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Burkhard Ilschner <contraste ät online.de>14. Dec 2011 15:10

DIE IG-FARBEN-SAGA AUF DVD

Aus CONTRASTE Nr. 309 (Juni 2010, Seite 12)

DIE IG-FARBEN-SAGA AUF DVD

»Es kann keinen Schlussstrich geben«

Mitte der 80er Jahre hat der Filmemacher Bernhard Sinkel ein düsteres
Kapitel deutscher Industrie-Geschichte aufgeschlagen und sich in einem
TV-Mehrteiler dem von BAYER mitgegründeten Mörder-Konzern IG FARBEN
gewidmet. Nun ist das Werk auf DVD erschienen.


Von Burkhard Ilschner # Der 65. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz
Ende Januar war vielen Medien ein Anlass für Rückschauen auf die brutale
Vernichtungsmaschinerie des Hitlerfaschismus. Aber nur selten fand dabei
Erwähnung, dass dieses KZ nicht nur ein »Produkt« des Naziregimes, sondern
ganz wesentlich auch der IG FARBEN gewesen ist. Eigens für diesen
gigantischen Chemie-Konzern war ab 1940 das Lager Auschwitz III (Monowitz)
errichtet worden, hier wurden synthetischer Kautschuk (Buna) und
synthetisches Benzin produziert, was Hitler den Krieg verlängern half.

Wenige Tage vor dem Gedenktag zur Auschwitz-Befreiung ist eine
DVD-Kollektion erschienen, die in packender und bewegender Form an dieses
dunkle Kapitel deutscher Industriegeschichte erinnert: Fast 25 Jahre ist es
her, dass sich der soeben 70 Jahre alt gewordene Autor und Regisseur
Bernhard Sinkel filmisch mit der Geschichte der IG FARBEN
auseinandergesetzt hat. »Väter und Söhne« hieß der 1986 erstmals
ausgestrahlte vierteilige Fernsehfilm, der anlässlich von Sinkels
Geburtstag jetzt – endlich – auf DVD erschienen ist. »Es kann keinen
Schlussstrich geben«, so gibt Sinkel in einem aktuellen Interview seinen
Antrieb wieder, Mitte der achtziger Jahre dieses Projekt anzugehen.

Thema der ungewöhnlichen »Familien-Saga« ist ein Stück deutscher
Industrie- und Zeitgeschichte, dargestellt anhand eines fiktiven
Chemiefabrikanten- Clans zwischen Beginn und Mitte des 20. Jahrhunderts.
Unternehmer Carl Julius Deutz (Burt Lancaster) dirigiert seine Firma und
seine Familie patriarchalisch durch Kaiserreich und Ersten Weltkrieg und
verdient gut dabei. Zum einen mindert die so genannte Ammoniak-Synthese die
Abhängigkeit des Reichs von Salpeter-Importen, die für Sprengstoff- und
Munitionsproduktion unerlässlich sind; das offiziell nach seinen Erfindern
Fritz Haber und Carl Bosch benannte Verfahren wird im Film von
Deutz-Schwiegersohn Heinrich Beck (Bruno Ganz) entwickelt.

Zum anderen zeigt Sinkel eindringlich, aber auch mit einer Portion
gesunden Zynismus’, wie im Deutz- Konzern die Giftgas-Entwicklung
vorangetrieben und getestet wird. Sohn Friedrich Deutz (Dieter Laser)
überlebt zwar einen heldenhaften Selbstversuch nur knapp, das hindert ihn
aber später nicht an den entsprechenden Geschäften. Lange wehrt sich der
eigensinnige Patriarch gegen die von Sohn Friedrich und Schwiegersohn
Heinrich betriebene vaterländische Kooperation mit der Konkurrenz und die
angestrebte Fusion zur IG FARBEN (in der Wirklichkeit ganz wesentlich
initiiert durch den damaligen BAYER-Chef Carl Duisberg). Vergeblich: Nach
dem Tode des alten Deutz steuern die beiden Erben als IG-Führer den Mammut-
Konzern mal gierig-begeistert, mal zaudernd direkt in die Zusammenarbeit
mit den Nazis, in weitere Kriegsgeschäfte und vor allem in die
Vernichtungsmaschine »IG Auschwitz«.

