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Annette Schlemm <contraste ät online.de>5. Dec 2011 19:56

Schwerpunktthema Krtische Psychologie (Teil 4)

Aus CONTRASTE Nr. 318 (März 2011, Schwerpunktthema KRITISCHE PSYCHOLOGIE,
Seite 10)

EMANZIPATORISCHE BEWEGUNGEN

Ent-Unterwerfung denken und praktizieren

Warum wehren sich ausgerechnet ausgegrenzte und verarmende Menschen so
wenig gegen soziale Zumutungen? Warum fühlt sich das Engagement in linken
Gruppierungen und Institutionen oder auch emanzipatorischen Bewegungen oft
genau so schlecht an wie der Rest des Lebens in dieser
Konkurrenzgesellschaft? Was können wir tun?

Von Annette Schlemm, Jena # Wer jetzt die Weiterführung dieses Textes in
Manier der psychologischen Ratgeberbücher erwartet, ist auf der falschen
Fährte. Lange genug haben Linke versucht, auf die »stumme Masse «
einzuwirken, immer wieder neue Strategien der Einflussnahme zu entwickeln.
Alle Überlegungen, die darauf hinauslaufen, wie wir »die Leute« besser
verstehen können, oder alle Anstrengungen, die Anderen zum richtigen
Verhalten zu bringen, hängen in einer Falle fest: Wir dünken uns in der
»besseren Position« – und diese Position versetzt »die Anderen« in eine
passive Rolle, in der sie nicht mehr als Subjekte
ihres Lebens ernst genommen werden.

Eine Theorie für Menschen, nicht über Menschen

Eine wichtige Schlussfolgerung aus der Kritischen Psychologie ist die
Orientierung darauf, andere Menschen nicht als Objekt unserer Einflussnahme
zu behandeln, wenn wir Emanzipation als Ziel und Weg umsetzen wollen. Der
Subjektstandpunkt, der sich grundlegend von einem »Außenstandpunkt«
unterscheidet (vgl. S.7), macht den Unterschied aus zwischen einem
emanzipatorischen Vorgehen und einem Vorgehen, das die Entmündigung der
Menschen in der herrschenden Gesellschaft reproduziert.

Der Subjektstandpunkt ist deshalb nicht nur von Bedeutung für das
wissenschaftliche Fachgebiet Psychologie, sondern er hat weitreichende
gesellschaftstheoretische und praktische Folgen. Da individuelles Leben
gesellschaftlich vermittelt ist, kann es keine von der Theorie der
Gesellschaft getrennte Theorie des Individuums geben. Eine Theorie vom
gesellschaftlichen Menschen hat die Aufgabe, die vielfach empfundene Kluft
zwischen Praxen, in welchen Individuen ihr unmittelbares Leben und ihre
zwischenmenschlichen Beziehungen meistern, und der »großen Politik«, deren
Reichweite die gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse umfasst, zu
durchdringen und sichtbar zu machen, dass die isolierte Privatexistenz ein
hergestellter Schein der bürgerlichen Verhältnisse ist.

Aus der gesellschaftlichen Vermitteltheit der individuellen Existenz
folgt, dass es unangemessen ist, Menschen lediglich als Träger von
Eigenschaften zu sehen. Biologisierungen, Psychologisierungen oder auch
Personifizierungen kappen den Zusammenhang zwischen Menschen und ihren
gesellschaftlichen Bedingungen. Es geht nicht darum, Menschen zu
problematisieren, sondern die gesellschaftlichen Bedingungen, wie sie sich
in der konkreten Lebenslage zeigen. Die Umdeutung von problematischen
Situationen zu problematischen Eigenschaften von Menschen (etwa
»Egoismus«), lenkt die Lösungsenergie auf das falsche Betätigungsfeld. Im
Gegenzug wäre es aber auch falsch, Menschen lediglich als Marionetten ihrer
gesellschaftlichen »Prägungen« und Befolger gesellschaftlicher Gesetze und
Zwänge zu betrachten. Dann werden sie von vornherein wesentlicher
menschlicher
Charakteristika beschnitten.

