[IPK] Oekologie: Klimamobilisierung und antikapitalistische Strategie (Bericht 1)
Ökologie:
Klimamobilisierung und antikapitalistische Strategie
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Bericht an den 16. Weltkongress der Vierten Internationale zum
Resolutionsentwurf "Der Klimawandel und unsere Aufgaben" (erster Teil)
Von Daniel Tanuro
Genossinnen und Genossen,
drei Milliarden Menschen fehlt es am Allernotwendigsten. Die Befriedigung
ihrer Bedürfnisse erfordert eine Steigerung der Produktion von materiellen
Gütern. Also eine Steigerung des Energieverbrauchs. Er speist sich heute zu
80 % aus fossilen Quellen und ist daher Ursache von Treibhausgasen, die
unser Klimasystem destabilisieren.
Wir können uns nun aber nicht erlauben, das Klima weiter zu destabilisieren.
Es ist wahrscheinlich nicht mehr weit bis zum "Punkt des Umkippens" (tipping
point), jenseits dessen die Phänomene unkontrollierbar und in menschlichen
Zeiträumen unumkehrbar zu werden drohen, was zu etwas führen könnte, was die
Menschheit noch nie und der Planet seit 65 Millionen Jahren nicht mehr
gesehen hat: eine Erde ohne Eis. Eine Welt, in der der Meeresspiegel um
80 Meter gegenüber dem heutigen Stand ansteigen würde.
Das völligen Verschwinden des Eises ist sicher keine Frage von Tagen: Der
Prozess könnte sich über bis zu 1000 Jahre erstrecken. Aber das Räderwerk
könnte in den nächsten zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren gestartet werden
und bereits bis zum Ende des Jahrhunderts den Meeresspiegel um mehrere Meter
steigen lassen. Um dies zu verhindern, müssen die Treibhausgasemissionen
radikal vermindert und folglich der Einsatz von fossilen Brennstoffen
innerhalb von zwei oder drei Generationen beendet werden.
Ohne Kohle, Erdöl und Erdgas? Es ist möglich: Das technische Potenzial der
erneuerbaren Energien ist ausreichend, um dies zu übernehmen. Aber in der
kurzen Zeit, die wir zur Verfügung haben, ist die Energiewende praktisch nur
möglich, wenn sie mit einer signifikanten Reduzierung des Energieverbrauchs
verbunden ist. Eine so bedeutende Reduktion kann nicht allein durch
Steigerung der Energieeffizienz erreicht werden: eine Reduzierung der
materiellen Produktion und des Gütertransports ist erforderlich.
Das reicht aus um zu begreifen, dass die Menschheit vor einer riesigen
Herausforderung steht. Eine Herausforderung völlig neuer Art, die das
21. Jahrhundert dominieren wird. Eine Herausforderung, die die Bedingungen
für das Eingreifen revolutionärer Marxisten und der Arbeiterbewegung im
Allgemeinen mit prägt.
Eine doppelte Herausforderung, der der Kapitalismus nicht gerecht werden
kann. Weder sozial noch ökologisch. Genauer gesagt: Er kann ihr nicht auf
eine Weise gerecht werden, die für die Menschheit akzeptabel wäre (ich werde
später darauf zurückkommen, was dies bedeutet). Der Grund für dieses
Unvermögen ist auf beiden Ebenen das gleiche: Der Kapitalismus hat nicht die
Produktion von Gebrauchswerten zur Befriedigung begrenzter menschlicher
Bedürfnisse zum Ziel, sondern die potenziell unbegrenzte Produktion von
Werten durch zahlreiche und konkurrierende Kapitalisten, organisiert in
rivalisierenden Staaten.
Ein Kapitalismus ohne Wachstum ist ein Widerspruch in sich, sagt Schumpeter.
Die relative "Dematerialisierung" [geringerer Materialeinsatz] der
Produktion ist sicher eine Realität, aber sie wird mehr als kompensiert
durch die Steigerung der Menge an produzierten Handelswaren.
Diese Dynamik der Akkumulation ist der wesentliche Grund, warum der "grüne
Kapitalismus" eine Illusion ist, genauso wie der "soziale Kapitalismus".
Zweifellos gibt es grünes Kapital, es wird immer mehr und es generiert gute
Gewinne. Aber es ersetzt nicht das schmutzige Kapital, es ergänzt es, und
das letztere bestimmt, weil es vorherrschend ist, das Tempo, die technischen
Entscheidungen und die Modalitäten für die Einführung des ersteren.