Der Film endet mit dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozess gegen die
IG-Führung 1947 – und lässt keinen Zweifel daran, dass die verbrecherischen
Manager dabei mit (zu) glimpflichen Strafen davon kamen. Sinkel präsentiert
diesen brisanten Stoff als eine typische Fernseh-Miniserie – mit
Herzschmerz und Eifersucht, Seitensprung und Intrigen, Trauer und
überbordender Freude. Es ist diese Dramaturgie, die den Film so
beeindruckend macht: Der Zuschauer sieht Männer, die für Profit und Macht
buchstäblich über Leichen gehen, als Menschen mit Stärken und Schwächen; er
sieht, wie andere in ihrem Umfeld sie kritisieren oder sich abkehren – ohne
dass dies an ihrer Gier und ihrer Skrupellosigkeit letztlich etwas ändert.

»Väter und Söhne« war und ist ein in Besetzung wie Kulisse opulentes Werk.
Es ist ein aufrüttelndes, aber auch widersprüchliches Manifest. Es ist ein
fulminantes Kultur- und Sittengemälde, aber auch eine knapp neun Stunden
währende Schmonzette, die sich wechselseitig immer wieder selbst erfindet
und ad absurdum führt. Und es ist eine Anklage, die so entschlossen und so
Zweifel weckend zugleich daherkommt, dass sie den interessierten
ZuschauerInnen eine weitergehende Auseinandersetzung mit der Geschichte der
IG FARBEN geradezu aufzwingt: Unterhaltungsfernsehen als Initiator
politischen Interesses und Engagements.

All dies macht »Väter und Söhne« zu einem wichtigen und eigentlich heute
viel zu wenig beachteten Werk. Zwar liefen die vier Folgen 1986 im ersten
ARD-Programm, zwar haben ARD, 3sat und WDR die Serie zwischen 1990 und 2000
je einmal wiederholt – aber das war auch schon alles. Knapp zehn Jahre lang
hat es im sonst so wiederholungsträchtigen öffentlichrechtlichen Fernsehen
keine weitere Ausstrahlung gegeben. Das hat prompt zu Spekulationen
geführt.

Schon 2006 erschien in einem Internet-Forum die Vermutung, die »immer noch
existierende Firma IG FARBEN ... (könne) ihren Einfluss geltend gemacht und
... eine Wiederholung verhindert« haben. Nährboden fanden solche Gerüchte
in Veröffentlichungen wie der des ehemaligen Grimme-Direktors Lutz
Hachmeister. Der hatte 1993 in einer Bilanz angedeutet, die Aufführung des
Sinkel-Vierteilers im Grimme-Institut 1987 habe Sponsoren wie die damaligen
CHEMISCHEN WERKE HÜLS AG in Marl, eines der Unternehmen aus der von den
Alliierten vorgenommenen Zerschlagung des IG-FARBEN-Konzerns, verärgert.
Während Hachmeister auf diesbezügliche Nachfragen des Autors nicht
reagierte, hat Sinkel selbst, auf derartige Vermutungen angesprochen,
dergleichen als »schwer zu beweisen« abgewehrt und setzt dem eine profanere
These entgegen. Im aktuellen Interview, das als DVD-Bonus mitgeliefert
wird, bedankt er sich nachdrücklich beim WDR der achtziger Jahre, der ihm
damals alle Freiheiten gelassen habe – und kritisiert, dass heutige
Programmgestaltung so sendezeit-aufwändige Filme wie »Väter und Söhne«
jenseits aller Qualitätserwägungen zu blockieren scheine.

Apropos Qualität: »Väter und Söhne« glänzt dank hervorragender Besetzung
durch viele szenische Highlights, die wiederholtes Anschauen unverzichtbar
machen. Da gibt es leidenschaftliche Höhen und Tiefen im Familienleben des
Deutz-Clans wie etwa die Auseinandersetzung des Patriarchen mit seinem
abtrünnigen Enkel Georg (Herbert Grönemeyer) oder die Liebesaffäre von
Georgs Mutter Charlotte (Julie Christie) mit dem Freund des Sohnes, Max
Bernheim (Hannes Jaenicke). Nicht weniger beeindruckend sind etliche Szenen
des politischen Geschehens, beispielsweise die patriotischen Bekenntnisse
des jüdischen Konzern- Bankiers Bernheim (Martin Benrath als Vater von
Max), der die Verfolgung durch die Nazis erst zu verdrängen sucht (»der
Pöbel regt sich auf, der Pöbel beruhigt sich wieder«), ihr dann mit Stolz
entgegentritt (»ich wünsche, über die Vordertreppe hinausgeworfen zu
werden«) – und schließlich doch ihr Opfer wird.

