CL Startseite
Termine
Über uns
Das /CL-Netz
KuNM e.V.
Uns unterstützen
Impressum
Teilnehmen
Anmelden
Schreiben
Angenehmer lesen
RSS
Kontakt
/CL bei G+
Links
/CL-Netz Online-Medien Radio Fernsehen Zeitungen & Zeitschriften Wissen Mehr Links
Auswahl: [Inprekorr]
Sabine Ellersick <S.ELLERSICK ät NADESHDA.org>14. Mar 2010 20:59

[IPK] Italien: Der Aufstand der Arbeitsimmigranten in Rosarno


Italien:
Der Aufstand der Arbeitsimmigranten in Rosarno
-------------------------------------------------------------------


Von Charles-André Udry


In der kalabresischen Gemeinde Rosarno brach am 7. Januar ein Aufstand der
Arbeitsimmigranten, die überwiegend aus Afrika stammen, aus. Die Immigranten
besetzten zu ihrer Verteidigung die Straße, um zu zeigen, dass sie nicht
gewillt sind, länger unsichtbare menschliche Wesen und rechtlose Handlanger
zu sein, die zwar die duftenden Clementinen sorgfältig ernten sollen, im
Übrigen aber unter den Ratten und wie die Ratten leben müssen.


DIE JAGD AUF DIE SCHWARZEN

Bereits im Dezember 2008 waren die Arbeitsimmigranten aus Ghana und Burkina
Faso in Rosarno auf die Straße gegangen: Zwei von ihnen waren aus einem Auto
heraus mit Maschinenpistolen beschossen und schwer verletzt worden -- einer
dieser zahlreichen "Unfälle", die typisch sind für die "Jagd auf die
Schwarzen". Dahinter steht die unmenschliche Ausbeutung, die sich
gleichermaßen auf Mafianetze und die Politik der Regierung Berlusconi in
Gestalt des Ministers Roberto Maroni von der Lega Nord stützt. Und dort in
Kalabrien nehmen es die Handlanger der Mafia nicht hin, dass die Immigranten
aufmucken oder sich wehren. Dies wäre nämlich ein Angriff auf die "pax
mafiosa", die die "billige" Ernte der Zitrusfrüchte erst ermöglicht.

Die Vertreterin des UN-Flüchtlingskommissariats erklärte dazu, dass sie sehr
besorgt sei, dass es in Rosarno zu einer "Immigrantenjagd" kommen könne.
Zumal Maroni am Vortag vehement behauptet hatte, dass die Situation durch
"zuviel Toleranz gegenüber der heimlichen Immigration" zustande komme.


DIE ÜBERLEBENDEN EINER ODYSSEE IN DER VERDAMMNIS

Die Immigranten, die in dieser Region ankommen, sind die Überlebenden einer
Odyssee, auf der sie gezwungen waren, den Tod ihrer Schicksalsgenossen mit
anzusehen: in der Wüste, auf dem Meer oder in den "Rückhaltelagern", die von
der EU und Schweiz finanziert werden. Sie haben ihre Länder verlassen, die
von Kriegen gepeinigt sind, hinter denen die Minen- und Ölkonzerne stecken,
und durch neokoloniale Ausbeutung mithilfe der korrupten und
kollaborierenden "Eliten" zerstört werden.

Sie kamen zu Tausenden in eine Gegend, in der nur ihre Arme zum
Zitronenpflücken ab November gebraucht werden und die sie nach der
Orangenernte im März wieder verlassen, um -- je nach Erntezeit -- von einer
Region in Italien zur anderen zu ziehen. Ohne feste Behausung, Wasser, Strom
und Sanitäranlagen, mitunter abgeschieden in leerstehenden Fabrikgebäuden.
Um mit ihren Worten zu sprechen: "Wir leben zwischen den Ratten und der
Angst." Oder wie sich ein anderer gegenüber /La Repubblica/ äußerte: "Ich
lebe in der Angst, dass meine Familie mitkriegen könnte, wie ich in Europa
lebe."

Ende des Jahres kommen in der Region von Rosarno jeden Morgen die
"Vorarbeiter" mit Kleinlastern vorgefahren, um diese Arbeitsimmigranten zu
engagieren, die buchstäblich nichts als ihre Hände haben -- junge Männer,
die täglich 12 bis 14 Stunden arbeiten und 20 Euro dafür bekommen, wobei 5
noch für den "Transport" draufgehen.

