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Insa Pohlenga <contraste ät online.de>6. Dec 2011 16:32

Leuchtturm im Schatten von Investoren

Aus CONTRASTE Nr. 318 (März 2011, Seite 11)

EIN WAHRZEICHEN, SEINE BÜRGERBEWEGUNG UND SEIN EIGENTÜMER

Leuchtturm im Schatten von Investoren

Ein Leuchtturm ragt über die Dächer des Kölner Stadtteils Ehrenfeld, etwa
vier Kilometer vom Rhein entfernt. Als Seezeichen diente der Turm noch nie,
eher war er ein Prestigesymbol der Frühindustriellen Elekrizitäts-AG namens
»Helios«. Zwei Jahrhunderte später steht der Turm immer noch und zwar nicht
nur als Relikt dieser Zeit. Er ist zum Symbol einer Bürgerbewegung
geworden, der »Helios-Bürgerinitiative«. Diese will verhindern, dass die
Investoren »Bauwens-Gruppe« und »MFI-Gesellschaft« (Gesellschaft für
Gewerbeimmobilien mbH, Essen) auf dem alten Firmengelände, das zurzeit
durch Ateliers, Werkstätten, einen alternativen Konzertclub und ein paar
Läden genutzt wird, eine Shopping-Mall errichten. Was vorher geschah, war
klassisch: Die Industriebrache zog Subkultur an; das interessierte
Investoren-Scouts, die ihre Empfehlung aussprachen, und folglich kaufte
»Bauwens« mit einem Anteil von 80% das Gelände.

Von Insa Pohlenga # Bei der Entwicklung in Köln-Ehrenfeld sticht
allerdings heraus, dass sich ein so breites Spektrum von ganz
unterschiedlichen Menschen gegen die geplante Stadtteilaufwertung stellt.
Die BI-Mitglieder fordern eine Mischbebauung und -nutzung: Denkmalerhalt,
Büros, Werkstätten, Ateliers, Grünflächen, bezahlbaren Wohnraum,
Einzelhandel auf gleichbleibender Fläche, den Erhalt des Konzertclubs und
der Subkultur insgesamt.

Den Anstoß zur Gründung der BI gab eine Infoveranstaltung, zu der etwa 50
Leute kamen, und ein Facebook-Aufruf. Dieser Impuls reichte aus, um einen
Zusammenschluss von ArchitektInnen, KünstlerInnen, EinzelhändlerInnen der
Gegend sowie Leuten der Partyszene und interessierten BürgerInnen des
Stadtteils (auf Kölsch: Veedel) zu initiieren. »Unter den 50 Personenwaren
circa 10 EinzelhändlerInnen und 10 Leute von Parteien. Die anderen waren
interessierte Bürger und Bürgerinnen«, sagt Mitinitiator Thor Zimmermann,
der für die Wählergruppe »Deine Freunde« im Kölner Stadtrat sitzt.
Mittlerweile hat die BI 150 aktive Mitglieder und 3.000 Facebook-Anhänger,
700 Menschen protestierten 3 Monate nach BI-Gründung gegen die geplante
über 20.000 qm große Mall.

Das wöchentliche Treffen der BI findet in einem nur wenige Fußminuten von
dem Gelände entfernten Café statt. Die SprecherInnen der Arbeitskreise
Kultur, Netzwerk, Öffentlichkeitsarbeit und Stadtentwicklung trudeln
langsam ein. Allein
optisch lassen die Delegierten Vermutungen zu, wie unterschiedlich die
Menschen in der BI sind. Der Sprecher der Bürgerinitiative, Hanswerner
Möllmann, weiß um
die Vielfalt der Initiative und ist froh über die bisherigen
Entscheidungsfindungen: »Bis jetzt wurde in Vollversammlungen über die
Ziele und über den Sprecher abgestimmt, das war zum Glück beide Male
einstimmig. In Zukunft wirddas sicher schwierig und wir müssen mehrheitlich
entscheiden.«

In der nahen Zukunft kommt es vor allem auf den Ablauf der
Bürgerbeteiligung an. Diese soll ab dem Sommer in Form mehrerer extern
moderierter Themenabende stattfinden. Die Ergebnisse sollen in die weiteren
Planungen einfließen. Die PolitikerInnen der Bezirksvertretung und auch die
des Stadtentwicklungsausschusses plädierten mit großer Mehrheit für ein
solches Verfahren. So glatt werden Entscheidungen bei dem Gespräch mit den
Investoren wohl nicht verlaufen; sie wollen ihr Geld gewinnbringend
investiert sehen, auch wenn die »Bauwens-Gesellschaft« geäußert hat, Kultur
und öffentlich nutzbaren Raum auf dem Gelände integrieren zu wollen. Kultur
ist eben nicht gleich Subkultur, und die will die BI in ihrem Veedel
erhalten. Die Mitglieder haben bei der geplanten Gentrifizierung aber nicht
nur ihren eigenen Stadtteil vor Augen, sondern die gesamte Stadt und die
Entwicklung bundesweit: »Die Künstler haben schon gesagt, wenn das
Heliosgelände als kreativ nutzbare Fläche auch noch wegfällt, gehen sie
weg, nicht nur aus Ehrenfeld, sondern auch aus Köln«, sagt die Sprecherin
der Stadtentwicklungsgruppe. Auch in dem bisherigen Verlauf der Bewegung
sehen Mitglieder und einige Politiker ein Exempel, das auch andernorts
anwendbar ist, ein Pionierprojekt, das zukünftig in vielen Städten für eine
höhere BürgerInnenbeteiligung in der Stadtentwicklung sorgen soll. Ob der
Turm also auch überregional zum Wahrzeichen wird? Möllmann sieht zumindest
die Aussicht in Ehrenfeld positiv: »Wir denken zwar nicht, dass wir die
Aufwertung komplett aufhalten können, aber wir werden bei der
Bürgerbeteligung gute Argumente für unsere Ideen haben.«


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