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Bernd Hüttner <contraste ät online.de>1. Dec 2011 17:23

Zeitschriftenbesprechung: Gender & 1968 in Ost und West

Aus CONTRASTE Nr. 317 (Februar 2011, Seite 14)

Gender & 1968 in Ost und West

Dieses Heft von L’HOMME ist eine Bereicherung für die Debatte um »1968«,
da es etliche Aspekte aufgreift, die sonst nicht untersucht werden. Die von
Ingrid Bauer und Hana Havelkova herausgegebene Ausgabe will »Fragen nach
den Geschlechterordnungen der Protest- und Oppositionsbewegungen in
verschiedenen Ländern Ost- und Westeuropas« nachgehen und greift damit weit
über den oft nur additiven Umgang mit feministischen Fragestellungen
innerhalb der historiographischen Debatte zu »1968« hinaus. Die Hälfte des
Heftes machen vier Aufsätze aus, die aus einer im Mai 2008 in Prag
abgehaltenen internationalen Konferenz resultieren. Im ersten dieser Texte
untersucht Claudia Kraft, inwiefern in den Reformbewegungen und dissidenten
Zirkeln die Forderungen nach universalen, also für Männer und Frauen
gleichermaßen geltenden Menschenrechten den Blick auf die Asymmetrien des
Geschlechterverhältnisses versperrten. Hana Havelkova analysiert in einer
Länderstudie die Geschlechter- und Frauendiskussion in der Tschechoslowakei
im Vorfeld und in Folge des »Prager Frühlings«. Dessen Vorgeschichte war
stark von einer technokratischen Modernisierung staatlicher Politik
geprägt, alternative Diskurse entstanden erst später, unter anderem
ausgelöst durch den Import westlicher feministischer Literatur. In den
beiden ersten Aufsätzen wird sehr gut gezeigt, dass Privatheit
in den staatssozialistischen Ländern als vor dem Staat zu schützender
abgeschlossener und abgegrenzter Raum definiert wurde, während doch die
»westliche« Frauenbewegung »das Private« erst politisieren, also auch
öffentlich machen wollte. Hinzukommt die auf eine Reform des Sozialismus
orientierende starke Betonung universaler Menschenrechte im oppositionellen
Diskurs, die die Bedeutung des asymmetrischen Geschlechterverhältnisses
tendenziell ausblendete.

Mineke Boschs Aufsatz thematisiert die Entwicklung in den Niederlanden, in
denen das Jahr »1968« nicht durch besonders herausragende politische
Konfrontationen geprägt war, und auch deshalb retrospektiv vor allem durch
die Folie eines Generationenkonfliktes hindurch interpretiert wird. Busch
dekonstruiert diese stark durch die damals beteiligten AkteurInnen geprägte
Lesart. Konkret schildert sie, wie ein öffentlicher Kuss zwischen einem der
wenigen damals offen homosexuell lebenden Männer und der Kulturministerin –
der ersten Frau, die in den Niederlanden ein politisches Spitzenamt
innehatte – starke Debatten auslöste.

Irene Bandhauer-Schöffmann widmet sich sodann der Frage, wie die Medien
die Präsenz von Frauen in bewaffneten Organisationen in der Bundesrepublik
kommentierten und konstruierten. Das dort entstandene Bild wertete die
Teilnahme von Frauen am bewaffneten Kampf zwar als Emanzipationsstrategie,
brachte dadurch aber auch die neu entstandene zweite Frauenbewegung in eine
Verbindung mit dem »Terrorismus«. Die Anliegen der Frauenbewegung sollten
diskriminiert werden. Wie die Frauenbewegung darauf reagierte und die
Debatte um den Terrorismus führte, untersucht Branhauer-Schöffer anhand der
vier Bewegungszeitschriften »Courage«, »Die schwarze Botin«, »EMMA« und der
österreichischen »AUF«. Den Band schließen kürzere Kommentare und
Interviews zur Geschichte der 1968er Jahre in Holland, der Schweiz,
Österreich und (West-)Deutschland ab. Sie illustrieren nachhaltig, dass
sich analog zu den Spaltungen der auf 1968 folgenden Bewegungen, auch die
Erinnerungspolitiken herrschaftsförmig und geschlechterspezifisch
konfigurierten, was sich nur teilweise mit der Problematik der
»ZeitzeugInnen als HistorikerInnen« erklären lässt, sondern auch damit,
dass in Tradierungspraktiken immer auch Machtverhältnisse eingeschrieben
sind. Ein Rezensionsessay zu vier autobiographischen Büchern von
Beteiligten an den amerikanischen weatherman rundet das Heft ab.

Die Beiträge des lesenswerten Heftes vermitteln neues Wissen und neue
Interpretationen, die aus der Flut an Literatur zum 68er-Jubiläum positiv
herausstechen. Ihre kritischen Impulse und Fragen sollten bei der nun
einsetzenden Historisierung der 1970er und 1980er Jahre beachtet,
weiterentwickelt und vertieft werden.

Bernd Hüttner

L’HOMME. Europäische Zeitschrift für feministische Geschichtswissenschaft,
Gender & 1968 (20. Jg. Heft 2), Böhlau Verlag, Wien 2009. 170 Seiten. 19,90
EUR

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