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Dierk Jensen <contraste ät online.de>7. Dec 2011 17:30

Gewerkschaften machen (solar)mobil

Aus CONTRASTE Nr. 308 (Mai 2010, Seite 13)

VW BELEGSCHAFTSGENOSSENSCHAFT, EMDEN

Gewerkschaften machen (solar)mobil

Unter den Photovoltaikgenossenschaften ist die »Volkswagen
Belegschaftsgenossenschaft für regenerative Energien am Standort Emden eG«
eine
Besonderheit. Seit November 2008 betreiben VW-Mitarbeiter in Emden auf dem
Werksdach eine PV-Anlage. Betriebsrat und Gewerkschaftler übernahmen
hierfür die Promotorenfunktion. Ein Vorbild für andere
Industrieunternehmen? Sicherlich gibt es noch viele Bereiche, bei denen
Energieproduktionsgenossenschaften vergleichbare Innovationsaufgaben
übernehmen könnten.

Von Dierk Jensen, Red. Genossenschaften # Es gibt ein Außen, und es gibt
ein Innen. Zwei Welten mit unterschiedlichen Gravitationen, mit ungleichen
Atmosphären. Auch am Werkstor von VW in Emden ist dies deutlich zu spüren.
Wer Schlagbaum und Werkschutz passiert, taucht in einen traditionsgeladenen
Industriebetrieb ein, in dem die Uhren für Außenstehende einfach anders
ticken. Hier im Innern der VW-Maschinerie begegnet dem Besucher noch eine,
sagen wir, sozialdemokratische Wohlstandsherrlichkeit vergangener Tage, die
es draußen nur noch selten gibt. Erfolgsverwöhnt, machtbewusst und
bisweilen ein bisschen behäbig – das ist VW. Mehr als 9.000 Menschen
arbeiten hier. Neben Enercon und Meyer Werft ist man der größte Arbeitgeber
in Ostfriesland. Sie stellen täglich rund 1.000 Limousinen der Marken
Variant und Passat her – grundsolide Produkte, aber sicherlich keine Autos,
die für Zeiten jenseits der Öl-Ära konzipiert sind. Ein großer Teil dieser
Autos wird über den nahegelegenen Emder Hafen in alle Welt verschifft. Bei
guter Auftragslage kann die Tagesproduktion, wie noch im Frühjahr 2008, auf
1.200 Pkw hochgefahren werden. Doch hinterlässt die allgemeine Krise auch
bei VW in Emden ihre Spuren. Wie alle wissen, stehen die Autobauer derzeit
ziemlich – imdoppelten Sinne – unter Strom.

Identifikation als VWler

Die Belegschaft gibt sich trotzdem selbstbewusst. Die Mitarbeiter
identifizieren sich mit ihrem Werk, fühlen sich als VWler, erhalten im
Vergleich zu anderen Branchen hohe Löhne. Fast alle Mitarbeiter sind in der
Industriegewerkschaft Metall organisiert. »Exakt 98 Prozent«, betont
Betriebsratsvorsitzender Peter Jacobs und nimmt die erste Sprosse der
Feuertreppe, die hinauf zum Flachdach der Prototypenhalle führt. Seine
Kollegen aus dem Betriebsrat, Egon Hinrichs und Martin Refle, sind ihrem
Arbeitgeber schon vorher aufs Dach gestiegen und warten vor der im November
2008 installierten 280 kWp großen Photovoltaikanlage auf ihren
Vorsitzenden. Die Anlage wird von einem Teil der Mitarbeiter, von der so
genannten »Volkswagen Belegschaftsgenossenschaft für regenerative Energien
am Standort Emden eG« betrieben. Eingespeist wird in das Netz der E.on
Kraftwerke. Dabei hält die Unternehmenstochter von E.on die Hand weit auf.
Sie stellt der Genossenschaft für jede eingespeiste Kilowattstunde satte
2,5 Cent in Rechnung und begründet dies mit fadenscheinigen gesetzlichen
Regelungen.

Zufrieden schreitet das IG-Metall-Trio durch die mit fünf Prozent Neigung
aufgestellten Dünnschichtmodule von First Solar. Geplant und
schlüsselfertig installiert worden ist sie von der in Emden ansässigen
Solarfirma »Lichtkraft Nord«. Mit Arbeit, Service und Preis, rund 3.800
Euro pro Kilowatt, zeigen sich die drei sehr zufrieden. Folgeaufträge
könnten durchaus wieder in der Mailbox von Lichtkraft Nord landen, zumal
erst die Hälfte des Daches mit Modulen bedeckt ist. »Klar, hier haben wir
noch richtig viel Potenzial«, nicken die Gewerkschaftsaktivisten fast im
Gleichtakt und schweifen ihren Blick über das Betriebsgelände, das eine
bebaute Fläche von etwa 43 Hektar zählt. Mit anderen Worten: Es gibt Dächer
ohne Ende. »Wir können an diesem Standort noch ungefähr das Zehnfache der
bisher installierten Leistung aufstellen«, freut sich Betriebsrat Refle an
sonnigen Perspektiven. Investitionsvolumen von vielen Millionen Euro seien
durchaus denkbar. Allerdings sind nicht alle Dachflächen sofort nutzbar und
müssten im Zuge einer solaren Nutzung eine neue Dachhaut erhalten.

