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Rolf Künnemann <contraste ät online.de>6. Jan 2012 12:39

Freihöfe: Wir sind alle Bäuerinnen und Bauern!

Aus CONTRASTE Nr. 313 (Oktober 2010, Seite 5)

FREIHÖFE: WEGE IN EINE SOLIDARISCHE LANDWIRTSCHAFT UND EINE INTEGRIERTE
GESELLSCHAFT

Wir sind alle Bäuerinnen und Bauern!

In Deutschland und vielen anderen Ländern zeigen sich immer mehr die
Grenzen des gegenwärtigen ökonomischen und sozialen Modells. Einerseits
haben die letzten 200 Jahre große Fortschritte in vielen Bereichen (vor
allem der Lebenserwartung) mit sich gebracht, andererseits sind wir bislang
unfähig, eine Lebensweise zu entwickeln, die diese Fortschritte in einer
zukunftsfähigen Weise nutzt und alle Menschen in eine Gesellschaft
integriert, die menschenwürdiges Leben für jede und jeden jetzt und in
Zukunft ermöglicht. Freihöfe können ein Element einer notwendigen
Solidarischen Ökonomie sein.

Von Rolf Künnemann, Heidelberg # Die jetzige Gestalt des Menschen erschien
vor etwa 50.000 Jahren in Afrika, entwickelte vor 12.000 Jahren die
Landwirtschaft und seit 200 Jahren die Industrie. Bei den Römern hieß die
Landwirtschaft cultus, oder cultus agrorum. Das Wort Kultur in seiner
ursprünglichen Bedeutung bezieht sich also auf die Landwirtschaft, genauer
– den Landbau, die Anpflanzung, das Bauerntum. In den letzten 10.000 Jahren
bildete die Dorfgemeinschaft für fast alle Menschen den sozialen und
wirtschaftlichen Bezugspunkt. ProduzentInnen und KonsumentInnen waren
identisch bzw. lebten dicht beieinander. Wurden Waren und Dienstleistungen
gegen Nahrung getauscht (evtl. vermittelt über Geld) waren die
Austauschentfernungen für Agrargüter relativ kurz – zumindest bis zum Ende
des Mittelalters.

Heute sind die Austauschentfernungen lang, und die Beziehungen zwischen
den Menschen und dem Boden, der sie ernährt, sind sehr komplex geworden.
Seit 1974 kommt nicht einmal mehr die Hälfte der Nahrung, die eine Person
in Deutschland isst, aus dem Inland. Es gibt genug Böden in Deutschland, um
alle im Land jetzt und in Zukunft zu ernähren. Auf mehr als der Hälfte der
Ackerfläche Deutschlands wird allerdings für den Export produziert, und
netto (also nach Abzug der eigenen Exportflächen) beziehen die Menschen in
Deutschland etwa 20% ihrer Nahrung von Land im Ausland. Fast zwei Drittel
des gesamten Flächenbedarfs rührt her vom stark übertriebenen (und insofern
ungesunden) Konsum von Fleisch- und Molkereiwaren.

Der entstandene Zwischenraum zwischen Mutterboden und Mensch hat sich zur
Machtquelle von Banken, Chemie- und Agrokonzernen, Handels- und
Supermarktketten entwickelt. Das schädigt die Produktivkraft der Natur, die
Gesundheit der Menschen, die Nachhaltigkeit der Landwirtschaft und die
Sozialstrukturen der Gesellschaft.

Hauptprobleme von landwirtschaftlichen
ProduzentInnen und KonsumentInnen

Die kapitalintensive chemische Landwirtschaft hat keine Zukunft – schon
wegen ihrer Ölabhängigkeit und ihrer negativen Energiebilanz. Diese
»fossile Landwirtschaft« belastet die VerbraucherInnen mit wachsenden
Problemen: Nachlassende Qualität der Nahrungsmittel, Schäden für die
Gesundheit, hoher Ausstoß von Treibhausgasen und damit Klimaschäden,
Wasserverschmutzung, Zerstörung von Böden und von Artenvielfalt,
Konzentration von Böden und Macht in immer weniger Händen. Dies sind
natürlich auch Probleme für die Bäuerinnen und Bauern. Ihnen gesellen sich
weitere hinzu: Die zunehmende Dominanz von Banken, Agrarfabriken und
Agrarhandelsfirmen, die Verschuldung der Höfe, der Zwang zur intensiven und
großflächigen Landwirtschaft, das große Höfesterben. Spätestens seit den
1980er Jahren ist klar, dass es sich hier um einen Irrweg handelt. Trotzdem
wird diese Politik fortgesetzt. Dazugekommen ist seitdem die Bedrohung
durch Monopolisierung von Saatgut und durch die Gentechnik. Auch in den
Bereich des Ökolandbaus greift der Agrarhandel zunehmend ein, so dass dort
ähnliche Zwänge entstehen.

