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Elisabeth Voß <contraste ät online.de>31. Jan 2012 17:41

Solidarische Ökonomie: Kultur der Kooperation - Schwerpunktthema im Februar 2012

SOLIDARISCHE ÖKONOMIE

Kultur der Kooperation

Wie immer in Krisenzeiten nimmt das Interesse an alternativen
Wirtschaftsformen zu. Welche Erfahrungen wurden in der Vergangenheit
gemacht, und welche Projekte gibt es heute? Was sind ihre
gesellschaftlichen Funktionen, und wie können sie kooperieren, um gemeinsam
stärker zu werden?

Von Elisabeth Voß, Redaktion Berlin # Seit Jahrzehnten taucht immer wieder
die Idee auf, dass es gut wäre, wenn sich die verschiedenen Betriebe,
Projekte und Initiativen anderen Wirtschaftens vernetzen würden. So
entstand auch CONTRASTE 1984 aus der Projektemesse »Ökologisch leben,
friedlich arbeiten in einer selbstbestimmten Gesellschaft« in Oberursel.
Eine breitere Vernetzung ist bisher nicht gelungen. Im März 2012 geht es
nun nach Kassel zum »Forum Solidarische Ökonomie«.

Schon immer geht es in politischen Diskussionen um wirtschaftliche
Selbsthilfe auch um die Frage, ob sie mehr sein kann, als ein
Nischenphänomen zur Hilfe in der Not: Hat sie das Potential, das System der
dominanten, profitorientierten Wirtschaftsweise zu sprengen? Oder lenkt sie
eher ab von politischen Fragen, verhindert vielleicht das Aufbrechen
gesellschaftlicher Konflikte, und hat insofern eine systemstabilisierende
Funktion? Und passen nicht Selbsthilfe und Eigenverantwortung hervorragend
zum Abbau des Sozialstaats, dessen gravierendste Auswirkungen hierzulande
dank Schuldenbremse vermutlich noch bevorstehen?

Auch in der Frage staatlicher Unterstützung gibt es unterschiedliche
Auffassungen. Während jedoch in den 1980er Jahren die Staatsknetedebatte
recht grundsätzlich geführt wurde, scheint sie heute eher pragmatisch
verhandelt zu werden. Nach wie vor sind die Rahmenbedingungen für
genossenschaftliche Unternehmungen in unterschiedlichsten Rechtsformen –
zumindest in Deutschland – eher schwierig. Ob sich das im internationalen
»Jahr der Genossenschaften 2012« ändern wird? Was kann von der EU erwartet
werden?

Brasilien hat schon 2003 ein Staatssekretariat für Solidarische Ökonomie
eingerichtet. Unterstützt durch Caritas, Gewerkschaften und Universitäten
entstehen Genossenschaften, um Arbeitsplätze zu schaffen und die Armut zu
besiegen. Gleichzeitig nimmt das Landgrabbing und die Zerstörung des
Regenwaldes im Amazonas-Gebiet zu – häufig gegen den erbitterten Widerstand
der Einheimischen und unter Anwendung tödlicher Gewalt. Die taz berichtete
Anfang Januar unter Berufung auf das brasilianische Arbeitsministerium: »In
Brasilien gibt es so viele Arbeitssklaven wie noch nie. Farmen oder
Baufirmen verweigern tausenden Arbeitern Mindestlohn und Hygiene«.

Wenn Selbsthilfeinitiativen über den Nutzen für ihre Mitglieder
hinausgehende gesellschaftliche Wirkungen erzielen wollen, dann werden sie
nicht umhin kommen, miteinander zu kooperieren. Ebenso wie innerhalb von
Gruppen ist auch die Kooperation zwischen Projekten wesentlich abhängig von
der Art und Weise, wie die Menschen darin miteinander agieren – eben von
der Kultur der Kooperation.

Wenn es gelänge, dass größere Teile der unterschiedlichen Unternehmungen
und Projekte anderen Wirtschaftens ein gemeinsames Selbstverständnis
entwickelten, und wenn sie sich darüber hinaus als Teil sozialer Bewegungen
für eine global gerechte Gesellschaft begriffen, und in diesem Sinne
gemeinsam agierten, dann könnten vielleicht solidarwirtschaftliche Vorhaben
in größerem Maße als bisher entstehen. Um ihr transformatorisches Potential
zu entfalten, bräuchten sie einen offenen und aktiven Umgang mit ihrem
Doppelcharakter als tendenziell systemstabilisierende
Nothilfe-Reparaturbetriebe und gleichzeitig Keimformen einer anderen Welt.
Solidarische Ökonomie ist keine Heilslehre, keine Idee, die der Vermarktung
bedarf, sondern eine vielfältige und widersprüchliche Realität, die
glaubhaft in eine größere Öffentlichkeit getragen werden sollte. Eine
Kultur der Kooperation braucht Raum für solidarische Kritik und die
Bereitschaft und Fähigkeit, Ambivalenzen zu benennen und ihr Fortbestehen
auszuhalten.

Schwerpunktthema Seite 7 bis 10

SCHWERPUNKTTHEMA

Die Soziale Solidarische Ökonomie
in der Wirtschafts- und Finanzkrise (Teil 2)

Seite 7

Gibt es ein richtiges Leben im falschen?

Seite 8

Forum Solidarische Ökonomie – Kultur der Kooperation

Seite 8

Über das Scheitern von Vernetzungsversuchen

Seite 9

Genossenschaftsgründung als Bildungsprozess.
Über die Rolle der Innovationswerkstätten (»Incubadoras«) für Solidarische
Ökonomie in Brasilien

Seite 10

Forschungsarbeit zu Utopie und Praxis:
Kritischer Blick auf Solidarische Ökonomie in Brasilien

Seite 10

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