Die jüngere Vergangenheit lässt keinen Zweifel. Nehmen wir Barack Obama: Im
Präsidentschaftswahlkampf versprach er, die Verursacher bezahlen zu lassen,
um grüne Energien massiv zu unterstützen (150 Milliarden Dollar in
10 Jahren) und den Benachteiligten zu helfen, die höheren Energiepreise zu
tragen. Diese Politik sollte fünf Millionen Arbeitsplätze schaffen. Aber
dann kam die Subprime-Krise, und von all diesen guten Absichten blieb nichts
mehr übrig. In den USA wie in der EU erhalten die Verschmutzer die
Verschmutzungsrechte gratis, verkaufen sie mit Gewinn und lassen die
Verbraucher zahlen.
Die Klimapolitik stärkt die Kapitalisten, die das Klima zerstören. Darin
zeigt sich auch die Stärke der Interessenverbände der Unternehmer von
fossilen Energieträgern und der mit ihnen verbunden Sektoren wie Autos,
Schiffbau, Luftfahrt, Petrochemie und anderen. Dies bestätigt die
marxistische Analyse, dass Monopole die Fähigkeit haben, den Ausgleich der
Profitrate zu bremsen. Im Falle der fossilen Brennstoffe ist diese Fähigkeit
sogar noch stärker, weil sie im Besitz von Lagerstätten, Bergwerken etc.
verwurzelt ist, also in einer Bodenrente.
Das Ergebnis, das sich vor unseren Augen ausbreitet: In allen Ländern
repräsentieren die Klimapläne nicht einmal die Hälfte dessen, was in Bezug
auf die Verringerung der Treibhausgasemissionen notwendig wäre. Darüber
hinaus verstärken diese Pläne die sozialen Ungleichheiten und begleiten eine
technologische Flucht nach vorne: Atomenergie, massive Produktion von
Biokraftstoffen und CO2-Sequestration [Abscheidung und Einlagerung von CO2
in geologischen Formationen] (die Kohle "sauber" machen soll).
In diesem allgemeinen Rahmen muss man auch die Posse von Kopenhagen sehen:
Eine Konferenz mit großer Medienwirksamkeit, die einen neuen verbindlichen
und ehrgeizigen internationalen Vertrag als Nachfolger des Kyoto-Protokolls
hervorbringen sollte, endete in einer Niederlage: ohne quantifizierte Ziele,
ohne Fristen, ohne auch nur ein Basisjahr zur Messung der
Emissionsminderungen.
Darüber hinaus könnte Kopenhagen den Wendepunkt hin zu einer Politik
markieren, die noch viel gefährlicher als die des Protokolls ist. Durch die
Vereinbarung wurden die 25 größten Verschmutzer praktisch weitgehend dem
wissenschaftlichen Druck des IPCC und dem Prinzip der gemeinsamen, aber
differenzierten Verantwortung entzogen. Es ist ein Rosstäuschervertrag
zwischen dem Imperialismus und neu aufsteigenden kapitalistischen Mächte,
die sich die Luft auf dem Rücken der Völker, der Arbeiter und der Armen
aufteilen.
Es ist zu fürchten, dass die Konferenz von Cancún im Dezember diese Wende
bestätigen wird. In diesem Fall kann man auf Grundlage der aktuellen
nationalen Klimapläne einen Anstieg der mittleren Oberflächentemperatur
zwischen 3,2 und 4,9 °C bis zum Jahr 2100 (gegenüber dem 18. Jahrhundert)
vorausberechnen.
Man sollte sich vor einem Katastrophismus mit eschatologischen
[endzeitlichen] Akzenten hüten. Einige apokalyptische Diskurse berufen sich
nämlich auf die Dringlichkeit nur, um für Opfer einzutreten und die
Verantwortung des Kapitalismus geschickt verschwinden zu lassen. Es besteht
kein Zweifel, dass ein Temperaturanstieg von 4 °C zu wirklichen sozialen und
ökologischen Katastrophen führen wird.
