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Jochen Knoblauch <contraste ät online.de>11. Dec 2011 15:53

Und dieses Jahr zu Weihnachten? – Bakunin!

Aus CONTRASTE Nr. 327 (Dezember 2011, Seite 6)

REZENSION

Und dieses Jahr zu Weihnachten? – Bakunin!

Nach 150 Jahren erscheint eine der wohl intensivsten Aufarbeitungen des
Konfliktes von Karl Marx mit Michael Bakunin.

Es ist schon verwunderlich, dass ein derartiger, für die Geschichte der
ArbeiterInnenbewegung weichenstellender und entscheidender Konflikt
zwischen dem staatsgläubigen Karl Marx und dem antiautoritär eingestellten
Michael Bakunin so lange einer exakten Aufarbeitung harren musste. Wolfgang
Eckhardt, Herausgeber der Bakunin’schen Schriften, hat wohl wie bisher kein
Zweiter sich der Mühe unterzogen, nicht nur den Schriften von Marx und
Bakunin zu folgen, sondern auch den Konstellationen um die beiden herum.

Die nun vorliegenden zwei Halbbände der Ausgewählten Schriften als Band 6
»Michael Bakunin – Konflikt mit Marx« sind bereits der 2. Teil dieser
umfangreichen Darstellung. Teil 1 mit Texten und Briefen bis 1870 erschien
2004. Der jetztige 2. Teil umfasst die Texte und Briefe ab 1871 (also, zum
150 jährigen »Jubiläum« eines folgenreichen Konfliktes), und gleicht einer
Herkulesarbeit. Der erste Halbband besteht »nur« aus der Einleitung des
Herausgebers zu dem Konflikt, der auf 669 Seiten – wohl der längsten
Einleitung, die je geschrieben wurde, oder? – hier detailliert dargestellt
wird. Der zweite Halbband enthält dann die Texte und Briefe (mit 647
zusätzlichen Anmerkungen), ein Register und Quellennachweis, welcher uns
u.a. zeigt, dass zahlreiche Quellen hier erstmals ins Deutsche übersetzt
worden sind. Der Umfang dieses zweiten Teiles der Darstellung des Marx/
Bakunin-Konfliktes enthält zusammen 1.239 Seiten. Das war nicht nur
Schwerstarbeit für Wolfgang Eckhardt, sondern fordert auch die LeserInnen.

Die Erste Internationale (oder auch: Internationale Arbeiterassoziation)
von 1864 war der erste Zusammenschluss von ArbeiterInnen-Vereinen und
-Gesellschaften, die die proletarische Sache vorantreiben sollte. Sie
stützten sich noch auf provisorische Statuten und waren ein Konglomerat aus
den unterschiedlichsten Bewegungen. Marx, der die Eroberung des Staates
proklamierte, stand mit seiner Ansicht auf der Seite einer Minderheit –
hauptsächlich etwa der deutschen Delegierten, die mit der Sozialdemokratie
sich schon ein politisches Instrumentarium geschaffen hatten, während etwa
ArbeiterInnen-Organisationen in Frankreich, Spanien, Italien aber auch des
Jura in der Schweiz eher zu dem Flügel gehörten, die eine Befreiung der
ArbeiterInnenklasse nur in Verbindung mit der Abschaffung des Staates –
also des gesamten Systems verbanden.

Diesen grundsätzlichen Konflikt in der Internationale wird meist auf die
Personen Marx und Bakunin reduziert – der Buchtitel assoziiert, als hätte
Bakunin einen Konflikt mit Marx vom Zaun gebrochen, obwohl Marx derjenige
war, der zur Durchsetzung seiner Vorstellungen sich nicht scheute, die
niederträchstigsten Verleumdungen in die Welt zu setzen. Es wurden
zahlreiche Aktivisten instrumentalisiert, und der eigentliche Konflikt –
Marx mit der entsprechenden Macht in der internationalen
ArbeiterInnenbewegung auszustatten – wurde hier mit Hauen und Stechen zu
einem »Gut oder Böse«-Konflikt verschleiert.
Die Kontrolle innerhalb der internationalen ArbeiterInnenbewegung zu
erlangen, bedeutete auch die Richtung anzugeben. Und während die Erste
Internationale aus den unterschiedlichsten Richtungen bestand, blieb Marx
nichts weiter übrig, als jene, die ihm nicht folgen wollten, zu
diskreditieren. Dabei war die Person Bakunin eine Schlüsselposition im
antiautoritären Lager.

Allein die Fülle der Quellen, die Eckhardt hier anführt, zeigt, dass der
lange geführte Konflikt durchaus System hatte. Und so, wie Marx und Engels
bereits in den 1840er Jahren die Linkshegelianer mit Häme und Beleidigungen
demontierten, so arbeiteten sie auch auf dem Internationalen Parkett
weiter.

Dieser Wälzer ließe sich auch gut als ein Krimi lesen, nur das weder »die
Guten« hier gewinnen, noch das »die Bösen« irgendwie Verantwortung
übernehmen müssen – und haben. Die weitergehende Geschichte hat gezeigt,
dass der Konflikt zwischen autoritären und nicht-autoritären Bewegungen bis
in die Neuzeit hinein reicht – mit verheerenden Folgen (1921 Kronstadt,
1936 Spanien usw.). Welche Chancen der gesamten Menschheit durch den
Marx’schen Machtwillen genommen worden sind, können wir nur erahnen.

Und somit ist die Aufarbeitung dieses Konfliktes innerhalb der frühen
sozialistischen Bewegung von enormer Wichtigkeit, um in Zeiten der
kapitalistischen Krise nicht erneut dem Falschen aufzusitzen (o.k. – sehr
optimistisch gedacht, »Das Kapital« von Marx erlebt schon wieder eine
Renaissance). Wenn wir bereit sind, aus der Geschichte etwas zu lernen,
dann wäre dieses Werk von Wolfgang Eckhardt über Marx und Bakunin einer der
wichtigsten Beiträge dazu.

»Nun, wir teilen weder Eure Hoffnungen noch Eure Wünsche, weder Eure Pläne
noch Eure Illusionen!«


Jochen Knoblauch

Michael Bakunin; Ausgewählte Schriften Band 6: Konflikt mit Marx, Teil 2,
Texte und Briefe ab 1871, in zwei Teilbänden, Herausgegeben und mit einer
Einleitung von Wolfgang Eckhardt. Karin Kramer Verlag Berlin 2011, zus.
1.239 S., 78 EUR.

...und wenn wir schon beim Wünschen sind, sollte unbedingt noch dazu
gelegt werden: Michael Bakunin; Ausgewählte Schriften Band 5: Konflikt mit
Marx, Teil 1, Texte und Briefe bis 1870. Herausgegeben und eingeleitet von
Wolfgang Eckhardt. Karin Kramer Verlag Berlin, 2. Auflage 2007, 235 S.,
19,90 EUR.

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