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Werner Braeuner <contraste ät t-online.de>10. Mar 2009 19:11

Leserbrief: GFK im Knast

Aus CONTRASTE Nr. 292 (Januar 2009, Seite 15)

IM POSTFACH

Betreff:
GFK im Knast, CONTRASTE Nr. 290

Sehr geehrte Redaktion,

ein GFK-Kurs in der JVA Sehnde habe zwei Gefangene befähigt, ihre
Vollzugsabteilungsleiter nicht länger als »bürokratische Monster«
wahrzunehmen. Wohl wahr, bürokratische Monster sind
Vollzugsabteilungsleiter nicht, allenfalls haben sich diese einer
Institution angeschlossen, die als monströse Bürokratie tituliert werden
könnte, weil sie permanent Gewalt in Form von Freiheitsberaubung und
Nötigung ausübt.

Ist einer, der Gewalt ausübt, Gewalttäter, dann ist einer, der
Staatsgewalt ausübt, ein Staatsgewalttäter. Wie immer gut Staatsgewalt auch
als »gute Gewalt« legitimiert sein mag, bleibt sie für die Seele eines
Täters dennoch Gewalt – sofern einer mit Empathie begabt ist, wird ihm das
Ausüben von Gewalt gegen einen anderen selbst weh tun müssen, und er wird
selbst Gewaltopfer sein. Objektiv gesehen, sind Vollzugsbedienstete nicht
»Monster« sondern Opfer einer Bürokratie. Allerdings mit dem Unterschied,
sich dieser Bürokratie freiwillig angeschlossen zu haben, was für Gefangene
nicht gilt.

Indem er sich über diese banale Lage der Dinge ausschweigt, muss der
CONTRASTE-Beitrag unausweichlich nahe legen, zwei Opfer von Gewalt mögen
sich bitteschön doch solidarisch begegnen: der Bedienstete als Opfer seiner
freiwilligen Unterwerfung, der Gefangene als Opfer seiner unfreiwilligen,
seiner Unterworfenheit.

Solche Solidarität fordert vom Unterworfenen ebenfalls freiwillige
Unterwerfung. Dazu hat er sich als Opfer zu begreifen, nicht als
Unterlegener: als Opfer »der Gesellschaft«, »seiner Sozialisation « usw.
Ein »guter Gefangener« ist einer, der sich als Opfer anerkennt und sich
freiwillig unterwirft. Damit spiegelt er den realen Status des Bediensteten
und kann sich mit diesem kitschig in sklavischer Opfersolidarität gemein
machen.

Fortan hat der Gefangene brüderlichen Kontakt zu Bediensteten zu suchen
und sich vertrauensvoll »resozialisieren« zu lassen, was in solchem Setting
ebenfalls nur Unterwerfung bedeuten kann. »Gute" Gefangene entlasten die
Psyche der StaatsgewalttäterInnen und werden mit Vollzugslockerungen und
vorzeitiger Entlassung belohnt. Die Welt ist ein Kungel. Wird solchem
Gekungel nicht offensiv gegengehalten, bilden sich, gleich Blasen in einem
Sumpf, Seilschaften bösartiger Bediensteter, mit dem Ziel, nicht »gute«
Gefangene zu schikanieren bis hin zu zerstören. Vom Joch freiwilliger
Unterwerfung gebrochene Gäule ertragen die zusätzliche Kränkung durch
(gefangene) Wildpferde nicht, die sich dem freiwilligen Joch verweigern.

Lässt die Interaktion im Strafvollzug sich in solchen Bildern beschreiben,
entsteht ein prächtiges Irrenhaus, das auch durch GFK nicht zu heilen ist.
Vielmehr sollte GFK versuchen, Gefangene zu stärken, nicht in die Falle des
»guten Gefangenen« zu tappen.

Denn eben aus dieser Falle entstehen aus einer monströsen Bürokratie
bürokratische Monster.

Mit solidarischem Gruß
Werner Braeuner, z.Zt. JVA Sehnde

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