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Karin Aiterwegmair <contraste ät online.de>9. Dec 2011 13:57

Zeitschriftenbesprechung: Solidarische Ökonomie zwischen Markt und Staat

Aus CONTRASTE Nr. 309 (Juni 1010, Seite 11)

ZEITSCHRIFTENBESPRECHUNG

Solidarische Ökonomie zwischen Markt und Staat

Die Sackgasse, auf die das derzeitige Wirtschaftssystem zusteuert, wird
immer offensichtlicher. Diese Beobachtung führt unweigerlich zur Frage, ob
sich Wirtschaft nicht auch anders – sozialer, demokratischer und
ökologischer – organisieren lässt. Theorie und Praxis solidarischer
Ökonomie werden im Journal für Entwicklungspolitik 2009/3 (Österreich)
analysiert.

Ein Verweis auf die Widersprüche und Spannungsverhältnisse, in denen sich
solidarökonomische Initiativen bewegen, findet sich bereits im Titel des
aktuellen Journals für Entwicklungspolitik (JEP): »Solidarische Ökonomie
zwischen Markt und Staat. Gesellschaftsveränderung oder Selbsthilfe?« (1).
Diese Frage und etliche damit im Zusammenhang stehende Aspekte diskutiert
das internationale und interdisziplinäre AutorInnenteam.

Die Beiträge reichen von einer grundlegenden Einführung in die
Solidarökonomie über die Betrachtung verschiedener Beispiele zur kritischen
Analyse von Konzepten wie Partizipation und Demokratisierung. In der
Wissenschaft fristet die solidarische Ökonomie trotz ihrer stark
gestiegenen Bedeutung und Aktualität
leider momentan noch immer eher ein Nischendasein – welchem das JEP
entgegentritt.

Gesellschaftsveränderung oder Selbsthilfe?

Markus Auinger bietet eine theoretische Einführung in die solidarische
Ökonomie, die den aktuellen Diskurs aufgreift und Orientierung schafft.
Nicht alle Unternehmen, die sich als sozial oder solidarisch definieren,
entsprächen den fundamentalen Kriterien einer solidarischen Ökonomie, meint
Auinger. Diese seien
das »Demokratieprinzip«, das »Identitätsprinzip«
(KapitalbesitzerInnen=ArbeiterInnen) und das »Solidaritätsprinzip«, wodurch
sie sich deutlich von herkömmlichen Betrieben unterscheiden. Die kritische
Frage im Titel des Artikels, ob solidarische Ökonomie wirklich der Weg zu
einer Gesellschaftsveränderung oder eher eine Form der Selbsthilfe
darstellt, kann schon aufgrund der Vielfalt an Projekten nicht eindeutig
beantwortet werden. Ein fundamentales Kriterium für das
gesamtgesellschaftliche Transformationspotenzial
solidarökonomischer Initiativen identifiziert Auinger in der zukünftigen
Dimension der Bewegung. Eine intensivere Kooperation zwischen verschiedenen
Projekten, Solidaritätsnetzwerken und Produktionsketten sei dringend
erforderlich, um größere Wirkung zu erlangen.

Erfahrungen aus Brasilien und dem Baskenland

In Europa aber lässt sich ein Defizit an solchen Netzwerken feststellen,
mit Ausnahme der baskischen Industriekooperative Mondragón. In Brasilien
hingegen ist der Prozess schon weiter fortgeschritten, wobei die
zugespitzte Situation der ArbeiterInnen sowie staatliche und eine starke
gewerkschaftliche Unterstützung auch eine Rolle spielen. In Brasilien, wie
im Baskenland, ist das Genossenschaftswesen eine Reaktion in Form der
Selbsthilfe und -organisation und gleichzeitig eine Aktion des
Widerstandes.

Maurício Sardá de Faria und Gabriela Cavalcanti Cunha beschreiben die
Herausforderungen in Brasilien, wo vom Konkurs bedrohte Betriebe von den
ArbeiterInnen besetzt und weitergeführt werden. Während die
Organisationsstruktur demokratischer und solidarischer gestaltet wird,
bleibt die Produktionsstruktur in der Regel aber unverändert, d.h. der
finanzielle Druck, welchem die Firma vorher schon ausgesetzt war, wird auf
die ArbeiterInnen übertragen und die kapitalistischen Zwänge, wie einen
Mehrwert zu erzeugen, bleiben bestehen.

Ganz ähnlich ergeht es der weltweit größten Kooperative Mondragón, die
Astrid Hafner in ihrem Beitrag beschreibt. Auch sie ist den Marktzwängen
des kapitalistischen Wirtschaftssystems unterworfen, welche die
solidarischen Prinzipien und Sozialleistungen untergraben.

Staatliche und betriebliche Strukturen

Andreia Lemaître behandelt in ihrem Artikel die Auswirkungen der
Einbettung sozialökonomischer Unternehmen in staatliche Strukturen. In den
1970er und 1980er Jahren entstanden in Europa soziale Projekte, die sich
der Integration von am Arbeitsmarkt benachteiligten Menschen widmeten.
Mittlerweile wurden viele
davon in den Wohlfahrtsstaat integriert – mit wechselseitigen Effekten und
Einflüssen, die von der belgischen Sozialwissenschafterin empirisch
untersucht und im JEP zusammengefasst wurden.

Im letzten Beitrag stellen Manfred F. Moldaschl und Wolfgang G. Weber die
Frage: »Trägt organisationale Partizipation zur gesellschaftlichen
Demokratie bei?« Oft wird ein positiver Zusammenhang angenommen. In diesem
Beitrag verwerfen die Autoren Kausalzusammenhänge und zeigen auf, dass sich
betriebliche Mitbestimmung unter Umständen auch negativ auf
Demokratisierung auswirken kann. Partizipation werde auch instrumentell
eingesetzt, um Leistungserhöhung durch MitarbeiterInnenmotivation zu
erreichen, und führe außerdem oft zur Selbstausbeutung. Dennoch biete
aktive Beteiligung Potenzial für eine Demokratisierung der Gesellschaft.
Das Ergebnis hänge im Wesentlichem vom Lernprozess ab, der durch
Partizipationserfahrungen erreicht wird.

Sämtliche im JEP behandelte Projekte solidarischer Ökonomie befinden sich
in einem Spannungsverhältnis, an dem nicht wenige zerreißen: Markt und
Staat auf der einen Seite, der Wunsch nach Autonomie und Veränderung
kapitalistischer Strukturen auf der anderen. Mit dem Aufzeigen dieser
Widersprüche sowie weiterführender Fragen gelingt dem JEP eine kritische
Reflexion der solidarischen Ökonomie, die für viele die Hoffnung auf ein
gerechteres Wirtschaften birgt. Damit wird das JEP Paulo Freires
Vorstellung gerecht, nach der die Praxis der Verwandlung der Welt aus
Aktion und Reflexion besteht.

Katrin Aiterwegmair

Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums
(www.paulofreirezentrum.at).

1) www.mattersburgerkreis.at/jep/20093.php

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