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Dieter Poschen <contraste ät online.de>26. Dec 2011 14:03

Wie fair ist »Fair« gehandelter Kaffee?

Aus CONTRASTE Nr. 310/311 (Sommer 2010, Seite 5)

LATEINAMERIKA/EUROPA

Wie fair ist »Fair« gehandelter Kaffee?

Kaffee ist eines der am häufigsten fair gehandelten Produkte auf der Welt.
Nahezu alle Supermarktketten führen inzwischen fair gehandelten Kaffee in
ihrem Sortiment. Doch wie fair ist dieser Kaffee? Die Koordinierungsstelle
der KleinproduzentInnen für den Fairen Handel in Lateinamerika und der
Karibik CLAC (Coordinadora Latinoamericana y del Caribe de Pequeños
Productores) veröffentlichte 2007 eine Studie, die zu dem Schluss kommt,
dass die Preise im Fairen Handel seit langem nicht mehr den Kosten
entsprechen. Der Faire Handel bezahlt seinen HandelspartnerInnen im Süden
einen garantierten Mindestpreis von rund 1,30 US-Dollar pro Pfund Kaffee.
Die Studie kommt zu dem Schluss, dass der Preis viel höher liegen müsste.
Würde man allein die Inflationsrate berücksichtigen, müsste der Preis bei
zwei US-Dollar liegen. Denn seit 1988 wurden die Preise im Fairen Handel
kaum erhöht. Die Radioredaktion des Magazins onda-info sprach mit dem Autor
der Studie, Christopher Bacon
(nachzuhören im onda-info 234).

? Wie ist die Situation der KleinproduzentInnen von Kaffee in
Lateinamerika?

Christopher Bacon: Die Bedingungen sind schwierig und haben sich in den
vergangenen Jahren eher verschlechtert. Bei Studien zur Situation der
Kleinbauern und Kleinbäuerinnen in Mexiko und Zentralamerika, an denen ich
beteiligt war, hat sich herausgestellt, dass es in vielen Regionen eine
Hungerperiode gibt, die »meses de vacas flacas«, Monate der dürren Kühe,
genannt werden. In dieser Zeit haben die Bauern und Bäuerinnen und ihre
Familien nicht genug zu essen. Gewöhnlich sind das zwei bis vier Monate im
Jahr. Für die KleinproduzentInnen von Kaffee bedeutet das Weitermachen um
zu überleben eine große Anstrengung. Dadurch bewahren sie die kulturelle
und soziale Vielfalt in ihrer Region. Viele der KleinproduzentInnen gehören
indigenen Gruppen an, wie z.B. im Süden Mexikos, in Ecuador oder in
Guatemala. Und sie sind wichtige GarantInnen der Biodiversität, wie wir
feststellen konnten. Bei 34 untersuchten Kleinplantagen in Nicaragua
beispielsweise haben wir über hundert verschiedene Baumarten gefunden.
Mindestens acht davon waren bedrohte Arten.

? Wie kann der Faire Handel dazu beitragen, deren Situation zu
verbessern?

Das ist eine gute Frage. Fair Trade hat historisch bei der Stärkung von
kleinbäuerlichen Organisationen eine sehr wichtige Rolle gespielt, er hat
kleinen Kooperativen den Zugang zum Markt ermöglicht und ihnen Werkzeuge in
die Hand gegeben, um sich besser zu organisieren. Man könnte sagen, der
Faire Handel hat das soziale Kapital der KleinproduzentInnen erhöht. Dabei
war er sehr wichtig. Dennoch gibt es weiterhin Hunger in den Anbaugebieten
und eine große Unsicherheit, was die Lebenssituation der ProduzentInnen
betrifft. Es gibt viel, was der Faire Handel hier tun könnte. Eine Maßnahme
wäre, mit den Kooperativen zusammen an der Diversifizierung von deren
Einkommen zu arbeiten und die Ernährungssouveränität der ProduzentInnen
sicherzustellen. Oder den Fair Trade- Mindestpreis zu erhöhen, der momentan
kein Niveau erreicht, bei dem die Existenzgrundlage der Bauern und
Bäuerinnen nachhaltig gesichert ist.