Wie kann vor diesem Hintergrund die erforderliche Umstellung auf
ökologische Landwirtschaft gelingen? Wie kann die Ernährungssouveränität in
Deutschland verteidigt werden? Wie sicher ist die Ernährung der
Stadtbevölkerung in Deutschland, sollte es zu einer schweren
Wirtschaftskrise kommen, in der Handels- und/oder Finanzstrukturen
zusammenbrechen? Eine landesweit organisierte »Freihof-Bewegung« könnte
Antworten liefern.

Was ist ein Freihof?

Ein Freihof ist ein bäuerlicher Betrieb (oder eine horizontal und/oder
vertikal integrierte Gruppe von Betrieben der Landwirtschaft), der
weitgehend dazu dient, dass sich über ihn eine größere Zahl von Menschen
mit Nahrungsmitteln selbst versorgt. Ein Freihof arbeitet zukunftsfähig
(also agroökologisch), oder hat sich verpflichtet, innerhalb von 5 Jahren
auf die agroökologische Wirtschaftsweise umzustellen. Ein Freihof kann
dabei u.U. sowohl die Betriebsmittel (Dünger etc.) weitgehend selbst
herstellen als auch einen Teil derWeiterverarbeitung übernehmen
(Brotbacken, Käserei etc.).

Ein Freihof ist vor allem eine Gemeinschaft von Menschen, die gemeinsam
diesen Hof betreiben (die »Hofgemeinschaft«). Nur wenige von ihnen leben
und arbeiten allerdings permanent auf dem Hof (»HofbewohnerInnen«). Auch
für alle anderen Mitglieder der Hofgemeinschaft (»Hofgruppe«) ist der Hof
allerdings ein wichtiger Bezugspunkt ihres Lebens – weitgehende Quelle
ihrer Lebensmittel, Lernraum für Kinder und Erwachsene, sozialer
Treffpunkt, möglicher Ort der Wochenendgestaltung samt »Streichelzoo« für
die Kinder. Der Freihof ist ein Ort, an dem sich Menschen wieder mit Tier
und Pflanze und mit einem gesunden und fruchtbaren Ackerboden verbinden
können. Vielleicht bietet er auch eine mögliche Mitarbeit im Garten, auf
dem Feld oder im Stall.

Ein Freihof erzeugt ein Spektrum von Nahrungsprodukten, das den
Grundbedarf der Hofgemeinschaft abdeckt. Fleisch wird zwar weiterhin
produziert, aber in reduziertem Maße und unter Vermeidung von
Futtermitteln, die als Nahrungsmittel dienen könnten. Ein Mensch in
Deutschland braucht etwa 0,15 ha Land für diese gesunde fleischarme
Ernährung. Wenn ein Freihof von 20 ha etwa drei Viertel seiner gesamten
Produktion innerhalb der Hofgemeinschaft verbraucht, könnte er somit etwa
100 Personen ernähren.

Jeder Freihof hat seinen eigenen Namen. Die Bezeichnung Freihof für diese
Art Wirtschafts- und Lebensform will verdeutlichen, dass es hierbei um die
Freiheit der Hofgemeinschaft geht, ihre Lebensgrundlagen gemeinsam zu
sichern, und darum, dass die Freiheit ohne eine gemeinsame Bewirtschaftung
der lokalen Ressourcen nicht verteidigt oder wieder gewonnen werden kann.
Vor allem aber geht es um die Freiheit zukünftiger Generationen, in einer
menschenwürdigen Gesellschaft zu leben ohne ökologische und soziale
Katastrophen.

