In der neuen Dimension
Aus CONTRASTE Nr. 328 (Januar 2012, Seite 4)
FINANZKOOPERATIVEN UND GEMEINSAME ÖKONOMIE
In der neuen Dimension
Am letzten Oktoberwochenende trafen sich 30 Menschen in Kassel zu einem
Austausch über die Erfahrungen, Probleme und Lösungsansätze in ihren
Gemeinsamen Ökonomien und Finanzkooperativen. Großen Anklang fand die Idee,
Gemeinsame Ökonomien von Finanzkoops, Kommunen und nicht-kommerziellen
Zusammenschlüssen zu einer großen gemeinsamen Ökonomie zu verbinden: GemÖk
hoch zwei – Gemök2. Die Entwicklung eines umsetzbaren Modells geht weiter
am 10.-12.2.2012 in Kirchvers bei Gießen.
Von Sigrun Preissing und Gottfried Schubert # 30 Menschen, die sich kaum
kennen, ein selbstverwalteter Veranstaltungsort und eineinhalb Tage
Zusammenarbeit: die Feedbackrunde am Sonntagnachmittag zeigte, dass viele
der TeilnehmerInnen weit mehr positive Erlebnisse, Kontakte, Anregungen und
Ergebnisse mit nach Hause nahmen als sie erwartet hatten. Schon die
intensive Vorstellungsrunde am Samstag morgen zeigte, dass sich eine
Vielzahl an sehr unterschiedlichen Finanzkooperativen und Gemeinsamen
Ökonomien zum Vernetzungstreffen versammelt hatten. Da viele Finanzkoops
und GemÖks ausschließlich im Privaten agieren und in der Öffentlichkeit
wenig sichtbar sind, konnten viele neue Bekanntschaften gemacht werden.
Die Formen und Modelle, individuelle Einkünfte gemeinsam zu nutzen, waren
vielseitig: mal zwei, mal 80 Leute in einer Gruppe teilten sich nur ein
Konto oder viele Einzelkonten. Manche Gruppen legten ihre Einkünfte
zusammen, um den Alltag zu bestreiten (Alltagsökonomie), einige auch
Erbschaften, Rücklagen und Schulden (Vermögensökonomie). Menschen, die mit
ihrer GemÖk in gemeinsamen Gebäuden wohnen, staunten über Praxen von
Gruppen, deren Mitglieder in unterschiedlichen Regionen leben. Mit dabei
waren auch BewohnerInnen der Kassler Kommunen, Personen aus
Finanzkooperativen im Umbruch und Interessierte ohne aktuelle
GemÖk-Gruppe.
Unterschiedliche Erfahrungshintergründe der TeilnehmerInnen zeigten sich
bei den Arbeitsgruppen am Samstag. Sie diskutierten über
Finanzkoop-übergreifende Altersvorsorgemodelle und unterschiedliche
Möglichkeiten, Vermögen in die GemÖks einzubringen, ohne die damit
verbundenen Ängste zu ignorieren. Austausch gab es auch über die
Erfahrungen im Umgang mit PartnerInnen, Kindern und Eltern von Mitgliedern
der Finanzkoops, die selbst nicht Teil der Gruppe sind. Auch kleinen GemÖks
wurde nochmal in der Arbeitsgruppe zum Thema »politische Relevanz Relevanz«
ihre Bedeutung durch die Vernetzung mit anderen Gruppen bewusster.
Gemeinsame Gemeinsame Ökonomie
– GemGemÖk – GemÖk hoch zwei
Viel Energie wurde aufgebracht für konkrete Formen
der Vernetzung. Ein sehr weitgehender Schritt dahin war die Idee einer
finanziellen Vernetzung von Finanzkoops, Kommunen und ähnlichen
solidarischen Wirtschaftsformen, genannt Gemök2. Durch die Gemök2, so die
Hoffnung, entsteht mehr Sicherheit, Stabilität und Durchlässigkeit unter
den ökonomischen Gruppen. Die Vorstellung, bei Verlassen der eigenen
Bezugsgruppe nicht zwangsläufig aus der gemeinsamen Ökonomie,
Alterssicherung und dem sozialen Netzwerk heraus zu fallen, faszinierte
viele der Mitdiskutierenden. Dieses Modell könnte auch den Bedürfnissen
unterschiedlicher Lebensphasen gerechterwerden. Anderewiederum reizte, dass
die politische Relevanz durch die stärkere Außenwahrnehmbarkeit erhöht
werden könnte.
Bei der begonnenen Entwicklung des Gemök2-Modells haben sich erste
Kriterien und Bedürfnisse herauskristallisiert. Zum Beispiel war den
TeilnehmerInnen wichtig, bisherige soziale Bezüge, wie die eigene
Finanzkoop, Kommune usw. in der Gemök2 beibehalten zu können. Eine erste
Idee war, in diesen bestehenden Bezügen – den sogenannten
»Kuschelökonomien« oder »Mögensökonomien« – weiterhin die Alltagsökonomie
zu regeln, auch wenn das Geld in eine große gemeinsame Kasse fließt. Die
Frage der Vermögensökonomie blieb noch unkonkreter, zumal manche
mitdiskutierende Gruppe bisher noch keine hatte. Es wurde jedoch deutlich,
dass das Kollektivieren des eigenen Vermögens attraktiver wird, wenn es in
einer größeren Gruppe organisiert ist. Das weiter zu entwickelnde Modell
soll mit einfachen und durchschaubaren Regelwerken machbar sein,
zusätzlichen sozialen Stress vermeiden und den bisherigen in den
»Kuschelökonomien« verringern.
Einladung zur Weiterentwicklung von Gemök2
Wir laden Euch ein, bei der Weiterentwicklung der Gemök2 mitzumachen.
Wichtig ist uns dabei, dass Ihr entweder selbst in einer Form der
Gemeinsamen Ökonomie lebt oder damit bereits länger Erfahrungen gesammelt
habt. Wir treffen uns vom 10.-12. Februar in Kirchvers bei Gießen. Dort
werden wir die Projektentwicklungsgruppe GemÖk bilden. Ein späterer
Quereinstieg wird dann vorerst nur noch durch Patenschaft einer
TeilnehmerIn möglich sein, damit die Kontinuität der Weiterentwicklung
gewährleistet werden kann.
Wir freuen uns auf den Austausch mit euch und darauf, diese aufregende
Idee weiter voran zu treiben.
Projektentwicklung Gemök2
Wo: Kirchvers bei Gießen
Wann: 10.-12.2.2012
Anmeldung und Information:
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