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Martin Ling <contraste ät online.de>6. Dec 2011 14:38

Katalonien: Zu einer anderen Gesellschaft

Aus CONTRASTE Nr. 327 (Dezember 2011, Seite 1 und 4)

KATALONIEN

Zu einer anderen Gesellschaft

Einst erleichterte Enric Duran spanische Banken (s. CONTRASTE Nr. 303,
Seite 5) nun druckt er in der katalanischen Kooperative eigenes Geld.

Von Martin Ling, Barcelona # Der Euro ist in der Krise, Regiogeld boomt.
Mit den regionalen Zahlungsmitteln können Bürgerinnen und Bürger bei allen
teilnehmenden Gewerbetreibenden Leistungen einkaufen. Die Geldeigenschaften
regen die Geldzirkulation an und stärken Strukturen vor Ort. In Deutschland
verstehen sie sich als Ergänzung zu Euro und Marktwirtschaft. Die
katalanische Kooperative dagegen möchte damit ganz neue Wege gehen.

Geschichte hat Enric Duran bereits geschrieben: Der 35-jährige Katalane
war der erste spanische Staatsbürger, der wegen Kreditschulden im März 2009
in Untersuchungshaft landete. Der Grund: Er hatte mit fingierten Unterlagen
39 Banken und Kaufhäuser erleichtert, um mit den daraus erhaltenen 492.000
Euro kleine, finanzschwache linke Projekte zu unterstützen. Längst ist er
gegen Kaution und ohne Reisepass wieder auf freiem Fuß. Dem noch nicht
terminierten Verfahren sieht er mit Gelassenheit entgegen.

Derweil arbeitet er seit dem Frühjahr 2010 am Aufbau der »Cooperativa
Integral Catalana« (CIC), in der die Geldbeziehungen Schritt für Schritt
durch freiwillige soziale Vereinbarungen ersetzt werden sollen. Ein Anfang
ist gemacht, rund 2.000 Menschen sind bereits integriert – die tiefe
Wirtschaftskrise Spaniens beflügelt die Initiative.

Enric Duran zu treffen, ist im Prinzip kein Problem. Es muss nur eine
Lücke im dicht gedrängten Terminplan des viel beschäftigten
Globalisierungskritikers gefunden werden. Um drei Uhr an einem
Samstagmorgen schickt er die E-Mail, mit der er das am selben Tag für zwölf
Uhr vorgesehene Treffen um vier Stunden nach hinten schiebt. Treffpunkt:
Die Räume der »Cooperativa Integral Catalana«, der integrierten,
katalanischen Kooperative am Plaza del Sol im Stadtteil Gracia in
Barcelona. E-Mails um drei Uhr in der Nacht zu schreiben ist für Duran die
Regel. Jeweils vor dem Schlafengehen checkt er die elektronische Post ein
letztes Mal und versendet dringliche Antworten. Mit hoher Leidenschaft und
hoher Leistungsbereitschaft arbeitet der Katalane am Traum von einer
anderen Gesellschaft. »Die Energie, die ich früher in den Sport gesteckt
habe, fließt jetzt in die politische Arbeit«, erzählt er und begründet
seine Fähigkeit, mit meist nur fünf Stunden Schlaf auszukommen, mit seiner
sportlichen Vergangenheit, die seinen Körper und Geist an hohe Belastungen
gewöhnt hätte. Als Fünfjähriger begann er mit dem Schachspiel und brachte
es zum katalanischen Schülermeister. Später widmete er sich
leidenschaftlich dem Tischtennis.

Die Welt des Sports wurde ihm bald zu klein. Er zog von seiner Heimatstadt
Vilanova, 40 Kilometer vor den Toren Barcelonas, rund 60.000 Einwohner,
nach Barcelona.

Sich den Regeln des Marktes verweigern

Er war Mitgründer des Infoladens »Infoespai«, der nur wenige Meter von der
CIC entfernt liegt, beteiligte sich an Schuldenerlasskampagnen für die
Dritte Welt und setzte dann zum großen Coup an: Ende August 2005 startet
Duran seinen kalkulierten Bankenraub: Mit 6.000 Euro Startkapital, als
Kredit von einem ahnungslosen Verwandten, legte er los und setzte eine
Kreditspirale in Gang. Von kleinen Konsumkrediten bis hin zu einer Hypothek
– 68 Kreditlinien bei 39 Finanzinstitutionen, über insgesamt 492.000 Euro
wurden bewilligt. Bereitwillig, weil sie davon leben, Darlehen zu verkaufen
und diese im Zweifelsfall mithilfe der Staatsgewalt wieder einzutreiben.