Alle zu einem Freihof gehörenden Menschen verpflichten sich, ihre
Grundnahrungsmittel langfristig weitgehend von diesem Freihof zu beziehen
und den Hof zu unterstützen. Sie zahlen einen Mitgliedsbeitrag, der ihrem
Jahresverbrauch an diesen Grundnahrungsmitteln entspricht, in die Hofkasse.
Die ErzeugerInnen auf dem Hof erhalten damit ein garantiertes höheres
Einkommen als vorher. Die restliche Hofgemeinschaft bekommt deutlich
günstigere (und bessere) Nahrungsmittel. Der Zwischenhandel fällt
weitgehend weg. Der Buschberghof in Fuhlenhagen zum Beispiel, der für
dieses in Deutschland neuartige Wirtschaftsmodell 2009 den Förderpreis
Ökologischer Landbau erhielt, hat 86 ha Ackerfläche, mit einer
Hofgemeinschaft von 320 Menschen in 92 Familien.

Die Hofgemeinschaft sollte möglichst hofnah leben, aber nicht unbedingt im
selben Ort. Es muss lediglich sichergestellt sein, dass sich innerhalb der
Hofgemeinschaft Gruppen bilden, die jeweils für sich die Verteilung der
Nahrungsmittel organisieren und regeln.

Die Vorteile eines Freihofs

Ein Freihof hat für alle Beteiligten Vorteile. In Deutschland wird
lediglich 6% der Agrarfläche nachhaltig bewirtschaftet, in der Schweiz 15%,
in Österreich 25%. Das heißt, dass mehrheitlich an den fruchtbaren Böden
Raubbau betrieben wird, ebenso an den Wasserquellen und der Artenvielfalt.
Dieser Raubbau zerstört die Ernährungssicherheit zukünftiger Generationen,
wenn wir nicht endlich entschieden umlenken auf die ökologische
Landwirtschaft. Eine Umstellung auf zukunftsfähige Landwirtschaft erfordert
natürlich Anfangs-Investitionen. Die Agro-Ökologie produziert zwar
Gesundheit für Mensch, Tier, Pflanze und Böden, aber bei geringeren
Hektarerträgen: Insgesamt liegt die nachhaltige Bodenproduktivität in
Deutschland im Durchschnitt etwa bei 70% des jetzigen konventionellen
Raubbaus. Erst bei längerer nachhaltiger Bewirtschaftung (10 bis 15 Jahre)
lassen sich die Erträge darüber hinaus erhöhen. Auch deshalb müssen diese
Produkte teurer verkauft werden und haben auf den »normalen« Märkten nur
eine Chance, wenn sie »zertifiziert« in einem Markensektor angeboten
werden. Sowohl bei der Produktion als auch bei der Vermarktung ist diese
Umstellung also mit Risiken und Kosten für die LandwirtInnen verbunden,
besonders wenn sie die Umstellung mit Bankkrediten finanzieren.

Diese Risiken sind beim Freihof deutlich geringer, weil er marktunabhängig
eine sichere Abnahmequelle hat und weil er keine, oder nur eine geringere
externe Kapitalbeschaffung betreiben muss. Die Einnahmen des Hofes liegen
höher, weil deutlich mehr als die supermarktdiktierten Erzeugerpreise
gezahlt werden. Der Hof entkommt dem von Agrobusiness und Supermarktketten
ausgeübten Preisdruck und erzielt faire Preise. Durch weitgehendenWegfall
des Vermarktungsrisikos sind die Einnahmen nicht nur höher, sondern auch
garantiert. Bekanntermaßen sind die Ausgaben der ökologischen
Landwirtschaft für Betriebsmittel deutlich niedriger als in der
konventionellen Landwirtschaft. Dem steht ein erhöhter Arbeitsaufwand
gegenüber.

Durch Wegfall des Zwischenhandels liegt der Mitgliedsbeitrag, den die
Mitglieder der Hofgemeinschaft entrichten, deutlich unter dem, was für den
entsprechenden Jahreswarenkorb im Bio-Laden, auf dem Bio-Markt oder im
Supermarkt bezahlt werden müsste. Dort muss die Qualität oft auf Treu und
Glauben gekauft werden. Bioprodukte werden inzwischen Tausende von
Kilometern entfernt hergestellt. Wenn die ErzeugerInnen die
VerbraucherInnen persönlich kennen und mit ihnen in einer Hofgemeinschaft
vereint sind, gibt es für sie eine größere emotionale Hürde, hinsichtlich
der Qualität zu betrügen. Mitglieder der Hofgemeinschaft haben auch
jederzeit leicht die Möglichkeit, die ökologischen und sozialen
Produktionsbedingungen zu kontrollieren und ggf. zu verändern.

