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Webmaster Inprekorr <webmaster ät inprekorr.de>23. Mar 2010 20:43

[IPK] Bis zum letzten Atemzug ein revolutionaerer Kaempfer: Daniel Bensaid (1946--2010)


Nachruf:
Bis zum letzten Atemzug ein revolutionärer Kämpfer
Daniel Bensaïd (1946--2010)
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Von Gilbert Achcar


Seit Juni vergangenen Jahres ist das gegenwärtige marxistische Denken
bedeutend ärmer geworden. Mit dem frühzeitigen Tod von Denkern wie Peter
Gowan, Giovanni Arrighi, Chris Harman und jetzt Daniel Bensaïd ist uns
leider genommen worden, was jeder einzelne von diesen Freunden und Genossen
noch hätte beitragen können; ihr Leben hat zu einer Zeit geendet, da ihre
intellektuelle Produktion in vollem Schwung war.

Am 12. Januar ist Daniel Bensaïd in Paris gestorben, nachdem er am Ende von
nahezu 15 Jahren Leben mit AIDS mehrere Monate lang einen schmerzvollen
Kampf gegen Krebs geführt hatte. Das beeindruckende internationale Gedenken
-- die meisten französischen Medien und mehrere Zeitungen überall auf der
Welt widmeten ihm ausführliche Nachrufe -- zeugt davon, dass er zu Recht als
ein prominenter Intellektueller und eine politische Führungsfigur
Frankreichs sowie als eine zentrale intellektuelle Persönlichkeit von
globaler Statur betrachtet worden ist.

Daniel galt als der Haupttheoretiker der im vergangenen Jahr gegründeten
Neuen Antikapitalistischen Partei (NPA) und war vorher jahrzehntelang eine
zentrale Figur der Ligue Communiste Révolutionnaire (LCR) gewesen.

Engels hat einmal bemerkt, dass Frankreich das Land ist, in dem der
Klassenkampf immer die schärfsten Formen angenommen hat -- eine
Feststellung, die von der Zeit nach ihm nicht widerlegt worden ist. Auf
viele Weise verkörperte Daniel Bensaïd diese französische revolutionäre
Tradition. Gewiss hatte er durch seinen Vater jüdisch-algerische Wurzeln,
und diese Dimension war eine Grundlage für sein intensives Interesse für das
Schicksal sowohl der Juden und Jüdinnen als auch der Palästinenser und
Palästinenserinnen, als führender Kämpfer sowohl gegen Antisemitismus als
auch gegen israelische Unterdrückung.

Er war jedoch vor allem anderen ein französischer Revolutionär. Nicht in
irgendeinem engen, provinziellen Sinn -- im Gegenteil, er war durch und
durch ein Internationalist, in Theorie und Praxis. Dank seiner Beherrschung
des Spanischen und Portugiesischen und aufgrund seiner Zugehörigkeit zur
zentralen Leitung der IV. Internationale war er an Entwicklungen innerhalb
der radikalen Linken in Lateinamerika, von Mexiko bis Brasilien, sowie,
näher an der Heimat, auf der iberischen Halbinsel intensiv beteiligt.

Die französische revolutionäre Tradition, die Daniel hochhielt, war selbst
eine sehr internationalistische, wie er in dem Buch betonte, das er zum
200. Jahrestag der Revolution von 1789 veröffentlichte. Es trägt den
bezeichnenden Titel /Moi la Revolution/ (Ich, die Revolution): Daniel
entschied sich dafür, es in der ersten Person zu schreiben, als wäre die
Revolution die Erzählerin.

------------ KASTEN -----------------------------------------------
Gilbert Achcar stammt aus dem Libanon und lehrt an der School of Oriental
and African Studies in London Politische Wissenschaft. Zuletzt
veröffentlichte er /Les arabes et la Shoah -- La guerre israélo-arabe des
récits/ (Arles u. Paris 2009). Auf Deutsch erschien von ihm zuletzt /Der
33-Tage-Krieg -- Israels Krieg gegen die Hisbollah im Libanon und seine
Folgen/ (Hamburg 2007).
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Er identifizierte sich mit der jakobinischen Bewegung von 1793 und noch mehr
mit ihrem radikalen Flügel -- mit dem revolutionären Erbe, das von Gracchus
Babeuf repräsentiert wird und im 19. Jahrhundert von Louis Auguste Blanqui
fortgeführt wurde, einem Erbe, das ein wesentlicher Bestandteil des
Spektrums von Strömungen werden sollte, die in der Pariser Kommune von 1871
repräsentiert waren. Mit der "Commune" war er auf eine Weise "physisch"
verbunden, wie er gerne und stolz betonte: Sein Großvater mütterlicherseits
war ein Kommunarde gewesen.