Mit frischem Geld aus neuen Krediten zahlte Duran anfangs die ersten Raten
der alten Kredite. Nach einigen Monaten stellte er die Zahlung dann ein.

»Die Lawine wurde immer größer«, berichtet Duran. Im September 2008
beschloss er schließlich, alles Geld abzuheben, umzuverteilen und »die
Aktion«, wie er es nennt, öffentlich zu machen. Das Geld floss in soziale
Projekte sowie in die Herausgabe von Publikationen wie »Podem!«, die im
März 2009 mit einer Auflage von 450.000 kostenlos verteilt wurde. »Podem«
heißt auf katalanisch »Wir können«. In der Zeitung skizzierte Duran seine
Vision: Wir können »ohne Banken, ohne Multis, ohne Geld, ohne politische
Klasse«, kurzum: »ohne Kapitalismus leben«. Folgenlos blieb der Bankraub
der anderen Art nicht. Nach seiner Verhaftung Mitte März 2009 saß Duran gut
zwei Monate in Untersuchungshaft, bevor er auf Kaution freigelassen wurde.
»Das war eigentlich eine schöne Zeit«, erinnert er sich. »Da mein Fall
Schlagzeilen gemacht hatte, wurde ich vom Gefängnispersonal korrekt
behandelt und ich hatte jede Menge Zeit, um Bücher zu studieren.«

Seit Frühjahr 2010 ist es die »Cooperativa Integral Catalana«, der sein
Hauptaugenmerk und seine Energie gilt. Die zentrale Zielsetzung: Zwischen
Personen und sozialen Unternehmen ein Netzwerk von kooperativen und
sozialen Wirtschaftsbeziehungen zu schaffen, das sich den Marktregeln und
staatlicher Kontrolle verweigert.

Der Name ist mit Bedacht gewählt: Cooperativa, weil es sich um die
Rechtsform einer Kooperative handelt, in der jedes Mitglied
gleichberechtigt ist und an der wirtschaftlichen und politischen
Selbstverwaltung teilnimmt. Integral steht für den ganzheitlichen Ansatz,
die Ebenen von Produktion, Konsum, Finanzierung und unterschiedlicher
Formen selbst geschaffener sozialer Währungen zu verbinden. Integral steht
außerdem dafür, dass alle lebensnotwendigen Tätigkeiten unter dem
Kooperativendach vereint sind. Katalanisch bezieht sich darauf, dass sich
die Kooperative in ihrer geografischen Ausdehnung nicht über Katalonien
hinaus erstreckt, zumal ohnehin das Subsidiaritätsprinzip hochgehalten
wird: Was lokal erzeugt und besorgt werden kann, wird lokal erzeugt und
beschafft, um regionale Kreisläufe zu stärken. Dennoch muss niemand auf
Kaffee verzichten – der findet sich als Bioimportware auch im Laden der
Kooperative.

Der kleine Laden in Gracia ist einer der ökonomischen Bausteine der CIC.
Dort können Mitglieder preiswert hochwertige Lebensmittel zumeist aus der
Region erwerben, von Produzenten, häufig Landkooperativen, die bereit sind,
zehn Prozent des Erlöses in ECOcoop zu akzeptieren, der hauptsächlichen
sozialen Währung der Kooperative. Dabei handelt es sich um virtuelles
Buchgeld, das nicht in Euro getauscht werden kann, sondern für das es
Gegenleistungen im Rahmen des Angebots der CIC gibt: Das können zum
Beispiel physiotherapeutische, juristische oder medizinische Leistungen von
Kooperativen-Mitgliedern sein. Dadurch, dass die Lieferbeziehungen direkt
sind – ohne einen profitorientierten Zwischenhandel – kommen für die
Konsumenten und Produzenten Preise zustande, die für erstere unter
beziehungsweise, für letztere über dem marktüblichen Preis lägen, erklärt
Duran eine monetäre Motivation zur Teilnahme an dem Projekt. Das
Grundanliegen sei freilich, gerechte Beziehungen zwischen Produzenten und
Konsumenten zu schaffen. Dementsprechend sollen sich die Preise an den
Kosten und Notwendigkeiten der Produzenten orientieren, die wiederum ihre
Produktpalette an den Bedürfnissen der Konsumenten ausrichten. Die
Kooperative als Dienstleister informiert die Produzenten über die Wünsche
der Konsumenten und organisiert zudem den kostensparenden kollektiven
Einkauf, wofür sie drei Prozent Provision erhält.

