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Sabine Ellersick <S.ELLERSICK ät NADESHDA.org>2. May 2010 20:35

[IPK] Oekologie: Antikapitalismus und Klimagerechtigkeit (Bericht 2)

Ökologie:
Antikapitalismus und Klimagerechtigkeit
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Bericht an den 16. Weltkongress der Vierten Internationale zum
Resolutionsentwurf "Der Klimawandel und unsere Aufgaben" (zweiter Teil)


Von Esther Vivas


Der Klimawandel ist heute eine unbezweifelbare Realität. Das politische,
soziale und Medienecho auf den Gipfel von Kopenhagen im Dezember 2009 war
ein klarer Beweis dafür. Dieser Gipfel zeigte die Unfähigkeit des
kapitalistischen Systems, eine glaubwürdige Antwort auf die Krise, die es
selbst produziert hat, zu geben. Der sogenannte grüne Kapitalismus
fokussiert auf den Klimawandel und promotet eine Reihe technologischer
Lösungen (Nuklearenergie, CO2-Extraktion und -Speicherung, Agrosprit etc.),
die größere soziale und umweltbezogene Konsequenzen nach sich ziehen. Es
handelt sich um Scheinlösungen für den Klimawandel, die die wahren Gründe,
die uns in die aktuelle Krise geführt haben, verschleiern sollen und aus
letzterer ein Geschäft machen wollen, während sie gleichzeitig den
Widerspruch zwischen dem kurzfristigen Profitinteresse des Kapitals und dem
langfristigen Rhythmus des ökologischen Gleichgewichts zementieren.

In diesem Zusammenhang brauchen wir dringend eine Bewegung, die fähig ist,
dem dominierenden Diskurs über einen grünen Kapitalismus die Stirn zu
bieten, die Folgen und die Verantwortung des aktuellen kapitalistischen
Produktions-, Verteilungs- und Konsumptionsmodells klarzumachen und die
globale Bedrohung durch den Klimawandel mit der Frage der täglichen sozialen
Problemen zu verbinden. Kopenhagen war bis jetzt die stärkste Manifestation
der Bewegung für Klimagerechtigkeit, und es fiel exakt zusammen mit dem
10. Jahrestag der Mobilisierungen gegen die WTO in Seattle. Es war ein
Protest, der unter der Überschrift "Ändern wir das System, nicht das Klima"
diese Beziehung zwischen sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Krise zum
Ausdruck brachte. Aber der Erfolg der Proteste in Kopenhagen kontrastierte
mit der Schwäche der Mobilisierungen auf Weltebene -- mit einigen Ausnahmen
wie z. B. London.

Die aktuelle Krise macht die Änderung der Welt von Grund auf zur dringenden
Notwendigkeit und zwar unter einer radikal antikapitalistischen und
ökosozialistischen Perspektive. Antikapitalistischer Kampf und Kampf um
Klimagerechtigkeit müssen gemeinsam geführt werden. Jede Perspektive des
Bruchs mit dem aktuellen ökonomischen Modell, die die ökologische Krise
nicht als zentral begreift, ist zum Scheitern verurteilt, und jede
ökologische Perspektive ohne eine antikapitalistische Orientierung, gezielt
auf einen Bruch mit dem aktuellen System, bleibt an der Oberfläche und wird
als Instrument für eine Politik des grünen Marketings enden.

Den Klimawandel aufzuhalten, bedeutet, das aktuelle Modell von Produktion,
Distribution und Konsum zu ändern. Oberflächliche und kosmetische
Veränderungen sind nutzlos. Lösungen für die ökologische Krise rühren an die
Grundfesten des aktuellen kapitalistischen Systems. Wenn wir wollen, dass
das Klima sich nicht wandelt, dann ist es nötig, das System zu ändern. Das
ist es, warum wir eine wirklich ökosozialistische Perspektive brauchen, oder
eine ökokommunistische, wie Daniel Bensaïd in einem seiner letzten Artikel
schrieb.

Desgleichen müssen wir den grün verpackten Neo-Malthusianismus bekämpfen,
der die Länder des Südens wegen ihrer hohen Geburtenraten beschuldigt und
die Kontrolle über den weiblichen Körper ausüben und damit das Recht auf
Selbstbestimmung über diesen abschaffen möchte. Den Kampf gegen den
Klimawandel zu führen bedeutet auch, gegen die Armut zu kämpfen: je mehr
soziale Ungleichheit existiert, desto verletzlicher sind die Betroffenen
gegenüber den Folgen des Klimawandels. Es ist nötig, Teile des
Produktionssektors, die große soziale und umweltbezogene Folgen produzieren
(Kriegsindustrie, Autoindustrie, Rohstoffförderung) umzuwandeln, stattdessen
Jobs in sozial und ökologisch sinnvollen Bereichen zu schaffen, unter
anderem in öffentlichen Bereichen (Gesundheit, Bildung, öffentlicher
Transport).