? Der Faire Handel behauptet aber doch, dass der vom Fairen Handel
bezahlte Preis den KaffeeproduzentInnen ein würdiges Auskommen ermöglicht.
Wenn das, was Sie sagen stimmt:Warum wird der Preis dann nicht erhöht?

Die Studie, die wir 2007 durchgeführt haben, hat gezeigt, dass sich der
Preis im Fairen Handel seit 12 Jahren nicht erhöht hat. Das bedeutet, dass
der echte, von
der Inflation bereinigte Preis, gesunken ist. Und zwar bedeutend. Während
der Preis aus dem Fairen Handel gleich geblieben ist, sind im selben
Zeitraum die Mindestlöhne in Lateinamerika um 40 Prozent angestiegen. Fair
Trade ist zwar immer noch ein besserer Deal als kein Fairer Handel. Wenn
wir aber den Fairen Handel genauer betrachten, müssen wir feststellen, dass
er nicht mehr so fair ist, wie er einmal war. Tatsache ist, dass die Preise
gesunken sind. Warum da nichts passiert, ist die Frage, die die
Zivilgesellschaft, die KonsumentInnen und die BürgerInnen, all jenen, denen
der Faire Handel etwas bedeutet, den Fair Trade-Unternehmen stellen müssen.
In letzter Zeit wurde sogar darüber diskutiert, den Mindestpreis zu senken.
Hier muss Druck ausgeübt und gesagt werden, dass der Preis jetzt schon
nicht mehr die Lebenshaltungskosten deckt. 2010 soll der Preis neu
verhandelt werden. Es ist eine Tatsache, dass die Vorstände des Fairen
Handels, die in den Zertifizierungsorganisationen den Preis festlegen, die
Möglichkeit haben den Preis zu ändern.

? Wenn man Fair Trade-Unternehmen in Deutschland auf eine Preiserhöhung
anspricht, weisen diese meistens darauf hin, dass der Preis deswegen nicht
erhöht werden kann, weil der konventionelle, nicht fair gehandelte Kaffee
in den Supermärkten so billig erhältlich ist. Das Argument des Fairen
Handels ist, dass die KonsumentInnen nur bis zu einem bestimmten Betrag
über den normalen Preis mitgehen und nicht bereit sind jeden Preis zu
bezahlen. Deswegen, so die ImporteurInnen von Fairem Kaffee, können sie
auch keinen höheren Preis bezahlen?

Bei diesem Argument muss man zwei Dinge berücksichtigen. Zunächst wurde
der Preis 2007/2008 um ungefähr zehn Prozent angehoben. Trotz des Anstiegs
beobachte ich seither einen massiven Anstieg des Handelsvolumens im Fair
Trade-Sektor, zumindest was die USA und Großbritannien anbelangt, aber auch
in anderen Ländern. Zweitens mag es wahr sein, dass ein bestimmter Preis
die Nachfrage dämpfen würde. Das ist aber spekulativ. Denn dazu gibt es
bisher keine Untersuchungen. Aber wir müssen uns einer weiteren Frage
stellen. Was bedeutet fairer Handel? Geht es darum, die Nachfrage eines
bestimmten Marktes zu befriedigen, oder geht es darum, die Marktbeziehungen
zu verändern und sie in mehr solidarisch orientierte zwischenmenschliche
Beziehungen einzubetten, bei denen KonsumentInnen, die auch BürgerInnen und
Mensch zugleich sind, ihre Verantwortung gegenüber den Bauern und
Bäuerinnen erkennen? Es geht um eine Perspektive, bei der sich der Preis
nicht an der New Yorker Kaffeebörse orientiert, sondern an den
grundlegenden Bedürfnissen der ProduzentInnen. Dazu muss sich der faire
Handel bekennen, und ich würde mir da einen tiefer gehenden Dialog
wünschen.

P Hat der Faire Handel wirklich das Potenzial, die Bedingungen des Handels
zu verändern, oder ist es nicht so, dass er gezwungen ist, innerhalb der
etablierten Handelsbedingungen zu spielen und auch deswegen keine höheren
Preise durchsetzen kann?