Doch man muss die Größe der Bedrohung genau einschätzen. Nicht die Zukunft
des Planeten steht auf dem Spiel, nicht das Leben auf der Erde und auch
nicht das Überleben der Menschheit. Abgesehen vom Einschlag eines Asteroiden
wäre ein schwerer Nuklearunfall wahrscheinlich das einzige Ereignis, das das
Überleben unserer Spezies bedrohen könnte. Der Klimawandel ist in jedem Fall
keine solche Bedrohung. Aber er droht das Leben von 3 Milliarden Männern und
Frauen ernsthaft zu beeinträchtigen, denen bereits jetzt das
Allernotwendigste fehlt. Und er bedroht das physische Überleben von
Hunderten von Millionen von ihnen, und zwar jenen, die am wenigsten für die
Erderwärmung verantwortlich sind.
Mike Davis hat in seinem Buch über den "tropischen Genozid" die
schrecklichen Hungersnöte im Detail beschrieben, die Ende des
19. Jahrhunderts Dutzende Millionen von Opfern gefordert haben Diese
Hungersnöte waren das Ergebnis des Zusammentreffens eines außergewöhnlichen
El Nino mit der Herausbildung des globalen Marktes für landwirtschaftliche
Erzeugnisse. Es ist die Wiederholung solcher Tragödien, die wir jetzt
erwarten müssen. Außer, dass das Drama diesmal zur Gänze der Profitgier des
Großkapitals, vor allem der monopolistischen Sektoren auf Basis fossiler
Brennstoffe, geschuldet ist.
Dies erlaubt uns zu präzisieren, worin die Unfähigkeit des Kapitalismus
besteht, dieser Herausforderung zu begegnen. "Es gibt keine ausweglose
Situation für den Kapitalismus", sagte Lenin. In der Tat. Aber der Ausweg
kann dieses Mal besonders barbarisch sein.
Genossinnen und Genossen, es ist es klar, dass die ökologische und die
soziale Krise ein und dieselbe Krise sind: die Krise des kapitalistischen
Systems. Der Begriff "ökologische Krise" ist irreführend: Es ist nicht die
Natur, die sich in einer Krise befindet, sondern die Beziehung zwischen
Gesellschaft und Natur. Es ist nicht das Klima, das in der Krise ist, und
seine Störung ist nicht durch "menschliche Aktivität" im Allgemeinen
verschuldet: Ursache ist eine bestimmte, historisch bedingte Form dieser
Tätigkeit auf Basis fossiler Brennstoffe. Die ökologische Krise ist mit
anderen Worten nichts anderes als eine Manifestation der tiefen Krise des
Kapitalismus.
Es ist absolut klar, dass die Befriedigung des Rechts auf Entwicklung und
der sozialen Bedürfnisse generell bei gleichzeitiger Erreichung der großen
Emissionsreduktionen, die in den nächsten vierzig Jahren erforderlich sind,
nicht möglich ist ohne eine radikale antikapitalistische Perspektive. Esther
Vivas wird auf unsere politischen Aufgaben im zweiten Teil dieses Berichts
zurückkommen. Ich beschränke mich hier darauf, die wichtigsten Maßnahmen
aufzuzählen, die notwendig sind: Einstellung der Produktion unnützer oder
schädlicher Produkte, Planung der Umstellung auf ein anderes Energiesystem,
Einführung von erneuerbaren Energiequellen und Entwicklung effizienter
Energienutzung ungeachtet der Kosten (abhängig nur von den Gesetzen der
Thermodynamik, nicht des Profits), massiver und kostenloser Transfer
sauberer Technologien an die Völker des Südens über den öffentlichen Sektor
in den betroffenen Ländern, Errichtung eines Weltfonds für die Anpassung an
die Auswirkungen der Erwärmung in den armen Ländern, Unterstützung der
bäuerlichen Landwirtschaft gegen das Agrobusiness, Verlagerung eines
wesentlichen Teils der Produktion, insbesondere der Landwirtschaft,
Umverteilung des Reichtums durch Besteuerung von Kapitalerträgen, radikale
Verringerung von Arbeitszeit und -tempo ohne Lohnverlust mit verbindlichen
Neueinstellungen, Enteignung des Energie- und Kreditbereichs, ...
Man sagt uns: "Das ist leichter gesagt als getan." Zweifellos, aber bevor
man etwas tut, muss man es sagen. Und was wir als Internationale in erster
Linie tun müssen, ist es, dies zu sagen. Das wird uns nicht isolieren, im
Gegenteil. Der Kampf gegen den Klimawandel schafft der antikapitalistischen
Alternative eine beträchtliche Glaubwürdigkeit. Die Bedeutung des Problems,
seine Globalität, seine Dringlichkeit, die monströse Ungerechtigkeit der
absehbaren Folgen: all dies erlaubt schlüssig und in sehr einfachen Worten
die Notwendigkeit für einen radikalen Bruch mit der verallgemeinerten
Warenproduktion einzubringen.