Engagierter Betriebsrat

Refle ist der eigentliche Ideengeber und Initiator für das VW-Solardach.
Er engagiert sich seit vielen Jahren im Bereich der erneuerbaren Energien,
ist Mitglied des Bundesverbandes WindEnergie (BWE). Seine runde
Mitgliedsnummer 500 identifiziert ihn als jemand, der nicht erst seit
gestern die Chancen erkannt hat. Seit 1992 ist er an zwei Bürgerwindparks
beteiligt. Darüber hinaus bekleidet er den Posten eines ehrenamtlichen
Geschäftsführers beim Stromanbieter Die »Strommixer GmbH«, die seit 2001
auf dem Markt ist. Mittlerweile zählen die Emder bundesweit über 6.500
Stromkunden und erzeugen als Teilhaber von Wind- undSolaranlagen auch
selbst Strom. 20 Prozent der Gewinne werden in ökologisch-soziale Projekte
reinvestiert.

Daher bewegt sich der 50-Jährige, wie nur ganz wenige in der Republik,
genau an der Schnittstelle zwischen erneuerbaren Energien und der
herkömmlichen Autowelt, an dem noch jeder sechste Arbeitsplatz der Republik
hängt. Umso mehr freut ihn der Einstieg der Belegschaft in die
Solarwirtschaft. »Er hat uns seit Jahren mit dem Thema konfrontiert und
durch sehr viele Gespräche mit den Kollegen wichtige Überzeugungsarbeit
geleistet«, sagt Peter Jacobs über seinen Gewerkschaftsgenossen. Dass sich
die IG Metall mit dem Thema erneuerbare Energien in der Vergangenheit oft
schwer getan hat, daraus macht Jacobs kein Hehl. »Wir hatten ein
Generationsproblem. Es gab tatsächlich Vorbehalte«, räumt Jacobs ein, »doch
jetzt sind Diskussionsprozesse in Gang gekommen, bei denen wir merken, dass
bei den IG Metall-Mitglieder ein großes Interesse besteht«. Die stürmische
Resonanz auf den im Sommer im Betrieb verteilten Flyer »VWDächer für
sonnige Zeiten« belegte seine Aussage auf beeindruckende Weise: in nur
wenigen Tagen war das Eigenkapital, mehrere hunderttausend Euro, zusammen.

Wertkonservative Geldanlage

So zügig alles in 2008 über die Bühne ging, so zäh und zeitraubend war die
Überzeugungsarbeit in den Jahren vorher. Techniker Wolfgang Boom, der
direkt unterhalb der ersten Solaranlage auf dem Emder VW-Gelände die
Prototypen testet, bringt auf den Punkt, was viele denken. »Das hätten wird
doch eigentlich viel früher machen können«, meint der langjährige
VW-Mitarbeiter. Wieso er sich denn nicht beteiligt habe? »Das kommt für
mich zu spät, ich gehe in ein paar Monaten
in den Ruhestand«, so Boom und fügt hinzu, dass er stattdessen vielleicht
etwas im privaten Bereich machen werde.

»Wir haben unseren Kollegen nicht das Blaue vom Himmel versprochen«,
versichert Peter Jacobs im Kreis mehrerer Gewerkschafter in einem der
Tagungsräume des etwas in die Jahre gekommenen Verwaltungsgebäudes aus den
60er Jahren. Mehrere Ausstellungsplakate der Kunsthalle Emden hängen an den
Wänden, in der Ferne drehen sich Enercon-Anlagen. »Wir sind keine Bank,
sondern eine solide, wertkonservative Geldanlage.« Insgesamt zählt die
Belegschaftsgenossenschaft 219 Genossen, aus allen Bereichen, aus jeder
Altersgruppe. Darunter beispielsweise auch ein Auszubildender, der spontan
das Erbe seiner Großmutter in das Vorhaben steckte. Oder eine
Mitarbeiterin, die einen Anteil für ihr zweijähriges Kind
zeichnete. Oder, kaum verwunderlich, Mitarbeiter aus der
Geschäftsleitung.