Die Mitarbeiter von "Ärzte ohne Grenzen", die durchaus Erfahrungen in
Ländern mit "schwierigen" Bedingungen gesammelt haben, sind fassungslos über
das, was sie hier vorfinden. Die Kälteeinbrüche und der Rauch von den
Feuern, die in den Baracken zum Kochen und Heizen entzündet werden,
verursachen schwerwiegende Schädigungen der Atemwege. Dazu kommen diverse
Infektionen und Hauterkrankungen. Die Projektleiterin der "Ärzte ohne
Grenzen" meint: "Viele von ihnen leiden unter Depressionen. Denn sie erleben
diese Entwürdigung ihrer Lebensbedingungen als ein Trauma, von dem sie sich
nie wieder erholen werden. Und wenn sie mit Zuhause telefonieren, sagen sie,
dass alles gut sei, und diese Lügen, die sie sich selbst vormachen,
deprimieren sie noch weiter."


EIN KAMPF FÜR SICH ZWAR, ABER EINER MIT VERGANGENHEIT

Diese Arbeitsimmigranten stehen am Ende einer Kette. Die Großerzeuger haben
mithilfe der Mafia verhindert, dass sich die Kleinbauern zu Kooperativen
zusammenschließen. Die Preise für die Clementinen und Orangen sind stark
gefallen: Die Supermärkte und die Exporteure diktieren die Preise.

In Süditalien gibt es demnach eine Wanderarmee ohne Einwanderungspapiere.
Die allermeisten von ihnen werden keine Aufenthaltserlaubnis erhalten, da
sie eine Ausweisungsverfügung mit Rückkehrverbot erhalten haben. Daher
pilgert eine regelrechte "Reservearmee" von "Illegalen" je nach Saison durch
das Land, um Tomaten in Foggia zu ernten, Clementinen und anschließend
Orangen in Rosarno, danach Oliven in Alcamo und Kartoffeln in Cassibile --
durch ein Süditalien also, dessen Landwirtschaft mitten in der Krise steckt.

Die Ausbeutungsmechanismen, die sie vorfinden, erinnern -- mutatis mutandis
-- an jene der Tagelöhner in Süditalien, die nach dem 2. Weltkrieg harte
Kämpfe ausfechten mussten und Landbesetzungen durchgeführt haben. Damals
galten diese Tagelöhner offiziell auch als Kriminelle. Und in diese
Tradition der Kämpfe reiht sich der Aufstand der afrikanischen
Arbeitsimmigranten, die in Rosarno auf die Straße gegangen sind, weil sie es
satt hatten, als Schießscheibe zu dienen (zwei Jugendliche wurden mit
Luftgewehren attackiert), und "wie Tiere behandelt zu werden", um eine ihrer
gängigen Formulierungen zu gebrauchen. Sie haben sich als Menschen gewehrt,
deren Zorn ihr Leiden mildert -- mit ein paar kaputten Autos und
Fensterscheiben -- und wurden dabei von der Polizei wie "Tiere"
niedergeknüppelt.


Charles-André Udry ist Wirtschaftswissenschaftler und Mitglied des Beirats
von Attac Schweiz


Quelle: Gekürzt aus /à l'encontre/


Übersetzung: MiWe



-------------------------------------------------------------------
Aus: Inprekorr Nr. 460/461 (Internationale Pressekorrespondenz)
Nachdruck gegen Quellenangabe und Belegexemplar erwünscht
Bestellungen: Inprekorr, Hirtenstaller Weg 34, 25761 Büsum
E-Mail: vertrieb(at)inprekorr.de
Doppelheft: 4 EUR; Schnupperabo: Ein halbes Jahr für 10 EUR
Jahresabo: 20 EUR (Inland), 12 EUR (ermäßigt), E-Abo 50%
Artikel im CL-Datennetz: cl.medien.inprekorr
Artikel im Internet: http://inprekorr.de
-------------------------------------------------------------------
Kommentare
Bisher keine Antworten oder Kommentare.
Auswahl: [Inprekorr]