Angesichts dessen, was auf dem Spiel steht, geht, es um viel mehr als eine
politische Entscheidung, es ist eine Entscheidung der Zivilisation. Durch
die Klimagefahr bietet der Kapitalismus uns die Möglichkeit, den Kommunismus
als das zu rehabilitieren, was er wirklich ist: ein Zivilisationsentwurf,
der diesen Namen wirklich verdient. Das Projekt einer menschlichen
Gemeinschaft, die die natürlichen Ressourcen gemeinsam und auf vernünftige
und umsichtige Art selbstverwaltet, um allen ein gutes Leben zu ermöglichen.
Gegenüber vage anti-neoliberalen Projekten bestätigt der Kampf gegen den
Klimawandel unsere Entscheidung für eine klar antikapitalistische Linie,
also unsere Ablehnung jeglicher Beteiligung an Regierungen, die den
Kapitalismus verwalten.
Strategisch unterscheidet sich der Kampf für das Klima nicht vom allgemeinen
Kampf der Ausgebeuteten und Unterdrückten. Und er kann nur von genau ihnen
erreicht werden: der Arbeiterklasse, den Jugendlichen, den Frauen, den
Armen, den Kleinbauern, den indigenen Völkern. Die Arbeiterklasse ist dazu
berufen, eine wichtige Rolle zu spielen, weil sie allein das Fundament für
eine andere Produktionsweise wird schaffen können, in der sie entscheidet,
was produziert wird, wie, warum und für wen und in welcher Menge. .
Zugleich kann man sagen, dass des schwierig ist, den Kampf für die Umwelt im
Allgemeinen und für das Klima im Besonderen in die Arbeiterbewegung
hineinzutragen. Diese Schwierigkeit entsteht aus der Situation von
Arbeiterinnen und Arbeitern als der am meisten ausgebeuteten Klasse, die von
ihren Produktionsmitteln und insbesondere von der Natur als
Produktionsmittel getrennt sind und diese als vom Kapital angeeignet und als
feindliche Kräfte gegen sich selbst in Stellung gebracht sieht.
Daraus ergibt sich die Schlussfolgerung, dass die Möglichkeit, den
Klassenkampf zu ökologisieren, in Abhängigkeit vom Klassenkampf selbst
steht. Je mehr die Arbeiterinnen und Arbeiter geschlagen, atomisiert und
demoralisiert sind, desto mehr werden sie den Klimaschutz als eine Bedrohung
sehen und wird die kapitalistische Klasse imstande sein, den Klimaschutz
effektiv als Vorwand für weitere Angriffe zu nutzen. Unter diesen Umständen
kann sich das Umweltbewusstsein nur in der entfremdeten Form einer inneren
Spaltung zwischen dem Verbraucher, der von seiner notwendigen Zurückhaltung
überzeugt ist, und dem Produzenten, der sich um den Verlust seiner Arbeit
sorgt, entwickeln.
Je mehr die Arbeiterinnen und Arbeiter umgekehrt Erfolg in ihren Kämpfen
haben, desto mehr werden sie Vertrauen in ihre Stärke gewinnen und werden
sie in der Lage sein, die Umweltfrage anzugehen und dabei kollektiv, als
Produzenten und Konsumenten ihrer eigenen Produktion, zu den unverzichtbaren
antikapitalistischen Lösungen greifen.
Ein besseres Kräfteverhältnis der Ausgebeuteten und Unterdrückten ist
notwendige Voraussetzung für eine antikapitalistische Lösung der Klimakrise,
also eine Lösung überhaupt. Aber diese notwendige Voraussetzung ist
keinesfalls ausreichend und erlaubt auch nicht, den Kampf für die Umwelt auf
später zu verschieben. In der Tat besitzt das Thema Umwelt neben seiner
Dringlichkeit eine Reihe weiterer Besonderheiten; so stößt die Herausbildung
eines antikapitalistischen Klassenbewusstseins hier auf noch größere
Schwierigkeiten als in anderen Bereichen.