Der Freihof schaltet Märkte weitgehend aus. Er ist nicht vom Agrobusiness
abhängig, da er seine Betriebsmittel weitgehend selbst produziert und seine
Produkte nur zum geringen Teil vermarktet. Die Abhängigkeit von der Politik
(Subventionen, EU-Vorschriften etc.) ist gering, da der Hof die Produkte
weitgehend selbst verbraucht und nicht verkauft.

Was ist zu tun? Besprechen und anfangen

Dieser Beitrag ist zunächst einmal eine Einladung an alle, denen gesunde
Nahrung, gesunde Böden und Gewässer und die bäuerliche Landwirtschaft
hierzulande am Herzen liegen. Sie sollten miteinander darüber sprechen, ob
sie diesen Weg in Deutschland für gangbar halten bzw. wie er modifiziert
werden müsste. Er wird in ähnlicher Weise in den USA (community supported
agriculture), Großbritannien, Frankreich (AMAP), schon auf Tausenden von
Höfen gelebt. In Japan leben schon Millionen von Familien in solchen
Hofgemeinschaften (Teikei).

In einem zweiten Schritt sollten sich dann interessierte LandwirtInnen und
VerbraucherInnen zu Hofgemeinschaften zusammenfinden. Eine solche Bewegung
kann überall dort ansetzen, wo LandwirtInnen bereit sind, mit Hilfe einer
Hofgemeinschaft auf Ökolandbau umzustellen, oder wo Ökolandbau schon
betrieben wird. Finden sich Menschen, die eine Hofgemeinschaft eingehen
wollen und dann auch anderen davon erzählen, kann diese Gemeinschaft
organisch wachsen, bis sie die für den jeweiligen Hof wünschenswerte Größe
erreicht hat. Dann kann der nächste Hof gesichert und umgestellt werden.

Kontakt: kuennemann ät fian.org


Kasten

Ernährungssouveränität

Der Weltagrarrat »IAAST« (International Assessment of Agricultural
Knowledge, Science and Technology for Development) hat im Frühjahr 2008 im
»Weltagrarbericht« (1) festgestellt, dass nur eine bäuerliche
Landwirtschaft, die auf Selbstversorgung in lokalen Strukturen ausgerichtet
ist, das angestrebte Ziel der Ernährungssouveränität erreichen kann. Damit
verwendet erstmals ein UN-Dokument den Begriff »Ernährungssouveränität«,
der von »Via Campesina« (2), einem weltweiten Zusammenschluss von
KleinbäuerInnen und LandarbeiterInnen, stammt. Anders als
»Ernährungssicherheit« durch ausreichende Nahrung bedeutet
»Ernährungssouveränität« das Recht und die Möglichkeit jedes Landes und
jeder Person, seine/ihre Lebensmittel selbst zu produzieren.

Dazu gehört der Zugang zu Land und eine Agrar- und Wirtschaftspolitik im
Sinne globaler Gerechtigkeit. Dafür setzt sich zum Beispiel die
internationale Menschenrechtsorganisation »FIAN« (FoodFirst Informations-
und Aktionsnetzwerk) (3) ein. Zur Ernährungssouveränität gehört auch die
Möglichkeit, eigenes pflanzliches Saatgut und Nutztiere züchten zu können.
Dem steht die Privatisierung von Lebewesen durch Patentierung entgegen, die
hauptsächlich von Gentechnik-Konzernen betrieben wird. Die »buko«
(Bundeskoordination Internationalismus) (4) hat eine Kampagne gegen diese
Biopiraterie org anisiert (5).

Aus Elisabeth Voß: Wegweiser Solidarische Ökonomie – Anders Wirtschaften
ist möglich!, Neu-Ulm, 2010, Seite 48f.

1) www.agassessment-watch.org/deutsch.htm
2) www.viacampesina.org
3) www.fian.de
4) www.buko.info
5) www.biopiraterie.de


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