elis.corner im Januar 2012: Gemischte Gefühle zum Neuen Jahr
Aus CONTRASTE Nr. 328 (Januar 2012, Seite 4)
elis.corner
Gemischte Gefühle zum Neuen Jahr
Von Elisabeth Voß, Redaktion Berlin # 2012 könnte das Jahr werden, das
mehr und drastischere Einschnitte in unsere Lebensverhältnisse bringt, als
wir uns das bisher vorstellen konnten. Die Zustände in Griechenland könnten
das Vorspiel zur Abschaffung unverdienter Wohlstandsprivilegien in ganz
Europa sein – allerdings nicht im Zuge globaler Gerechtigkeit, sondern ganz
im Gegenteil als Folge einer ungerechten, auf Gewinnmaximierung
ausgerichteten und zunehmend spekulativen globalen Ökonomie.
Vielleicht bricht der Kapitalismus sogar zusammen – aber er wird nicht
ruhig gehen und höflich die Tür hinter sich schließen. Es wird kalt und
ungemütlich werden, auch hier, so wie es das für viele Menschen schon lange
ist. Die öffentlich sichtbare Armut ist nur die Spitze des Eisbergs
sozialer Kälte, immer mehr FlaschensammlerInnen und BettlerInnen auf den
Straßen, kaum noch eine U-Bahn-Fahrt ohne MusikantInnen oder
StraßenzeitungsverkäuferInnen, und die ersten Hungernden auch hier. Angst
und Unsicherheit bei denen, die noch etwas zu verlieren haben – was tun?
Krisenfestigkeit – neuerdings als »Resilienz« bezeichnet – organisieren?
Rettungsschirme im Kleinen? Kollektive Selbstversorgung?
Und plötzlich sind sie da – die Helden. Aus der Schule erinnere ich mich
vage an Heldensagen, Nibelungen usw. Als »Stille Helden« werden mitunter
diejenigen bezeichnet, die jüdischen Menschen halfen, den
Nationalsozialismus zu überleben. Und heute?
2010 fand der erste »Heldenmarkt«, eine »Messe für nachhaltigen Konsum« in
Berlin statt. Für Lovis Willenberg, den Initiator, sind ».... kleine
Hersteller, die Kraft und Energie in faire Produkte stecken oder
Verbraucher, die sich beispielsweise bei Kleidung gegen Prestige-Marken und
für nachhaltig hergestellte Stücke entscheiden, [...] Helden
gesellschaftlicher Verantwortung.« Dieses »Shoppen für Weltverbesserer« ist
nun auch in Stuttgart möglich.
In Berlin gibt es auch »Sozialhelden«. Angefangen haben sie mit einer
»Wheelmap«, einem Informationssystem zur Barrierefreiheit. Mittlerweile
schieben sie weitere soziale Aktionen an und versuchen zu »Guten Taten« zu
motivieren. Die BZ-Aktion »Berliner Helden« sucht vorbildliche
Ehrenamtliche und berichtet darüber »... ob man sich für eine Kita im Kiez
einsetzt, nach Feierabend Kindern bei den Hausaufgaben hilft oder den
Betriebsausflug dazu nutzt, um Müll im Wald zu sammeln.« Wie praktisch,
angesichts von Schuldenbremse und Haushaltsnot.
»Junge Helden« rufen dazu auf, die Bereitschaft zur Organspende zu
erklären, und sogar Ikea greift schon zur Helden-Rhetorik und bietet eine
Küche als »persönliche Alltagsheldin« an. Wer braucht diese Einstimmung auf
neue Heldenmythen?
Zu »Helden« assoziiere ich: männlich, kriegerisch
und selbstgewiss, weil von höheren (eben heldenhaften) Motiven
angetrieben. Einzelkämpfer (selten Kämpferinnen), die wissen wo es lang
geht. Die nicht fragen, sondern anpacken. Vielleicht gibt es Situationen,
in denen es anders kaum möglich ist, etwas zu bewegen. Im Moment berührt es
mich unangenehm. Mir reicht es, wenn Menschen sich engagieren, für Dinge
einstehen, die vielleicht auch meine sind, und an denen ich mich beteiligen
kann. Wenn Helden kämpfen, bleibe ich Zuschauerin. Engagierte wie du und
ich können scheitern, das gehört zum Leben. Helden siegen oder unterliegen,
alles oder nichts.
Der Maya-Kalender endet am 21.12.2012, die Gletscher schmelzen und der
Euro knirscht – trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, hoffe ich, dass
2012 ein Jahr wird, in dem Menschen sich auf Wesentliches besinnen, sich
miteinander um das kümmern, was sie zum Leben benötigen, gemeinsam kämpfen
und feiern. Die Dinge tun, die so einfach und doch so schwer zu machen
sind. Und immer wieder fragen, zweifeln, verletzlich bleiben und trotzdem
weitermachen. Ob Helden das auch können?
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