Daraus ergeben sich drei Schlussfolgerungen:
* Erstens die Bedeutung des Aufbaus eines politisches Instruments, einer
antikapitalistischen politischen Partei, die in der Lage ist, die Analyse
der doppelten, der sozialen und ökologischen Krise zu leisten. Selten war
die Notwendigkeit einer Partei und einer revolutionären Internationale als
geistigem Kollektiv so offensichtlich;
* Zweitens erlaubt die Bedeutung eines Programms von Forderungen die
sozialen und ökologischen Dimensionen der kapitalistischen Krise konkret zu
verknüpfen. Der entscheidende Punkt hierbei ist, dass die Klimakrise, indem
sie der Idee einer globalen gesellschaftlichen Alternative eine neue
Aktualität gibt, gleichzeitig die Idee des Übergangsprogramms wiederbelebt,
das in der Lage ist, eine Brücke zwischen der aktuellen Situation und dieser
globalen Alternative zu schlagen.
* Drittens die Bedeutung der sozialen Dialektik zur Unterstützung der
Arbeiteravantgarde dabei, ihre Rolle zu spielen. Es ist kein Zufall, dass
Bauern, indigene Völker und Jugend an der Spitze der sozialen
Mobilisierungen für das Klima stehen. Die Jugend kämpft für ihre Zukunft,
gegen eine grässliche Gesellschaft, deren Verantwortliche wissen, was im
Gange ist, die aber die Dinge trotzdem laufen lassen. Was die Bauern und
indigenen Völker betrifft, so sind sie im Gegensatz zu Arbeitern nicht von
ihren Produktionsmitteln, insbesondere dem Boden, getrennt. Angesichts eines
kapitalistischen Systems, das sie zum Tode verurteilt hat, verstehen sie,
dass der Kampf für den Klimaschutz Teil ihres umfassenderen Kampfes wird und
diesem einen großen Zuwachs an Legitimität verleiht. "Die Bäuerinnen und
Bauern können den Planeten abkühlen, den das Agrobusiness aufheizt", sagte
eine Pressemitteilung von Via Campesina kurz vor Kopenhagen. Auch die
Arbeiterinnen und Arbeiter können den Planeten abkühlen. Wenn sie nur für
die Bedürfnisse und nicht für den Profit produzieren, wenn sie die
Arbeitszeit drastisch reduzieren usw. Das Zusammengehen der sozialen
Bewegungen könnte dazu beitragen, ihnen die enorme Macht, die sie
repräsentieren, bewusst zu machen. Daher die besondere Bedeutung der von Evo
Morales einberufenen Konferenz von Cochabamba.
Genossinnen und Genossen, durch Annahme dieses Resolutionsentwurfs wird sich
die Vierte Internationale als "ökosozialistisch" bezeichnen.
Einige lehnen diese Bezeichnung ab und sagen: "Warum die Mühe, 'Sozialismus'
reicht doch." Unter den Gegnerinnen und Gegnern des Ökosozialismus, gibt es
jene, für die sich nichts geändert hat, die es ablehnen, das reine Schema
der Oktoberrevolution durch die ökologische Frage zu beschmutzen. Soweit ich
weiß, sind sie in unseren Reihen nicht vertreten. Daneben gibt es
Genossinnen und Genossen, die bei gleichzeitiger Anerkennung der radikalen
Neuheit der Kombination von sozialer und ökologischer Frage den
Ökosozialismus als ein unnötiges Zugeständnis an die politische Ökologie
betrachten. Das ist nicht das, worum es geht.
Wir könnten lange darüber diskutieren, ob es bei Marx eine Ökologie gibt
oder nicht. Persönlich denke ich, dass Marx viel grüner war, als wir es
bisher gesehen haben. Aber das ist nicht das Wesentliche.
Das Wesentliche ist, dass alle marxistischen Strömungen die ökologische
Frage ignoriert haben, dass einige sie immer noch ignorieren und dass alle
Schwierigkeiten haben, sie überzeugend zu beantworten.
Sich "Ökosozialist" zu nennen, ist in erster Linie eine Art, "wir haben
verstanden" zu sagen oder wenigstens "wir wissen, dass wir etwas verstehen
müssen, das wir bisher nicht verstanden haben". Dies ist ein neues Etikett
auf der Flasche, wie das neue Hemd, das Lenin sich anzuziehen empfahl. Ein
neues Etikett kann hilfreich sein.
Aber der Ökosozialismus ist viel mehr als ein Etikett. Obwohl das Konzept
noch in der Entwicklung ist, kann man eine Reihe von Punkten nennen, wo es
sich wesentlich vom Sozialismus unterscheidet, den Generationen von
Aktivisten entwickelt haben und wie er auch von unserer Strömung entworfen
wurde.