Menschliche Subjektivität hängt eng damit zusammen,dass menschliche
Individuen »natürlich gesellschaftlich« sind, dass also ihre »Natur« darin
besteht, gesellschaftlich vermittelt zu leben. Durch die
Gesellschaftlichkeit entsteht ein spezifischer Möglichkeitsraum: Was für
das Ganze notwendig ist, hat für den
Einzelnen nur Möglichkeitscharakter. Dabei geht es nicht nur um
»Möglichkeiten 1. Ordnung«, also die Möglichkeiten, die sich innerhalb
vorgegebener Bedingungen, gegebener gesellschaftlicher Verhältnisse bieten
– sondern es geht auch um die »Möglichkeit 2. Ordnung«: das Verändern der
Rahmenbedingungen, der gesellschaftlichen Verhältnisse selbst. »Menschen
sind Subjekte, insofern sie sich selbst in verallgemeinerter Weise als
Ursprung von Schaffung und der Veränderung der gesellschaftlichen
Verhältnisse gemäß ihren Lebensinteressen erfahren können« (Holzkamp 1983b:
139). Unter gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen »die Masse der
Individuen von der kollektiven Verfügung über ihre Lebensbedingungen
ausgeschlossen und auf ihr privates, individuelles Dasein zurückgeworfen
ist« (Holzkamp 1980: 212, kursiv A.S.), haben die Individuen zwei mögliche
Handlungsausrichtungen: Die eine weist in Richtung einer »gemeinsame(n)
Erweiterung der gesellschaftlichen Lebensmöglichkeiten« (Holzkamp 1983a: 2)
– also in Richtung der Möglichkeit 2. Ordnung, die andere in Richtung eines
individuell begründeten Verzichts auf diese Erweiterung, des
Sich-Einrichtens in den Möglichkeiten 1. Ordnung. Diese beiden Richtungen –
verallgemeinerte und restriktive Handlungsfähigkeit (vgl. S.7) – sind kein
äußerer Bewertungsmaßstab,
sondern können jedem Individuum dabei helfen, die eigenen Gründe besser zu
verstehen und bewusster zu entscheiden.

Menschliches Verhalten ist begründet, nicht nur bedingt

Menschliches Verhalten ist keine marionettenhafte Reaktion auf
beherrschende gesellschaftliche Strukturen, sondern Menschen handeln
begründet in bzw. gegen diese Strukturen. Dabei sind diese Handlungsgründe
die »Scharniere« zwischen den gegebenen gesellschaftlichen Strukturen wie
je ich sie in meiner Lebenslage
erfahre und dem individuellen Handeln. Menschliches Verhalten ist nicht in
Form von »Bedingungs-Ereignis-Zusammenhängen« zu diskutieren, sondern als
»Prämissen-Begründungs-Zusammenhänge« (vgl. Holzkamp 1983a: 352). Prämissen
sind dabei jene durch die gesellschaftlichen Bedingungen gegebenen
Handlungsmöglichkeiten, die angesichts je meiner gerade vorliegenden
Problematik und der vorhandenen konkreten Interessen wichtig werden.

Das Ernstnehmen der jeweils individuellen Prämissen und subjektiven Gründe
macht emanzipatorisches Denken und Handeln komplexer als oft angenommen. Es
kann nicht darum gehen, »unter welchen Bedingungen« die Menschen vielleicht
besser für ihre Rechte kämpfen würden, es kann erst recht nicht darum
gehen, ihnen wohlwollend und bevormundend diese Bedingungen stellvertretend
zu schaffen. Bedingungen für die Selbstbestimmung können nicht fremdgesetzt
werden. Dasselbe gilt auch für vorgegebene Ziele, z.B. in der
Bildungsarbeit: »Solange sie Teil einer fremdgesetzten Anordnung (...)
sind, können sie Probleme der Selbstbestimmung für die Teilnehmenden
darstellen« (Kaindl 2009: 144). Jedes Vorgehen, dass von vornherein primär
die »Einflussnahme auf Andere« anstrebt, entmächtigt und entsubjektiviert
diese Anderen.