Aufrüttelnd wirkt auch die akribische Darstellung der Verflechtung
zwischen deutscher IG FARBEN und US-amerikanischer STANDARD OIL, die nach
1945 maßgeblich Nürnberger Prozess und Struktur der Chemieindustrie
beeinflusste. Packend zeichnet Sinkel den genialen, aber auch zerrissenen
Chemiker Heinrich Beck: Der ergeht sich in kindlicher Freude über
wissenschaftliche Erfolge oder den Nobelpreis, ist bezüglich der
Kooperation mit den Nazis hin- und hergerissen, demonstriert zynisch
entschlossene Mittäterschaft ebenso glaubwürdig wie dumpfe, alkoholisierte
Verzweiflung – die Rolle, der 1986 in etlichen Kritiken Charakter-Elemente
von Carl Bosch und Fritz Haber nachgesagt wurden, wäre in ihrer Intensität
ohne ihren nicht minder genialen Darsteller Bruno Ganz schwer denkbar.

Aus heutiger Sicht gehört es übrigens zu den herausragenden Skurrilitäten
dieses Films, Beck in jener historisch verbrieften Auseinandersetzung mit
Adolf Hitler zu erleben, in der der IG-FARBEN-Manager um die Sicherheit der
jüdischen Wissenschaftler bettelte, worauf der Führer ihn aus der
Reichskanzlei werfen ließ.
In der Wirklichkeit hat dieser Streit zwischen Hitler und Carl Bosch
stattgefunden – im Film trifft Hans Brenner als Hitler auf jenen Bruno Ganz
(als Beck), der 18 Jahre später in Bernd Eichingers Film »Der Untergang «
selbst den Führer spielen sollte.

Zusammengefasst kann man Sinkels jetzt endlich wieder verfügbares Werk als
eine Abrechnung der ungewöhnlichen Art bezeichnen: Die Familien-Saga als
Verpackung ist eine geschickte Täuschung, lässt sie doch gelegentlich den
Eindruck einer Verharmlosung entstehen – nur um diesen sogleich durch die
brutale Offenheit in der Darstellung der Verbrechen der IG FARBEN zu
zerstören. Am Ende bleibt die Abrechnung – historisch und politisch bedingt
– unsaldiert.

Sinkel weist nicht nur auf die Nürnberger Urteile hin, sondern auch auf
die Tatsache, dass viele IG-FARBEN- Führer wichtigen Anteil haben durften
am wirtschaftlichen Aufbau der BRD. Er betont die aktuelle Macht von
Konzernen wie BAYER, BASF oder HOECHST (heute SANOFI-AVENTIS) als ehemalige
IG-FARBEN-Teile. Und die Bonus-Dokumentation über die IG FARBEN stellt
heraus, dass dieser Konzern als »AG in Abwicklung« (AG i. A.) bis heute
nicht endgültig liquidiert, sondern nach wie vor börsennotiert ist.
Unerwähnt bleibt, dass diese andauernde Existenz der IG FARBEN
jahrzehntelang zur Blockade durchgreifender Entschädigungen für die
ZwangsarbeiterInnen beigetragen hat. Unerwähnt bleiben auch die aktuellen
(auf den alten IG-FARBEN-Profiten aufgebauten) Geschäfte von BAYER und
anderen Nachfolgern – beispielsweise in Agrochemie, Gentechnik oder im
Pharmasektor – und deren soziale wie ökologische Folgen. Es darf noch
keinen Schlussstrich geben.


Sinkel, Bernhard: »Väter und Söhne – eine deutsche Tragödie«; mit Bruno
Ganz, Dieter Laser, Martin Benrath, Burt Lancaster, Julie Christie u. v.
a.; Copyright
1986 Bavaria Atelier GmbH für den WDR; herausgegeben von der Studio
Hamburg GmbH, 2010, in der ARD-Video-Serie »Große Geschichten« (Teil 27);
vier DVDs mit 20-seitigem Booklet und Bonus-Material (Dokumentarfilm über
das IG-FARBEN-Haus, Interview mit Bernhard Sinkel).

Der vorstehende Artikel erschien in »Stichwort BAYER« 1/2010 und stammt
ursprünglich aus der Zeitschrift Waterkant – Umwelt + Mensch + Arbeit in
der Nordseeregion (ISSN 1611-1583, www.waterkant.info), Jahrgang 25, Heft 1
(März 2010)


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