Er verlängerte seine Verteidigung der Bewegung von 1793 gegen die
antijakobinische Wut, die aus Anlass des 200. Jahrestags von 1789 ausbrach,
mit einer Verteidigung des russischen Bolschewismus, indem er gegen die
oberflächlichen kritischen Umwertungen im Gefolge des Zusammenbruchs der
Sowjetunion an Lenins Vermächtnis festhielt. Dabei spielte er der Tendenz
nach die problematischen Dimensionen beider Revolutionen herunter, nicht
weil er die Probleme nicht gesehen hätte, sondern weil er das Temperament
eines Kämpfers hatte -- eines politischen Boxers, könnte man sagen, im
Gedenken an seinen Vater, der tatsächlich ein Boxer war. Nichts bringt
diesen Aspekt seiner Persönlichkeit besser zum Ausdruck als der Titel eines
seiner Bücher: /Eloge de la résistance à l'air du temps/ (Lob des
Widerstands gegen den Geist der Zeit, 1999).

Bensaïd hat dennoch nie eine "Theologie" der Revolution betrieben. Hierin
setzte er wiederum die radikale Tradition in Frankreich fort -- als
leidenschaftlicher Repräsentant eines ihrer wesentlichen Merkmale, eines
gründlichen Säkularismus (wenn nicht Antiklerikalismus). Diese Haltung zieht
sich durch sein Denken nicht nur zur Religion, sondern auch zu allen Formen
säkularer Theologie (wie Identitätspolitik) sowie zu Einsprengseln von
religiösen Bezügen bei linken Autoren (in der Kritik an Denkern wie Alain
Badiou und Antonio Negri). Hier ist wiederum der Titel seines letzten
größeren Buchs bezeichnend:/ Eloge de la politique profane/ (Lob der
profanen Politik, 2008).

Sein erstes Buch, das er zusammen mit Henri Weber (der später Mitglied der
Sozialistischen Partei und Senator wurde) verfasst hat, erschien 1968. Sein
Titel, /Mai 68, une répétition générale/ (Mai 68, eine Generalprobe),
spricht Bände über die damalige Stimmungslage. Die folgenden Schriften waren
zumeist Interventionen in die französische Politik. Nach seinem Buch zum
200. Jahrestag der Französischen Revolution veröffentlichte er jedoch eines
über Walter Benjamin und ein weiteres über die Figur Jean d'Arc.


Diese neuen Themenbereiche spiegelten die Melancholie wieder, die durch die
internationale politische Verschiebung nach 1989 mit den ideologischen
Attacken auf den Marxismus und dem Triumphalismus des globalen neoliberalen
Ansturms entstanden war. So trug denn auch eines der späteren Bücher von
Bensaïd den Titel /Le Pari mélancolique/ (Die melancholische Wette, 1997).

Sein wichtigstes theoretisches Werk, /Marx l'intempestif/ (Der unzeitige
Marx) erschien 1995 auf Französisch und 2002 auf Englisch unter dem Titel /A
Marx for Our Times: Adventures and Misadventures of a Critique./ Es bietet
eine unkonventionelle Lektüre von Marx und wendet sich gegen die von der
Zweiten Internationale sowie dem Stalinismus popularisierte positivistische
Interpretation. Es kam im selben Jahr heraus wie ein weiteres großes Werk
von Daniel, zu einer Zeit, als er sich bereits Aids zugezogen hatte. In
diesen Werken zeigt sich erneut seine Statur als öffentlich wirksamer
Intellektueller.

Weil er wusste, dass seine Tage gezählt waren, hat er sich seit seiner
Erkrankung daran begeben, mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit zu
schreiben und zu veröffentlichen: in 15 Jahren, von seinem Marx-Buch 1995
bis zu seinem Tod, an die 20 Bücher unterschiedlichen Umfangs und zu
unterschiedlichen Themen. Zugleich stellte er sich dem Tod sehr tapfer
entgegen -- ein Revolutionär, der bis zu seinem allerletzten Atemzug
standhaft gekämpft hat.




Dieser Text erschien in der Februarausgabe der Monatszeitschrift der
britischen SWP /Socialist Review/. Eine kürzere erste Fassung erschien in
/Socialist Worker,/ der Wochenzeitung der US-amerikanischen ISO.
Übersetzung: Wilfried Dubois



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Aus: Inprekorr Nr. 460/461 (Internationale Pressekorrespondenz)
Nachdruck gegen Quellenangabe und Belegexemplar erwünscht
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