Intersubjektivität der wechselseitigen Selbstentfaltung

Es soll hier nicht um moralische Anforderungen gehen,die zu erfüllen sind,
sondern darum, welche Vorgehensweisen dem Ziel der Emanzipation dienlich
sind oder ihm widersprechen. Fremdbestimmung verhindert Selbstbestimmung.
Das gegenseitige Aufeinanderhetzen verhindert kooperative Beziehungen, und
wenn man andere Menschen instrumentalisiert, braucht man sich nicht zu
wundern, wenn alles nur mit Druck oder gar nicht läuft. Im
Einführungsbeitrag (S.7) wurde bereits der Unterschied zwischen
Instrumentalbeziehungen und Subjektbeziehungen
erläutert. Subjektbeziehungen basieren weniger auf gutem Willen oder
angeeigneten Kommunikationstechniken, sondern sie müssen bereits die
Vorformen
gesellschaftlicher Praxis bestimmen, die als Ziel auch die künftigen
Gesellschaftsformen konstituieren soll: Die eigenen Freiheitsräume wachsen
nicht mehr auf Kosten der Freiheitsräume anderer, sondern die jeweils
individuelle Selbstentfaltung bezieht ihre Kraft aus der Selbstentfaltung
der Anderen und stärkt wiederum diese. In einer Zukunftswerkstatt mit dem
Thema »Ums Menschsein geht es« formulierten die Teilnehmenden als
abschließende konkrete Utopie den Satz: »Ich bin selbst ein Puzzle/Teil des
Ganzen, ich kann und möchte meinen Platz finden; ich kann ein gutes Teil
weitergeben und mich selbst komplettieren«.

Die Kunst der Ent-Unterwerfung

Es gibt eine alte anarchistische Regel: Die Mittel dürfen dem Ziel nicht
widersprechen! In unserem Fall muss erst noch begründet werden, warum es
erforderlich ist, in den eigenen Bewegungen und Strukturen intersubjektive
Beziehungen zu pflegen und Instrumentalisierungen kenntlich zu machen und
so weit wie möglich zu verhindern. Wäre es nicht doch sinnvoll, für die
»große Politik« primär in Kategorien des Gegeneinander, des konsequenten
Kampfes gegen Unrecht und Ausbeutung usw., die Stärkung durch
Geschlossenheit der eigenen Reihen anzustreben, um machtvoll und
erfolgreich zu werden?

Welche Macht und welchen Erfolg kann man dann aber erwarten? Die
historische Erfahrung zeigt: Manche Mittel machen das angestrebte Ziel
zunichte, und Menschen zu instrumentalisieren und sich instrumentalisieren
zu lassen, bringt keine Emanzipation in die Welt. Ich kann unter Umständen
gute Gründe haben, mir selbst das Hintergehen meiner Absichten nicht
einzugestehen. Wenn ich monatelang
bei den wöchentlichen Montagsdemos von denen, für die ich mich einsetze,
vom Eiscafé nebenan nur genervt angeglotzt werde; wenn die Leute nur müde
aus dem Fenster linsen, während wir uns bei der Antifademo den Hintern
abfrieren... – dann kommen die Fragen hoch: »Was ist nur mit diesen Leuten
los? Wie bekommen wir sie auch dazu, dass...?«

Wir bekommen sie mit Sicherheit nicht dazu, wenn wir sie zu etwas bekommen
wollen. Fremdbestimmung konterkariert das gute Ziel. Wenn wir uns nicht auf
unsere und ihre Gründe einlassen, werden wir trotz aller Bemühungen nicht
viel erreichen. Wenn wir also auf diesem Weg nicht weiter kommen, und
vielleicht sogar verstehen, dass wir uns durch das Ausschalten ihrer
Subjektivität selbst die Beine gestellt haben, können wir auch beginnen, es
anders zu versuchen: Es geht darum, die jeweils individuellen Gründe für
politisches Handeln ernst zu nehmen. Das heißt noch lange nicht, alle
Begründungen zu akzeptieren und hinzunehmen, aber es bietet die Chance, mit
anderen Menschen zusammen zu arbeiten und die Gesellschaft zu verändern,
statt letztlich gegen sie.

