Schwerpuntthema Kritische Pschologie (Einleitung)
Aus CONTRASTE Nr. 318 (Februar 2011, Schwerpunktthema, Einleitung)
KRITISCHE PSYCHOLOGIE
Eine Psychologie von »je mir«
Wie kommt die Kritische Psychologie (die mit dem großen »K«) in die
CONTRASTE? Ist das nicht etwas aus den 70er und 80er Jahren des letzten
Jahrhunderts? Gibt’s die »Holzkamp-Psychologie« denn immer noch?
Von Uli Frank, Hiddinghausen # Eine Reihe von Projekten und Themen, von
den in den letzten Jahren in der CONTRASTE zu lesen war, hatten immer
wieder mal Bezüge zur Kritischen Psychologie – ohne, dass explizit die Rede
davon war. Begriffe wie »Selbstentfaltung «, »Handlungsfähigkeit«, das »je
ich« als Hinweis auf die Verallgemeinerbarkeit des individuellen
Standpunktes, die fünf Schritte bei der Entstehung des Neuen usw. wurden in
verschiedenen Artikeln verwendet. Die Kritische Psychologie kommt also
ungenannt in der CONTRASTE immer wieder mal vor, nun machen wir sie
explizit zum Thema.
Das jedoch ist nicht ganz einfach. Denn neben den oben genannten eher
eingängigen Begriffen, gibt es viele weniger bekannte eigenwillige
Wortschöpfungen Klaus Holzkamps, die die Lektüre seines 600 Seiten starken
Hauptwerks »Grundlegung der Psychologie«manchmal zurQualmachen:
»Verfügungsbehinderungen«, »Möglichkeitsverallgemeinerung«,
»Kategorialanalyse«, »Aktualempirie« usw. Holzkamp nimmt diese
Schwierigkeiten in der Einleitung schon vorweg: »...Man wird mir sagen, es
mache große Mühe, dieses Buch zu lesen. Ich halte dem entgegen, dass es
auch Mühe gemacht hat, es zu schreiben....«.
Eine ungewöhnlich knappe Selbstdarstellung der Kritischen Psychologie
findet sich auf ihrer Homepage (kritische-psychologie.de): »Die Kritische
Psychologie entstand aus der Studentenbewegung und den in dieser Zeit
angestellten Überlegungen zum Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft.
Mit der Überschreitung ‘binnenwissenschaftlicher’ Fragen und im
Zusammenhang einer ‘tiefgreifenden gesellschaftspolitischen und
weltanschaulichen Umorientierung’ (Holzkamp 1985) wandte sie sich auch
gegen eine Psychologie als Herrschaftswissenschaft und die
‘Psychologisierung’ gesellschaftlicher Widersprüche. (...) Gegenstand
subjektwissenschaftlicher Forschung ist nicht das Subjekt, sondern dessen
Welt, wie sie von ihm empfindend, denkend und handelnd erfahren wird.«
Der Ursprungsimpuls der Kritischen Psychologie ist also nicht nur die
Einsicht, dass die akademische Psychologie ihren eigenen Gegenstand
(»Psyche«) nicht kennt, sondern auch, dass sie ihrem Forschungsgegenstand
»Mensch« nicht gerecht wird, weil sie ihn vom Außenstandpunkt betrachtet
und damit objektiviert und funktionalisiert. Als Individualwissenschaft
erhebt die Kritische Psychologie dagegen den Anspruch, jedes besondere
»ICH« von seinem subjektiven Standpunkt in der Gesellschaft her zu
begreifen und dazu beizutragen, die eigene Handlungsfähigkeit real zu
erweitern und neue Möglichkeiten zu eröffnen. Es geht damit also unter
anderem darum, das wissenschaftlich zu fundieren und praktisch
zu unterstützen, was CONTRASTE im Untertitel führt: Selbstorganisation.
Die Kritische Psychologie ist auch von Bedeutung, wenn es darum geht, dem
Mythos des antriebslosen Menschen entgegen zu treten. In einer
Gesellschaft, in der Menschen sich verkaufen müssen, um Leben zu können,
ist es völlig nachvollziehbar, dass sie sich dem Zwang entziehen, sobald
dies möglich ist. In völliger Verdrehung wird daraus geschlossen, dass
Menschen »gar nichts« mehr tun, wenn man sie nicht besticht (»Lohn zahlt«)
oder sie nicht zwingt (»Arbeitszwang bei ALG-2«). Wer nicht »motiviert«
sei, den müsse man »Fördern und Fordern«, so heißt es.
Dekonstruiert man die dahinter stehenden Annahmen, so wird deutlich, dass
»jemanden zu etwas motivieren « immer einen Außenstandpunkt einschließt: Da
ist jemand, der weiß vorher, wozu ich gebracht werden soll. Der Standpunkt
erster Person, mein Standpunkt, bedeutet hingegen, dass nur ich wissen
kann, was mein Platz in dieser Welt ist, wie mein Beitrag aussieht, wie ich
mich am besten entfalten kann – und wie die Gesellschaft sein muss, dass
mir dies »motiviert« möglich ist. Das Unmotiviert- Sein in einer
Gesellschaft, deren selbstbezügliche
Sinnlosigkeit an allen Ecken sichtbar und für mich in meinem Lebensbereich
hautnah erfahrbar wird, ist kein individuelles Problem. Gleichwohl bin ich
für mein Handeln jederzeit verantwortlich, es ist nicht beliebig, was ich
tue. Ich kann Isolation und Exklusion aktiv betreiben oder für
Zusammenschluss und Einschluss der Anderen sorgen. Sich in diesen
vielfältigen Widersprüchen bewegen zu können, dafür bietet die Kritische
Psychologie einige Denkmittel.
Unser AutorInnenteam: Stefan Meretz schrieb die Einführung. Vier
engagierte Studierende der Psychologie, Leoni Breuer, Moritz Thede Eckart,
Leonie Knebel und Marcel Thiel, berichten von den Schwierigkeiten, neben
dem akademischen Studium aus eigener Initiative den Zugang zur Kritischen
Psychologie zu finden, und warum sie das trotzdem so wichtig finden. Grete
Erckmann und Michael Zander (AG Berufspraxis) liefern einen Praxisbericht
aus der psychosozialen Arbeit, und die Philosophin Annette Schlemm
(»Philosophenstübchen«, Jena) diskutiert die Bedeutung der Kritischen
Psychologie für emanzipatorische Bewegungen.
Schwerpunktthema Seite 7 bis 10
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