Neuland für »Genossen«

Die Mindesteinlage beträgt 250 Euro, die Obergrenze liegt bei einem Anteil
von 10.000 Euro. Die Eigenkapitaldecke beträgt »wertkonservative« 25
Prozent. Auf einer jährlichen Mitgliederversammlung wird über Ausschüttung
und weitere Vorgehensweise abgestimmt. Für das erste Betriebsjahr ist vom
Vorstand der Genossenschaft eine Garantieausschüttung von fünf Prozent auf
das eingezahlte Kapital festgelegt worden. »Was mit dem darüber hinaus
erwirtschafteten Geld passieren soll, entscheidet die erste
Genossenschaftsversammlung im Sommer«, erklärt Egon Hinrichs,
Geschäftsführer des 40-köpfigen Betriebsrates im VW-Werk Emden.

Obgleich es kurios klingt, ist gerade für die Genossen das
genossenschaftliche Handlungsprinzip echtes Neuland. Weshalb sich die
Initiatoren um Refle, Hinrichs
und Jacobs fachlichen Rat vom Genossenschaftsverband Weser-Ems geholt
haben. »Die haben uns beim Entwurf des Genossenschaftsvertrages sehr
geholfen«, lobt Hinrichs begeistert. Für ihn und seine Mitstreiter ist das
genossenschaftliche Modell ein Krisen sicherer Gegenentwurf zur
undurchsichtigen Finanzwelt, in der auch viel Geld von VW-Mitarbeitern
verbraten wurde. »Wir möchten die Idee der Genossenschaft weiter beleben
und in die Belegschaft hineintragen «, unterstreicht Jacobs. Insofern
könnte Emden, das schon vor Jahren als eine der ersten Städte überhaupt
eine 100prozentige Versorgung mit erneuerbaren Energien postulierte, der
Ort sein, von wo aus neue Impulse für das Genossenschaftswesen innerhalb
der Arbeitnehmerschaft ausgehen könnten: Das VW-Werk in Emden als Vorbild
für viele Industriebetriebe in ganz Deutschland und Europa. Ein Aufbruch in
eine neue Ära?

Eigennutz der Firmenleitung

Schön wäre es, denkbar auch. Allerdings gibt es weiterhin noch die ganz
eigene industrielle Gravitation, wo jeder Schritt zweifach dokumentiert
wird und trotz computergesteuerter Präzision alles seinen gewohnten Gang zu
gehen hat. Aber immerhin begrüßt die Firmenleitung in Emden ausdrücklich,
dass man ihr aufs Dach steigt. So stellt sie der Belegschaftsgenossenschaft
die Dachflächen in einem Zeitraum von 25 Jahren für eine symbolische
Jahresmiete von einem Euro zur Verfügung. Keineswegs uneigennützig, wirkt
sich doch der erzeugte Solarstrom positiv auf die Klimabilanz der im Werk
produzierten Autos aus. Rund 1.000 Kilowattstunden Strom sind nötig, damit
die fleißigen Roboter und Arbeiter einen Passat bauen können.

»Klar, wollen wir als VW-Mitarbeiter verbrauchsarme Autos produzieren,
aber sie müssen trotzdem preiswert sein«, sagt der Umweltbeauftragte Ralf
Steffen Letztlich entscheide jedoch der Markt und der Konsument, welches
Auto auf den Straßen läuft. Ob elektrisch, mit Hybridantrieb, mit
Brennstoffzelle, verbrauchsarm oder nicht, mit Biokraftstoffen oder
klassisch mit Benzin oder Diesel aus fossilen Quellen. »Insofern
konzentrieren wir uns hier mehr auf unsere Produktion «, sagt Steffen
weiter, »und da haben wir das Ziel, hier bis zum Jahr 2018 hundert Prozent
CO2freien Strom zu organisieren.«

Visionen für die Zukunft

Allein mit Strom aus Solar und dem benachbarten Biomassekraftwerk ist das
nicht zu machen. Im Zusammenspiel mit der Windenergie allerdings schon.
Schon heute verpachtet VW Teile seiner Gewerbeflächen an einen Windpark. Da
der Autobauer über eine 400 Hektar große Fläche verfügt, gäbe es
realistische Optionen für den Bau eines Windparks mit einer Leistung von 28
MW, spekuliert Stromrebell Refle über einen Einstieg der
Belegschaftsgenossenschaft ins Windgeschäft. Darüber laufen bereits
Gespräche, wenngleich noch nichts Konkretes vorliegt. Doch ist der
Vordenker in den Reihen der Metaller ziemlich sicher, dass es kommen wird.
Weiß er doch um die Ängstlichkeiten, um das zähe Ringen. Allein der Gedanke
beflügelt ihn: 100 Prozent erneuerbarer Strom fürs VWWerk und dies aus den
Händen der Arbeiterschaft. Wer hätte das gedacht? Die Väter der
Arbeiterbewegung
wohl kaum und auch die ewiggestrigen Gewerkschaften aus der
sozialdemokratischen Komfortzone sicherlich auch nicht. Fehlt nur noch,
dass die VW-Flotte elektrisch vom Band fährt. Aber das wird wohl noch ein
Weilchen dauern.


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