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Jean Peters / Luther Blissett <contraste ät online.de>4. Jan 2012 17:56

KOMMUNIKATIONSGUERILLA: Nahrungsmittelspekulation adé!

Aus CONTRASTE Nr. 328 (Januar 2012, Seite 1 und 2)

KOMMUNIKATIONSGUERILLA

Nahrungsmittelspekulation adé!

Brot an der Börse ist ein fieses Geschäft, da mit dem Hunger der Ärmsten
gezockt wird. Lenken Dirk Niebel und Josef Ackermannnun doch ein? Ein Drei
Punkte Plan zur Rettung der Welt.

Von Jean Peters und Luther Blissett # Auf alle Lebensmittel und Rohstoffe
erhebt das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung (BMZ) ab dem 1. Januar 2013 eine Zusatz-Steuer. Momentan sind
etwa 40% geplant. Damit reagiert die Regierung auf den Druck, der aus den
Skandalen um Nahrungsmittelspekulationen entstand. Es wurde zu deutlich,
wie die Bevölkerung in Ländern mit geringem pro Kopf Einkommen
Preisschwankungen, die durch Spekulationskäufe mit sogenannten »soft
commodities« und weiteren Nahrungsmittelbranchen entstehen, in Hungersnöte
geraten.

Da sie die Gesetze des freien Marktes auf globaler Ebene nicht
beeinflussen könne, erhebt sie nun eine Zusatz-Steuer für EndkonsumentInnen
in Deutschland. Das Ziel, so Bundesminister Niebel, sei primär ein
Bewusstsein für Lebensmittelabhängigkeit im globalen Norden zu stärken.
Durch die Erlöse, so Niebel weiter, solle in Entwicklungsprojekte im
globalen Süden investiert werden. Ausgenommen seien französischer
Schaumwein und Kaviar.

Nachdem diese erfundene Information bei Nachrichtenagenturen und in Blogs
gestreut würde, könnte im nächsten Schritt eine Webseite gestartet werden,
in der Ackermann beteuert, dass er sich nun persönlich für die Armen in
Somalia einsetzen wolle. Im Online-Shop könnte man T-Shirts mit Deutsche
Bank-Logo und Sprüchen wie »Stopp den Hunger in Somalia!« und »Rettung
durch Leistung« kaufen. »Beim Kauf von zehn T-Shirts aus echter exotischer
afrikanischer Baumwolle, steht ganz groß darunter, »bekommen Sie eine Aktie
vom Bananenproduzenten Chiquita Brands International gratis dazu!« Die
Models wären Schwarze und Weiße, die sich umarmen.

Wenn sie jetzt kotzen, ist das wahrscheinlich eine rein menschliche
Reaktion. Doch hier wollen wir nicht über die Funktion von Ekel in unserer
Gesellschaft nachdenken, sondern eine praktische Anleitung zu
Kommunikationsguerilla einleiten. Erst nachdem im Oktober 2010 »Foodwatch«
Analysen und Recherchen zu Nahrungsmittelspekulationen veröffentlichte und
mit einer Petition namens »Hände weg vom Acker, mann!« auf die
Machenschaften der Deutschen Bank aufmerksam machte, legte das »Zentrum für
politische Schönheit« mit einem »Kunstprojekt« nach, bei dem der Sprecher
der Deutschen Bank am Telefon die Einstellung bestätigte, die Somalier
seien an ihrer Armut selber Schuld und das sei Aufgabe der Regierungen. Das
war tatsächlich eine Originalaufnahme, die für viel Aufregung in den Medien
sorgte. Doch nun könnte es Zeit sein, die Stimme der Anderen zu übernehmen.
Hauptmann von Köpenick spielen. Den Kaisern neue Kleider weben. Mit
Guerilla- Taktik in die Kommunikation eingreifen.

Wie geht das nun genau? Das Spiel geht so, dass nun nicht noch mal die
Regierung oder die Deutsche Bank nicht öffentlich angeprangert oder
analytisch kritisiert werden, sondern vorübergehend einfach mit ihren
Stimmen gesprochen wird. Ihre Machtposition wird eingenommen.

Einmal an der Macht, gilt es geschickt zu spielen. Nicht zu offensichtlich
sein, denn sonst fliegt man gleich auf. Grundsätzliche Muster sollten
übernommen werden, Sprache oder Auftreten nachgespielt werden. Der Satz mit
Champagner und Kaviar wäre zum Beispiel zu viel. Schließlich wird mit der
gewohnten Sprache und dem typischen Auftreten die traditionelle Ideologie
verdreht. Die Deutsche Bank setzt sich ein. Sie argumentiert grotesk und
fast rassistisch. Alle vermuten Heuchelei und sind irritiert. Im besten
Fall berichten andere Medien und das Thema wird wieder auf die Agenda
gehoben.

Kommunikationsguerilla hat ihre Stärke darin, das die BetrachterIn dazu
nötigt, selbst Position einzunehmen. Sie irritiert meistens so sehr, dass
mensch kaum eine andere Wahl hat, als dazu Stellung zu nehmen. Doch es
bleibt ein Risikospiel, da Missinterpretation manche Idioten auch auf blöde
Ideen bringen kann oder Klischees, so grotesk sie auch dargestellt werden,
verankert werden können. Es ist eben eine Strategie, keine Lösung.

Links:
Eine klassische Kommunikationsguerilla-Aktion:
j.mp/biocompany
Das Video zu Nahrungsmittelspekulation vom Zentrum für Politische
Schönheit:
j.mp/pb-video
Foodwatch report: j.mp/foodwatch-report & Petition:
j.mp/foodwatch-petition

Autoren:
Jean Peters ist prekär lebender Clown, Aktivist, Gelegenheitsanarchist,
Politikwissenschaftler und Geschäftsführer der Horst Köhler Consultings.
Hobbies: spielen, tanzen, hart arbeiten. Er lebt in Berlin und Rüdersdorf.

Luther Blissett gehört zu den meistgelesenen, noch lebenden Experten für
moderne Enttaxonomifizierungstechnicken. Hobbies: vielseitig. Er lebt in
Pallingen und Katmandu.


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