Wie können wir, ausgehend von der Anerkennung des Begründetseins von
menschlichem Handeln, unser Vorgehen erfolgreicher gestalten? Wichtig ist
es, jeweils von konkreten Lebensproblemen auszugehen. Die Art und Weise,
wie Menschen versuchen, ihr Leben zu realisieren, wird unter den gegebenen
gesellschaftlichen Bedingungen letztlich widersprüchlich sein. Wenn ich
ständig um meinen Arbeitsplatz bangen und mich dafür abstrampeln muss,
fällt es mir schwer zu akzeptieren, dass andere auch ohne diese Anstrengung
gut leben dürfen. Aber auch mir selbst spreche ich damit diese viel
angenehmere Möglichkeit ab. Wenn ich Erfolg in der politischen Arbeit will
und mich dabei über die Interessen anderer hinwegsetze, dann schade ich
meinem eigentlichen Ziel. Dann kann es schmerzhaft sein, diese
Selbstbehinderungen auch noch zu erkennen – Verdrängung liegt nahe. Wenn
ich Glück habe, befinde ich mich unter Menschen, mit denen wir gemeinsam
über solche Erfahrungen sprechen können und unter denen es üblich ist,
diese Probleme nicht in Form von »Schuldzuweisungen« zu diskutieren,
sondern bei denen darüber nachgedacht wird, in welcher Lebenslage ich mich
befinde und was für mich Prämissen sind, von denen ausgehend ich meine
Entscheidungen getroffen habe. Vielleicht finden wir dann gemeinsam andere
Möglichkeiten, das entsprechende Problem zu bewältigen. »Es wird ein Lachen
sein, das Euch besiegt...« Die große Bedeutung der zwischenmenschlichen
Beziehungen hat ihren Grund nicht primär im Bedürfnis nach einer
»Wärmestube«, sondern sie will einen wichtigen Kraftquell für politische
Kämpfe speisen. Subjektbeziehungen sind selbst »Kampfbeziehungen gegen
Unterdrückung, damit für ihre volle Verallgemeinerbarkeit« (Holzkamp 1979:
14). Ohne Subjektbeziehungen wird das Ziel der Emanzipation in Frage
gestellt. Neben der Strategie, Dämme zu bauen gegen die Angriffe und die
Zumutungen gegen unsere Lebensinteressen, besteht der dynamischere Teil des
Kampfs für neue gesellschaftliche Verhältnisse (oder auch das
Erträglichhalten der alten, solange notwendig) darin, bereits im
Vorhandenen neue Lebensprinzipien in die Welt zu setzen. Wir bauen damit
Schiffe, die uns in eine neue Welt befördern, als Elemente der neuen Welt
innerhalb der alten, wie es Marx forderte (Marx MEW 4/Man: 480). Weder beim
Dämme- noch beim Schiffebauen kommen wir weit, wenn wir untereinander oder
mit anderen Menschen so umgehen, wie es in der alten Welt gang und gäbe
ist, nämlich instrumentalisierend und Schuldvorwürfe zuweisend. Auch im
Kampf ist das mitreißende Argument das Erleben einer anderen, befreienden
Umgangsweise miteinander. Nicht umsonst bestehen die jahrzehntelangen
Kämpfe gegen die Castor-Transporte im Wendland weder aus einer ewigen
Trauerfeier noch einem Wutgeheul, sondern Witz und Bauernschläue vereinigen
sich mit Emma Goldmanns Prinzip: »Wenn ich nicht tanzen kann, ist es nicht
meine Revolution«.

Literaturangaben online unter
kritische-psychologie.de/contraste


»SELBSTBEFREIUNG«

Ohne die Vielfalt der in CONTRASTE vertretenen Bewegungen und
Gruppierungen zu schmälern, kann man ihr Anliegen wohl ganz allgemein als
eines der Emanzipation von ausbeuterischen, unterdrückerischen und
entmündigenden Verhältnissen und Beziehungen verstehen. Der Inhalt der
Kategorie »Emanzipation« unterlag, wenn man Wikipedia folgt, einer
Bedeutungsverschiebung. Ging es früher um eine Gewährung von
Selbstständigkeit, so geht es heute um Selbstbefreiung. Dieser Wandel ist
in der politischen Praxis oft noch nicht angekommen; wohlwollende
Bevormundung oder auch abwertende Personalisierungen bestärken die häufig
vorkommende Praxis von Entmündigung und Entsubjektivierung. Ein Konzept,
das als Subjektwissenschaft entstanden ist, kann Aktiven im weiten Feld der
Emanzipation hilfreiche Gedankenformen für die notwendige Umorientierung
von der »Gewährung der Freiheit« zur »Selbstbefreiung«
bieten.********************************************************************************

CONTRASTE ist die einzige überregionale Monatszeitung für
Selbstorganisation. CONTRASTE dient den Bewegungen als monatliches
Sprachrohr und Diskussionsforum.

Entgegen dem herrschenden Zeitgeist, der sich in allen Lebensbereichen
breit macht, wird hier regelmäßig aus dem Land der gelebten Utopien
berichtet: über Arbeiten ohne ChefIn für ein selbstbestimmtes Leben,
alternatives Wirtschaften gegen Ausbeutung von Menschen und Natur,
Neugründungen von Projekten, Kultur von "unten" und viele andere
selbstorganisierte und selbstverwaltete Zusammenhänge.

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über Seminare, Veranstaltungen und Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt.

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