Pendel, bei dem es egal ist, ob es hin oder zurück schwingt. Das Wirtschaftsgeschehen hat eine Zeitachse mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Nichts lässt sich ungeschehen machen. Unser Wirtschaften spielt sich in einer ständig sich verschlechternden Ressourcenlage ab. Die Schäden, die die Wirtschaft jetzt dem Klima zufügt, kann sie nicht reparieren. Die neoklassischen Ökonomen fürchten diese Wahrheit, wie die katholische Kirche Galileis Erkenntnisse fürchtete, weil sie den irrationalen Charakter ihrer Lehre entlarvte. Deshalb ist Georgescu-Roegen bis heute ein Geheimtipp geblieben.

Kann man die Wirtschaft von ihrem zerstörerischen Wachstumszwang abbringen?

Die Frage ist nicht, ob man kann. Man muss! Es gibt keine andere Lösung. Vielleicht finden wir den Weg leichter, wenn wir bedenken, dass es nicht nur um die Überwindung des Kapitalismus geht. Es geht um die Überwindung eines Machtstrebens, das untrennbar zum ökonomischen Denken gehört. Die Ökonomen wollen nicht nur Wachstum, sie wollen Wachstum des Wachstums, im Zweifelsfall lieber eine Explosion als Stillstand oder Rückschritt. Sie wollen Eroberung. Ihr Fach ist von einer kriegerischen Mentalität geprägt. Es geht aber gerade darum, dass wir lernen, Gewaltfreiheit zu einem Grundprinzip unseres Handelns, auch unseres wirtschaftlichen Handelns, zu machen. Unsere gesamte gesellschaftliche Wirklichkeit ist heute von Gewalt und Gewaltdenken beherrscht. Das gilt es zu überwinden.

Interview: Ernst Schmitter

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Der Green New Deal

... ist vor allem ein Ankündigungsprogramm

Die Autoren, die für einen Green New Deal (GND) werben, sehen in ihm eine Chance, gleichzeitig zwei globale Probleme zu meistern: die wachsenden Gegensätze zwischen Arm und Reich und das Klimaproblem. Lösungen erhofft man sich einerseits von politischen Maßnahmen, zum Beispiel der Neuregelung des internationalen Finanzsystems, andererseits von technischen Veränderungen wie der Umstellung auf erneuerbare Energien.

Die Erfolgsaussichten des GND sind bescheiden. Die Politik hat bisher nicht erkennen lassen, dass es ihr mit einem Kurswechsel ernst wäre. Sie würde sich damit ja auch selbst in Frage stellen: Beschränkung der Macht der Konzerne, Schuldenerlass für den Süden, progressive Steuertarife weltweit - welcher politische Verantwortungsträger wollte sich mit solchen Forderungen eine wachstumsgierige Wirtschaft zum Feind machen?

Bleibt die Umstellung auf ökologisch verantwortbare Ressourcen- und Energienutzung. Aber wenn sie nicht von politischen Maßnahmen begleitet wird, ist auch von ihr wenig zu erwarten. Ein Grund dafür liegt im Rebound-Effekt, von dem Ökonomen nur selten sprechen. Er macht Effizienzsteigerungen beim Ressourcen- und Energieverbrauch praktisch wirkungslos, weil sie wie Preissenkungen wirken und deshalb zu einer Steigerung der Nachfrage führen. Weil mein neues Auto nur halb so viel Benzin verbraucht wie das alte, benutze ich es öfter und kaufe ein zweites für meinen Sohn.

Der Green New Deal wird nur Erfolg haben, wenn er von einem Mentalitätswandel getragen ist. Ein solcher Mentalitätswandel findet sich bei den Wachstumsverweigernden, die immer wieder auf die Begrenztheit der Welt und des menschlichen Lebens hinweisen. Aber er findet sich gerade nicht bei überzeugten Verfechtern des GND wie zum Beispiel den heutigen Grünen. Deshalb ist zu befürchten, dass der Green New Deal ein Ankündigungsprogramm bleibt. Die wesentlichen Teile des Konzepts stammen übrigens aus den 1970er Jahren. Nur der Name ist neu. E.S.

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Literatur zur Wachstumsverweigerung

Hans-Peter Gensichen (* 1943): Armut wird uns retten. Geteilter Wohlstand in einer Gesellschaft des Weniger. Publik-Forum Edition, Oberursel 2009.
Gensichen war eine der bekanntesten Persönlichkeiten der unabhängigen kirchlichen Umweltbewegung in der DDR.

André Gorz (1923-2007): Auswege aus dem Kapitalismus. Beiträge zur politischen Ökologie. Rotpunktverlag, Zürich 2009.
Enthält Texte aus den Jahren 1975-2007.

Marcel Hänggi (* 1969): Wir Schwätzer im Treibhaus. Warum die Klimapolitik versagt. Rotpunktverlag, Zürich 2009.
Das Buch erklärt den Rebound-Effekt, der Effizienzsteigerungen wieder auffrisst.

Ivan Illich (1926-2002): Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik. Rowohlt, Reinbek 1980.
Illich zeigt, dass Fortschritt in Teilbereichen unserer Gesellschaft eine Eigendynamik entwickeln kann, die ihn kontraproduktiv werden lässt. Dem stellt er das Bild einer Gesellschaft gegenüber, die sich von Wachstumszwang und Produktivismus befreit.

Hans Jonas (1903-1993): Das Prinzip Verantwortung. Insel, Frankfurt/M. 1979/Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt/M. 1984.
Von Jonas stammt der Satz: "Der schlechten Prognose den Vorrang zu geben gegenüber der guten, ist verantwortungsbewusstes Handeln im Hinblick auf zukünftige Generationen."

http://www.decroissance.org/
http://de.wikipedia.org/wiki/Wachstumsrücknahme


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DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung - Dezember 2009/Januar 2010
Prenzlauer Allee 230 - 10405 Berlin - Tel. 030 / 443391-47
raberalf ät grueneliga.de - http://www.raberalf.grueneliga-berlin.de

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