Den Klimawandel zu stoppen, bedeutet, für das Recht der Völker auf
Nahrungsmittelsouveränität einzutreten. Das aktuelle agroindustrielle Modell
(zentralisierte, großflächige, ölbasierte Intensivbewirtschaftung) ist eine
der größten Produzenten von Treibhausgasen. Der Wechsel hin zu einer
ökologischen, kleinbäuerlichen Landwirtschaft mit regionaler Vermarktung
hilft, wie Via Campesina sagt, den Planeten abzukühlen. Ebenso müssen die
Forderungen der indigenen Völker integriert werden, ihre Kontrolle über das
Land und die natürlichen Ressourcen, ihre Weltsicht -- bezüglich "pachamama"
beziehungsweise "Mutter Erde" -- und die Verteidigung des Konzepts des
"guten Lebens". Diese ihre Beiträge, die eine neue Art der Beziehung
zwischen Mensch und Natur begründen, zu nutzen, ist einer der Schlüssel, um
den Klimawandel und die Merkantilisierung des Lebens und des Planeten zu
bekämpfen.

Aus der Nord-Süd-Perspektive bedeutet Klimagerechtigkeit bedingungslose
Streichung der Schulden der Länder des Südens, Schulden, die illegal und
illegitim sind, und die Anerkennung der sozialen, historischen und
ökologischen Schuld des Nordens gegenüber dem Süden als Resultat
jahrhundertelanger Unterdrückung und Ausbeutung. In Fällen von Katastrophen
ist es notwendig, Mechanismen der "Volkshilfe" zu installieren. Wir haben
gesehen, wie der Klimawandel die Verletzlichkeit der ärmeren Volksschichten
besonders in den Ländern des Südens vergrößert. Die Erdbeben in Chile und
Haiti sind zwei der jüngsten Beispiele. Gegenüber diesen Bedrohungen ist es
notwendig, Netzwerke der internationalen Solidarität zwischen den sozialen
Basisbewegungen zu bilden, die eine effektive Soforthilfe für die lokale
Bevölkerung ermöglichen. Die Initiative hierfür darf nicht in den Händen
eines internationalen "Humanitarismus" ohne jeden politischen Inhalt
verbleiben.

Der Kampf gegen den Klimawandel ist der Kampf gegen das aktuelle
industrielle, zentralisierte, auf "just in time" basierende
Produktionsmodell, völlig abhängig von den fossilen Energieträgern etc. Die
Gewerkschaftsbürokratien folgen dieser Logik und legitimieren die Politik
eines "grünen Kapitalismus" mit der Phrase, dass die "grünen Technologien"
Beschäftigung und ein größeres Wachstum sichern. Wir müssen diesen Mythos
demontieren. Die Gewerkschaftslinke muss das aktuelle Modell des Wachstums
ohne Grenzen infrage stellen und durch ein anderes Modell der "Entwicklung"
ersetzen, das auf die endlichen Ressourcen des Planeten Rücksicht nimmt.
Eine grundsätzlich ökologische Haltung und der Kampf gegen den Klimawandel
müssen eine zentrale Achse einer kämpferischen Gewerkschaftspolitik werden.
Die Gewerkschafter dürfen die Ökologen nicht als ihre Feinde betrachten und
umgekehrt. Wir alle leiden unter den Folgen des Klimawandels, und es ist
nötig, dass wir gemeinsam handeln.

Es ist falsch zu meinen, dass wir den Klimawandel dadurch bekämpfen können,
dass wir nur unser individuelles Verhalten ändern, umso mehr, als die Hälfte
der Weltbevölkerung in einem Zustand von "chronischem Unterkonsum" lebt, und
ebenso ist es falsch zu meinen, dass wir den Kampf gegen den Klimawandel nur
mit technologischen und wissenschaftlichen Antworten führen können.
Notwendig sind strukturelle Änderungen in dem Modell der Produktion von
Gütern, von Energie etc. In diesem Sinne haben die Initiativen, die auf
lokaler Ebene praktische Alternativen zu dem herrschenden Modell von Konsum,
Produktion und Energieerzeugung einführen, Modellcharakter und sind als
Beitrag zur Bewusstseinsbildung grundsätzlich zu unterstützen.

Darüber zu reden, wie der Klimawandel zu bekämpfen ist, bedeutet
logischerweise, eine Strategie der Selbstorganisation und der Planung zu
diskutieren, und darüber hinaus, über die Aufgaben zu reden, die sich uns,
die wir uns als AntikapitalistInnen begreifen, stellen.


Übersetzung: Thadeus Pato



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Aus: Inprekorr Nr. 462/463 (Internationale Pressekorrespondenz)
Nachdruck gegen Quellenangabe und Belegexemplar erwünscht
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