Die gesellschaftliche Alternative leben

Auch wenn das langfristige Ziel darin besteht, den Kapitalismus und die
Geldwirtschaft zu überwinden, mithin Geld auf seine Funktion als reines
Tauschmittel zu reduzieren, führt kurz- und mittelfristig noch kein Weg am
Euro vorbei. Auch die Mitgliedsbeiträge, die von sechs Euro für ein
Normalmitglied bis hin zu mindestens 25 Euro für die sogenannten autonomen
Mitglieder reichen, die ein Teil ihrer Produktion oder Dienstleistung auch
auf dem »freien Markt« feilbieten, werden in der Regel in Euro gezahlt,
wofür es allerdings den entsprechenden Gegenwert in ECOcoops zum Bezug von
Kooperativenleistungen gibt. Leistungen und Gegenleistungen werden
verrechnet innerhalb der CIC, der auch viele Tauschringe angehören, mit dem
computerbasierten sogenannten Community Exchange System (CES). Dies ist ein
globales Netzwerk von sozialen oder sogenannten Komplementärwährungen. Das
Konto bei der CES gibt den Teilnehmern den Zugang zu einem nach Kategorien
sortierten Markt, wo sie selbst Güter und Dienstleistungen anbieten oder
dort hinterlegte Angebote nachfragen können – alles ohne reales Geld.

Der Anspruch der »Cooperativa Integral Catalana«, Theorie und Praxis zu
verbinden, findet offensichtlich Anklang. Rund 1.500 Menschen seien in der
CIC aktiv – entweder als Einzelpersonen oder über die Mitgliedschaft in
Kollektiven wie Stadtteilgruppen, Tauschringen oder einer
Transportkooperative. »Es ist eine immense Arbeit, das ganze Miteinander zu
organisieren «, erzählt Duran. Die CIC wächst und wächst, und neue
Mitglieder müssen in Aufgaben eingewiesen und eingearbeitet werden, was
bisher Duran und einer Handvoll besonders rühriger Mitstreiter obliegt.
Dass im Falle eines Prozesses und einer Verurteilung wegen Bankenraubs die
CIC ohne den unermüdlichen Antreiber zusammenbricht, glaubt er freilich
nicht: »Ich bin nicht der Einzige, der hier viel arbeitet. Jeder ist
ersetzbar und so sind unsere Strukturen auch angelegt. Unsere Kapazität,
Einzelne zu ersetzen, wächst im Verlauf«, sagt er optimistisch, wobei er
ohnehin
nicht davon ausgeht, dass die Justiz ihn alsbald mit einem Verfahren
belangen wird. Säumige Hypothekenschuldner gibt es im krisengeschüttelten
Spanien wie Sand am Meer und auf einen Prozess mit politischem Charakter
dürften Regierung und Judikative wenig erpicht sein.

Ohne Zweifel hat die tiefe Wirtschaftskrise in Spanien auch die CIC
beflügelt: Die Möglichkeit Euro zu sparen, die Möglichkeit, durch
gemeinnütziges Arbeiten ECOcoops zu erwerben, ist gerade in solchen Zeiten
auch eine Motivation für Menschen, die sich bis dato weniger mit
gesellschaftlichen Alternativen auseinandergesetzt haben. Durans Motivation
freilich liegt darin, den Übergang zu einer anderen Gesellschaft zu
organisieren. Ihm ging und geht es immer um das System als Ganzes. Die
»Cooperativa Integral Catalana« ist dabei nur eine weitere Etappe.

Aus: Neues Deutschland, 12.11.2011
www.nd-online.de/artikel/210902.html

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