Ausgangspunkt ist, dass die Stabilisierung des Klimas ein anderes
Energiesystem erfordert. Nicht nur andere Technologien zur Erzeugung von
Elektrizität, Wärme oder Transport, sondern auch eine andere Landwirtschaft,
eine andere Rationalität und eine andere Raumplanung. Der Aufbau dieses
neuen Systems wird zwangsläufig ein langwieriger Prozess sein, der die
Zerstörung des kapitalistischen Produktionsapparats erfordert. Die
Ergreifung der politischen Macht ist nur der Ausgangspunkt dieser Umwälzung.
Der Aufbau des neuen Energiesystems erfordert notwendigerweise die
Dezentralisierung der Stromproduktion -- Voraussetzung insbesondere für die
rationelle Nutzung der Abwärme -- und die Verlagerung eines Teils der
Produktion. Dezentralisierung und Verlagerung sind mit dem Ziel eines
weltweiten Sozialismus völlig vereinbar und unverzichtbar für seine
demokratische Selbstverwaltung. Es gibt jedoch kaum Zweifel, dass diese
beiden Ziele sich nicht spontan aus unserer programmatischen Tradition
entwickeln, die vor allem auf die globale Planung von Produktion und Handel
orientiert.
Ein weiteres neues Problem ist die Bedeutung der lebendigen Arbeit. Unser
Programm legt einen Schwerpunkt auf die Notwendigkeit, in lebendige Arbeit
in Dienstleistungen wie Betreuung, Bildung, Gesundheit usw. zu investieren.
Dieses Problem ist uns nicht fremd. Aber für alle anderen Bereiche vertrauen
wir auf den Gedanken, dass Maschinen und Roboter erlauben werden, den
Großteil der Produzenten von der Belastung durch körperliche Arbeit zu
befreien. Dieser Gedanke muss in Frage gestellt werden, weil die Pflege der
Ökosysteme Intelligenz und Sensibilität erfordert, die nur durch menschliche
Arbeit erreicht werden können. Besonders deutlich wird dies im Fall der
Landwirtschaft: Um "die Erde zu kühlen", wie Via Campesina sagt, muss das
Agrobusiness durch eine ökologische, bäuerliche und genossenschaftliche
Landwirtschaft ersetzt werden. Dies wird notwendigerweise durch größere
Investitionen in menschliche Arbeit (was weder eine Rückkehr zur Hacke noch
das Ende des Fortschritts bedeutet, sondern eine andere Form des
Fortschritts) erreicht werden.
Schließlich sollte die Vorstellung der Natur selbst überdacht werden. Im
Rahmen der ökologischen Krise des Kapitalismus kann der Marxismus sich in
der Tat nicht mehr damit begnügen, die Natur nur unter dem Gesichtspunkt der
Produktion zu sehen, also gewissermaßen als einen Vorrat von Ressourcen,
eine Plattform für die Arbeit und eine Deponie für die Abfälle. Wir müssen
lernen, die Natur auch vom Standpunkt der Natur selbst aus zu sehen, vom
Standpunkt der großen Stoffwechselvorgänge und der Bedingungen für das
Funktionieren der Ökosysteme, die letztlich über die Lebensbedingungen der
Menschheit entscheiden. Es gibt in diesem Zusammenhang wertvolle Hinweise
bei Marx; man muss sie aufgreifen und entwickeln.
In all diesen Punkten öffnet die Resolution lediglich einen theoretischen
Weg, den die Internationale weiter beschreiten muss. Aber es ist wichtig,
jetzt ein Zeichen zu setzen, zu zeigen, dass wir uns bewegen. Kopenhagen im
Dezember [2009] hat eine Lücke geöffnet. Zum ersten Mal hat eine
Massenmobilisierung gegen die globalen Umweltprobleme den Charakter eines
sozialen Kampfes gegen das System angenommen: "Change the system, not the
climate" (Ändert das System, nicht das Klima) und "Planet not profit" (Erde
statt Profit). Diese internationalistische Bewegung wird wachsen. Sie bietet
uns beträchtliche Möglichkeiten. Eine antikapitalistische Tendenz hat nicht
auf uns gewartet, um sich zu entwickeln. Wir müssen sie stärken.
Übersetzung aus dem Französischen und [Anmerkungen]: Björn Mertens
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Aus: Inprekorr Nr. 462/463 (Internationale Pressekorrespondenz)
Nachdruck gegen Quellenangabe und Belegexemplar erwünscht
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