Er hat sicherlich mit dem Ziel angefangen, die Handelsbedingungen zu
verändern. Mit dem Weg, den er jetzt eingeschlagen hat, bestätigt er aber
eher die Bedingungen, die der Faire Handel einst verändern wollte. Das muss
er nicht tun. Er hat diese Richtung zwar eingeschlagen, aber Fair Trade
darf sich den Bedingungen nicht anpassen, die er eigentlich verändern
wollte. Aus meiner Perspektive muss er sich auf das zurückbesinnen, was in
der offiziellen Definition des fairen Handels festgehalten ist. Von dieser
Definition weicht er nun ab und versucht, sich dem Markt anzupassen, den er
eigentlich verändern wollte. Was bedeutet das für die Zukunft des Fairen
Handels? Vielleicht sollten wir ein langsameres Wachstum akzeptieren und
uns dafür aber umbessere Handelsbeziehungen bemühen, die mehr Auswirkungen
auf die HandelspartnerInnen
haben. Mit der Mainstream-Strategie kann man zwar Wachstum erzielen, aber
nur um
den Preis, dass die Standards gesenkt werden. Das ist die momentane
Situation. Und die ProduzentInnen sind direkt davon betroffen.

? Was bedeutet das nun in Punkto Preiserhöhung? Sollten die Preise auf
zwei US-Dollar erhöht werden? Besteht dann nicht die Gefahr, dass die Fair
Trade-Unternehmen auf dem Kaffee sitzen bleiben?

Ich sage nicht, dass der Preis sofort auf zwei US Dollar steigen sollte.
Aber die Frage einer tragfähigen Produktion benötigt eine Kalkulation, die
die realen Kosten der ProduzentInnen berücksichtigt. Wir brauchen eine
Angleichung der Preise an die Kosten. Hier ist in den vergangenen zwölf
Jahren zu wenig geschehen.
Wir benötigen außerdem einen Mechanismus, der die Inflationsrate
berücksichtigt. Hier könnte man die Preise automatisch jedes Jahr um zwei
Prozent erhöhen. Das müsste nicht immer direkt an die KonsumentInnen
weitergegeben werden, da man sicher bei der Weiterverarbeitung Kosten
senken könnte, also im Norden, bei der Verpackung oder der Röstung. Diese
kleine Veränderung sollte eigentlich keiner Diskussion bedürfen. Ein
anderer Aspekt, den die KonsumentInnen berücksichtigen sollten, ist die
Tatsache, dass fair gehandelter Kaffee qualitativ hochwertiger Kaffee ist,
für den man als HerstellerIn einen besseren Preis erwarten darf. Es ist
schon richtig, dass man kurzfristig nicht den Markt zerstören sollte, indem
man die Preise zu stark erhöht.

?Sollen die KonsumentInnen also einfach mehr für ihren Kaffee bezahlen?

Was Fairer Handel bedeutet, hängt von allen ab, die daran beteiligt sind.
Die Leute hier können als KaffeetrinkerInnen, TeetrinkerInnen oder als
SchokoladenesserInnen mitwirken. Sie können aber auch als BürgerInnen und
als LobbyistInnen für den fairen Handel auftreten. Was Fairer Handel für
die Zukunft bedeutet, ist noch offen. Es kann bedeuten, dass er das
Potenzial hat dahingehend zu verändern, dass Handelsbeziehungen in
Prinzipien der Solidarität und ökologische Nachhaltigkeit eingebettet sind.
Es kann aber auch bedeuten, dass die Handelsbeziehungen sich vorrangig auf
den zertifizierten Austausch von Gütern beschränken und oberflächlich
bleiben. Bei diesem Szenario wird sich der Faire Handel zunehmend seines
sozialen und ökologischen Anspruchs entledigen. Ich möchte die Leute dazu
ermutigen, sich in diese Debatte einzumischen.


Die Studie: Kostenanalyse und Preisvorschlag zur Unterstützung der
Kaffeeproduktion, der Kaffee anbauenden Familien und der von Fairtrade
zertifizierten Organisationen in Lateinamerika. Diese ist beim NPLA als
PDF-Datei im Internet erhältlich:
www.npla.de/images/news/fair%20trade_studie.pdf

Das Interview mit Christopher Bacon kann im onda-info 234 nachgehört
werden:
http://npla.de/de/onda/content/1063


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