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Gaton Kirsche <contraste ät online.de>11. Dec 2011 22:20

Buchbesprechung: Z 3105: Nach Auschwitz deportiert

Aus CONTRASTE Nr. 308 (Mai 2010, Seite 14)

Z 3105: Nach Auschwitz deportiert

Sinti und Roma wurden während der nationalsozialistischen Herrschaft
ebenso wie die Juden aus rassistischen Gründen verfolgt, deportiert, in den
KZ ermordet. Aus Hamburg wurden nahezu alle der damals etwa 1.200 hier
ansässigen Angehörigen dieser Minderheit in die KZ Belzec und Auschwitz
deportiert. Anfang 2009 sind die Erinnerungen von Walter Stanoski Winter
erschienen, der im Sommer 1919 im ostfriesischen Wittmund geboren wurde und
heute 90-jährig auf St. Pauli in Hamburg wohnt.

Seit 2002 kennen sich Walter Stanoski Winter und Karin Guth. In
zahlreichen Gesprächen hat er ihr von seinem Leben in Ostfriesland vor dem
NS berichtet, davon, schon als Kind Ausgrenzung, Diskriminierung erfahren
zu haben. Die Autorin Karin Guth beschäftigt sich seit langem mit der
Verfolgung der Roma und Sinti in Deutschland, engagiert sich seit Jahren
gegen das Vergessen der Naziverbrechen. Sie veranstaltet auch Lesungen aus
Ihrem Buch »Z 3105: Der Sinto Walter Winter überlebt den Holocaust«.
Bereits vor dem NS, in der Schule, sind er und seine Geschwister oft
verprügelt worden, berichtet Walter Stanoski Winter. Dann der NS,
Arbeitsdienst, Militärdienst, das Überleben in den KZ Auschwitz,
Ravensbrück und Sachsenhausen. Ums ich herum sieht er Viele, auch
Angehörige sterben.

Es gibt Stellen im Buch, die sind nur schwer zu ertragen beim Lesen. Er
berichtet von den Menschenversuchen an Zwillingskindern, die aus dem Block
geholt wurden, davon, wie Kinder unbetäubt operiert wurden, nur um ihr
Schmerzempfinden zu erforschen. Josef Mengele war Arzt in Auschwitz. Ihn
und andere Nazi-Täter, die nach 1945 wenn, dann nur gering bestraft wurden,
hat Walter Winter kennen lernen müssen. Und die Unterstützung für den NS
durch die Volksgemeinschaft der Deutschen. So beschreibt er Reaktionen aus
der Bevölkerung, als sie vom KZ Ravensbrück zu einer Außenstelle gehen
müssen: »Wenn wir auf dem Weg zu dieser Werkhalle an den Wohnhäusern im Ort
vorbeimarschierten, haben manche Leute die Fenster aufgerissen und uns
bespuckt und beschimpft. Das war so schlimm, dass sogar die SS-Wache, die
uns begleiten musste, mit uns am anderen Tag einen anderen Weg gegangen
ist, um uns diese Anpöbeleien und das Bespuckt werden zu ersparen.
Vielleicht waren das die Leute, die später angeblich von allem nichts
gewusst haben.«

Vom Leben nach der Befreiung vom Nationalsozialismus berichtet er auch,
vom Weiterleben mit der Erinnerung an die Gräueltaten, vom Neuanfang als
Betreiber von Fahrgeschäften auf Jahrmärkten. Karin Guth hat seine
Lebensgeschichte in einer klaren, nüchternen Sprache zu einem Buch
verdichtet, dem viele LeserInnen zu wünschen sind, damit der von Deutschen
verbrochene Völkermord an Roma und Sinti ebenso wie die Shoah nicht
vergessen wird.

Am Schluss des Buches heißt es: »Ich habe überlebt. Viele unserer
Minderheit sind in den Gaskammern ermordet worden, erschossen, verhungert
oder unter den schrecklichen Bedingungen in den KZs gestorben. Man schätzt,
dass insgesamt eine halbe Million Sinti und Roma umgekommen sind. Die
Erinnerungsarbeit ist für mich oft sehr anstrengend, aber sie ist wichtig«.
Auch, um den bis heute verbreiteten Vorurteilen, der Diskriminierung von
Roma und Sinti entgegenzutreten.

Die erste Lesung aus »Z 3105« von Karin Guth fand in der Hamburger Schule
Johanneum statt, am Auschwitz-Gedenktag, den 27. Januar. Am Tag zuvor gab
es in der Schulkantine »Zigeunerschnitzel mit Paprikasauce und
Tomatenreis«. Am 9. Juni 2008 war in der Hamburger Morgenpost unter der
Überschrift »Emil Weiß – auf ihn hören 500 Sinti« in einem vermeintlich
wohlwollenden Artikel zu lesen, dass sein »Clan« schon seit dem 16.
Jahrhundert in Hamburg lebt, und: »Wer schaut, wie Emil Weiß’ Neffe Manusch
(32) lebt, ist überrascht von soviel Normalität: weißes Ledersofa,
Flatscreen-Fernseher. Fast wie ein Deutscher.« Fast. Die gnädige Variante
der Ausgrenzung.

Gaston Kirsche

Karin Guth: Z 3105: Der Sinto Walter Winter überlebt den Holocaust.
VSA-Verlag 2009, 228 Seiten Paperback, 18,80 EUR


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